Daniel Sturridge: Let’s Dance again

Sturridge
Ob mit dem Kopf, mit dem linken oder mit dem rechten Fuß, aus der Distanz, nach einem Patzer der Hintermannschaft oder in typischer Stürmermanier: der Jubel ändert sich nicht. Daniel Sturridge steht nach einem Treffer breitbeinig vor den Zuschauern und fängt in seiner unwiderstehlichen Art an zu tanzen. Die Hüfte vibriert, die Arme zucken im Takt und die Zunge des mittlerweile 26-Jährigen liegt schelmenhaft auf seiner Unterlippe.

Nach seiner Showeinlage ziert immer wieder ein großes Lächeln das Gesicht von „DS15“. Es ist die pure Freude, die Anhängern des Liverpool Football Club nicht nur fußballerisch in Ekstase zu versetzen. „Es ist eigentlich ganz einfach, warum ich diesen Jubel mache“, erklärt Sturridge gegenüber der BBC. „Früher war es einfach das Coolste, sich das Trikot über den Kopf zu ziehen, aber dafür gibt es mittlerweile die gelbe Karte. So habe ich mir das halt ausgedacht, weil ich meinem Team helfen und nicht schaden möchte.“

Dieser Tanz, wie er nachfolgend in einer großartigen Vielfalt betrachtet werden kann, ist das Markenzeichen von Sturridge. Ein Markenzeichen, das verblasst; ein Markenzeichen, das in Vergessenheit gerät, weil es keine aktuelle Bedeutung mehr besitzt. Daniel „DS15“ Sturridge tanzt nicht mehr. Der traurige Blick auf eine fragwürdige Krankenakte.

Back in 2014

Im Mai jährt es sich zum zweiten Mal, die beinahe Meisterschaft des LFC. Das Team aus der Beatles-Stadt ist in der Saison 2013/2014 das erfrischenste. Es dominiert mit Vollgasfußball und zelebriert phasenweise eine unglaubliche Leichtigkeit – allen voran durch ein spezielles Sturmduo: Sturridge und Luis Suarez, Suarez und Sturridge – oder kurz: „SAS“.

Obwohl immer wieder Gerüchte durch die Gazetten geistern, dass sich die beiden Vollblutangreifer abseits des Platzes nie gemeinsam einen Tee am Hafen Liverpools genehmen würden, harmonieren sie auf dem Platz umso besser. 53-mal landet die Kugel nach einem Abschluss der beiden in den Maschen der Gegner – und das nur in der Premier League!

Während der geplatzte Titeltraum und eine Millionenofferte Suarez gen Katalonien umsiedeln lassen, ist der Weg frei für Sturridge. Er steht mit „nur“ 22 Toren im Schatten seines „bissigen“ Ex-Kollegen, aber nun thront er an der Spitze der Nahrungskette. Der mittlerweile geschiedene Coach Brendan Rodgers sieht im englischen Nationalspieler seinen neuen Fixpunkt in der Offensive, wie er The Independent bescheinigt: „Ich brauche einen Top-Spieler mit einer Top-Mentalität. Ich habe mit Daniel gesprochen und ihm klar gemacht, wie wichtig er für das Team ist. Mein Vertrauen hat sich in seinen Leistungen widergespiegelt: Er hat in 50 Spielen 36 Tore geschossen.“

Der Anfang vom Ende

Aber dazu soll es nicht kommen. All die Hoffnungen, die nach dem Weggang des Enfant terrible Suarez in Sturridge gelegt und gehegt werden, zerschellen; fast schon so krass und unwiderruflich wie ein Glas, das nach einem knallharten Aufprall in tausend Stücke zerspringt. Die Leidensgeschichte avanciert zu einer Farce, die mehr Fragezeichen als Arztbesuche vorzuweisen hat.

Zuerst ist es eine Oberschenkelzerrung, die ihn zu einer nominellen Pause von zwei Wochen zwingt. Soweit nichts Ungewöhnliches im Profifußball. Aber aus dieser eigentlich banalen Verletzung werden fast drei Monate. Einige Experten zweifeln bereits an dieser scheinheiligen Erklärung. Insider behaupten, die Rekonvaleszenz habe unter zu hoher Belastung stattgefunden, aber eine endgültige Antwort bleibt der Verein in dieser Personalie erstmals schuldig.

Um die Gemüter der für gewöhnlich aufgeriebenen Reds zu beschwichtigen, verkünden Vorstand und Spieler die vorzeitige Vertragsverlängerung. „Es ist ein großer, großer Tag in meinem Leben, diesem Klub meine besten Jahre zu geben, die vor mir liegen“, lächelt Sturridge in die Kameras und ergänzt: „Es war eine einfache Entscheidung.“ Bei 7.800.000 Pfund ist die Leichtigkeit dieses Beschlusses wohl selbstverständlich wie logisch.

Anstatt mit Leistungen beziehungsweise Nüssen das hochdotierte Vertrauen zurückzuzahlen, geht die Misere weiter. Die Zerrung entwickelt sich nun auch offiziell zu einer wahrhaftigen Blessur – Pause bis Ende Januar 2015.

Kurzes Erwachen

Mit dem letzten Tag des Jänner startet dann doch die Comeback-Tour, und der agile Angreifer besiegelt gegen West Ham United nach seiner Einwechslung den 2:0-Sieg. Der rote Klub von der Merseyside schwelgt bereits in sehnsüchtigen Erwartungen. Vielleicht gelingt mit einer fabelhaften Halbserie doch noch ein Coup – ob Liga oder Pokal, das ist egal.

Aber Sturridge wirkt gehemmt. In vielen Situationen geht ihm die Spritzigkeit, die er für seine schnellen Bewegungen und Dribblings unbedingt benötigt, ab. Bringt Rodgers seinen Kronprinzen zu früh? Drängt der Stürmer auf seine Rückkehr? Da scheiden sich die Geister. Ebenso an seinem Impact.

In einer schwierigen Phase – das schwierig bezieht sich diesmal im Wortsinn auf das Programm – wird er nicht zum Gamechanger. Sein essentieller Antritt vom Flügel, die flinke Auftaktbewegung oder der eiskalte Abschluss in der Box. Nichts gelingt ihm. Die Anwesenheit wirkt eher wie ein belastender Stein, der die Liver birds runterzieht.

Hips don’t lie

Anfang April bleibt er nach dem Pausenpfiff in der Kabine. Der Gastauftritt im Emirates wird zu einer Lehrstunde, als Arsenal Liverpool mit 4:1 abfertigt. Unterdessen kursieren bereits erste Meldungen, dass „DS15“ sich ernster verletzt haben könnte. „Ich kann nichts genaues sagen“, entgegnet Rodgers den Medien, deren Fragen bezüglich seines Angreifers ihn ab und an aus seiner fast schon neurotischen Gelassenheit befördern.

Diesmal ist es die Hüfte, und die Tragödie des Daniel S. erreicht die nächste Dimension. Es vergehen wieder Tage, bis mehr und mehr Informationen an das Tageslicht kommen. Ende des Monats wirkt Nordire Rodgers ratlos: „Ich bin mir zu diesem Zeitpunkt wirklich unsicher.“ Unsicher. Eine Woche nach dieser Aussage liegt Sturridge auf dem OP-Tisch. Die Spielzeit ist beendet, der kommende Start gefährdet.

Zum Zeitpunkt des Trainingslager 2015 kommt gar raus, dass die Hüftprobleme nicht aus dem Arsenal-Match resultieren. Sturridge habe bereits Wochen zuvor über Beschwerden beklagt. Die Reaktion aus dem Umfeld des Traditionsvereins müssen an dieser Stelle sicherlich nicht erwähnt werden.

Messias ohne Antwort

Der Tag der sportlichen Wiedergeburt wird verschoben. Mehrfach. Im September reicht es für drei Einsätze. Gegen Norwich 60 Minuten, gegen Aston Villa und Everton über die volle Distanz. Rodgers geht auf das Ganze, obgleich er ahnen muss, dass der geschundene Körper seiner letzten Hoffnung nicht auf Wettkampfformat getrimmt ist.

Nach dem Derby gegen den Stadtnachbar heuert Jürgen Klopp an. Der finale Schuss Rodgers verfehlt seine Wirkung – im Gegenteil. Diesmal ist es ein Ödem im Knie und die variable Offensivkraft, die gegenwärtig auf Portalen als „ehemaliger Nationalspieler“ gelistet wird, verpasst die Ankunft des Messias. Aber Klopp weiß Bescheid und ordnet die Situation ein: „Wir brauchen Daniel für unsere Spielweise. Ich vertraue ihm zu 100 Prozent. (…) Er bekommt die Zeit, um fit zu werden.“

Anders als sein Vorgänger baut der Deutsche den „Glaskörper“ im Liverpooler Kader behutsam auf. Zwischen November und Dezember steht der zwischenzeitlich genesene Sturridge dreimal im Kader und wird für zwei Kurzeinsätze gebracht. Zunächst sieht es endlich so aus, als hätte der Trainer, dem gefühlt der Weltfrieden zugetraut wird, selbst den widerspenstigsten Verletzungsteufel besiegt.

Nein. „Hamstring“. Ein Wort, das die ersten drei Monate von Klopp beherrscht. Ein Gros seiner Truppe fällt mit Oberschenkelläsionen aus – selbstverständlich auch der Pechvogel in Person, der in fünf Auftritten immerhin zweimal eingenetzt hat.

Verhindert Gott die Erlösung?

Als die erneute (eine Steigerung lauert irgendwie in den Tiefen der Grauenzellen) Pause die Sechs-Wochen-Marke durchbricht, melden sich wieder die Skeptiker zu Wort. Zunächst äußert sich Didi Hamann, einer der Säulen des Istanbul-Märchen 2005, mehr als fragwürdig: „Der Verein und Jürgen Klopp sollen den Fans endlich sagen, was Sache ist. Die Leute zahlen einen Haufen Geld, um sich Tickets zu besorgen, daher verdienen sie die Wahrheit über Daniel Sturridge. Sie sollen aufhören, ihn zu beschützen!“

Harter Tobak. Dass die zahlreichen Blessuren nicht immer der tatsächlichen Ausfalldauer entsprochen haben, liegt auf der Hand. Aber was hat die „einstige“ Zuversicht der Briten wirklich? Rund um das Carling-Cup-Halbfinale bei Stoke City verbreitet sich ein WhatsApp-Chatverlauf durch die sozialen Medien und die Sportpresse, dessen Wahrheitsgehalt nachweißlich nicht geklärt werden kann.

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Demnach leide die extrovertierte Sturmspitze an einem psychischen Problem, einem inneren Konflikt. Er könne nicht wieder mit dem Fußballspielen beginnen, weil er ansonsten mit Gott brechen würde. Hinweise auf seine gelebte Religiosität gibt es immer wieder auf Instagram: Unter zahlreichen Bildern bedankt sich Sturridge für die Kraft, die er von Gott erhält und die er benötigt, um wieder zurück auf das Feld zu kommen.

Ein Zwiespalt. Wahrhaftig! Die Pessimisten der Krankenakte des Kickers werden durch diese ominöse Nachricht logischerweise befeuert. On top verzichtet er angeblich auf Therapien, die ihm der Verein verordnet. Diese bizarren Gerüchte rücken den Fall noch tiefer in ein dubioses Licht, weshalb die Vertragsauflösung gar ein Thema sei.

Hörensagen. Gemunkel. Fehlende Tatsachen. Mangelhafte Statements. Diagnose aus der Distanz? Schwierig bis unmöglich. Einzig die Aufforderung Hamanns passt in den Kontext des Screenshots.

Let’s Dance again!

Seit dem Abgang von Luis Suarez beläuft sich die Fehlzeit von Daniel Sturridge laut Transfermarkt.de auf mindestens 330 Tage. Fragen und Unverständnis überwiegen, die Hoffnungen auf einen der besten Spieler des Landes grenzt am Existenzminimum. Fans und Anhänger reagieren genervt oder stöhnen, wenn sie auf die Fehlzeit(en) respektive die Erwartungen angesprochen werden.

„Wir müssen geduldig sein. Das ist nicht meine beste Eigenschaft, um ehrlich zu sein“, gibt Jürgen Klopp zu. In seinen Aussagen räkelt sich jedoch ein kleiner Sprössling empor, der die Mauer der Unglaubens tatsächlich durchbrechen könnte. Er plant fest mit ihm. „Zehn bis zwölf Tage“, zitiert Eurosport den Coach, „dann baue ich wieder auf ihn. Sie [die Spieler] haben schon genügend Druck, wir müssen den nicht noch erhöhen.“

Soso. Tatsächlich scheint das Licht am Ende des Tunnels Realität zu werden. Aber viel Zeit erhält der Angreifer diesmal, bis das nächste Mal der Muskel zuckt? Unter Klopp ist jedenfalls davon auszugehen, dass die Vorbereitung auf die intensive Belastung voller Rücksicht und Sorgfalt erfolgt. Er benötigt Sturridge händeringend, da Christian Benteke in seinen Planungen, in seinem Konzept nicht der Schlüssel zum Triumph zu sein scheint.

Für das aktuelle Pressingfieber, die liebe für das Umschaltspiel und die schnellen Tempogegenstöße ist ein fitter Sturridge ein veritable Option, wenn nicht sogar der fehlende – nicht belastende! – Stein im Mosaik. Spätestens wenn er vor dem Publikum breitbeinig auftaucht, seine Hüfte vibriert und die Arme zucken, weiß Klopp, dass „DS15“ die Lösung und nicht das Problem ist. Aber der Weg ist lang. Sehr lang.

Alle, die vergessen haben, wie gefährlich ein Daniel Sturridge in Topform ist, sollten sich dieses Video als Dessert durchaus gönnen:

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