Als im letzten August der Vertrag von Jose Pekerman auslief, blickten die Kolumbianer auf eine sehr erfolgreiche Periode zurück. Nach drei verpassten Weltmeisterschaften gelang es dem Argentinier Pekerman das Team seit 2012 zu beiden Turnieren zu führen – der größte Erfolg war der dritte Platz bei der Copa America Centenario. Unter dem neuen Trainer Carlos Queiroz wollen sie noch mehr.

Nach sieben relativ erfolgreichen Jahren im Iran übernimmt der Portugiese eine kolumbianische Nationalmannschaft, in der sich alternde Granden wie Radamel Falcao, Stars in ihren besten Jahren wie James Rodriguez und Duvan Zapata, und vielversprechende Talente wie Jefferson Lerma und Davinson Sanchez zu einer interessanten Mischung zusammenfinden.

Mit Argentinien, Paraguay und Asienmeister Katar treffen die Cafeteros auf starke Gegner. Die Gruppe sollten sie trotzdem mindestens als Zweiter überstehen. Was danach drin ist wird die Turnierform zeigen, Kolumbien hat aber alle Voraussetzungen um jedem Gegner gefährlich zu werden.

Copa America 2019 – Kolumbien im Porträt

– Das Team
– Der Trainer
– Der Schlüsselspieler
– Der Player to Watch

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Kolumbien in der Analyse

In Anbetracht des Abgangs des langjährigen Trainers Pekerman und der anhaltenden Krise des Superstars James Rodriguez, gilt Kolumbien bestenfalls als Geheimfavorit auf den Copa-Sieg. Doch der Kader ist so ausgewogen wie selten in den letzten Jahren.

Auf jeder Position stehen Queiroz sehr solide Optionen zur Verfügung. Viele Akteure verdienen ihr Geld in den besten europäischen Ligen.

Im Tor wird auch der neue Trainer der langjährigen Nummer Eins David Ospina vertrauen, der den Kolumbianern in den meisten Fällen ein sicherer Rückhalt ist, und seine Stärken vor allem auf der Linie hat. Nach mehreren Jahren als Ersatzkeeper bei Arsenal wechselte er vor der vergangenen Saison nach Neapel.

Beim Calcio Napoli war er Teil einer merkwürdigen Rotation. Insgesamt machte er in der Spielzeit 24 Pflichtspiele. Trotzdem stand er nie länger als drei Partien am Stück auf dem Rasen.

Zwischenzeitlich pendelte er abwechselnd mit zwei Konkurrenten zwischen Bank und Tribüne. Ein sehr ungewöhnliches Modell, das ihm aber immernoch mehr Spielzeit verschaffte, als er unter Wenger in London bekam.

 

In der Innenverteidigung werden, wie schon bei der Weltmeisterschaft, Yerry Mina und Davinson Sanchez gesetzt sein. Ihre überragenden Leistungen in Russland brachten den jungen Abwehrspielern Wechsel in die Premier League ein

Sowohl Mina als auch Sanchez hatten in der letzten Saison mit Verletzungen zu kämpfen, was dazu führte, dass beiden etwas die Spielpraxis abgeht. Dass das für Mina jedoch kein Hindernis ist, zeigten seine Auftritte bei der WM.

Obwohl er im Vorfeld bei Barcelona oft auf der Tribüne saß, drückte er der Mannschaft mit seinen Leistungen seinen Stempel auf.

Mina ist einer der kopfballstärksten Spieler beim Turnier. Besonders bei Offensivstandards ist er eine Waffe. In 15 Länderspielen erzielte der Innenverteidiger bis heute sechs Tore.

Defensiv überzeugt der der 24-Jährige mit Zweikampfstärke. Seine große Schwäche ist seine manchmal mangelnde Konzentration, die ihn fehleranfällig macht.

Sein Konterpart Sanchez zeichnet sich besonders durch sein gutes Passspiel aus. So ist er in der Lage das Spiel sauber zu eröffnen.

Defensiv erlaubt er sich kaum Fehler, Minas Probleme kann er durch ein enorm diszipliniertes Stellungsspiel, sein hohes Tempo und die Fähigkeit Situation zu antizipieren, ausgleichen. Sanchez ist zweifelsohne der wichtigste Akteur für die defensive Stabilität der Kolumbianer.

Obwohl Rechtsverteidiger Santiago Arias nach seinem Wechsel zu Atletico eine solide Saison spielte, ist er nicht gesetzt. In den Testspielen teilte er sich die Spielzeit mit Stefan Medina von Monterrey.

Mit den Mexikanern gewann dieser jüngst die CONCACAF Champions League. Bei seinem Verein spielte er seit der Verpflichtung Miguel Layuns überwiegend in der Innenverteidigung.

Er wäre im ersten Spiel gegen Argentinien im Vergleich zum dynamischen Arias die defensivere Variante auf der rechten Defensivseite.

Nachdem Linksverteidiger Johan Mojica in Folge eines Kreuzbandrisses in der letzten Saison nur 19 Minuten absolvierte, wird er auch die Copa verpassen.

Um seinen vakanten Platz konkurrieren Cristian Borja von Sporting Lissabon und William Tesillo von Club Leon aus Mexiko. Tesillo ist die defensivere Option, genoss in den Testpielen das Vertrauen des Trainers und wird wohl auch gegen Argentinien starten.

Trotzdem sind die Linksverteidiger das größte Fragezeichen in der Abwehr der Cafeteros.

Beim 3:0 Sieg im Testspiel gegen Peru ließ Queiroz im 4-3-3 spielen. Bei seinen ersten beiden Auftritten als Trainer der Kolumbianer formierte er die Mannschaft noch in einem 4-4-2.

Nach der Verletzung des besten kolumbianischen Spielers in Russland 2018, Juan Quintero, lastet noch mehr Last auf den Schultern des Superstars James Rodriguez, dessen Kreativität maßgeblich darüber entscheiden wird, wie viele Chancen die Stürmer um Kapitän Radamel Falcao und Duvan Zapata bekommen werden.

Nach seinem Doppelpack gegen Peru darf sich Mateus Uribe berechtigte Hoffnungen auf einen Platz in der Startelf neben dem gesetzten James machen. Um den letzten Platz in der Zentrale konkurrieren die eher defensiven Jefferson Lerma, Wilmar Barrios und Gustavo Cuellar.

Eine Prognose, wer das Vertrauen des Trainers erhalten wird, ist wegen der kurzen Zeit unter Queiroz schwierig.

Barrios hat Schwächen im Passspiel, ist dafür aber extrem robust in Kopfballduellen und Tacklings. Lerma spielt teilweise etwas undiszipliniert, fängt aber viele Bälle ab und baut das Spiel besser auf.

Auf den Flügeln scheint der Trainer Juan Cuadrado und Luis Muriel zu vertrauen, die im 4-4-2 und 4-3-3 jeweils die Außenpositionen besetzten.

Mit Roger Martinez steht ein interessanter Ersatzmann bereit, der, obwohl er erst 24 ist, schon bei Villareal, in China, Argentinien und Mexiko gespielt hat.

Die interessanteste Frage in Kolumbiens Mannschaft stellt sich im Sturm, wo sich Quieroz zwei hervorragende Alternativen bieten. Radamel Falcao ist Kapitän und war mit seinen 15 Toren der Garant für den Klassenerhalt der AS Monaco.

Der andere Stürmer, der hochbegabte Duvan Zapata, schaffte in der vergangenen Saison endlich seinen Durchbruch und schoss Atalanta Bergamo mit 23 Toren erstmals in die Champions League.



Kolumbien-Trainer Carlos Queiroz im Porträt

Der 66-jährige Carlos Queiroz ist ein Weltenbummler. Der in Mosambik geborene Portugiese trainierte schon Vereine in Portugal, England, Spanien, den USA und Japan.

Als Nationaltrainer betreute er Portugal, die VAE, Südafrika, den Iran und nun Kolumbien.

Mit dem ehemaligen Torwart verpflichtete der kolumbianische Verband einen Trainer, der mit seinem Vorgänger Pekerman besonders aufgrund seiner riesigen Erfahrung durchaus zu vergleichen ist.

Wie sein Vorgänger ist er es gewohnt, lange mit einer Mannschaft zusammen zu arbeiten. Dem Vernehmen nach wäre Queiroz grundsätzlich gerne Trainer des Iran geblieben, er trat zurück, weil er und seine Assistenten über mehrere Monate nicht bezahlt wurden.

Nur eine Woche nach seinem Rücktritt unterschrieb er in Kolumbien. Queiroz möchte in diesem Sommer seinen ersten Titel mit einer A-Nationalmannschaft gewinnen.

Beim Iran ließ Queiroz während der WM 2014 eher reaktiven Fußball spielen. Nach der Weiterentwicklung seiner Spieler sah das im letzten Sommer anders aus, als seine Mannschaft auf die Offensive setzte, gegen die starken Gruppengegner forsch auftrat und um ein Haar Portugal auf den dritten Platz in der Gruppe verwiesen hätte.

Bei Kolumbien hat Queiroz deutlich bessere Einzelspieler. Es ist zu erwarten, dass die Cafeteros zumindest gegen Paraguay und Katar sehr mutig auftreten werden.

Queiroz ist dafür bekannt, dass er seine Teams radikal nach der aktuellen Form aufstellt. Die Auswahl der Spieler ist derzeit unberechenbar. Fest steht nur: Mit Queiroz haben die Kolumbianer einen Trainer verpflichtet, der mit allen Wassern gewaschen ist und dessen Team mit großer Wahrscheinlichkeit ein starkes Turnier spielen wird.



Kolumbiens Schlüsselspieler: Duvan Zapata

Nach mehreren Jahren in denen Zapata wieder und wieder ausgeliehen wurde, schaffte er in der vergangenen Saison endgültig den Durchbruch. Mit 23 Toren in der Serie A verhalf der athletische Stürmer Atalanta zur Qualifikation zur Champions League.

Nach dem nächsten Krisenjahr für Superstar James Rodriguez war Zapata in der letzten Saison der stärkste kolumbianische Spieler, was zu einem ganz neuen Selbstbewusstsein führt.

Angesprochen auf das Interesse verschiedener Weltvereine antwortete er: „Früher wollte mich niemand, jetzt will mich jeder.“ Ein Status, den er sich mit seiner Leistung verdient hat.

Zapata ist ein eiskalter Vollstrecker, der besonders mit dem ersten Kontakt extrem gefährlich ist. Er kann mit dem Kopf und beiden Füßen gleichermaßen Torgefahr ausstrahlen und besonders im Strafraum von überall treffen.

Trotz seiner Korpergröße von 1,91 m und einer beeindruckenden Physis gehört es nicht zu seinen Stärken, Bälle festzumachen. Viel mehr lässt er sich gerne ins Kombinationsspiel einbinden und ist so auch als Vorlagengeber relativ gefährlich. Wahrscheinlich könnte er deshalb auch zusammen mit Falcao gut harmonieren.

Durch die Testspiele, Falcaos Rolle als Kapitän und Queiroz‘ Hang zur Rotation wird Zapata zu Beginn des Turniers womöglich noch nicht die erste Option sein.

Im weiteren Verlauf des Turniers wird allerdings kein Weg an ihm vorbeiführen. Sein Riecher und seine Wucht gepaart mit der Kreativität von James und Cuadrado werden begeistern und könnten die Krönung einer überragenden Saison sein.



Kolumbiens Player to Watch: Jefferson Lerma

Jefferson Lerma ist mit Rückenwind zur Nationalmannschaft geflogen. Der defensive Mittelfeld kann auf eine starke Debütsaison bei Bournemouth zurückblicken.

Der Rekordtransfer der Cherries passte sich problemlos an die Premier League an und wurde zum Publikumsliebling.

Seine Qualitäten hat der 24-Jährige besonders in der Defensive. Lerma blockt viele Bälle und oft kann er Pässe des Gegners dank einer hervorragenden Ausdauer und Übersicht abfangen. Trotz seiner 1,79 m ist er extrem Kopfballstark.

Probleme hat er bisweilen noch dabei Bälle zu halten, die ihm häufig vom Gegner abgenommen werden. Das hängt allerdings auch mit der Gewöhnung an das wahnwitzige Tempo in der Premier League zusammen.

Für die Kolumbianer könnte er der starken Offensive den Rücken freihalten. Besonders James kann von der Defensivstärke seines Mitspielers profitieren und mit Lerma im Rücken frei aufspielen.

Außerdem ist Lerma ein besserer Aufbauspieler als sein Konkurrent Barrios und sorgt gerne mit wuchtigen Distanzschüssen für Torgefahr.

Eine starke Copa wird den Marktkwert Lermas weiter erhöhen. Zwar bekannte er sich erst jüngst zu seinem aktuellen Club, bei einem Angebot der Top-6 könnte er allerdings schwach werden.


Die Gruppengegner Kolumbiens

Argentinien | Paraguay | Katar

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Till
Written by Till
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