Nach den beiden verlorenen Copa-Finals 2015 und 2016 schickt sich die Albiceleste an, wieder um den Titel mitzuspielen. Das Team befindet sich derzeit im Umbruch und ist dennoch einer der Top-Favoriten auf die Copa América.

Wird Superstar Lionel Messi endlich den langersehnten Titel mit dem Nationalteam holen können?

Ein Gastbeitrag von Andreas Geipel von Blackbars.

Copa America 2019 – Argentinien im Porträt

– Das Team
– Der Trainer
– Der Schlüsselspieler
– Der Player to Watch

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Argentinien in der Analyse

Mit Blick auf den Kader wird schnell klar, dass die Zeiten der Abräumer und Verwalter vorbei sind: Für die WM-Fahrer Mascherano, Biglia und Pérez sind nun Guido Rodriguez, Exequiel Palacios und Leandro Paredes dabei.

Dabei erfüllt lediglich der in Mexiko spielende Rodriguez die Rolle des klassischen Abräumers – dementsprechend nicht Plan A. Lo Celso, Paredes und Palacios sollen das neue Rückgrat der Albiceleste bilden und die in den letzten Jahren so dringend vermisste spielerische Unterstützung für Messi darstellen.

Rechts hinten stellt der gelernte Rechtsverteidiger Renzo Saravia vom argentinischen Meister Racing ein deutliches Upgrade zum technisch wie offensiv limitierten Mercado und der WM-Notlösung Salvio dar.

Auch die Nominierung des im Aufbauspiel überragenden und technisch starken Innenverteidigers Juan Foyth untermauert Scalonis Anspruch auf besseren Fußball seiner Albiceleste.

Scaloni möchte eine dynamische Einheit auf dem Platz sehen, dazu wurde das Mittelfeld technisch, spielerisch wie läuferisch aufgewertet, auf Kosten von Defensivstärke, sprich Zweikampfstärke und Absicherung.

 

Man wird sehen inwiefern Argentiniens eklatante Schwäche im defensiven Umschaltspiel mit dieser Umstellung zurechtkommen wird.

Das zentrale Mittelfeld soll primär spielen, pressen, Dampf machen und die in den großen Turnieren so oft gesehenen einfachen Fehler im defensiv-zentralen Mittelfeld vermeiden. Den Ball sauber zu den Superstars befördern und ihnen als Kombinationspartner dienen.

Wenn die Offensivreihe um Messi, Kun Agüero und Di María so eingesetzt wird, kommt jeder Gegner ins Wanken.

Doch diese individuell so überragende Offensivpower konnte diese Albiceleste nie wirklich abrufen. In den drei verlorenen Endspielen von 2014 (WM) und den Copa América Endspielen von 2015 und 2016, blieb man ohne Torerfolg und in den beiden Spielen gegen Chile zudem ohne zwingende Torchancen.

Gerade in 2016 eine bittere Pille, da man bis zum Finale mit 5 Siegen und 18-2 Toren (9 Scorerpunkte von Messi) brillierte. Doch in den ganz wichtigen Spielen bleiben die Superstars regelmäßig ohne größere Aktionen. So blieb auch La pulga in seinen bisherigen vier Endspielen jeweils blass (u.a. 2007 beim 0:3 gegen Brasilien).

Zum Titel benötigt die Albiceleste ihren Erlöser in Bestform, aber vor allem braucht sie eine funktionierende Einheit.

Denn Argentiniens Gegner in der Copa werden ihnen den Ball überlassen, lediglich Brasilien und mit Abstrichen Kolumbien sind die einzigen Mannschaften, welche Argentinien spielerisch dominieren können.

Alle anderen Gegner fühlen sich in der Jägerrolle mit geringem Ballbesitz am wohlsten. Und dann haben Messi & Co. hoffentlich die Lehren aus der Vergangenheit gezogen, dass es ihr zurecht so hochgelobter Messias alleine nicht richten kann.



Argentinien-Trainer Lionel Scaloni im Porträt

Lionel Scaloni stammt aus der Nähe von Rosario, wo er 1994 als Spieler bei den Newells Old Boys debütierte. Als er 2015 seine aktive Karriere beendete, blickte er auf satte 745 Profispiele in vier Ländern zurück.

Die meisten davon bestritt er für Deportivo La Coruña (397, von 1998-2006, 24 Tore), zeitgleich seine beste Zeit: mit Depor wurde er spanischer Meister (2000) und Pokalsieger (2002). Außerdem spielte er für Lazio Rom (179) aber auch in England bei West Ham.

In der Albiceleste erlebte er seinen Höhepunkt als U20 Spieler, als er zusammen mit Riquelme, Aimar, Cambiasso und Romeo 1997 den U20-Weltmeister-Titel unter Trainerlegende Pékerman gewann.

Sein persönliches Highlight dabei war der Siegtreffer im Viertelfinale gegen den großen Rivalen Brasilien. Pékerman nominierte Scaloni für die WM 2006, dort bestritt er aber nur ein Spiel, welches sein einziges Länderspiel war.

Scaloni war ein intelligenter, taktisch cleverer und variabel einsetzbarer Spieler. Eigentlich gelernter Mittelfeldspieler, meistens auf der rechten Seite, spielte er über die Jahre auf allen Positionen außer die des Innenverteidigers und Torwarts.

Seine Trainerkarriere wurde im großen Maße von Jorge Sampaoli gefördert. Die beiden arbeiteten bereits in Sevilla zusammen.

Anschließend nahm ihn Sampaoli mit zur AFA. Dort fungierte Scaloni erst als Co-Trainer, dann als Cheftrainer der U20.

Nach dem schwachen Abschneiden und der desaströsen Teamführung während der WM, wurde Scaloni erst als Interimstrainer und schließlich seit November 2018 zum Cheftrainer ernannt.

Der erst 41-jährige Scaloni genießt innerhalb der Mannschaft ein relativ gutes Standing und versteht sich auch mit Lionel Messi gut – beide kommen ja bekanntlich aus Rosario.

Im Vergleich zu Sampaoli ist Scaloni ein ruhiger und seriöser Gesprächspartner, ohne großes Ego und mit dem Wissen, dass die Stars die Spieler sind. Dahingehend erinnert er an Alejandro Sabella, Argentiniens Nationaltrainer von 2011-2014.

Scaloni ist eigentlich ein Verfechter des 4-4-2, doch bisher hat er in fast jedem Spiel eine andere taktische Formation ausprobiert – Viererkette, Dreierkette, Fünferkette, Doppelsechs, Zwei Mittelstürmer, zwei Flügelstürmer – alles wurde ausprobiert und vieles davon wird wohl (vorerst) in der Taktikschublade verschwinden.

Ungeachtet der taktischen Grundformation, am wahrscheinlichsten ist ein 4-3-2-1, wird Scaloni noch stärker als seine Vorgänger auf aktive Spiel- und Ballkontrolle setzen, der Schlüssel dazu ist das neu formierte und offensiv ausgerichtete Mittelfeld.



Argentinien Schlüsselspieler: Giovani Lo Celso

Messi ist Megastar, Erlöser und Ballast zugleich für die Albiceleste.

Alleine seine Präsenz vermag es Mitspieler einzuschüchtern. Er ist der Begnadete, der einfach alles besser kann als man selbst. Hinzu kommt, dass Messi teamintern nicht immer zugänglich ist.

Der Superstar gibt sich mitunter mal distanziert. Der Ausnahmespieler aus Barças Talentschmiede La Masia stößt abseits der hochgetunten und feinabgestimmten Barça-Maschine an natürliche Grenzen des Mannschaftssports.

Die wenigen und zu kurzen Trainingseinheiten mit der Nationalelf reichen nicht aus um ein funktionierendes Team oder System um Messi zu bauen.

Vielmehr schwindet das Können seiner Mitspieler: Hoffnungsträger wie Paulo Dybala oder best buddy Kun Agüero wirken über weite Strecken gelähmt ob der Präsenz von Messi. Nach dem Motto: Lieber nichts riskieren und den Ball zu Messi spielen, der kann eh alles besser.

So fehlt es Messi an echten Partnern: in der Vergangenheit gab es mit Mascherano und Gago hinter ihm zwei Organisatoren, mit denen er gut harmonierte.

Nach vorne klappte es noch am besten mit Angel di María, Higuaín oder Lavezzi. Von den genannten ist nur noch Di María übrig geblieben.

Im Zusammenspiel mit Youngster Lautaro Martínez, zweite Wahl auf der Mittelstürmer-Position, konnte man bereits einige vielversprechende Ansätze erkennen. Aber der Spieler, der Messis Ideen und Spielphilosophie am besten zu verstehen vermag, ist Giovanni Lo Celso.

Lo Celso wurde bei Rosario Central ausgebildet, genauso wie Di María. Einer der das Publikum dank seiner sauberen, wie technisch feinen Spielweise im Sturm eroberte und zudem mit einer herausragenden Schusstechnik ausgestattet ist.

Er fordert Bälle, übernimmt Verantwortung und hat auch kein Problem damit, die Drecksarbeit zu verrichten. Schon zur WM freute man sich auf Lo Celso, doch trotz starker Vorbereitung wurde er überraschenderweise nicht einmal eingesetzt.

Sampaoli setzte im zentralen Mittelfeld stattdessen auf die Routiniers Mascherano, Perez, Banega und Biglia – es war sicherlich die meist diskutierteste WM-Personalie in der Albiceleste.

Doch nun ist seine Chance endlich gekommen. Auf Lo Celso ruhen die Hoffnungen, der entscheidende Faktor in der Verbindung zwischen Zentrale und Offensive zu sein. Sein starkes Jahr bei Betis Sevilla lässt ihn mit breiter Brust zur Copa reisen.

Längst stehen die Topclubs, v.a. aus England, Schlange. Seine zwischenzeitliche Schwächephase hat er überwunden, genauso wie einige Disziplinlosigkeiten auf dem Platz.

Und Lo Celso stammt aus Rosario, kein Nachteil im Team von Trainer Scaloni, an der Seite von Führungsspielern wie Di María und nicht zuletzt Lionel Messi.



Argentinien Player to Watch: Renzo Saravia

Normalerweise hätte hier ein Text zu Exequiel Palacios gestanden. Unglücklicherweise verletzte sich der 20-Jährige kurz vor Turnierbeginn so schwer, dass er kurzfristig aus dem Kader gestrichen werden musste.

Nichtsdestotrotz haben die Argentinier eine Vielzahl von interessanten Akteuren in ihren Reihen, auf die man ein Auge werfen sollte. Ein verstärkter Fokus sollte bei der diesjährigen Copa América auf die rechte Abwehrseite gerichtet werden.

Die rechte Abwehrseite der Albiceleste bereitet den Entscheidern bei der AFA schon seit vielen Jahren Bauchschmerzen.

Über 17 Jahre (1994-2011) war sie die Heimat vom legendären Javier Zanetti, der satte 143 Länderspiele für Argentinien absolvierte und als damaliger Rekordnationalspieler seine Karriere beendete.

Seine Nachfolge wurde erst improvisiert (Otamendi, Gutierrez) und schließlich konnte mit Pablo Zabaleta und Defensivallrounder Gabriel Mercado die Lücke zumindest für ein paar Jahre eher zähneknirschend geschlossen werden.

Doch im Hintergrund drehte das große Personalkarussel auf der Suche nach einer echten Option immer schneller: Salvio, Bustos, Montiel, Gomez, Rojo, Funes Mori und Roncaglia durften sich als Rechtsverteidiger probieren – doch keiner überzeugte.

Lediglich Independientes Fabricio Bustos wurde den Erwartungen erst gerecht, fiel aber der desaströsen 1-6 WM-Testspielniederlage in Madrid zum Opfer, als die Albiceleste wie eine Altherrentruppe verteidigte und von den Spaniern nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen wurde.

Nach der WM wurde die Position neu ausgeschrieben.

Mit Renzo Saravia (25) könnte nun endlich ein neuer Herrscher für rechts hinten gefunden worden sein. Ein Gegengewicht zur einzigen wirklichen Konstanten im Abwehrverbund der Argentinier, Ajax Links-Verteidiger Nicolás Tagliafico.

Saravia verfügt über eine mehr als solide Technik, ist schnell, kann hinten dicht machen, sich aber auch vorne mit einschalten.

Dank einer aufregenden Saison beim aktuellen Meister Racing Club spielte sich Saravia – auch dank eines individuell grandiosen Saisonstarts – in den Blick von Trainer Scaloni.

Saravia durfte sich versuchen und performte, als ob er schon Jahre Teil des Nationalteams wäre. Gerade sein starker Auftritt im Testspiel gegen Brasilien, als er Superstar Neymar über die gesamte Spielzeit den Zahn zog, überzeugte Trainer und Mannschaft.

Mit Blick auf seine Karriere erkennt man, dass Saravia sich stetig weiterentwickeln konnte.

Bei seinem Heimatverein Belgrano debütierte er im Februar 2013, zwei Jahre später war er absolute Stammkraft. Zur Saison 2017/18 holte ihn Manager Diego Milito zu Racing Club, wo er sogleich zu überzeugen wusste.

Für Saravia öffnen sich durch die Nominierung gleich zwei Türen. Ein wohl gesicherter Startelfplatz bei der Copa América im Team von Lionel Messi, und zudem die Chance sich vor den Augen der europäischen Scouts für höhere Aufgaben zu empfehlen.


Die Gruppengegner Argentiniens

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