Aus dem Schatten


unbenannt

Vor drei Jahren führte das finanzielle und institutionelle Chaos bei Deportivo Xerez zum Zwangsabstieg in Liga vier und der Gründung eines eigenen Vereins durch enttäuschte Fans. Nach dem Start in der untersten Spielklasse spielt Xerez Deportivo F.C. nun erstmals in einer Liga mit dem großen Bruder, hat diesem aber schon längst den Rang abgelaufen.

Ein üblicher Nachmittag Anfang September in Jerez de la Frontera, die andalusische Sonne brennt auch jetzt noch erbarmungslos auf die Stadt im heißen spanischen Süden herab. Wer als Tourist etwas mehr Kühle und Schatten sucht, den zieht es in eine der vielen Bodegas, die Produktionsstätten für den weltberühmten Sherry, der aus Jerez in die ganze Welt exportiert wird. Die etwas unkonventionelle Alternative: Eine Betrachtung des etwas außerhalb liegenden Estadio Chapín, wo vor sechs Jahren noch die Stars der Primera División vorspielten. „Irgendein Tor ist immer offen“, lautet in spanischen Stadien von Liga zwei abwärts ein ungeschriebenes Gesetz. Und da an Erstligafußball in Jerez momentan nicht zu denken ist und die fünfte Liga den aktuellen Stand der Dinge markiert, bestätigt sich das Gesetz auch vor den Toren des Chapín. Nach einer halben Runde um die grauen Betonmauern ist bereits das entsprechende Schlupfloch gefunden, das eigentlich den Arbeitern für den nach einem Konzert ramponierten Rasen als Zugang dient. Am Wochenende ist Saisonstart, da können ein paar letzte Handgriffe am Untergrund keinesfalls schaden.

Der erste Blick auf dem Seiteneingang verliert sich im weiten Rund des 22.000 Zuschauer fassenden Stadions, mit dem zweiten Augenschweif droht sogleich Ungemach. „Perdona“, ist von weitem zu hören. „Was macht ihr hier?“, ruft der Koordinator der Rasenarbeiten uns aus der Ferne zu. „Entschuldigung, dürfen wir uns hier ein bisschen umsehen?“ Kurze Stille, nur das Plätschern eines Schlauchs zur Bewässerung des Platzes ist aus der Ferne zu hören. „In Ordnung, aber bleibt da bei den Tribünen!“ Gesagt, getan. Der Blick aus dem Unterrang hinter dem Tor wirkt allerdings eher wie auf der lokalen Bezirkssportanlage, Hochsprungmatten und eine weitläufige Tartanbahn verstellen in den ersten Reihen den Blick auf das Tor. Man kann sich nicht so recht vorstellen, wie es hier beim bisher einzigen Erstliga-Abenteuer vor sechs Jahren ausgesehen haben mag, als sich die Schwergewichte aus La Liga in Jerez die Ehre gaben.

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Den einjährigen Ausflug in die Eliteklasse des spanischen Fußballs in der Saison 2009/2010 musste Deportivo Xerez im Anschluss allerdings auch teuer bezahlen. Nach dem sofortigen Wiederabstieg versuchte man sich zwei Jahre lang am erneuten Sprung ins Oberhaus, übernahm sich dabei aber derart, dass im dritten Jahr nicht nur der sang- und klanglose Abstieg in die Drittklassigkeit folgte, sondern man wegen nicht gezahlter Gehälter und Steuern gleich in die vierte Liga versetzt wurde. Doch sogar die 18-gleisige Tercera División, selbst im Land des gepflegten Fußballs als Knochenmühle verschrien, bedeutete noch nicht das untere Ende der Fahnenstange. Das institutionelle und sportliche Chaos hielt ein weiteres Jahr an, ehe der Verein zum Ende der Saison 2013/2014 als Letzter seiner Staffel in die fünfte Liga abstieg. Weil ein Jahr zuvor weder klar war, ob eine Vereinsauflösung drohen würde oder wem überhaupt die Aktienmehrheit an diesem Trümmerhaufen gehörte, gründeten besorgte Fans am 28. Juni 2013 kurzerhand ihren eigenen Klub, Xerez Deportivo F.C.

Doch erst einmal zurück in die Gegenwart und ins Chapín, wo das Dach an diesem drückenden Septembertag des Jahres 2016 zumindest auf einer Seite angenehmen Schatten spendet. Der Vorsteher der Eingreiftruppe Rasen hat sich inzwischen in ein Telefonat vertieft und alles um ihn herum aus den Augen verloren. Die perfekte Gelegenheit, entlang der Haupttribüne in Richtung der Ersatzbänke zu schleichen. Dabei geht es vorbei an alten Holzkabinen, die den Schildern zufolge einst als spartanische Studios für die Sprecher von Radio und Fernsehen galten, inzwischen aber nur noch als Abstellkammern für allerlei Gerümpel eines Leichtathletikvereins fungieren. Auf Höhe der Mittellinie angekommen, betritt ein Betreuer im Dress des neuen Klubs das Stadion, grüßt freundlich und vertritt sich ein wenig die Beine.

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„Sonntag ist Saisonstart?!“, versuche ich ein Gespräch aufzunehmen: „Wo soll es hingehen?“ – „Genau, Sonntag geht es gegen San José, entgegnet er in starkem lokalem Dialekt und ergänzt: „Wir wollen auch dieses Jahr wieder aufsteigen, unbedingt.“ Für Xerez D.F.C., wie der Verein in der etwas umständlichen Kurzform genannt wird, wäre es im vierten Jahr des Bestehens der vierte Aufstieg. Seit man 2013/2014 achtklassig den Spielbetrieb aufnahm, ging es konstant nach oben, in diesem Jahr misst man sich nun erstmals mit Deportivo Xerez, von dem man sich einst im Streben nach einer eigenen Identität abspaltete.

Dabei waren die anfänglichen Voraussetzungen alles andere als einfach, nur zwei Monate nach Gründung des Vereins startete bereits die Saison, die man am Ende mit 31 Siegen in 34 Partien fulminant als Meister abschloss. Der Kader des ersten Jahres wurde mittels eines Castings ermittelt, jeder der wollte durfte an einem von zwei Terminen vorspielen. Voraussetzungen: Ein Paar Fußballschuhe und ein weißes T-Shirt. Einen Monat lag der Saisonstart noch entfernt, als nach erfolgreicher Auswahl das erste Mannschaftstraining abgehalten wurde. Doch so mühsam sich die Suche nach sportlichem Personal gestaltete, so einfach war es auf der anderen Seite, die Einheimischen von Beginn an als Unterstützer ins Boot zu holen. Die meisten von ihnen hatten das Theater rund um Deportivo Xerez satt und sahen im neuen Projekt die Chance, ihren „Azulinos“ endlich wieder sorgenlos beim Fußball spielen zuschauen zu können. Knapp 6.000 Dauerkarten konnten im ersten Jahr abgesetzt werden, der alte Klub, vier Klassen höher, scheiterte bereits deutlich an der 1.000er-Marke.

„Beide Vereine spielen hier im Stadion, oder?“, frage ich den Zeugwart, der sich als José vorstellt. „Nein, nur noch wir spielen hier, Xerez spielt inzwischen woanders, auf Kunstrasen. Und nächste Woche spielen wir schon gegeneinander.“

Es ist das erste Mal überhaupt, dass beide aufeinandertreffen. Auf institutioneller Ebene herrscht Funkstille, keiner erwähnt den anderen auch nur mit einem Wort. „Und wie ist das Verhältnis unter den Anhängern?“ José zögert einen Moment, man merkt, dass er als Repräsentant des Vereins die Worte genau abwägt. „Für mich ist es kein Derby, keine Rivalität. In gewisser Weise ist es ja ein Klub und nicht das Duell zwischen Feinden. Ich wünsche ihnen nichts Schlechtes, aber wir sind die Zukunft“, kommt er letztlich aber zu einer klaren Einschätzung. Wenig später entschuldigt er sich, gleich sei Training und er müsse noch ein paar Dinge vorbereiten. Bevor er in den Katakomben verschwindet, ermuntert er uns allerdings noch, doch einen Blick auf den Oberrang zu werfen. „Danke sehr und viel Erfolg“, verabschieden wir uns, ehe wir den Weg zu den oberen Rängen antreten.

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Der verläuft am Spielertunnel vorbei ins Innere der Tribüne, wo eine Holztreppe nach oben führt. Die Sicht von dort mutet schon deutlich eher nach Profifußball an, der Blick herab aufs Feld ist gut und diesmal auch frei von störenden Matten.

Auch wenn es stetig aufwärts geht, die anfängliche Euphorie und vor allen Dingen die mit ihr verbundenen Zahlen konnte der neue Klub seither nicht konstant aufrecht erhalten. In Liga fünf hat man immerhin noch 2.500 Dauerkarten absetzen können – ein verhältnismäßig guter Wert, der allerdings erahnen lässt, dass für den dauerhaften massenhaften Rückhalt der Sprung in höhere Klassen gelingen muss. Die dritte, vielleicht gar zweite Liga, ließ José als fernes Ziel durchblicken, doch Durchmärsche wie in den unteren Klassen seien nun definitiv nicht mehr zu erwarten.

Nach ein paar gemütlichen Minuten im Oberrang ist es langsam Zeit für den Rückweg, wir kommen zurück in den Innenraum, wo wir erneut auf unseren anfänglichen kritischen Betrachter treffen, der sein Telefonat inzwischen beendet hat. Allerdings zeigt er sich deutlich offener als zuvor. „Ihr dürft hier natürlich rein, wir wollen nur nicht, dass die Presse Fotos macht. Seid ihr in Urlaub hier in Jerez? Wie gefällt es euch?“, erkundigt sich der Chef im Innenraum, ehe er seine heißesten Empfehlungen für die verbleibende Urlaubswoche anpreist. Da er den anfänglichen Schleichweg bereits verschlossen hat, führt er uns anschließend durch die Katakomben in Richtung Ausgang. Fast schon zur Tür hinaus, ruft dann noch einmal José hinter uns her und bedeutet uns mit den Armen, noch einmal näher zu kommen. „Wenn ihr schon hier seid, zeige ich euch schnell noch die Kabine.“ Eine solche Einladung schlägt man natürlich nicht aus, also folgen wir ihm in die heiligen Hallen des Chapín.

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Die haben ihre besten Zeiten zwar schon hinter sich und könnten in identischer Ausführung auch in jedem gewöhnlichen Sportcenter stehen, umso spannender ist aber die Vorstellung, wie sich hier vor einigen Jahren wohl die Starensembles aus Madrid und Barcelona gefühlt haben müssen. Als Highlight präsentiert José ganz am Ende der Räume das Jacuzzi, das, so versichert er, von den Spielern auch intensiv genutzt werde. „Für die fünfte Liga haben wir hier sehr gute Bedingungen“, ist ihm ein gewisser Stolz über sein Reich anzumerken. Zum Abschluss dürfen wir noch einen Blick auf den knappen Scoutbericht über San José, den Gegner zum Saisonauftakt, werfen, der bereits in der Kabine aushängt. „Spielen guten Fußball“ und „gefährliche Standards“, lassen sich als Quintessenz herauslesen.

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Uns reicht das an Eindrücken, wir überlassen die Kabine wieder den Spielern, die sich langsam für das anstehende Training bereitmachen. Beim Gang nach draußen kommt uns eine Jugendmannschaft entgegen, die gleich auf einem der Nebenplätze trainieren wird. Auch dieses Thema schreibt man bei Xerez Deportivo groß, die A-Jugend tritt im laufenden Jahr erstmals in der zweiten Liga an, sodass das innerstädtische Pendant auch hier überholt wurde. Deportivo Xerez ging im letzten Jahr noch in eben jener Klasse an den Start, zog seine Mannschaft allerdings kurz vor Saisonende zurück – das Punktekonto lag bei minus zwei, die Tordifferenz bei minus 107. Je mehr man sich umschaut, desto deutlicher wird der Eindruck, dass der mutmaßliche Sieger des stillen Machtkampfes bereits feststeht. Im innerstädtischen Konkurrenzkampf ging einst Jerez Industrial gegenüber Deportivo Xerez zugrunde. Bereits am Rande der Belanglosigkeit angekommen, droht dem einstigen Gewinner nun das gleiche Schicksal. Von der eigenen Ausgeburt wurde man bereits aus dem Chapín vertrieben, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis Xerez Deportivo seinem einstmals großen Bruder auf dem Weg aus dem Schatten auch noch den Todesstoß versetzt.

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