Broken Hearts

Hearts

Heart of Midlothian – ein einzigartiger Verein, nicht nur aufgrund der wahrscheinlich weltweit einzigartigen Form des Logos. Die Jambos, wie der Verein aus Edinburgh noch genannt wird, waren Dauergast in der schottischen Premier League (seit 2013 Premiership) und zählten lange zu den besten Vereinen des Landes. Selbst das kleine Tynecastle Stadium – nur das 7. größte Stadion Schottlands – wurde oft zum Stadion mit der besten Stimmung gewählt. Hin und wieder war sogar der Bau eines moderneren Stadions Thema.

So die Vergangenheit. Die Gegenwart sieht leider nicht ganz so rosig aus. Der Verein aus Edinburgh stand vor dem finanziellen Aus, nun findet man sich – mit den neuaufgestiegen Rangers gemeinsam – in der zweiten Liga wieder.

Seit 2004 waren die Hearts im Besitz des russisch-litauischen Multi-Millionärs Vladimir Romanov. Der 57-Jährige war Vorstandsvorsitzender der Bank Ūkio bankas, Hauptsponsor der Jam Tarts. Die Erwartungen waren hoch als der neue Besitzer die „Romanov Revolution“ einläutete. Für die Saison 2005/06 kündigte der Bänker den Gewinn der Meisterschaft an, und tatsächlich: die ersten acht Spiele wurden alle gewonnen. Die Euphorie war groß. Hatte der schottische Fußball etwa eine neue Größe gewonnen? Die Hearts wurden zwar nicht Meister, landeten aber dennoch auf dem zweiten Platz und gewannen den Cup im Elfmeterschießen gegen den – damals – reichen Zweitligisten Gretna. Einzig in der Champions League-Qualifikation scheiterte man an AEK Athen. Dennoch blieben größere Erfolge aus, und mit der Zeit fiel der Verein mit finanziellen Ungereimtheiten auf. Immer wieder wurden Spielergehälter zu spät überwiesen, oder verschiedenste Gläubiger schienen mit Liquidationsdrohungen auf.

Nur drei Jahre später nach der Übernahme stellte sich heraus, dass der Bänker Steuerschulden hatte, die die seines Vermögens überstiegen. Der Litauer musste also mit seiner Bank Insolvenz anmelden. In Folge stand auch der Verein vor finanziellen Problemen, besaß er doch 75% der Jambos. Lange forderte er deshalb sein investiertes Geld vom Club zurück, für die Hearts natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst die eigenen Steuern konnten nicht mehr bezahlt werden. Man spürte die Hilfslosigkeit der Maroons: „This isn’t a bluff, this isn’t scaremongering (Panikmache), this is reality”, schrieb man auf der Homepage und forderte die Fans auf den Verein zu retten. Und gerade als man dachte, dass es nicht mehr schlimmer laufen könnte, erlitt Romanov einen Schlaganfall, womit die Verhandlungen weiter verzögert wurden und wichtige Zeit verstrich. Der Millionär wollte die Hearts verkaufen, doch er hatte das mittlerweile nicht mehr zu entscheiden, denn nun hatte ein Insolvenzverwalter das letzte Wort. Ein Mann, dem dieser Verein viel zu verdanken hat.

Die Jambos hatten viele Probleme. Ūkio bankas forderte 15 Millionen Pfund vom Verein, das Finanzamt wollte Romanovs Steuern, und der Verein drehte bereits jeden Pfund um, doch das Geld fehlte einfach an allen Ecken. Vladimir Romanov ließ den Verein im Stich und die Jambos gingen insolvent. Man musste nun mit minus 15 Punkten in die Saison 2013/14 starten und bekam ein Transferverbot, weshalb nur Jugendspielern hochgezogen und beinahe alle Spieler abgegeben wurden.

Während die Maroons einen wirtschaftlich schlechten Start in die neue Saison hatten, hätte es sportlich nicht besser beginnen können. Man erwischte einen guten Start, besiegte den Stadtrivalen Hibernian Edinburgh mit 1:0, und dank eines katastrophalen Fehlstarts St. Mirrens betrug der Abstand auf den vorletzten Platz nach wenigen Spielen nur noch acht Punkte. Doch dann folgten auch schon die ersten Rückschläge. Man merkte der Mannschaft die fehlende Qualität an, das sportliche Hoch konnte nicht lange gehalten werden. Während der September noch sportlich gut verlief, ging dem Klub im Oktober bereits das Geld aus. Nur Spenden von Fans konnten den Verein vorerst retten. Als kleines Dankeschön wurde den Fans ein weiterer Derbysieg gewidmet – die Jam Tarts schlugen die Hibs, trotz klar dominanter Leistung der Rivalen, mit 1:0 im League Cup.

Das war aber leider auch schon der einzige Lichtblick der Hauptstädter. Im Winter folgte eine Niederlage nach der anderen und im Scottish Cup musste man gar eine schmerzhafte 7-0 Niederlage gegen Celtic Glasgow einstecken. Währendessen arbeitete man akribisch an der Rettung des Vereins, diese wurde jedoch immer unwahrscheinlicher.

Doch dann kam Insolvenzverwalter Bryan Jackson, der bereits kurz zuvor Dunfermline Athletic erfolgreich aus der Insolvenz geführt hatte. Jackson gelang es zwar die britischen Gläubiger zu überzeugen, dennoch hing vieles von der litauischen Bank ab. Den Litauern war der Verein logischerweise egal, ganz nach dem Motto „Jeder kämpft für sich selbst“ sorgten sich die Bänker nur um die Rettung der Bank, und nahmen keine Rücksicht auf die Jambos. Ein entscheidendes Treffen zwischen Verein, Bank und Insolvenzverwalter wurde mehrere Male verschoben.

In der Zwischenzeit kämpfte die Fanvereinigung FoH (Foundation of Hearts) um die Rettung des Vereins, sammelte Spenden und konnte 5.000 Mitglieder für sich gewinnen, die in die Maroons investieren wollten. Eine große Rolle spielte dabei die IT-Millionärin Ann Budge. Sie bot der litauischen Bank 2,5 Millionen Pfund für die 25 Millionen Pfund Schulden an; von Vorteil wäre der sofortige erhalt, während der Rest, also die 22,5 Millionen Pfund, auf spätere Zahlung aufgeteilt werden sollte, sobald der Verein wieder solvent und liquide sei. Aber erneut kam es zu Verzögerungen der Litauer. Die Rettung des Vereins war weiterhin in der Schwebe.

Am 15. April überbrachte Bryan Jackson großartige Nachrichten aus Litauen: Es gelang dem Insolvenzverwalter die Gläubiger zu überzeugen, was die Rettung des Vereins bedeutete. Es dauerte nicht lange, bis die ersten „Thank You Bryan“-Facebook-Seiten erstellt wurden. Die Fans waren dankbar. Es war auch eine wahrliche Meisterleistung des Glasgowers. Heart of Midlothian war nun endlich in der Hand der FoH.

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Während der Spielbetrieb der Maroons endlich gesichert war, kämpfte sportlich bis zur letzten Sekunde um einen Verbleib in der Liga. Ausgerechnet die Hibs, die Erzrivalen, hatten die Chance die Jambos in deren Heimstadion in die zweite Liga zu schießen. Aber die Hearts entwickelten eine Jetzt-Erst-Recht-Mentalität und spielten groß auf. Man konnte das Stadtderby erneut für sich entscheiden, und schickte die Hibs mit einer 2:0-Niederlage in einer schwere Krise, von der sie sich nicht mehr erholten sollten. Der Spieß wurde umgedreht. Während die Hearts Woche für Woche drei Punkte holten, gingen die Hibs meist leer aus.

Auch wenn es am Ende nicht reichte, so stieg man mit einem weinendem und einem lachendem Auge ab. Nachdem sich so mancher Hibs am Schicksal der Hearts erheiterte, waren auch sie gezwungen die Gang in die zweite Liga anzutreten, sie verloren das Relegationsspiel gegen Hamilton im Elfmeterschießen.

Neustart in der Scottish Championship
Vielen Fans schien jedoch nicht klar gewesen zu sein, was die Rettung des Vereins für wirtschaftliche Folgen haben werde. Leistungsträger, die älter als 23 waren, erhielten diesen Sommer keine neuen Verträge, dafür konnten alle jungen Talente gehalten werden. Logisch, dass sich diese junge Mannschaft erst finden musste. Folglich schied man im Challenge Cup und im League Cup aus. Dazu kam es gleich am ersten Spieltag zu einem Topspiel: die Jambos trafen auf die neuaufgestiegenen Rangers. Es war eine hervorragende Stimmung, erinnerte an die guten, alten Zeiten von damals. Kapitän Danny Wilson brachte die Hearts mit einem Kopfball sogar in Führung, doch Nicky Law konnte für die Rangers in der 91. Minute ausgleichen. Doch dann kam Osman Sow. Der Schwede wurde im Sommer von Crystal Palace verpflichtet, und kam zu seinem Ligadebüt. Gleich nach Wiederanpfiff riss Sow die Kugel an sich, dribbelte sich durch die Verteidigung der Rangers und traf zum 1:2-Siegtreffer in Glasgow. Wenig später schlug man auch die Hibs mit dem gleichen Ergebnis, und einem ebenfalls ansehnlichem Treffer von Sam Nicholson.

Es folgten sieben Siege und ein Unentschieden für die Maroons. Wenig später kam es erneut zu einem Aufeinandertreffen mit den Hibs. Die Grünen aus Edinburgh waren ebenfalls sehr gut in Form, schlugen die Rangers und Livingston und gingen nach einer guten Leistung auch gegen die Hearts in Halbzeit Eins in Führung. Doch in der zweiten Halbzeit legte man einen Gang zu, und konnten, trotz einem Mann weniger und dank eines sehenswerten Treffers in Wembley-Manier von Öztürk in der 90. Minute, ausgleichen.

Die Zuschauerzahlen steigen weiter an, die Fans stehen hinter ihrem Verein und das nicht nur in Edinburgh, auch bei Auswärtsspielen ist die Kapazität oft ausgelastet. Etwas, das nicht mal die Hibs oder die Rangers von sich behaupten können. Aber auch finanziell helfen die Fans gerne mit. Allein im Oktober 2013 kamen erneut über eine Million Pfund an Spenden zusammen um die laufenden Kosten des Vereins zu decken. Der Verein scheint wieder In zu sein. Das aktuelle Trikot, eine Hommage an das vor 100 Jahren getragene Trikot, als viele der Hearts-Spieler als Soldaten in den Ersten Weltkrieg ziehen musste, verkauft sich besser als jemals zuvor.

Wie sieht die Zukunft des Vereins aus?
Ann Budge führt nun im Namen der FoH provisorisch den Verein, bis die Foundation finanziell stark genug aufgestellt ist, dass sich die Fans die monatlichen Raten zur Begleichung der Schulden leisten können.

Zugleich wirken die nächsten Schritte des Vereins eher wie Selbstverständlichkeiten. Es gibt wieder Warmwasser und kaputte Plätze im Stadion wurden ersetzt…eigentlich alles Selbstverständlichkeiten für Fans, doch im Falle der Hearts war dem jedoch nicht mehr so. Der Hauptstadtverein will nun kleine Brötchen backen und jeder Schritt ist sehr wohl ein Fortschritt, auch wenn man sie auf den ersten Blick nicht sehen mag. Ann Budge machte in einem Vereinsstatement klar, dass man als Verein näher zusammenrücken muss, und verspricht, dass jeder ausgegebene Penny in die Kasse der Jam Tarts geht, und somit der Sanierung des Clubs zu Gute kommt. Selbst das Catering ist nun in der Hand des Hearts. Jeder verkaufte Kuchen wird von eigens angestellten Mitarbeitern gebacken. Der Vorteil: der Erlös geht zu 100 % an die Maroons.

Außerdem machte sich Ann Budges berufliche Vergangenheit gleich bemerkbar. Kurz nach ihrem Einstieg wurde die Homepage überarbeitet und erstmals Hearts TV, ein für Geld abonnierbarer TV-Service des Vereins, der beispielsweise Live-Spiele überträgt, eingeführt. Aber nicht nur im digitalen Bereich wird an der Optik des Vereins gearbeitet: passend zum 140-jährigen Bestehen soll im Stadion ein Vereinsmuseum erbaut werden.

Weiters sollen unnötige Kosten, wie beispielsweise die Benachrichtigung der Aktionäre per Post, eingespart werden. Aktionäre sollen nun via E-Mail kontaktiert werden. Das Versenden der Briefe kostet den Verein jedesmal nämlich rund 10.000 Pfund.

Aber auch wenn Ann Budge darauf achtet Kosten zu sparen, so ist ihr dennoch das Wohl ihrer Mitarbeiter wichtig. Die IT-Millionärin will „Living Wage“ einführen. Living Wage war bereits vor wenigen Jahren eine Idee von Celtic und sollte den Mindestlohn in Großbritannien anheben, doch wurde in letzter Sekunde vom Vorstand abgelehnt und ad acta gelegt. Nun wollen die Hearts diese Idee aufgreifen, ausführen und somit Druck auf Celtic ausüben. Damit sollen auch die einfachen Mitarbeiter in den Verein gerecht entlohnt, und für ihre Arbeit gewürdigt werden.

Wie steht es um andere schottische Vereine?
Die Jam Tarts haben noch rechtzeitig die Kurve gekratzt, aber wie sieht es bei anderen schottischen Vereinen aus? Während viele glauben, dass sich die Rangers auf besten Weg zurück in die ehemalige SPL – wie sie auch noch heute von jedem genannt wird – befinden, sind sie eigentlich erneut kurz vor der Insolvenz. Der Verein aus Glasgow nimmt jedes Quartal einen neuen Kredit auf, um die alten zu begleichen. Von Schuldenabbau kann hier keine Rede sein. Im abgelaufen Geschäftsjahr machten die Rangers einen Verlust von umgerechnet fast 20 Millionen Euro. Vor geraumer Zeit stieg außerdem Mike Ashley, Besitzer der Sportwarenhandelskette Sports Direct, in den Verein ein. Seit seinem Einstieg läuft Nichts mit rechten Dingen ab. So wurde beispielsweise vor kurzem bekannt, dass er vor bereits zwei Jahren die Namensrechte des Stadions für bloß einen Pfund erwarb, den Fans war davon jedoch nichts bekannt. Als diese jedoch davon Wind bekamen, gab er die Namensrechte zurück. Die Fans werden nun weitere Heimspiele boykottieren. Der letzte Kredit der Glasgower war in Höhe von zwei Millionen Pfund, nun ließ Ashley den Kredit um eine weitere Million aufstocken. Der Verein ist unter Ashleys Leitung ein Mysterium und auf dem komplett falschen Weg.

Neben den Rangers sind oder eher waren außerdem Kilmarnock gefährdet. Der Verein aus East Ayrshire hatte Schulden in Höhe von 10 Millionen Pfund, umgerechnet also 12,5 Millionen Euro. Durch lokale Investoren konnten die Schulden jedoch abbezahlt werden, womit der Verein nun auf dem Weg der Besserung ist. In der 3. Liga überstand – wie bereits erwähnt – Dunfermline dank Insolvenzverwalter Bryan Jackson die Insolvenz, doch nun muss der Verein den Aufstieg schaffen um nicht in der Mittelmäßigkeit zu versinken.

Grundsätzlich geht es vielen schottischen Verein nicht all zu gut. Der einzige Retter sind die jährlich Einnahmen der Champions League bzw. Europa League. Während Celtic nun mit wenig finanziellem Aufwand versucht viel Geld durch internationale Teilnahmen zu erwirtschaften, zwickt es die meisten Vereinen an allen Ecken:

Aberdeen litt, bis vor wenigen Tagen, da zwei wohlhabende Fans den Verein unter die Arme griffen, trotz hoher Einnahmen, unter seinen Schulden, welche immer wieder durch kleinere sportliche Erfolge runtergespielt wurden. Die Hibs stiegen vorige Saison zusammen mit den Hearts ab und sind seitdem auf Sparkurs. St. Mirren soll seit einem halbem Jahrzehnt verkauft werden, doch die Meinungsschwankungen des Besitzers Stewart Gilmour scheinen ein großes Problem beim Verkauf des Vereins zu sein. Motherwell soll nun, ähnlich wie die Hearts oder Portsmouth in England, von den Fans übernommen werden, denen fehlt es jedoch an den finanziellen Mitteln um den Verein zu kaufen.

Die einzigen wahren Lichtblicke Schottlands sind Hamilton, die beiden Vereine aus Dundee, Ross County und Inverness. Hamilton ist seit einigen Jahren schuldenfrei und hat zudem dank Spielerverkäufen mehrere Millionen auf der Bank. Dundee United ist seit diesem Jahr schuldenfrei, unter anderem auch durch den teuren Verkauf des jungen Ryan Gaulds. Der Stadtrivale Dundee FC wird hingegen von texanischen Investoren unterstützt, und zählt damit zu den finanziell bestaufgestellten Vereinen Schottlands.

Die Schotten sind bekannt dafür sehr geizig zu sein. Ross County und Inverness personifizieren dieses Klischee. Beide Vereine haben kaum Geld, geben daher auch keines für Spieler aus. Dennoch landeten die beiden seit ihren Aufstiegen in die SPL weit vorne in der Tabelle. Ross County landete in ihrem ersten Jahr nach dem Aufstieg auf 5. Platz, nur einen Punkt und Platz hinter Inverness – was deren beste Ligaplatzierung in der Vereinsgeschichte war. Die Saison 2013/14 beendete Ross County auf Platz 7, Inverness sogar auf Platz 5.

Der schottische Fußball hatte vor wenigen Jahren womöglich seinen Tiefpunkt erreicht, das haben spätestens nach der Insolvenz von Rekordmeister Rangers FC alle verstanden. Nun heißt es gemeinsam die Vereine wieder aufzubauen. Während manche Vereine, wie beispielsweise die Hearts, auf einem guten Weg zu sein scheinen, sind die Rangers nur auf die schnelle Rückkehr aus, was voraussichtlich nicht gut gehen wird. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sich in den nächsten Jahren einiges ändert, und man schon bald wieder auch nördlich Englands erfolgreichen Fußball sehen kann.

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