Viele dachten, es sei wie jeden Sommer in den letzten Jahren. Cristiano Ronaldo überlegt öffentlich über seine Zukunft, sein Berater Jorge Mendes rasselt mit den Säbeln – doch am Ende der Transferperiode bleibt der portugiesische Nationalspieler bei Real Madrid. Er erhält perspektivische Zusagen, mehr Salär und erfährt öffentliche Wertschätzung und Liebesbekundungen seitens der Fans und des Vereins. Doch in diesem Jahr war es (spürbar) anders.

Eine Analyse des Transfers eines der größten Spieler aller Zeiten, dessen Chronologie und Bedeutung


Es war kurz nach dem Champions League Finale, als die ersten Meldungen aufkamen: Cristiano Ronaldo könnte diesen Sommer wechseln. Auslöser war er selbst, durch Anspielungen direkt nach der Partie, dass er nicht glücklich über gewisse Dinge sei. Neben seinen Worten und der Tatsache, dass es der dritte Sieg in Folge in der Königsklasse war und eine gewisse Sättigung eintreten könnte, brachten andere Geschehnisse die nötige Narrative mit ins Spiel.

Erst trat Zinedine Zidane als Trainer der Madrilenen zurück, dann vermehrten sich die Gerüchte, dass die ursprüngliche Ausstiegsklausel von 1 Milliarde Euro auf ca. 100 Millionen Euro gesenkt wurde. Dies sei eine Zusage des Real-Präsidenten Florentino Pérez, die er Ronaldo gab, sollte dieser wirklich den Verein wechseln wollen.

Das wilde Spekulieren ging los. Wie in jedem Sommer kam in der spanischen Presse umgehend die Frage auf: „Bleibt Ronaldo doch bei Real?“. Im Ausland wurde darüber spekuliert, ob er zurück zu Manchester United gehen würde oder ob er doch seine Karriere in Madrid beendet. Täglich grüßt das Murmeltier.

 

Kapitel 1 – Alles war anders dieses Mal!

Während Ronaldo sich bei der WM mit einem Dreierpack gegen Spanien anschickte zu Höchstleistungen aufzulaufen, wurde vermehrt über seine Zukunft geredet, statt über die Gegenwart.

Ende Juni kamen erste Pressestimmen aus Italien, dass Juventus Interesse an Ronaldo zeigen könnte, würde dieser wirklich wechseln wollen. Die englische und spanische Presse schob dies in das Land der Fantasien. Die Fans weltweit und speziell von Real waren sicher: Ronaldo bleibt – wie immer.

Falls doch, dann müsste schon Manchester United locken. Warum sollte er auch in die Serie A zu Juve wechseln?! Selbst Fans der Alten Dame zweifelten daran. Doch mir kam es – dieses Jahr – gar nicht aus der Luft gegriffen vor. Mein Bauchgefühl wurde dabei durch die Ereignisse der Vergangenheit beeinflusst.

Die Paarung Juventus gegen Real Madrid, hat es in den letzten Jahren häufig gegeben. Darunter alleine 7 Duelle in den letzten 4 Saisons der Champions League. Freundschaftsspiele oder Benefizspiele nicht eingerechnet. Die Wege von Spielern und Offiziellen kreuzten sich häufig und dementsprechend bezog man Stellung, sprach über- und miteinander. Man konnte dabei einiges zwischen den Zeilen lesen.

Natürlich sprechen die meisten Gegenspieler respektvoll über Ronaldo. Meist so emotional, wie es über einen der besten Fußballer aller Zeiten üblich ist. Doch bei Massimiliano „Max“ Allegri ging dieses Lob tiefer, auf analytischer und fachlicher Ebene. Auch Vereinslegenden wie Buffon oder Chiellini, eigentlich Konkurrenten, sprachen Liebeserklärungen aus – nach den Duellen und Niederlagen. Der ehemalige und nun erneute Mitspieler Sami Khedira kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er über die gemeinsame Zeit in Madrid spricht.

Doch am bedeutendsten und symbolträchtig schien ein Tag im April diesen Jahres, der mir nachhaltig das Gefühl gab: Hier ist gegenseitige Anerkennung und Respekt gewachsen. Dieser Tag bot Nährboden für eine fußballerische Romanze! Er erlaubte es mir, mit voller Vorfreude auf einen der größten Transfers der Club-Geschichte zu blicken.

 

Ronaldos Lieblingsgegner (Quelle transfermarkt.de)

Ronaldos Lieblingsgegner in der Champions League (Foto: Twitter transfermarkt.de)

 

Kapitel 2 – Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Es war das Hinspiel des Achtelfinals in der Champions League am 03.04.2017 in Turin. Die sonst starke Heimmannschaft der Juve wurde von Real Madrid gnadenlos bestraft. Bereits früh machte Ronaldo seinem Ruf als Juventus-Angstgegner alle Ehre und traf erneut. Gegen keinen Gegner traf er öfter in der Champions League – natürlich begünstig durch das erwähnt häufige Aufeinandertreffen.

Für Juventus war es ein gebrauchter Abend. Im Regen von Turin lief alles schief. Man selbst konnte den Ball nicht ins Tor bekommen und ungewohnte Abwehrschwächen wurden offenbart. Die Stimmung war schlecht und das Spiel hektisch. Mitten in dieser Phase bat Ronaldo zur großen Show.

Er erzielte eines der schönsten Tore der Champions League Geschichte. Ein Bilderbuch-Fallrückzieher, bei dem er gefühlt minutenlang und meterhoch in der Luft stand, den Ball perfekt traf und so sein zweites Tor erzielte. Ein Tor wie ein Gedicht, das er selbst mit großem Einsatz einleitete und anschließend als wohl bestes Tor seiner Karriere bezeichnete. Gleichzeitig war es die Vorentscheidung in diesem Spiel.

Andernorts hätte dies wohl eine Totenstille ausgelöst oder, wie so oft, Hohn und Spott oder ein Pfeifkonzert bedeutet. Das gesamte Juventus Stadion aber verfiel in einen anerkennenden Jubel für den gegnerischen Spieler. Oft erlebt man dies nicht, selbst als Zuschauer und noch so seltener als Spieler. Besonders in Partien mit sportlicher Relevanz.

Cristiano Ronaldo ist ein solches Verhalten nicht gewohnt. Sein extrovertiertes Verhalten löst bei vielen Fans bereits vor Anpfiff Kritik aus und gepaart mit seiner sportlichen Dominanz macht ihn das zum Ziel von Spott. Selbst bei den eigenen Fans wurde er in schwereren Phasen mit lautstarker Kritik konfrontiert und nicht nur von gegnerischen Fans ausgepfiffen. Zugegeben war dies auch bereits im Juventus Stadion so. Kein Wunder, bei dieser Statistik gegen die Bianconeri, möchte man sagen.

Doch im April diesen Jahres war es anders. Die pure Schönheit des Tores übertraf das und man huldigte einem Sportler, der seit Jahren eindrucksvoll das eigene Team in der Königsklasse bespielte. Ronaldo nahm dies noch auf dem Platz wahr und bedankte sich mit einer demütigen Geste ins Weite Rund.

Diese Urform des sportlichen Gedankens und des Fairplays löste besondere Gefühle in Ronaldo aus. So zeigte er sich direkt nach Spielende sichtlich gerührt und sagte in die TV-Mikrofone: „Für mich war es ein unglaublicher Moment, als das Stadion für mich aufgestanden ist. Ich möchte allen Juventus-Fans danken. Was sie für mich gemacht haben ist unglaublich. Ich bin glücklich. Das ist in meiner bisherigen Karriere noch nicht passiert. Ich bin sehr glücklich.“


Ein Moment für die Ewigkeit

Ein ähnliches Beispiel ist ebenfalls in der Historie zwischen Real Madrid und Juventus zu finden:
Nachdem Juventus Turin sich in Folge des Zwangsabstieg aus der Serie B wieder in die Serie A und von dort in die Champions League gekämpft hatte, traf die Truppe in der Saison 2008/2009 in der Gruppenphase auf Real Madrid. Das Team um Legende Del Piero gewann das Hinspiel, Del Piero selbst traf.

Beim folgenden Rückspiel im November 2008 im Bernabeu netzte er gleich doppelt, sicherte den 0:2 Auswärtssieg und Juve gleichzeitig die Gruppenführung. Als der Kapitän in der 90. Minute ausgewechselt wurde, erhebte sich das gesamte Stadion und verabschiedete ihn mit tosendem Beifall. Ein ergreifendes Erlebnis, das bei mir bis heute Gänsehaut verursacht.

Alessandro Del Piero 2008 (Foto: James Adams Wikimedia, flickr.com/jmage cc-by-sa2.0 )

Alessandro Del Piero 2008 (Foto: James Adams Wikimedia, flickr.com/jmage cc-by-sa2.0 )

Übrigens ist Del Piero diese Geste mehrmals in seiner Karriere zu Ehren gekommen. Zum ersten Mal im August 2008, als er bei seiner Auswechslung in einem Freundschaftsspiel gegen Manchester United Standing Ovation bekam. Ein weiteres Mal im Old Trafford beim Abschiedsspiel von Phil Neville im Mai 2011. Ein Lohn für sein loyales Verhalten, sein stets vorbildliches Auftreten und gleichzeitig absoluter sportlichen Weltklasse! Del Piero selbst war sehr angetan und fand dankende Worte. Ähnlich wie Ronaldo es tat.


Auch seine Mitspieler, wie Sergio Ramos, bestätigten, dass Ronaldo dies viel bedeutet habe. Doch nicht nur die Fans zollten ihm Respekt. „Cristiano ist ein Spieler auf einem außergewöhnlichen Niveau. Wie Lionel Messi mit Barcelona, hat er mit Real in den letzten Jahren viele Titel geholt. Man kann ihn mit Messi, Maradona und Pele vergleichen.“, sagte etwa Buffon.

In Folge des Spiels wurde Ronaldo natürlich weiterhin darauf angesprochen und äußerte sich ausführlich. Für ihn war es eher untypisch, dass er über andere Vereine und deren Fans redet. So äußerte er sich im Vereinseigenen RealMadridTV: „Wenn ein ganzes Stadion dir applaudiert, ein Stadion in dem schon große Spieler für Juventus gespielt haben, und das als Rivale, ist das ein einzigartiger Augenblick. Ich bin sehr glücklich und berührt. Schon als Kind habe ich Juve gemocht und geliebt ihnen zu zuschauen. Das bleibt mir im Herzen. Ich möchte allen italienischen Fans sagen: Grazie!“

Tatsächlich war dieser Abend Stein des Anstoßes für die Chefetage von Juventus, sich mit der Personalie Ronaldo zu beschäftigen. Wie Sportdirektor Fabio Paratici mittlerweile zugab, nahm man anschließend Kontakt zu seinem Berater Mendes auf, der Juventus zu verstehen gab wie Ronaldo fühlte und dass dieser gerne irgendwann für Juventus spielen würde.

 

Kapitel 3 – Die persönlichen Gründe für den Wechsel

Eben jene Geschehnisse gingen mir durch den Kopf, als die Gerüchte um einen Transferwunsch von Ronaldo aufkamen und über mögliche Vereine spekuliert wurde. Warum nicht Juventus? Warum nicht die Serie A? In der Premier League war er bereits und zu einem anderen Club als Manchester United würde er dort wohl nicht wechseln. In den Medien war jedoch schnell zu lesen, dass Mourinho sich einen Transfer nicht vorstellen kann. Ebenso würde in der Primera Divison kein anderer Verein in Frage kommen. In Deutschland wäre nur der FC Bayern eine Option, doch deutete rein gar nichts Richtung Bundesliga.

Das Gesamtpaket schien in Turin zu passen: Der gegenseitige Respekt und der achtungsvolle Umgang. Die topprofessionelle und moderne Infrastruktur des Vereines. Und auch die hohen sportlichen Ambitionen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, dass Cristiano Ronaldo das passende Puzzleteil zu sein scheint, um in Turin den größtmöglichen Erfolg zu haben. Er wird für eine neuen Ära stehen.

Dementsprechend legte sich die italienische Vereinsführung ins Zeug. Laut der spanischen Tageszeitung Marca telefonierte Andrea Agnelli 28-mal mit ihm und auch Allegri telefonierte vorab lange mit Ronaldo. Einen Umstand, den er bei Real immer wieder vermisste. Denn warum wollte er überhaupt aus Madrid weg?

Nicht nur die Bemühungen aus Turin spielten eine Rolle bei dem Transfer. Die Entwicklung des Verhältnises zu seinem bisherigen Verein Real Madrid war nicht positiv. Seit Jahren forcierte sein Berater einen möglichen Abgang. Für Ronaldo schien die Etablierung seiner Eigenmarke ein höheres Anliegen zubekommen.

Das vergangene Jahr verbrachte Ronaldo mit Rechtsstreitigkeiten, bei denen er sich von Real wenig gestärkt fühlte. Auch sportlich wurde ein Kurs eingeschlagen, der ihm nicht schmeichelte. Mit Lopetegui wurde ein Baske als Nachfolger von Zidane vorgestellt, der Leo Messi einst als besten Fußballer bezeichnete. Der Fokus wich in Madrid immer weiter von Ronaldo und man sprach vermehrt über Spieler wie Neymar oder Hazard, die ihn ersetzen sollten.

 

Kapitel 4 – Im zweiten Anlauf! Der Wechsel in die Serie A

Bei Juventus dagegen scheint er der Schlüssel zum ganz großen Erfolg. Zweimal innerhalb kürzester Zeit stand Juve im Endspiel der Champions League. Dies ist das größte Ziel, doch auch im Liga-Alltag wird man ihn brauchen. Zwar dominierte Juve die Liga in den vergangenen 7 Jahren, doch mit Ronaldo setzt man einen neuen Fokus, den sonst Spieler wie Buffon, Del Piero oder Pirlo setzten. Doch endet sich mit dem Abgang von Gigi Buffon eine Ära. Dieser war der letzte Spieler der Generation Moggi.

Jener Luciano Moggi, der nicht nur durch den Calciopoli-Skandal berühmt-berüchtigt wurde, sondern als Juventus Manager in den 90ern und 2000ern mehrere große Generationen geformt hat. Damals hätte Moggi beinahe den jungen Cristiano Ronaldo aus Lissabon nach Turin geholt.

Der frühere Auslandsscout Gianni di Marzio erzählte einst, wie er bei Sporting Lissabon 2002 Ricardo Quaresma beobachteten sollte. Stattdessen weckte jedoch ein gewisser Cristiano Ronaldo sein Interesse. Eilig berichtete er Moggi, was für ein Juwel er entdeckt habe und trat in Kontakt mit Ronaldos Mutter. Für den 17 jährigen Ronaldo wurde ein Transferpaket ausgehandelt, das vorsah Marcelo Salas plus 2,5 Millionen Euro nach Lissabon zu schicken und Cristiano Ronaldo sollte zu Juve wechseln.

Je nach Erzählweise weilte Ronaldo 2002 bereits zur Vertragsunterschrift in Turin. Doch Salas, einst Weltklasse-Stürmer und durch Verletzungen in seiner Karriere weit zurückgeworfen, wollte nicht für einen solch geringen Betrag nach Portugal. Der Transfer scheiterte im letzten Moment. Einem Ersatzdeal, bei dem Sporting angeblich 10 Millionen Euro Ablöse aufrief, stimmte man in Turin nicht zu.

Ronaldo blieb, verschaffte sich einen Namen und wechselte 2003 für 19 Millionen Euro zu Manchester United. Er reifte zum Weltstar mit Eigenmarke und wechselte 2009 als Rekordtransfer zu Real Madrid.

Ronaldo 2004 (Foto: GNU-FDL; mit freundlicher Genehmigung von Austria Aktuell)

Der 19-jährige Ronaldo bei der EM 2004 (Foto: GNU-FDL; mit freundlicher Genehmigung von Austria Aktuell)

Juve streckte immer wieder die Fühler nach ihm aus. Nun endlich, 15 Jahre später, kamen Ende Juni auch außerhalb Italiens Stimmen auf, dass sich der Wechsel konkretisiert. Der Club aus Turin verhandelte in Spanien gerade mit Jorge Mendes über einen Transfer einer seiner weiteren Klienten, Joao Cancelo. Der Außenverteidiger war vergangene Saison von Valencia an Inter ausgeliehen, wo man seine Ausstiegsklausel allerdings nicht zahlen wollte. Juventus war schon länger am Spieler interessiert und auf diesen Fall vorbereitet.

Bei den Verhandlungen über dessen Transfer kam es zu ersten konkreten Gesprächen über einen Wechsel Ronaldos. Paratici nahm umgehend Kontakt zu Präsidenten Andrea Agnelli auf und kurbelte den Transfer an. In der ersten Juli-Woche überschlugen sich die Meldungen und die Schlagzeilen.

 

Kapitel 5 – Die finanzielle Seite des Transfers

Real Madrids Präsident Perez hielt sein Wort und der Transfer von Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin wurde Anfang Juli 2018 fixiert. Er unterschrieb einen Vertrag bis 2022. Auch wenn die Ablösezahlung vergleichsweise überschaubar und marktgerecht wirkt, ist der finanzielle Rahmen und Bedeutung dieses Transfers größer und weitreichender.

Die zwei Raten von 50 Millionen pro Jahr plus die optionalen, erfolgsabhängigen Bonuszahlungen von bis zu 12 Millionen sind selbst für einen 33-jährigen Ronaldo eine gute Investition. Diese Summen finanziert der Verein ohne Probleme selbst. Manager Giuseppe Marotta hat in den vergagenen Jahren gut gewirtschaftet, gute Transfers abgewickelt und kann zusätzlich auf hohe TV-Geld-Einnahmen, besonders aus der Champions League, zurückgreifen.

Das Netto-Gehalt von gerüchteweise 30 Millionen Euro pro Jahr liegt allerdings weit über dem Gehaltsgefüge des Clubs und wird nicht alleine durch den Spieleretat getragen. Für einen Teil des Gehalts soll die FIAT Group (namentlich Exor) aufkommen, die seit nun mehr 95 Jahren Mehrheitseigentümer des Clubs ist und mit der Angelli-Familie dem Club vorsteht. Erste Spekulationen sprechen davon, dass Ronaldo Werbeträger für die FIAT Group wird und diese sich im Gegenzug mit 30 Millionen Euro an den Vertragskosten beteiligen.

Der Transfer von Cristiano Ronaldo steht symptomatisch für die Aufbruchsstimmung im italienischen Fußball und stärkt die Marke „Juventus“. Erste Nebeneffekte waren bereits vor der offiziellen Vorstellung sichtbar und bereits vor der Bekanntgabe des Transfers absehbar: Zum einen stieg der Aktienkurs von Juventus rasant an und zum anderen nahm die Reichweite von Juventus, die Wahrnehmung und die Strahlkraft, schlagartig zu. Quasi über Nacht gewannen die Social Media Kanäle Millionen von Followern. Der Transfer war in aller Munde und überschattete medial sogar die WM.

Nicht wenige Medien berichten von einem „Sensationstransfer“. Davon dass der Wechsel eines Spielers wie Ronaldo in die Serie A ein Anschub für die Liga werden kann. Doch wie realistisch ist dies wirklich? Über die Serie A wird sicherlich vermehrt in ausländischen Medien diskutiert. In aller erster Linie wird Juventus im Fokus stehen. Der Rest der Liga muss Iniative zeigen um diesen Hype zu nutzen.

Der bislang schon große Vorsprung vor den ehemaligen Konkurenten wird noch schwerer aufzuholen. Werden ihm weitere Weltstars nach Italien folgen? Wie sehr kann Juve bei Vertragsverhandlungen mit dem Faktor Ronaldo punkten? Was dies für zukünftige Sponsoring Deals, Vertragsverhandlungen und die Kaufkraft des Vereins bedeutet, ist nur zu vermuten. Dass die Marke Juventus Turin durch Ronaldo gestärkt wird, ist jedoch bereits eingetreten.

Innerhalb weniger Stunden waren in den offiziellen Fanshops in Mailand die Trikots vergriffen und die Nachfrage ist weiterhin riesig. Der Eingangs erwähnte gestiegene Aktienkurs wirkt sich direkt auf den Wert des Vereins aus. Die Refinanzierung des Transfers, durch steigende Einnahmen in allen Bereichen, scheint nur eine Frage der Zeit.

Für die Liga ist es nur schade dass der neue, langfristige TV-Vertrag bereits in diesem Sommer verhandelt wurde. Dass bei der offiziellen Präsentation des Spielers am 16.07.2018 geschätzte 200 Medien-Teams aus 30 Ländern vor Ort waren, zeigt das internationale Interesse. All dies zeigt nur die kurzfristige Seite des Transfers, die über das Sportliche hinausgeht.

 

In der Sommervorbereitung steht eine USA-Reise auf dem Plan, inklusive Aufeinandertreffen mit Real Madrid. Zusätzlich dient man im All-Star-Game der heimischen MLS als Gegner. Beide Termine waren bereits vor dem Transfer ausgemacht. Die Nachfrage der Fans wird weltweit steigen und in Zukunft auch für Juventus eine neue, aber altbekannte, Stufe erreichen.

 

Kapitel 6 – Risiken des Wechsels

Laut Berater Mendes ist geplant, dass Ronaldo seine Karriere bei Juve beenden wird. Doch selbst wenn es nicht so kommt, falls er die Hoffnungen nicht erfüllen oder es sportlich nicht funktionieren sollte, sein Marktwert wird kaum ins Bodenlose fallen.

Auf dem asiatischen oder dem arabischen Markt, mit der chinesischen Liga oder den Scheich-Clubs, würde es sicherlich Interessenten geben – auch noch an einem 36-37 jährigen Ronaldo. Alleine aus Marketing-Gründen und finanziellem Interessen. Ein Verlustgeschäft und damit ein finanzielles Risiko scheint in Anbetracht dessen ausgeschlossen. Auch sportlich besteht wenig Grund zur Sorge. Allenfalls charakterlich könnte Cristiano Ronaldo bei Juve anecken.

Das Club-Credo von Juventus lautet: Kein Spieler ist größer als der Verein. Egal wie groß der Name und wie verdient – es gibt keinen Spieler, der größer ist als die Werte des Vereins. Dabei gilt Demut, Professionalität, Bescheidenheit, Seriosität und harte Arbeit als oberste Maxime. Ein familiäres Gebilde, das auf diesen Werten ruht.

Dass dieses Credo nicht nur vom Management und der Club-Führung, sondern auch von Trainer Allegri gepredigt und vollends praktiziert wird, müssen auch Starspieler erfahren. Der Coach achtet genau auf das Innenleben und das richtige Klima in der Kabine.


Jüngstes und berühmtestes Beispiel dafür, wie es auch laufen kann, ist Leonardo Bonucci. Dieser galt als legitimer Nachfolger von Chiellini und zukünftiger Kapitän. Er war zentraler Spieler der Abwehr und identifizierte sich stark mit dem Verein. Der Abwehrspieler galt als heißblütig, impulsiv – aber auch als angeberisch.

Als er sich bei einem Ligaspiel nicht mehr die Spielregeln von Allegri halten wollte, wurde er ausgewechselt. Bonucci reagierte noch lautstark und gestenreich an der Seitenlinie. Daraufhin setzte Allegri ein Zeichen und verbannte Bonucci im Achtelfinale der Champions League auf die Bank.

Man vermutete zwar, dass danach der Burgfrieden wiederhergestellt war, doch nach anhaltenden Reibereien der Egos, kam es dann zu einer handfesten Auseinandersetzung in die auch Dani Alves involviert war. Dani Alves und Bonucci gingen sich im wahrsten Sinne des Wortes an die Kehle – vor dem Champions League Finale. Juve verlor das Finale mit 4:1 – ausgerechnet gegen Real Madrid mit Ronaldo. Mister Allegri griff durch. Nach außen drang davon jedoch erst später etwas.

Am Saisonende wechselte Alves bereits nach einem Jahr ablösefrei nach Paris und Bonucci in einem überraschenden Transfer für eine unterdurchschnittliche Summe zum AC Milan. Einem Interview mit Mario Mandzukic zu Folge war dies im Sinne der Teamchemie unabdingbar. Bonuccis Ego galt als nicht pflegeleicht und Dani Alves als Störenfried, dem das eigene Wohl über dem des Vereins stand.

Diesen Bogen muss man spannen, um zu verstehen, wie konsequent und tief die Werte verwurzelt sind und woran auch ein Ronaldo sich halten muss.


Spätestens im August, wenn das Team sich zum historischen Termin in Villar Perosa (Geburtsort von FIAT-Gründer Agnelli) in der Casa Agnelli einfindet, wird Erbe und Präsident Andrea Agnelli Ronaldo und den Rest der Mannschaft erneut an diese Werte erinnern und auf die Zukunft einschwören.

Inwiefern Cristiano Ronaldo dies mit sich als Eigenmarke und seiner inszenierten Persönlichkeit vereinbaren wird, scheint derzeit das größte Fragezeichen zu sein. Doch Ronaldo wird fürstlich entlohnt und kommt mit entsprechend großen Erwartungen in Turin an. Dass man sich vorher nicht über die Spielregeln unterhalten hat, scheint unrealistisch.

Klar ist, dass Juve ein Transferfenster-Drama und Dauer-Spiele des Beraters nicht gerne sehen wird. Paul Pogba und Mino Raiola können ein Lied davon singen.

 

Kapitel 7 – Aus sportlicher Sicht…

Dass die Frage nach der sportlichen Seite des Ronaldo Wechsels sich eher auf den hinteren Plätzen stellt, ist dem Naturell und Charakter des Spielers geschuldet. Fragen über seinen Fitness-Zustand, seiner mentalen Stärke, seiner Erfahrung oder taktischem Verständnis verbieten sich gerade zu.

Cristiano Ronaldo hat die vergangenen 9 Jahre in Madrid dominiert und die spanische Liga, gemeinsam mit Messi, geprägt und unzählige Rekorde gebrochen oder aufgestellt. Nun peilt er Bestleistungen in einer neuen Liga an. Seine Motivation hat er in seiner ersten Presse-Konferenz selbst geäußert: Er möchte seine Spuren bei Juventus hinterlassen.

Doch auf welcher Position? Bei Real spielte er lange auf dem Flügel ehe er zuletzt mehr in die Sturmzentrale eingesetzt wurde. Teilweise war dies eine Systemfrage und taktische Entscheidung von Zidane, anderseits hat sich das Profil von Ronaldo als Torjäger geschärft. Unbestritten scheint, dass er selbst mit 33 Jahren noch genug Dynamik für das Flügelspiel entfalten könnte. Seine Durchschlagskraft in der Rolle des Zielspielers war zuletzt jedoch wertvoller einzuschätzen.

Eine ähnliche Rolle spielt er in der Nationalmannschaft seit einigen Jahren und wurde dort 2016 Europameister. Diese Rolle könnte er auch bei Juventus einnehmen. Mit Dybala, Cuadrado, Costa und auch Bernardeschi stehen derzeit genügend Spieler im Kader, die mit Tempo und Technik aus den Halbpositionen hinter der Spitze in die Spitze stoßen oder den Flügel bearbeiten. Auch Mario Mandzukic hat sich auf der linken Außenbahn bewiesen.

In der Sturmspitze war in den vergangenen 2 Jahren Higuain gesetzt. Wirklich unzufrieden ist man mit diesem nicht. Im Gegenteil. Dennoch zweifelt man etwas daran, ob alleine mit Higuain im Sturm das große Ziel, Champions League Sieg, realisieren kann.

Ronaldo bietet hier ein Upgrade und dem Vernehmen nach versteht Higuain dies und wird sich einen neuen Verein suchen. Offiziell wird das so nicht kommuniziert. Und vom Hof wird man tradionell bei Juventus auch niemanden jagen. Komplett auszuschließen ist ein Verbleib vom Argentinier deshalb nicht, möchte dieser sich dem Konkurenzkampf stellen und jedmögliche Rolle annehmen.

Die fehlende Tiefe in der Sturmspitze wäre einer der wenigen Kritikpunkte an der Kaderzusammenstellung, falls man sich erneut dafür entscheidet mit nur einer Nummer 9 in die Saison zu gehen – auch wenn diese Cristiano Ronaldo heißt. So kursierte bereits länger das Gerücht, dass man ursprünglich Alvaro Morata zurückholen wolle – zusätzlich zu Higuain.

 

Kapitel 8 – Seine Aufgabe innerhalb der Mannschaft

Der offiziellen Bestätigung folgten umgehend die Reaktionen von Mitspielern aus der ganzen Welt. Von Emre Can, über Paulo Dybala oder Sami Khedira, der mit ihm bereits bei Real Madrid zusammengespielt hat, bis zu Ex-Legenden wie Del Piero. Alle hießen Ronaldo willkommen, man beglückwünschte sich gegenseitig und zeigte sich hocherfreut über den Neuzugang.

Die Ankunft von Ronaldo löste nicht nur bei Fans, Medien und Sponsoren freudige Reaktionen aus, sondern bringt auch einen positiven Schwung in die Mannschaft. Der Transfersommer von Juventus gestaltet sich dieses Jahr sehr aktiv. Mit Perin, Caldara, Cancelo und Emre Can hat man für die meisten Mannschaftsteile Neuzugänge verpflichtet, die dabei helfen sollen den Hunger auf weitere nationale Titel zu erhalten und dem Henkelpott näherzukommen.

Ronaldo wird für die Spieler ein Vorbild in Sachen Trainingseifer und Professionalität sein. Sein Siegeswille soll den unerfahreneren Spielern Antrieb geben und den Hunger der älteren Mitspieler hochhalten. Nicht weniger wird von ihm neben dem Platz erwartet. Ähnlich wie es auch bei Real Madrid war.

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Christian
Written by Christian
Mit 2 Herzen in der Brust, vergeben an Eintracht Frankfurt und Juventus, aber 2 offenen Augen für jede Partie. Mit Liebe für die Bundesliga und den Calcio. Seit Kindestagen verrückt nach Fußball und auch in anderen Sportarten zu Hause.