Als Atalanta Bergamo im Mai 2010 wiedermal in die Serie B absteigen musste, überraschte das wohl keinen der Bürger der stolzen Stadt am Fuße der Alpen.

Zum vierten Mal innerhalb von zehn Jahren musste La Dea den Gang in die Zweite Liga antreten und galt damit endgültig als typische Fahrstuhlmannschaft. Entnervt stellte der Besitzer Alessandro Ruggeri den Verein zum Verkauf.

Trotzdem wurde damals der Grundstein für den heutigen Erfolg gelegt: Seit der Übernahme durch den Modeunternehmer Antonio Percassi erlebt Atalanta eine der erfolgreichsten Perioden der Vereinsgeschichte – und gibt gleichzeitig ein vortreffliches Vorbild für den gesamten calcio ab.

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Die Probleme sind bekannt: Zuschauerschwund, Manipulation, baufällige Spielstätten und überalterte Mannschaften – die Serie A hat ihren Glanz verloren.

Lange war die italienische Liga das Nonplusultra im Weltfußball, in den 1980er und 1990er Jahren hatten selbst kleinere Vereine schillernde Stars in ihren Reihen.

Durch das Erstarken der englischen, spanischen und deutschen Konkurrenz, aber auch durch die fehlende Förderung von Talenten, versäumte Investitionen in die Infrastruktur und Skandale, wie den sogenannten Calciopoli, verloren die italienischen Clubs international den Anschluss.

Häufig sind die Vereinspräsidenten der italienischen Vereine zwar reich und meinungsstark, mischen sich aber trotz des fehlenden fachlichen Know-Hows in die sportlichen Belange des Clubs ein. Entscheidungen werden oft impulsiv getroffen und es fehlt ein übergeordneter Plan, um den Verein nachhaltig zu entwickeln und voranzubringen.

Atalanta geht einen anderen Weg. Als CEO setzte der Präsident seinen Sohn Luca ein. Wie sein Vater war der einst ein vielversprechendes Talent und schaffte sogar den Sprung zum FC Chelsea.

Diese sportliche Kompetenz ist ein großes Plus der Besitzer, wird aber gleichzeitig vereint mit der wirtschaftlichen Qualifikation des erfolgreichen Selfmadeunternehmers Percassi. Eine seltene Mischung an der Spitze eines Fußballclubs, die einer der Hauptgründe für den aktuellen Erfolg ist.

Die Säulen des Erfolgs

Über allem steht bei Atalanta eine beispielslose Jugendarbeit. Seit jeher ist der Verein für seine herausragende Förderung von Talenten bekannt, die oft den Sprung in die Nationalmannschaft und zu den großen Vereinen des Landes schaffen.

Aktuelle Beispiele dafür sind etwa Roberto Gagliardini, Andrea Conti oder Mattia Caldara. Einerseits bringen die Verkäufe viel Geld in die Kassen des Vereins, andererseits erfüllen sie aber auch den romantischen Traum der Percassis.

Sie wünschen sich möglichst viele Spieler in der ersten Mannschaft, die aus der Region stammen. Die Akribie der Verantwortlichen wird deutlich, wenn man betrachtet mit welchen Maßnahmen dieses Ziel erreicht werden soll.

Nicht zuletzt, um die zahlreichen Absolventen der Akademie einzubauen, verpflichtete man im Jahr 2016 als Cheftrainer Gian Piero Gasperini, der sich seinen Namen – vor seinen Engagements in der Serie A – als Jugendtrainer bei Juventus gemacht hatte.

Gasperini gilt als ein Förderer von jungen Spielern, seine Teams haben häufig einen der niedrigsten Altersdurchschnitte der gesamten Liga. Sie bestehen dabei allerdings keineswegs nur aus Eigengewächsen.

Für die Balance des Kaders der Bergamasken sorgen gestandene Spieler wie die Innenverteidiger Rafael Toloi und Andrea Masiello sowie die Offensivspieler Josip Ilicic, Duvan Zapata und Alejandro Gomez, die sich allesamt in ihren späten 20ern und frühen 30ern befinden.

Im Schatten dieser Führungsspieler müssen junge Spieler am Anfang ihrer Karrieren nicht zu viel Verantwortung übernehmen und können sich in Ruhe zu vielversprechenden Stammspielern entwickeln.

Dieses besondere Umfeld lässt sich Atalanta vergolden: In den vergangenen drei Jahren nahm der Club allein durch den Verkauf von Eigengewächsen insgesamt ca. 120 Millionen Euro ein.

Das modernisierte Stadion. (Screenshot)

Investiert werden diese Summen nicht etwa in den überhasteten Kauf teurer Spieler, sondern in die Verbesserung der eigenen Infrastruktur.

In Italien befinden sich die meisten Stadien im Besitz der öffentlichen Hand. Die Vereine sind Dauermieter, was der Weiterentwicklung enge Grenzen setzt.

Nicht wenige führen zum Beispiel Juves Dominanz der letzten Jahre auf das moderne, vereinseigene Stadion der Alten Dame zurück – und gleichzeitig die Schwäche der Konkurrenz auf den Zustand der jeweiligen Spielstätten.

Atalanta hat diesen Zustand überwunden und konnte 2017 der Stadt das Stadion abkaufen. Seitdem begannen Renovierungsmaßnahmen, die spätestens 2023 abgeschlossen sein sollen. Das moderne Stadion hätte Atalanta der Konkurrenz aus Genua, Rom, Mailand und Florenz dann voraus.

Um die Qualität der Akademie zu sichern und weiter zu verbessern, plant man gleichzeitig den Bau eines neuen Campus, der mit einem kleinen Stadion, Trainingsplätzen, neuen Wohnhäusern für das Internat und einem Fitnessstudio ausgestattet wird.

Durch die kluge Vereinspolitik mausern sich die Lombarden nach und nach zu einer der Topadressen in der Serie A.

Die Saison

Sportlich ist die aktuelle Saison der vorläufige Hohepunkt dieser Entwicklung.

Vor dem Rückspiel des Halbfinales der Coppa Italia gilt man nach einem 3:3 in Florenz und dem eindrucksvollen 3:0 gegen Juventus als Favorit auf den Einzug ins erste Pokalfinale seit 1996.

Als Fünfter in der Liga hat die Mannschaft sich alle Chancen auf die erstmalige Qualifikation für die Königsklasse gewahrt.

Möchte man vor dem schärfsten Konkurrenten, dem AC Mailand, landen, muss man allerdings aufgrund des schlechteren direkten Vergleichs mehr Punkte sammeln.

Zwar hat man mit Spielen gegen den möglichen Finalgegner Lazio und den bereits feststehenden Meister Juve das härtere Restprogramm vor der Brust, doch bewies die Mannschaft erst jüngst mit einem 2:1 gegen Napoli, dass sie durchaus in der Lage ist, die Topvereine zu schlagen.

Einmal mehr konnte dabei Duvan Zapata glänzen. Atalantas Toptorjäger gelang nach sechs Jahren in der Serie A in dieser Saison endlich der endgültige Durchbruch. Erstmals vermochte es ein Trainer ihn perfekt einzusetzen.

Durch das starke Flügelspiel der Orobiciwird der Stürmer häufig am zweiten Pfosten bedient und kann oft im Strafraum abschließen.

Zapata hat mit dem ersten Kontakt einen hervorragenden Abschluss und ist sehr Kopfballstark, nicht umsonst hat er jedes seiner 21 Saisontore aus dem Strafraum erzielt.

Trotz seiner Körpergröße von 1,91 und der starken Physis gehört es zu seinen Schwächen den Ball festzumachen und zu halten. Bei Atalanta wird er, so er nicht im Strafraum auf eine Hereingabe lauert, in das starke Kombinationsspiel von Ilicic und Gomez einbezogen.

Ein schönes Beispiel dafür ist seine Torvorlage für Pasalic, bevor dieser den Siegtreffer gegen Napoli erzielte. Generell ist die Offensive um Zapata und die kreativen Ilicic und Gomez das Prunkstück der Mannschaft.

Wenn Atalanta alles aus der Saison herausholen will, darf auf der Zielgerade vor allem das Angriffsspiel nicht ins Stocken geraten.

Ein Ausblick

Selbst wenn es in der Liga in den Fernduellen um die Champions League nicht reichen sollte: Atalanta wird zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte drei Jahre hintereinander europäisch spielen.

In der Coppa Italia darf man sich sogar sehr große Hoffnungen auf einen Titel machen. In das Rückspiel gegen Florenz geht Atalanta mit der besseren Ausgangsposition und das mögliche Finale gegen Lazio verspräche ein Duell auf Augenhöhe.

Atalanta wird auch im nächsten Jahr eine starke Mannschaft stellen. Bisher konnten alle Abgänge der Ära Gasperini hervorragend kompensiert werden.

Erfahrene Leistungsträger wie Toloi, Gomez und Ilicic fühlen sich in Bergamo wohl und für den Starstürmer Zapata besitzt man eine Kaufoption.

Das nächste Eigengewächs, das den Verein verlässt, wird wohl der 23-jährige Innenverteidiger Mancini sein. Seine vereinsinternen Nachfolger stehen schon lange bereit.

Wenn die Percassis an ihrem Plan festhalten, der Verein weiter seriös investiert und auf personelle Kontinuität setzt, dann ist der Höhenflug der Göttin noch lange nicht vorbei.

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Till
Written by Till
schreibt hauptsächlich über La Liga.