Uruguays Auftreten bei der WM in Russland kann zweifellos als Erfolg betrachtet werden. Während man sich in den ersten beiden Gruppenspielen gegen Ägypten und Saudi-Arabien (beides behäbige 1:0 Siege) noch schwer tat, zeigte man dem Gastgeber im Spiel um den Gruppensieg eindeutig die Grenzen auf und fuhr einen nie gefährdeten 3:0 Sieg ein.

Der Höhepunkt kam dann im Achtelfinale als man den amtierenden Europameister Portugal nach zwei Traumtoren von Edinson Cavani ins Tal der Tränen schickte. Das diesjährige Team der Celeste zeichnete sich dabei das erste Mal seit Ewigkeiten auch mit einem starken Mittelfeld aus.

Insbesondere die hochtalentierten Strategen Lucas Torreira (22; gerade für 30 Millionen€ von Sampdoria zu Arsenal gewechselt) und Rodrigo Bentancur (21; Juventus Turin) hinterließen einen bleibenden Eindruck und sind ein klares Upgrade gegenüber Diego Perez und Egidio Arévalo Ríos, dem Mittelfeldduo vom Anfang des Jahrzehnts. Deutlich weniger Beachtung fand dabei Nahitan Nández (22), der aktuell mit dem VfB Stuttgart in Verbindung gebracht wird.

Nahitan Michel Nández Acosta, Spitzname El León, wurde 1995 im mondänen Badeort Punta del Este geboren und erlernte das Fußballspielen in der umliegenden Küstenregion Maldonado. Mit 15 Jahren zog es ihn in die einzige echte Großstadt des Landes, nach Montevideo.

Beim mittelmäßigen Erstligaklub Defensor Sporting fand sich Nández jedoch nicht zu Recht und kehrte schnell in seine Heimat zurück. Dort überzeugte Nández wiederrum als Kapitän der U-18 Auswahl Maldonados bei den nationalen Meisterschaften und zog das Interesse der großen Hauptstadt-Klubs auf sich.

So wurde er im Frühjahr 2013 von Peñarol zum Probetraining eingeladen, konnte überzeugen und wurde vom fünfmaligen Copa Libertadores-Sieger unter Vertrag genommen. Die Innenverteidiger-Legende Paolo Montero, der für die Drittliga-Mannschaft des Vereins zuständig war, schulte den quirligen Nández, der bisher als 10er agierte, zum zentralen bzw. defensiven Mittelfeldspieler um.

Im März 2014 kam es dann zum Debüt des 18-Jährigen, der sich langsam aber sicher vom Ergänzungsspieler zum wichtigsten Spieler Peñarols hocharbeitete. Inzwischen war „der Löwe“ auch Teil der uruguayischen U20-Nationalmannschaft und nahm für diese als Kapitän an der U20-Südamerikameisterschaft 2015 in Uruguay (Dritter) und der U20-Weltmeisterschaft im selben Jahr in Neuseeland teil (Aus im Achtelfinale nach Elfmeterschießen gegen den späteren Finalisten Brasilien).

Sein erfolgreichstes Jahr für Peñarol hatte Nández in der Saison 2015/16 als der Klub nach drei Jahren wieder Meister wurde und Nández regelmäßiger Teil der Startelf war. In der nächsten Saison wurde er dann unverzichtbarer Teil des Teams und führte die Schwarz-Gelben am 5. Februar 2017 erstmals als Kapitän aufs Feld.

Somit war er mit 21 Jahren und 39 Tagen der jüngste Kapitän in der Historie des geschichtsträchtigen Klubs. Gegen El Tanque Sisley schnürte Nández dann auch standesgemäß einen Doppelpack, und dass innerhalb von nur drei Minuten.

Folgerichtig wurden jetzt auch ausländische Klubs auf den zweikampfstarken Mittelfeld-Allrounder aufmerksam. Erste Erfahrungen in der Nationalmannschaft hatte er da bereits sammeln dürfen (Debüt am 09. September 2015 gegen Costa Rica, danach folgten fast zwei Jahre ohne längeren Einsatz).



In der südamerikanischen Winterpause 2017 bahnte sich dann Nández Abschied aus Uruguay an. Verschiedene ausländische Klubs zeigten Interesse, darunter die mexikanischen Vereine Club América und Tigres aber auch der italienische Erstligist AC Florenz. Letztendlich war es jedoch der legendäre argentinische Club Atlético Boca Juniors aus Buenos Aires der sich für 3,4 Millionen€, 70% der Spielerrechte sichern konnte.

Auch im Nachbarland avancierte Nández neben Stars wie Carlos Tévez oder Cristian Pavón zum Stammspieler und machte seinen zu Juventus abgewanderten Landsmann Bentancur schnell vergessen. Die unnachgiebige Spielweise des Uruguayers machte ihn im Arbeiterviertel La Boca alsbald zum Publikumsliebling.

Nández Qualitäten sind unverkennbar. Er ist als defensiver, zentraler oder rechter Mittelfeldspieler einsetzbar, der gerade am Boden über eine enorme Lauf- und Zweikampfstärke verfügt und offensiv wie defensiv Akzente setzen kann.

Gerade mit seinem unbändigen Temperament, das u.a. beim tumultartigen Spielende der Begegnung Peñarol gegen Palmeiras aufflammte, und seinem Kampfgeist steht er in der Tradition von kleinen, unangenehmen weil zweikampfstarken uruguayischen Mittelfeldspielern wie Arévalo Ríos. Aufgrund seiner Körpergröße von 1,71 m ist er natürlich wenig kopfballstark. Gerade beim VfB könnte dies neben Santiago Ascacíbar (1,68 m) oder Neuzugang Gonzalo Castro (1,72 m) zum Problem werden.



Seine fehlende Körpergröße gleicht Nández jedoch durch seine stämmige Statur und relative Schnelligkeit aus. Wie bereits erwähnt ist das Energiebündel äußerst stark im Zweikampf. So verzeichnete Nández für Boca im Schnitt drei erfolgreiche Tacklings pro Partie. Durch seine Ausdauer und die Bereitschaft weite Wege zu gehen, ist Nández in der Lage große Räume abzudecken und somit Mitspielern zur Hilfe zu kommen oder eigene Fehler auszubügeln.

Nández ist dabei weit mehr als ein einfacher Zerstörer vor der Viererkette. Seine Schnelligkeit und unbändige Aggression lassen ihn auch erfolgreich auf der Außenbahn operieren, wo er Gegenspieler durch sein Pressing ständig unter Druck setzen kann.

Durch seine Erfahrungen als zentraler offensiver Mittelfeldspieler ist er technisch nicht unbegabt und kann den Ball auch im gegnerischen Drittel sicher weitergeben. Nicht umsonst verdrängte Nández in den entscheidenden WM-Spielen Carlos Sánchez, der immerhin Südamerikas Fußballer des Jahres 2015 war, aus der Startelf.

Stuttgart um Sportvorstand Michael Reschke soll nach Angaben des argentinischen Sportsender TyC Sports bereit sein, 13,7 Millionen Euro für den talentierten Nationalspieler zu zahlen. Daniel Angelici, Präsident Bocas, bekräftige allerdings, dass bis zum Jahresende kein Akteur abgegeben werden soll.

Zudem beharrt Boca auf der Ausstiegsklausel die bei 21,5 Millionen Euro liegt. Wenn El Leon also tatsächlich ins Schwabenland wechseln sollte, wäre er der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte. Ein gewagtes Unterfangen, dass sich in ähnlicher Form bei Ascacíbar jedoch mehr als bezahlt gemacht hat.

Nández junges Alter und sein enormes Talent, welches er bei der WM vor allem gegen Russland und Portugal zeigen konnte, machen ihn zu einem Spieler, für den der VfB auch den Einsatz einer Rekord-Transfersumme eingehen sollte.

Nández mag selten der auffälligste Spieler seines Teams sein. In der Startelf der Celeste ist er wahrscheinlich der am wenigsten Beachtete. Trotzdem ist er sowohl für Verein als auch Nationalmannschaft unverzichtbar geworden. Seine Anführer-Qualitäten gepaart mit seiner Aufopferungsbereitschaft machen ihn zum perfekten Box-to-box Spieler.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.