Venezuela ist keineswegs als eine der besseren Fußballnationen Südamerikas bekannt. Dies könnte sich mit der Copa America 2019 jedoch ändern.

Die Mannschaft von Rafael Dudamel trifft in Gruppe A zwar auf Gastgeber Brasilien und WM-Teilnehmer Peru, „La Vinotinto“ („die Weinroten“) dürfen sich aber berechtigte Hoffnungen auf den Aufstieg in die nächste Runde machen.

Manche – unter anderem dieser Autor – traut Venezuela sogar zu, zu einem der Überraschungsteams der Copa America 2019 zu avancieren.

Copa America 2019 – Venezuela im Porträt

– Das Team
– Der Trainer
– Der Schlüsselspieler
– Der Player to Watch

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Venezuela in der Analyse

Trainer Rafael Dudamel stehen einige sehr gute Spieler, wie beispielsweise Tomás Rincón, Wuilker Fariñez, José Salomón Rondón und Atlanta United-Superstar Josef Martínez, zur Auswahl.

Dass diese das Zeug dazu haben größere Nationen und gar Titelfavoriten zu schlagen, haben die „Vinotinto“ vor wenigen Monaten bewiesen. So schlug Venezuela im März beispielsweise Argentinien mit 3:1 – auffällig war dabei jedoch der geringe Ballbesitzanteil.

Der Grund dafür dürfte der Spielstil der Dudamel-Elf sein. Der 46-Jährige stellt seine Spieler meist in einem 4-1-4-1 oder einem 4-2-3-1/4-3-3 auf, wobei die Flügelverteidiger, Roberto Rosales und Luis Mago, hoch stehen und auch die Innenverteidiger weit aufrücken.

Von hinten heraus erfolgt dann der Spielaufbau. Beachtlich ist dabei vor allem wie oft die Innenverteidigung Venezuelas, meist bestehend aus Jhon Chancellor und Jordan Osorio, bei gegnerischem Angriffspressing durch schnelle Kurzpässe die Gegner ausspielt oder mit schnellen Drehungen dem Gegner ausweicht.

Diese flinke Beinarbeit ist generell ein Markenzeichen der „Vinotinto“, nach einem Passspiel laufen sich die Spieler schnellstmöglich frei und erzeugen damit ein hohes Tempo – auch bei gegnerischem Ballbesitz setzt die Dudamel-Elf auf Schnelligkeit und sorgt für schnelles Pressing und Umschalten.

Wer nun jedoch denkt, dass man bei Venezuela modernstes Positionsspiel zu sehen bekommt, der irrt sich gewaltig.

Denn obwohl die Mannschaft von Rafael Dudamel stets von hinten heraus spielt und durch die ständigen Bewegungen immer wieder Räume in der gegnerischen Hälfte schafft, setzt sie auf lange Pässe.

Ein Grund für diese Pässe dürfte der fehlende Spielmacher im Mittefeld sein.

In diesem verfügt Dudamel nämlich mit Junior Moreno, Tomás Rincón und Yangel Herrera zwar über drei defensivstarke Spieler, deren Stärken jedoch nicht unbedingt im Spielaufbau liegen.

 

Lediglich Yangel Herrera, ein Satellitspieler von Manchester City/New York City FC, der aktuell an den SD Huesca verliehen ist und bei der U20-WM 2017 zum drittbesten Spieler des Turniers gewählt wurde, könnte dieser Aufgabe gerecht werden und agiert daher im 4-2-3-1/4-3-3 oftmals als Achter, während Rincón und Moreno die Rolle der klassisch südamerikanischen Abräumer einnehmen.

Die einzigen Positionen, die noch offen sind und auf denen Dudamel oftmals rotiert, sind die der Flügelstürmer.

Mit Rómulo Otero, Yeferson Soteldo, Darwin Machís, Jhon Murillo, Luis González, Samuel Sosa, Erickson Gallardo, Juanpi Añor und Jefferson Savarino standen gleich neun Flügelflitzer im Kader der „Vinotinto“, wobei sich Machís die größten Hoffnungen machen dürfte, denn der Cadiz-Spieler war in so gut wie jedem Match gesetzt.

Auf der rechten Seite dürften sich wohl Jhon Murillo und Augsburg-Mittelstürmer Sergio Córdova um den Startplatz streiten.



Venezuela-Trainer Rafael Dudamel im Porträt

„Rafael Dudamel“ dürfte wohl einer der unbekannteren Namen der Copa America 2019 sein. Der ehemalige Torhüter war sowohl als Spieler als auch als Trainer nur bedingt erfolgreich, war aber vor wenigen Wochen dennoch groß in den deutschen Schlagzeilen.

Zum einen aufgrund seines 3:1-Sieges gegen Argentinien, zum anderen aufgrund seines angebotenen Rücktrittes wegen der „Politisierung der Nationalmannschaft“ – dazu jedoch später mehr.

Während seiner Karriere spielte der heute 46-Jährige für die größeren Vereine Kolumbiens und Venezuelas sowie Quilmes (Argentinien) und die Mamelodi Sundowns (Südafrika).

Nach seinem Karriereende im Jahr 2009 bei Estudiantes de Mérida übernahm Dudamel den Trainerposten der „Académicos“ – nach 13 Spielen, in denen Dudamel nur zwei Siege und zwei Unentschieden gelangen, wurde der ehemalige Keeper entlassen.

Nach einem Jahr Pause wurde Rafael Dudamel zum neuen Trainer der U17 und der U20 Venezuelas ernannt – erstere gab er nach einem Jahr wieder ab.

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Aufgrund guter Leistungen erhielt der Trainer ein Angebot von Deportivo Lara, das die Torneo Apertura nur auf Rang 15 beendete.

Unter Dudamel verbesserten sich die „Rojinegro“ daraufhin auf Rang acht. Lara konnte sich mit dem neuen Mann an der Seitenlinie jedoch nicht auf einen neuen Vertrag einigen, woraufhin der ehemalige Torhüter seinen Posten bei der U20 der „Vinotinto“ wieder einnahm.

Da Rafael Dudamel auch in alter Position wieder erfolgreich war, wurde er im April 2016 vom U20- zusätzlich zum Cheftrainer der A-Nationalmannschaft befördert und hat bis heute beide Positionen inne.

Vor wenigen Wochen, direkt nach dem 3:1-Sieg gegen Argentinien, bot der 46-Jährige aber überraschend seinen Rücktritt an. Der Grund dafür war ein Tweet vom Vertreter des selbsternannten Interims-Präsidenten Juan Guaido, Antonio Ecarri.

Dudamel warf diesem vor, seinen Besuch bei der Nationalmannschaft politisch instrumentalisiert zu haben. Der Hintergrund: seit Jänner gibt es in Venezuela einen heftigen Machtkampf zwischen Venezuela Präsident Nicolas Maduro und Oppositionsführer Juan Guaido.

Ob dieser Machtkampf auch einen Einfluss auf die Leistungen von Rafael Dudamel und seiner Spieler hat, wird sich zeigen.



Venezuelas Schlüsselspieler: Josef Martínez

Wohl nur wenige haben Josef Martínez bislang spielen sehen, doch viele kennen sicherlich seinen Elfmeter-Anlauf.

Der 26-jährige Stürmer von Atlanta United ist nämlich dank seines kuriosen Jorginho-artigen Anlauf seit seinem Wechsel in die MLS eine Internet-Sensation – doch der Venezolaner ist zudem auch ein sehr begabter Fußballspieler.

Zwar konnte Martínez bereits in der Schweiz beim FC Thun und dem BSC Young Boys sowie in Italien beim FC Torino aufzeigen, doch erst in den USA unter Ex-Barca-Trainer Gerardo „Tata“ Martino konnte der Stürmer sein volles Potenzial abrufen.

Viele werden sich nun denken „ach, in der MLS kann es doch jeder“ – und natürlich, das etwas niedrigere Niveau in der Major League Soccer dürfte sicher ein Mitgrund für den Leistungsanstieg des 26-Jährigen sein.

Doch nicht grundlos wurde Josef Martínez MLSs MVP und Torschützenkönig – ein Hauptgrund für seine Erfolge dürfte sein reiferes Alter sein.

Anstatt Showboating und cooler Tricks konzentriert sich der Venezolaner bei Atlanta United auf die Basics.

Eine Entwicklung, die wohl auch seinem ehemaligen Trainer Tata zu verdanken ist. In Atlanta setzte der Argentinier nämlich auf ballbesitzorientierten Offensivfußball, bei dem Martinez‘ Kollegen die Torchancen führ ihn kreieren.

Aufgrund dessen kam es fast von selbst, dass der Venezolaner weniger zaubern und dribbeln konnte. In der MLS begeistert er daher mit anderen Fähigkeiten.

Zum einen beeindruckt Josef Martínez mit seinen Antizipations- und Timingfähigkeiten. So läuft sich der schnelle Stürmer mit Läufen in die Tiefe frei und stets ideal zum Passspiel.

Der 26-jährige bewegt sich meist zwischen den Linien, wo der Venezolaner auf ein Zuspiel von außen wartet und bereit ist los zu sprinten.

Hat der Stürmer den Ball, so ist ein Tor meist die Folge. Mit einer Erfolgsquote von über 65% ist Josef Martínez der gefährlichste Stürmer der MLS.

Bei der Copa America 2019 dürfte der Venezolaner jedoch auf schnelle und qualitativ bessere Verteidiger treffen und sich dementsprechend schwerer tun.



Venezuelas Player to Watch: Wuilker Fariñez

Einer der wohl besten Spieler Venezuelas findet sich nicht auf dem Feld sondern im Tor. Mit Wuilker Fariñez steht ein erst 21-Jähriger im Kasten der „Vinotintos“, doch trotz dieses noch jungen Alters mangelt es dem Venezolaner keineswegs an Erfahrung.

Bereits im zarten Alter von nur 15 Jahren unterschrieb Fariñez seinen ersten Profivertrag – ein Drei-Jahres-Vertrag beim erfolgreichsten Verein Venezuelas, Caracas FC. Sein Debüt folgte nur wenig später.

Für die Torneo Apertura wurde der damals erst 17-jährige Wuilker Fariñez zum Stammtorhüter von Caracas einberufen.

Bereits in seiner zweiten Saison wurde der 1,83m große Torhüter in die Elf der Saison gewählt und zum Keeper des Jahres gewählt. Kurz nach seinem 18. Geburtstag gab der Venezolaner sein Debüt für die Nationalmannschaft.

Aufgrund dieser starken Leistungen zog der junge Torhüter das Interesse vieler südamerikanischer Großklubs auf sich.


Nach einer fantastischen U20-WM 2017, bei der Wuilker Fariñez mit seinen herausragenden Paraden einen großen Anteil am Finaleinzug der jungen „Vinotintos“ hatte, wurden jedoch auch europäische Top-Klubs auf das Top-Talent aufmerksam.

Anstatt eines Wechsels nach Europa entschied sich der Torhüter, der bei der U20-WM in 7 Spielen lediglich drei Tore kassierte, für einen Transfer nach Kolumbien. Bei den Millonarios unterschrieb der junge Keeper einen Vertrag bis 31.12.2020.

Es wäre jedoch gut möglich, dass Fariñez nicht mehr lange beim 15-fachen kolumbianischen Meister spielen wird, denn mit dem FC Barcelona hat ein Top-Verein seine Fühler nach dem Talent ausgestreckt.

Ein Grund dafür dürften die Agilität und die schnellen Reflexe von Wuilker Fariñez sein. Der junge Venezolaner ist wahnsinnig schnell und aufgrund seiner tiefen Haltung unfassbar solide bei flachen Bällen – vor allem bei Elfmetern scheint der flinke Torhüter unschlagbar.

Aufgrund seiner geringen Größe von nur 1,83m sind höhe Bälle hingegen eine der Schwächen des jungen Keepers.

Nichtsdestotrotz verfügt der 21-Jährige über eine beachtliche Sprungkraft und überrascht so auch immer wieder mit beeindruckenden Flugparaden – wohl auch bei der Copa America 2019.


Die Gruppengegner Venezuelas

Brasilien | Peru | Bolivien

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