Bloß kein Unentschieden!

In einem über weite Strecken ansehnlichen, weil taktisch interessanten Spiel trennen sich das Überraschungsteam Atalanta Bergamo und die strauchelnde Fiorentina mit 0:0. Die Anfangsphase gehörte ganz klar den Hausherren aus Bergamo, da sie das flache Aufbauspiel der Fiorentina im Keim erstickten. Florenz baute in der Regel mit einer Dreierkette bestehend aus Astori, Rodríguez und Sánchez von hinten heraus auf. Trainer Paulo Sousa propagiert dabei einen kontrollierten Aufbau und den Verzicht auf lange unkontrollierte Schläge. Die Dreierkette versuchte dies in Verbund mit Keeper Tătărușanu abermals zu praktizieren. Dabei fächerten die Verteidiger breit auf, wodurch die beiden Sechser, Badelj und Vecino, sich jeweils in den Halbräumen anboten. Atalantas Coach Gian Piero Gasperini ist jedoch seit Jahren bekannt dafür, dass er die Schwächen des Gegners analysieren und entsprechend gezielt umsetzen kann, was ein Mitgrund für den Höhenflug der Lombarden in dieser Saison ist. Gasperini ließ seine Mannen hoch mannorientiert verteidigen und versuchte das Spiel der Fiorentina auf ihre rechte Seite, auf Carlos Sánchez zu verlagern. Auf Bergamos linker Seite tümmelten sich mit Gómez, Spinazolla, Freuler und in tieferen Zonen Masiello zweikampfstarke Akteure, die sich auch nach Ballgewinnen im Umschaltspiel und engeren Räumen behaupten können. Somit nagelte Atalanta die Gäste bereits frühzeitig fest und erzeugte über die eigene linke Seite gefährliche Szenen.

Abgesichert wurde dieses hohe Anlaufen durch die an diesem Tag exzellente Antizipation der Dreierkette. Gerade Toloi und Masiello rückten bei Vertikalpässen Florenz‘ immer wieder aggressiv aus der Kette, um Kalinic von hinten zu stören oder um im besten vor ihnen an den Ball zu kommen. Dadurch stand die Fiorentina gewissermaßen zwischen Skylla und Charybdis: Suchten sie von hinten heraus den flachen Aufbau, geriet man stark unter Druck und fand selten sichere Anspielstationen in den vorderen Zonen vor, weil Kalinic und Tello meist allein auf weiter Flur waren. Schlugen sie die Bälle bereits frühzeitig nach vorn, spielte man Atalanta noch mehr in die Karten, weil sie dank ihrer Dreierkette in der letzten Linie eine gute Absicherung gegen die einzige zentrale Sturmspitze Kalinic und den meist ballfern zockenden Tello hatten. Die zentralen Räume vor der Abwehr sicherten in der Regel Kurtic und Freuler ab oder wurden durch die dynamischen Herausrückbewegungen der Dreierkette gesichert. Atalanta spannte dadurch ein Netz aus dem sich La Viola an diesem Tag nur schwerlich befreien konnte.

Das in der Vergangenheit so starke Ballbesitzspiel der Fiorentina ist in dieser Saison etwas ins Stocken geraten. Die aktuelle Saison ist ein einziges Auf und Ab. Sie bekommen einfach keine Konstanz in ihre Leistung, was zum einen an Formschwankungen liegt und zum anderen an der Abhängigkeit einzelner Spieler für das Gesamtkonstrukt. Florenz ist bekannt dafür, dass sich bei gegnerischem Ballbesitz ihre Dreierkette zu einer Viererkette verwandelt, indem sich immer der linke Mittelfeldspieler in die letzte Linie fallen lässt und der rechte Part der vorherigen Dreierkette zum rechten Außenverteidiger wird. In der letzten Saison hatte man mit Marcus Alonso dafür den perfekten Spieler, der mittlerweile in London sein Geld verdient. In dieser Partie übernahm Borja Valero diesen Part, was sich als Problem erweisen sollte.

Der Spanier fehlte seinem Team dadurch als Stratege und Verbindungsgeber im Zentrum bzw. dem Halbraum. Zwar bewegte er sich in vielen Spielszenen gerade zu Beginn oft in diesen Räumen, allerdings war für ihn der Weg auf die Außenverteidigerposition dann sehr weit. Das kannst du über die gesamten 90 Minuten machen, wenn du die Physis eines Alabas hast, aber nicht, wenn du ein 32-jähriger Spanier bist. Weiterhin erwischte Josip Iličić keinen guten Tag. Der Slowene ist in der Regel Initiator vieler Chancen und essenziell für das Angriffsspiel. Von seinen 52 Pässen erreichten nur 39 ihr Ziel und darunter befanden sich einige haarsträubende Fehlpässe in aussichtsreichen Umschaltmomenten. Einzig Milan Badelj und Matías Vecino hatten bei den Toskanern Normalform und waren gerade im Ballbesitz ein wichtiger Ruhepol. Die Einwechslung Federico Bernardeschis änderte auch nichts an der Tatsache, dass an diesem Tag offensiv nicht viel bei der Fiorentina zusammenlief. Die einzig gefährlichen Szenen ergaben sich aus Kontern über Tello, wie in der 32. Minute oder Halbfeldflanken des aufgerückten Astoris von der linken Seite.

Wie man seine eigenen Offensivspieler ordentlich einbindet, zeigte wiederum Atalanta Bergamo: Herzstück ihrer Offensive ist Alejandro Gómez und entsprechend suchte man ihn in jeder Offensivaktion bzw. hatte er bei jeder seine Füße im Spiel. Er positionierte sich stets breit an der linken Seitenauslinie für Verlagerungen, um anschließend gegen Sánchez ins Dribbling zu gehen. Unterstützt wurde er dabei von Spinazolla, der gerne unterschätzt wird. Der 23-Jährige ist gruppentaktisch enorm stark und besitzt gerade in der Offensive ein gutes Gespür für den Angriffsverlauf. So hatte er immer ein sehr starkes Timing, um Gómez zu überlaufen oder sich als Anspielstation kurz anzubieten. Kam Gómez an den Ball, war es Spinazolla, der mit seinen Läufen Florenz‘ Chiesa daran hinderte, Sánchez in der Defensive sofort zu unterstützen. Im Sturmzentrum trieb der bullige Petagna sein Unwesen, indem er gezielt die Schnittstellen zwischen den Innen- und Außenverteidigern anlief, hohe Zuspiele dort zu behaupten wusste und sich vielfach in den Strafraum tanken konnte.

Das Spiel blieb jedoch ohne nennenswert herausgespielte Chancen und so trennte man sich mit einem Unentschieden, was beiden Teams unter dem Strich wenig hilft. Einerseits könnte Atalanta Bergamo von Lazio überholt werden, wodurch man auf den fünften Platz abrutschen würde. Grund zur Sorge hätten die Lombarden allerdings nicht: Sie spielen eine tolle Saison und dürften bei anhaltender Formstärke durchaus um den internationalen Wettbewerb mitspielen, selbst wenn es nur darum gehen sollte, die Großen zu ärgern. Der AC Florenz versackt mehr und mehr im Mittelfeld der Liga, wodurch selbst die Euro-League-Plätze in weite Ferne rücken. Andererseits haben schon ganz andere Mannschaften in Bergamo Punkte liegen lassen, wodurch sie mit dem Punkt irgendwo auch zufrieden sein können. Auf der Zielgeraden der Saison muss die Fiorentina nochmals ihre Kräfte bündeln, um vielleicht doch noch das erklärte Ziel europäisches Geschäft zu erreichen.

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