Der Fußball ist nicht immer fair. Er verbindet Menschen genauso, wie er sie trennt. Er lässt uns jubeln, er lässt uns aber auch in tiefer Enttäuschung zurück. Häufig sind beide Gegensätze in den 90 Minuten eines Fußballspiels zu sehen.

Ganz verrückt wird es, wenn beide Fanlager diese Extreme in einem Spiel durchleben müssen. Und dann gibt es da noch dieses Champions League Halbfinale in der Saison 2018/2019.

Die Johan-Cruyff-Arena brannte – sprichwörtlich. Ganz Amsterdam hatte sich auf ein historisches Spiel eingeschworen. David gegen Goliath, Philosophie gegen TV-Gelder, Ajax Amsterdam gegen Tottenham Hotspur.

Natürlich, auch in den Niederlanden spielt man nicht für Luft und Liebe. Natürlich beugt sich auch Ajax Amsterdam den Regeln des Geschäfts und bedient sich bei der Konkurrenz im eigenen Land.

Natürlich wird auch diese Mannschaft nach dieser Saison auseinanderbrechen. Allerdings ist es hier vielmehr die Art und Weise, die nicht nur unser kleines Nachbarland, sondern den ganzen Kontinent begeistert hat.

Die Enkelsöhne von Johan Cruyff

Vier Minuten sind in diesem historischen Spiel gegen Tottenham Hotspur gespielt. Angetrieben von einer elektrisierenden Atmosphäre im Stadion schlägt Lasse Schöne den ersten Eckball der Partie.

Im Strafraum reißt sich der 19-jährige Matthijs De Ligt von seinem Bewacher Kieran Trippier los, gewinnt das Kopfballduell gegen Dele Alli und wuchtet den Ball per Kopf ins Netz. Mut, Wucht, Wille.

Ein Tor, das De Ligt nicht besser beschreiben könnte. Seit seinem neunten Lebensjahr spielt De Ligt für Ajax. Mit 17 Stand er als Vorsänger auf dem Platz vor der Kurve, mit 19 führt er seine Farben als Kapitän im Champions League Halbfinale aufs Feld.

Es ist eine Geschichte, die für eine ganze Mannschaft bezeichnend ist. Ajax ist jung, Ajax spielt Fußball. Was in dieser Saison auf dem Rasen stand, waren mehr als die Erben von Johan Cruyff – sie waren quasi seine Enkelsöhne.



Genau 24 Jahre alt ist der Kader von Ajax in dieser Saison im Schnitt. Dort vereinen sich Youngster wie De Ligt, De Jong oder Onana mit Routiniers wie Klaas-Jan Huntelaar oder Daley Blind.

Alle scheint unter der Feder von Erik Ten Haag eines zu verbinden: die Lust am schönen Spiel.

Egal, wer ihnen jenseits der Mittellinie gegenübersteht. Ajax will den Ball. Egal, wie hoch dieser Gegner presst. Ajax möchte Fußball spielen. Egal, wie bissig der Kontrahent im Zweikampf zur Sache geht. Ajax holt den Ball, Ajax spielt weiter.

Immer wieder schaffte es diese junge Truppe, selbst erfahrene, mit Stars gespickte Mannschaften wie Juventus Turin im Pressing wie eine Schülermannschaft aussehen zu lassen. Pass, Pass, Pass.

Von Torhüter Andre Onana aus beginnt das traumwandlerische Gemälde, was Ten Haag den Spielaufbau nennt. Landet der Ball dann doch mal beim Gegner, arbeitet dieses Team weiter zusammen.

Das Spiel wird zur Treibjagd, in der zehn hungrige Fußballer nur ein Ziel kennen: dieses runde, in der Champions League orangefarbene Leder mit den Sternen drauf.

 

Lucas Moura trifft mitten ins Herz

Doch wie jede gute Geschichte hat auch die von Ajax Amsterdam ihre Schattenseiten. Dramaturgisch fährt der Club seit Wochen zweigleisig. Champions League Halbfinale auf der einen, das baldige Ende dieser Mannschaft auf der anderen Seite.

Es ist ein Sterben auf Raten, was die Truppe von Erik Ten Haag in den letzten Wochen dieser Saison begleitet. Es gibt kaum einen der jungen Stars in der Mannschaft von Ajax, der nicht bereits in Transfergerüchte verwickelt wurde.

Neres, Van De Beek, De Ligt, Onana – alle werden sie von den Gazetten des Kontinents bereits zu den zahlreichen Topclubs geschrieben. Kaum einer glaubt, dass diese Truppe in den nächsten Jahren auch nur annähernd in der gleichen Konstellation zusammenspielen wird.

Gleichzeitig standen diese jungen Männer auch vor dem größten Triumph der letzten dreißig Jahre. Das Triple in Reichweite, der Abgang vor Augen.

Es wirkt wie ein allerletztes, groß gefeiertes Klassentreffen, bevor jeder seiner Wege geht. Es war quasi die große Abschlussfeier von Ajax Amsterdam, die am Abend in der Johan-Cruyff-Arena gefeiert wurde.

Lange sieht es so aus, als würde es eine Neuauflage dieser Party geben, als würde die Klasse nochmal gemeinsam zur Abschlussfahrt nach Madrid fahren.

Nach dem wuchtigen Tor von De Ligt trifft auch noch Ziyech in der 35. Minute zum 2:0, die Party kann beginnen. Noch in der Pause singt das ganze Stadion, nach guter alter Ajax-Tradition, den Hit „Three little birds“ – alles wird schon irgendwie gut werden.

Und dann kam Lucas Moura.

Zwei schnelle Treffer und die Gastgeber beginnen zu taumeln. Plötzlich sind es die Gegner, die von der Emotion getragen durchs Stadion fliegen. Goliath hatte zwei Wirkungstreffer gelandet. Doch auch in dieser Situation wollte sich Ajax treu bleiben.

Immer wieder suchten sie mit ihrem Flachpassspiel nach Entlastung, der einfache Fußball war plötzlich unglaublich schwer. In der 82. Minute hatte das Stadion nochmal den Torschrei auf den Lippen, als Hakim Ziyech nur den Pfosten traf.

„Unter Climax machen wir es hier nicht!“, kommentierte DAZN-Reporter Uli Hebel die letzten Minuten. Dieser traurige Höhepunkt sollte dann tatsächlich noch folgen.

Es läuft die 95. Minute der Nachspielzeit. Fernando Llorente ist erneut das Ziel eines hohen Balles, den er mit der Brust ablegt. Dele Alli wartet genau darauf und kommt ungestört am Strafraum an das Spielgerät, weil Nicolás Tagliafico ausrutscht.

Lucas Moura startet, Alli steckt durch. Matthijs De Ligt versucht mit dem langen Bein an den Ball zu kommen. Gerade de Ligt, dem in dieser Saison scheinbar alles gelang, der gefühlt den halben Platz abdecken konnte – sein langes Bein war nicht lange genug.

Der Ball schlägt im Netz ein. Ajax Amsterdam war damit ungefähr eine Sekunde und zehn Zentimeter Beinlänge ihres Kapitäns vom Finale entfernt.

Nach dem Spiel zeigt sich die ganze Dramatik dieses Sports. Während Spurs-Coach Mauricio Pochettino vor Freude weinend auf dem Rasen kniet, steht sein Gegenüber Erik Ten Haag konsterniert an der Seitenlinie.

Sein Blick schweift über seine junge Mannschaft. Er weiß, dass diese Truppe wohl nie wieder in dieser Konstellation zusammen Fußball spielen wird. Die Geschichte dieser Mannschaft von Ajax Amsterdam sollte an diesem Punkt enden.

Dennoch kann Erik Ten Haag stolz auf seine Mannen sein. Ajax hat Europa daran erinnert, wie schön und schrecklich zugleich der Fußball sein kann. Seine Mannschaft hat das Erbe von Johan Cruyff forgeführt, oder wie es Kommentator Uli Hebel in der zweiten Halbzeit treffend beschrieben hatte:

„Wenn es sowas wie einen Himmel gibt – Johan Cruyff wäre stolz.“

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Oliver Gewald
Written by Oliver Gewald
Kreisligacoach, der auf Taktiktrends aus der ganzen Welt steht. "Mike Hanke Fußballgott!"