Katar und Japan. Zwei Nationen, die man nicht bei der südamerikanischen Copa America vermuten würde.

Doch schon seit 1993 lädt der südamerikanische Fußballverband CONMEBOL Gastländer zu seinem Premium-Wettbewerb ein.

Die meisten Gäste kamen aus dem benachbarten zentralamerikanischen Fußballverband CONCACAF, welches regionaler natürlich näher liegt als zum Beispiel Japan. Und doch war es das Land aus Fernost, das vor 20 Jahren als erste Exot in das Turnier startete. Ein Gastbeitrag von Tobias von Goaltaku.

Copa America 2019 – Japan im Porträt

– Das Team
– Der Trainer
– Der Player to Watch
– Der Schlüsselspieler

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Japan in der Analyse

Als WM-Gastgeber versprach man sich wahrscheinlich viel von diesem Gastauftritt gegen einige der besten Teams der Welt, doch die japanische Nationalmannschaft, auch Samurai Blue genannt, schied glanzlos in der Vorrunde aus. Lediglich der 1997 eingebürgerte Wagner Lopes und Atsuhiro Miura erzielten 1999 die einzigen drei Tore für Japan.

Seitdem hat sich im japanischen Fußball viel getan. War Hidetoshi Nakata 1998 noch einer der wenigen japanischen Spieler in einer europäischen Top-Liga, sind Japaner in den Top-5-Ligen der UEFA keine Seltenheit mehr.

Grund hierfür ist sicherlich eine insgesamt globalisierte Welt und ein größerer Fokus auf die internationale Vermarktung des Weltsports durch die Vereine. Jedoch zeigt der Umstand auch, dass sich fußballerisch in Fernost viel getan hat.

Japanische Teams gewannen in den letzten zwei Jahren die AFC Champions League und neben Katar stand die japanische Nationalmannschaft noch im Frühjahr 2019 im Finale der Asienmeisterschaft.

Screenshot von der JapanTimes

Auf der Weltbühne zeigte die japanische Nationalmannschaft zuletzt bei der WM 2018, dass sie taktisch diszipliniert und technisch versiert spielen kann.

Mit agilem Spiel und einem Makoto Hasebe, der bei Eintracht Frankfurt dem totgeglaubten Libero neues Leben eingehaucht hat, konnte Japan spielerisch über weite Strecken überzeugen, scheiterte im Achtelfinale an einem letzten Konter der favorisierten Belgier.

Woran Japan aber trotz Spielwitz und Spritzigkeit bei den meisten internationalen Turnieren scheitert, ist die eklatante Chancenverwertung.

Japans Fußball hat seit Jahren keinen Knipser hervorgebracht und wie dramatisch die Situation ist, zeigt, dass ein in der Bundesliga bisweilen inkonstanter Yuya Osako zuletzt die beste Option in der Sturmspitze gewesen zu sein schien.

War es früher meist ein Konterspiel, mit denen das Team zu überraschen wusste, muss sich Japan inzwischen daran gewöhnen auch durch Ballbesitz zum Ziel zu kommen.

Gerade Testspiele gegen kleinere Nationen offenbaren defizitäre Angriffsbemühungen im letzten Drittel.

Doch diese Art von Fußball ist schwierig in einer heimischen Liga zu erlernen, in der Konterfußball generell erfolgversprechender ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Samurai Blue seit der WM 2018 im Umbruch stehen, was auch viel mit dem aktuellen Trainer Hajime Moriyasu zu tun hat.



Japan-Trainer Hajime Moriyasu im Porträt

Moriyasu verbrachte fast seine gesamte fußballerische Karriere beim japanischen Erstligisten Sanfrecce Hiroshima.

Der 50-jährige übernahm 2012 den Chef-Trainerposten und begründete die bislang erfolgreichste Zeit des Vereins in der Neuzeit.

Mit drei Meisterschaften und drei Siegen im Superpokal hatte der ehemalige Werksclub eines in Hiroshima beheimateten Autoherstellers fast so viel Silber gewonnen wie zuletzt in den 1960er Jahren – der Gründungszeit der ersten nationalen Fußballliga Japan Soccer League.

Nach insgesamt 265 Spielen an der Seitenlinie war für Moriyasu aber am 3. Juli 2017 Schluss.

Offiziell habe Moriyasu, als das Team im Verlauf der Saison in den Abstieg zu rutschen drohte, seinen Rücktritt angeboten. Ob dies stimmt, lässt sich in Japan immer schwer sagen, da die Gesichtswahrung aller Beteiligten über allem steht.

Der damals 48-Jährige fand wenige Monate später beim japanischen Fußballverband einen neuen Posten.

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Die Erfolge in der heimischen Liga haben die JFA aufhorchen lassen, und Moriyasu übernahm im Oktober 2017 die U21, um für die Olympischen Sommerspiele 2020 einen Jugendkader aufzubauen.

Für die Zeit danach wurde er bereits als Trainer der Herrenmannschaft gehandelt, doch es kam alles anders.

Japan war im asiatischen Fußballverband eine der ersten Nationen weltweit, die sich für die WM 2018 qualifizieren konnten.

Die Quali-Spiele unter dem Bosnier Vahid Halilhodzic waren selten überzeugend, am Ende aber erfolgreich.

Nun, wenige Monate vor dem Turnier dümpelte aber auch die Vorbereitung vor sich hin. Inkonstante Nominierungen, einige kritische Worte des Innenverteidigers Maya Yoshida und die miesen Auftritte gegen Mali und die Ukraine im Februar 2018 waren der Schlussstrich.

Halilhodzic wurde spektakulär seines Postens enthoben und Ex-Nationaltrainer Akira Nishino übernahm den Chef-Trainerposten der Nationalmannschaft. Mit ihm im Trainerstab – Hajime Moriyasu.


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Gerüchteweise soll Moriyasu für die taktische Ausrichtung des Teams zuständig gewesen sein, während Nishino kurze Zeit später viele alte Namen für das Turnier nominierte.

Auf diese Weise konnte er mit Spielern, deren Nominierung unter Halilhodzic nicht gesichert gewesen wäre, die angeschlagene Stimmung im Team wiederherstellen, während Moriyasu an der Taktik tüftelte.

Hierfür spricht auch, dass im ersten Testspiel unter Nishino mit dem für Sanfrecce so typischen 3-4-2-1 getestet wurde – allerdings mit mäßigem Erfolg.

Am 1. August 2018, einen Monat nach der Weltmeisterschaft, übernahm Hajime Moriyasu auch offiziell den Trainerposten der Samurai Blue.

Moriyasu kehrte zu dem ikonischen 4-2-3-1 zurück, welches etliche Trainer vor ihm in die DNA der Nationalmannschaft indoktrinierten und die Copa America wird nun der nächste Test des Trainers aus der südjapanischen Hafenstadt Nagasaki sein.



Japans Player to Watch: Takefusa Kubo

Für die Samurai Blue steht seit dem Ende der WM eine Verjüngungskur an und es gibt aktuell viele Möglichkeiten den Pool an Talenten auszuprobieren.

In den Monaten Mai und Juni nimmt zum Einen die U20-Auswahl an der Weltmeisterschaft in Polen teil, die U22 reist zum 47. Jugendturnier in Toulon und die Weltmeisterinnen von 2011, Nadeshiko, das sei hier erwähnt, spielen bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Frankreich.

Für die Herren wurden noch zwei Kader nominiert: der eine für zwei Testspiele gegen Trinidad & Tobago und El Salvador, der zweite für die Copa America.

Die Nominierungen für die Copa America und alle anderen Turniere müssen auch unter dem Aspekt, der Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele im eigenen Land zu sehen sein.

Während es aus japanischer Sicht einige interessante junge Spieler aus der heimischen Liga in den Kader geschafft haben, dürfte die wohl auffälligste Nominierung das Supertalent Takefusa Kubo sein.

Wer ihn vermeintlich nicht kennt, dürfte ihn lediglich vergessen haben. Denn die Geschichte Kubos, und dessen erzwungener Abgang aus der Fußballschule des FC Barcelona, war vor einigen Jahren ziemlich präsent.

Geboren am 4. Juni 2001 in Kawasaki, südlich der Metropole Tokyo, wird Takefusa Kubo aller Voraussicht nach der zweitjüngste japanische Nationalspieler der Geschichte werden.

Das Talent des damals 10 Jahre alten Kubo hatte der FC Barcelona früh erkannt. Mit seiner Familie wurde das Wunderkind nach Spanien gelotst und genoss vier Jahre die Ausbildung in La Masia.

In seiner ersten kompletten Spielzeit in Barcas Alvin C traf Kubo 74 Mal in 30 Spielen und hinterließ in mehreren Jugendturnieren einen guten Eindruck.

Die gute Stimmung währte, solange niemand auf den Verstoß des FC Barcelona gegen Transfer-Statuen des Kontinental-Verbandes FIFA aufmerksam machte.

Denn der Umzug der Eltern in die spanische Stadt, wurde nur oberflächlich verschleiert, um Kubo in den eigenen Verein aufnehmen zu können.

Barca wurde von der UEFA bestraft und Familie Kubo kehrte nach Japan zurück, wo Takefusa seitdem in den Mannschaften des FC Tokyo spielt.

Warum sich dieser Text so viel auf die Geschichte des Spielers und nicht die Gegenwart konzentriert liegt darin begründet, dass es zu Kubo in Japan nicht viel zu schreiben gibt.

Wenngleich es nur in der U23 des FCT in der dritten (semi-)professionellen Liga Japans war, gilt Takefusa Kubo mit 15 Jahren fünf Monaten und einem Tag offiziell als jüngster Spieler des japanischen Profifußballs.

Während der vorherige Rekordhalter Takayuki Morimoto sein Debüt und Rekord 2004 noch im Oberhaus gab, wird Kubo aus demselben Grund als jüngster Torschütze der Ligageschichte gelistet – was die besonderen Fähigkeiten Kubos nicht schmälern soll.

Nach der Ankunft in Japan wurde seine Entwicklung medial stark begleitet. Die Leute wollten wissen, was der Wunderknabe auf dem heimischen Rasen anstellen würde, riesige Fotografentrauben bildeten sich um den jungen Spieler, doch kurze Zeit später fokussierten sich das Medieninteresse auf die hochkarätigen Transfers von Ligakonkurrent Vissel Kobe.

Vielleicht ein Glücksfall, denn so konnte Kubo sich fernab der medialen Berichterstattung entwickeln und steht in seiner voraussichtlich letzten Hinserie in Japan den älteren Teamkollegen beim FC Tokyo in nichts nach.

Bislang ist nur zu erwarten, dass Kubo, nach seinem 18. Geburtstag das Land verlassen wird.

Ob es der FC Barcelona sein wird, der sich die Dienste des einstigen Schützlings sichern wird oder Real Madrid, die dem ewigen Konkurrenten ein Schnippchen schlagen wollen, ist unklar.

Kubo spricht jedenfalls fließend Spanisch und präsentiert sich, in seinen letzten Spielen in Japan in herausragender Form.



Japans Schlüsselspieler: Takehiro Tomiyasu

Es ist aber unwahrscheinlich, dass Takefusa Kubo bei der Copa America Schlüsselspieler in Reihen der Samurai Blue sein wird.

Denn neben vielen jungen Spielern, gibt es eine handvoll Routiniers, die dem Spiel mit ihrer Erfahrung ihren Stempel aufdrücken können.

Doch die spannendste Personalie dürfte der 20-jährige Innenverteidiger Takehiro Tomiyasu sein, der im Frühjahr 2018 nach Belgien zum VV St. Truiden wechselte.

Tomiyasu wurde in Fukuoka geboren und verbrachte seine Jugendzeit beim lokalen Proficlub Avispa Fukuoka, wo er bereits 2016 in den Profikader berufen wurde.

Mt 17 Jahren und acht Monaten bekam Tomiyasu seine ersten Minuten in der letzten Erstligasaison Avispas, nur um nach dem Abstieg mit gerade einmal 18 Jahren Stamm-Innenverteidiger zu werden.

Das Potenzial des Kickers erkannte auch der VV St. Truiden, dessen Mehrheitsanteile zur Saison 2018 von einem japanischen Konglomerat aufgekauft wurden, welches nun internationale Talente für den europäischen Markt importieren will.

Nach verletzungsbedingten Startschwierigkeiten, konnte der 800.000€-Transfer seinen Marktwert innerhalb weniger Monate verneunfachen.

Gefördert wird Tomiyasu auch von Neu-Trainer Marc Brys, der seit seiner Amtsübernahme auf den Japaner setzt.

Nur drei Spieler verpasste Tomiyasu wegen der Abstellung für die Asienmeisterschaft. Brys sieht in ihm den “besten Verteidiger, den er je trainiert” habe. Neben seiner intelligenten Spielweise, einem guten Stellungsspiel und einer überdurchschnittlichen Technik, sticht Tomiyasu auch wegen seines starken Zweikampfverhaltens hervor.

Eine Fertigkeit, die in der japanischen Nationalmannschaft von unschätzbarem Wert sein wird.

Förderlich ist für seine Entwicklung eine positive Einstellung zum Beruf. Trainer Marc Brys erläuterte der belgischen Tageszeitung Het Nieuwsblad Anekdoten aus dem Sommertrainingslager 2018.

“In der Vorbereitung habe ich ihn einmal bezüglich seines Kurzpassspiels korrigiert. Nach dem Training sah ich ihn zu einer Übungswand gehen, gegen die er zu treten begann. Als ich nach Hause fuhr, war er immer noch dort am trainieren.” Er beschreibt Tomiyasu als einen Spieler, “der einfach nicht aufgibt. Ein Traum für jeden Trainer.”

Auf der Position des Innenverteidiger fehlt seit Jahren eine Stammkraft. Maya Yoshida, der schon lange in der Premier League sein Geld verdient, war in vergangenen Jahren die einzige Konstante, doch ein kongeniales Duo, wie Marcus Tulio Tanaka und Yuji Nakazawa vermissen die Samurai Blue schon länger.

Mit Takehiro Tomiyasu, Gen Shoji, Naomichi Ueda und Yuta Nakayama spielen inzwischen mehrere vielversprechende Innenverteidiger in Europa, die der japanischen Nationalmannschaft künftig zu mehr defensiver Stabilität verhelfen könnten.

Tomiyasu hat bereits jetzt die Chance in der Copa America der wichtigste Spieler der japanischen Nationalmannschaft zu werden – mit 20 Jahren.


Die Gruppengegner Japans

Uruguay | Chile | Ecuador


Dies war ein Gastbeitrag von Tobias von Goaltaku.

Unter Beteiligung Roger Schumachers, Experte für den belgischen Fußball bei Transfermarkt, zur Entwicklung Takehiro Tomiyasus

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