Die Seleção geht als einer der Top-Favoriten in die Copa América. Nachdem die Brasilianer bei der WM vor einem Jahr überraschend im Viertelfinale ausschieden, gab es kaum Veränderungen im Team.

Der Kern um Alisson Becker, Marquinhos, Thiago Silva und Casemiro in der Defensive ist ebenso geblieben wie jener in der Offensive um Neymar, Coutinho und Firmino.

Darüber hinaus haben sie mit Éder Militão, David Neres sowie Arthur Melo weitere Qualität in Form von jungen Spielern dazugewonnen.

Doch was bringt Brasilien neben der individuellen Qualität? Können sie den Erwartungen bei der diesjährigen Copa gerecht werden?

Copa America 2019 – Brasilien im Porträt

– Das Team
– Der Trainer
– Der Schlüsselspieler
– Der Player to Watch

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Brasilien in der Analyse

Seit 2018 hat sich die Spielweise beim Team vom Zuckerhut wenig verändert. Nach wie vor spielen sie im 4-3-3 mit einem old-school Sechser und asymmetrischen Flügelstürmern. Die Sechserposition nimmt in der Regel Casemiro ein, der mit seinem defensiven Naturell die Offensivkünstler bei Angriffen absichern soll.

Vor ihm ließ Trainer Tite mit Allan meist einen Achter auflaufen, der vor allem als Box-to-Box-Spieler in Erscheinung trat. Sowohl der Madrilene als auch der Napoli-Star gelten für das Turnier im Sommer als gesetzt. Neben Allan bekamen in der Vorbereitung bzw. Qualifikation sowohl Paulinho als auch Arthur und Lucas Paquetá Einsatzminuten.

 

Während Paulinho eher für das Grobe zuständig ist und Allan ähnelt, brachten die anderen beiden, allen voran Arthur, eher spielerische Klasse auf den Platz. Diese wird vor allem gegen tiefstehende Gegner bei der Copa América wichtig werden.

Denn das Offensivspiel der Brasilianer lebt auch unter Tite noch stark von den Einzelspielern und deren Geistesblitzen. Diese liefern in der Regel Neymar oder zuletzt Coutinho vom linken Flügel aus mit Dribblings und Pässen aus der Tiefe.

Aus dem zweiten Drittel heraus bzw. beim Übergang ins letzte Drittel kreieren diese in Verbindung mit einem spielmachenden Achter Chancen für den Mittelstürmer und die nachrückenden Kollegen.

Dies ist eines der größten Offensivmerkmale der Seleção, welches die Gegner regelmäßig vor Probleme stellt.

Die Brasilianer spielen ihre Chancen mit unheimlicher Wucht aus, indem mindestens einer der Achter mit Schwung in den Sechszehner zieht und auch der rechte Flügelstürmer (Richarlison oder David Neres) rückt druckvoll am langen Pfosten nach.

Sowohl Richarlison als auch Neres können diese Rolle durchaus begleiten. Es ist aber nicht deren Idealrolle. Wohlmöglich wäre eine Nominierung von Tottenhams Lucas Moura hierfür besser gewesen.

Gelingt dieses direkte Erspielen der Chancen in Form von Dribblings oder Lupfern und Lochpässen aus dem linken Halbraum auf die nachstoßenden Spieler nicht, stellt eine Halbraumverlagerung ein probates Mittel dar.

Hierbei ist besonders, dass der Außenstürmer die Breite hält und der Außenverteidiger den Ball im Halbraum aufnimmt. Insbesondere mit David Neres als Rechtsaußen spielten die Brasilianer dies fokussiert aus.

Die schier unendliche individuelle Qualität der Offensivspieler und die damit verbundene strategische Ausrichtung der Seleção ist eine echte Stärke.

Wird beispielsweise Neymar (weitestgehend) aus dem Spiel genommen, haben sie noch immer drei bis vier Spieler, die mit einer Einzelaktion für Gefahr sorgen können.

Eine Schwäche hat der siebenfache Copa-Gewinner beim Verteidigen der Konter, wenn es der Gegner schafft vom Flügel in den ballfernen Halbraum zu kommen. Vor allem dann, wenn es die Brasilianer nicht schaffen, die Räume neben Casemiro zu schließen, der gerne aggressiv zum Ball schiebt.

Aus dem Spiel heraus sind sie sehr schwer zu überwinden, da sie eine gute Ordnung mit der passenden Einbindung der Defensivspieler paaren.

Sowohl die Mittelfeldspieler als auch die Innenverteidiger sind allesamt starke Zweikämpfer in direkten Duellen.

Am ehesten kann man sie bei Standards überwinden, bei denen sie bisher zwei Drittel ihrer Gegentreffer kassierten.

Insofern sind sie kein Team, welches sich im Minutentakt Chancen herausspielt – dafür ist die Ballzirkulation im ersten Drittel noch zu schwach.

Dafür kassieren sie aber auch wenig Gegentreffer und sind folglich enorm schwer zu schlagen – aus den letzten 15 Partien verlor die Seleção lediglich das WM-Viertelfinale gegen Belgien. Mit den reifen Brasilianern ist also definitiv zu rechnen.

UPDATE: NEYMAR WIRD DIE COPA AMÉRICA VERPASSEN

Da Brasiliens Superstar das Turnier verletzungsbedingt verpassen wird, liegt die Verantwortung nun verstärkt auf Spielern wie Coutinho, Firmino und Neres.

Barca-Star Coutinho könnte wohl am ehesten die Freirolle am linken Flügel einnehmen und Neymar am besten ersetzen. Wie er zieht er gerne von links früh in die Mitte und will Fixpunkt seiner Mannschaft sein.

Bei der letzten WM konnte der 26-Jährige bereits unter Beweis stellen, dass er das Offensivspiel der Seleção tragen kann. Wohlmöglich ist es die Chance eine für ihn persönlich verkorkste Saison in Barcelona nun mit der Nationalmannschaft vergessen zu machen.



Brasilien-Trainer Tite im Porträt

Adenor Leonardo Bachi, kurz Tite, übernahm das Team im Jahr 2016, nachdem man in der Gruppenphase der Copa América Centenario scheiterte. Der 58-Jährige ist anders als seine Vorgänger Carlos Dunga oder Luiz Felipe Scolari weniger bekannt durch frühere Erfolge mit der Nationalmannschaft.

In Caxias do Sul geboren, spielte Tite selbst nie auf allerhöchstem Niveau. Seine Karriere musste er aufgrund einer Knieverletzung sogar frühzeitig beenden.

Nachdem er sich über Jahre in den Niederungen des brasilianischen Amateurfußballs herumtrieb, war seine erste große Station als Trainer Grêmio Porto Alegre.

Diese besiegte er ein Jahr zuvor mit seinem Team Caxias im Finale des Rio Grande do Sul Turniers. Tite führte Grêmio direkt im ersten Jahr zum Gauchão, der Staatsmeisterschaft in Rio Grande do Sul sowie der Copa do Brasil.

Auf dem Weg zum Titel schaltete man unter anderem Fluminense, São Paulo und im Finale Corinthians aus.

2003 verließ er Tricolor Gaúcho aufgrund einer leblosen vorherigen Spielzeit. 2010 unterschrieb Tite, nachdem er Achtungserfolge in der Copa do Brasil und der Copa Sudamericana feierte, bei Al Wahda in den Emiraten.

Dieser Vertrag hielt jedoch nur fünf Spiele, da er auf eigenen Wunsch den Job bei Corinthians São Paulo annehmen wollte.

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Tite führte den Club aus São Paulo 2012 zum ersten Sieg der Copa Libertadores, nachdem man im Jahr zuvor bereits in der Qualifikation scheiterte. Er wurde für seine taktischen Umstellungen und seinen Innovativen Ansatz gelobt.

Im Finale der FIFA Club-WM besiegte das Team auch noch Chelsea, obwohl man individuell klar Unterlegen war.

Ein Jahr später verließ Tite den Verein aufgrund mangelnder Erfolge. In der Folge nahm er sich ein Sabbatical und tauschte sich in der Zeit mit Trainern aus Europa aus, so hospitierte er u.a. bei Carlo Ancelottis Trainingseinheiten.

Im Dezember 2014 übernahm er zum bereits dritten Mal den Trainerposten bei Corinthians, die er 2015 mit der besten Bilanz aller Zeiten zum Meistertitel führte.

Tite, der früher am Sportunterricht von Luiz Felipe Scolari teilnahm, sah den Weltmeistertrainer von 1994 und 2002 zunächst als seinen Mentor. Später prägte beide immer wieder eine gewisse Rivalität.

Hierzulande würde Tite vermutlich als eine Art Laptoptrainer bezeichnet werden.

Er ist ein sehr smarter Trainer, der seine Teams stets genauestens seziert und Spieler passend einbindet. Ihm wird nachgesagt, dass er, nachdem Brasilien unter Carlos Dunga vor allem defensiv ausgerichtet war, das Joga Bonito wieder in die Seleção gebracht hat.

Als Wertschätzung dafür verlängerte man seinen Vertrag trotz des WM-Aus frühzeitig bis 2022.



Brasiliens Schlüsselspieler: Neymar

Der 27-Jährige wird auch in diesem Sommer wieder Dreh- und Angelpunkt in der brasilianischen Offensive sein. Seine Statistiken in der Seleção grenzen schon fast an Wahnsinn, bedenkt man, dass er noch fünf bis sechs Jahre auf Top-Niveau vor sich haben dürfte.

In 96 Einsätzen erzielte er bereits 60 Treffer – nur 17 weniger als Pelé im Übrigen. An Neymar werden ähnlich wie an Messi stets unverhältnismäßige Erwartungen gestellt.

2014 deutete er bereits an, dass er eine Offensive allein tragen kann. Dazu muss der PSG-Star allerdings zwei Sachen mitbringen: Körperliche Fitness sowie einen kühlen Kopf.

Neymar ist bekannt für sein divenhaftes Auftreten, was ein Grund dafür ist, dass er in der breiten Masse nicht als der geniale Offensivkünstler angesehen wird, der er eigentlich ist.

Ist er physisch und mental in Topform, könnte es für die Seleção durchaus für den Titel reichen. Seinem Team gibt Neymar noch einmal den besonderen Flair.

UPDATE: NEYMAR WIRD DIE COPA AMÉRICA VERPASSEN

 

In Brasiliens Offensive können sie alle sehr gut dribbeln, improvisieren und gefährliche Momente herbeiführen.

Das ehemalige Santos-Talent kann dies aber in einer unheimlichen Beständigkeit, was ihn von seinen Mannschaftskollegen unterscheidet. Selbst von mehreren Gegenspielern umringt schafft er es stets die Übersicht zu bewahren und den tödlichen Pass zu spielen.

In den entscheidenden Momenten ist er aber auch ein echter Leader, der seine Mannschaft vorantreibt – weniger durch Gesten oder Geschreie, als durch Dribblings und Offensivpower.

In der Copa wird er aller Voraussicht nach auf dem linken Flügel beginnen und von dort aus alle Freiheiten genießen können. Laut instat spielte er pro Partie im Schnitt 4,4 Key Passes und suchte 15(!) Dribblings.

Diese werden jedoch durch die unglaublichen 42 Dribblings aus dem Spiel gegen den französischen Fünftligisten Garde Saint-Ivy Pontivy verzerrt.

Diese Verzerrung soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, wozu er auch gegen Teams auf Weltklasseniveau in der Lage ist – nachzufragen in Barcelona, wo er in der Saison 2014/15 eine herausragend gute Champions League Saison gespielt hat, sowohl was Torbeteiligungen (10 Tore) und Defensivarbeit anbetrifft.

Und auch am 08.03.2017 soll er eine passable Leistung gezeigt haben.

Auch wenn auf dem heutigen PSG-Star nicht mehr die alleinige Offensiv-Verantwortung wie 2014 lastet, ist die Rechnung für Tites Mannschaft recht einfach: Ist Neymar in Topform sind sie der haushohe Favorit auf die Copa América.



Brasiliens Player to Watch: Everton

Auch in diesem Sommer blieb wieder eine Vielzahl von Stars zu Hause, die andere Fußballnationen mit Kusshand nehmen würden. Spieler wie Douglas Costa, Felipe Anderson oder Vinícius Júnior nominierte Tite aus den unterschiedlichsten Gründen nicht für die Copa.

Für Aufsehen sorgte hingegen die Nominierung von Grêmios Everton Sousa Soares, der hierzulande nur wenigen ein Begriff sein dürfte.

Mit 23 Jahren ist der Linksaußen beileibe kein Youngstar mehr, den man als Trainer fast schon obligatorisch nominiert.

Der in Maranacaú geborene Offensivmann schaffte 2014 den Sprung in den Profikader Grêmios und steht Gerüchten zu folge auf den Wunschzetteln von Manchester City, Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen.

Seinen Vertrag verlängerte er vor knapp einem Jahr bis Ende 2022 und ließ sich in diesen eine Freigabesumme von über 60 Mio. Euro eintragen.

Was hat Everton also, was Douglas Costa & Co. nicht haben? Zunächst einmal muss man sagen, dass es in Brasilien sehr ungern gesehen wird, wenn kein junger Spieler aus der eigenen Liga in den Kader der Seleção nominiert wird. Das dürfte ein Pluspunkt Evertons sein.

Der andere ist, dass er anders als Douglas Costa auf dem linken Flügel spielen und von dort aus nach innen ziehen kann.

In seinen Fähigkeiten erinnert der Grêmio-Star schon stark an den ehemaligen Bayernspieler. Everton driftet gerne vom linken Flügel in den anliegenden Halbraum und vereinzelt sogar ins Zentrum.

Seine teils chaotische Spielweise gibt seinem Team immer eine gewisse Durchschlagskraft, die er in Brasiliens erster Liga bei schwächeren Gegenspielern gut ausspielen kann, insbesondere, wenn er im Konterspiel große Räume überbücken kann.

Auf höchstem europäischem Niveau ist er noch nicht ganz angekommen, da er manches Mal noch zu sehr mit dem Kopf durch die Wand will und sich noch immer oft verrennt.

Einen Mehrwert kann Everton seinem Team insbesondere in der Schlussphase von engen Partien bringen. Mit seiner quirligen Art kann er in engen Spielen noch ein Gamechanger für sein Team sein und Fouls ziehen.

Zudem verfügt er über einen straffen Abschluss, mit dem er auch aus der Distanz gefährlich werden kann. Aber auch hier hat er noch eine zu große Streuung drin, als dass er als Scharfschütze bezeichnet werden könnte.

Nichtsdestotrotz gilt es den jungen Brasilianer im Auge zu behalten. Gut möglich, dass Everton sich bei der Copa América auch in Europa Bekanntheit erspielt.


Die Gruppengegner Brasiliens

Bolivien | Venezuela | Peru

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.