Japans Profifußball startete im März 1993 in seine erste Spielzeit mit 10 Mannschaften aus ganz Japan. Zwei dieser Teams fanden ihre Heimat in der Hafenstadt Yokohama. Das erste japanische Derby blickte aber nur auf eine kurze Geschichte, die am 29. Oktober 1998 ihr Ende fand.

Es war am Neujahrstag 1999. Nach einer auslaugenden Saison lief es für die Mannschaft, genau genommen für den gesamten Verein und seine Fans, nur noch auf diesen einen Tag hinaus. Nach 34 Ligaspielen schaute man in der Jahrestabelle auf einen enttäuschenden achten Platz.

Im Ligapokal, der noch vor der Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, war nach vier Gruppenspielen mit nur einem Sieg ebenfalls Schluss. Es blieb der Mannschaft nur noch dieses eine Turnier; nur noch dieses Finale, um den Fans etwas Historisches mitgeben zu können. Etwas, auf das sie den Rest ihres Lebens zurückblicken würden.

Es war nicht nur das Finale in Japans traditionsreichem Kaiserpokal, sondern es stand mit den Yokohama Flügels auch nicht irgendein Verein in diesem Endspiel. Für die Flügels war es nicht nur das letzte Spiel dieser Saison, sondern das letzte Spiel für alle Zeiten.

Ein Mannschaftsfoto der Yokohama Flügels unbekannten Datums aus dem Jahr 1995 oder 1996.

 

Die Gründung der Japan Soccer League

Japan ist keine klassische Fußballnation, weswegen einige Entwicklungen im Weltfußball den Inselstaat mit etwas Verzögerung erreichten. Mit der Japan Soccer League (JSL) wurde 1965 zwar die erste nationale Meisterschaft eingeführt, doch war der Zuspruch mit 7.491 Zuschauern pro Spiel (1968) eher gering.

Die Teams selbst waren Werksmannschaften japanischer Großunternehmen und in ihrem Wirkbetrieb von ihren jeweiligen Mutterkonzernen abhängig – somit als Amateurmannschaften zu bewerten.

Größere Begeisterung erfuhr hingegen die japanische Nationalmannschaft, die mit Unterstützung des deutschen Fußballtrainers Dettmar Cramer in den olympischen Spielen 1968 die erste Medaille dieser jungen Fußballnation gewann.

Am 26. Oktober 1985 erlitt Japan bei der WM-Qualifikation gegen Südkorea zwar eine Niederlage, allerdings war es das erste Mal, dass das Team vor einem ausverkauften Haus im 57.363 fassenden Nationalstadion Kokuritsu in Tokio spielte.

Der japanische Fußballverband (JFA) erkannte, dass ein Zuschauerpotenzial im Land bestand und vergab ab 1986 Sonderlizenzen unter denen die ersten Profispieler im Land verpflichtet werden durften. Ein Jahr später standen bereits 57 Profispieler in der Japan Soccer League unter Vertrag

Im Jahr 1988 begannen Überlegungen den nächsten Schritt zu gehen und Japans Fußball zu professionalisieren. Zur Teilnahme an der neuen Profiliga J. League verlangte die JFA von den Vereinen die Firmengebundenheit abzulegen und die Teams stattdessen einer Heimatstadt zuzuordnen.

Anders als der professionelle Baseball versuchte der Fußballverband den Sport auch außerhalb der Ballungsräume den Sport zu etablieren und so neue Zuschauer anzusprechen.

Bereits im Juni 1990 bekundeten insgesamt 20 Organisationen ihr Interesse an einer Teilnahme zur ersten Spielzeit in der J.League, im Februar 1991 wurden allerdings nur 10 Teams zugelassen. Es handelte sich um acht Vereine der JSL Division 1, einen Vertreter der JSL Division 2 und das neu gegründete All-Star-Team der fußballverrückten Präfektur Shizuoka.

Yokohama Marinos‘ Ramon Angeld Díaz (1993 o. 1994)

Yokohama Flügels‘ Carlos Eduardo Marangon (1993 o. 1994)

 

Die Werksteams aus Yokohama

Zwei dieser Teams hatten ihre Heimat in der Hafenstadt Yokohama und bildeten – gewollt oder nicht – das erste Derby des japanischen Profifußballs. Die Yokohama Marinos, als ehemalige Werksmannschaft des Automobilherstellers Nissan, und die Yokohama Flügels, als Werksmannschaft der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA), teilten sich nicht nur die Heimatstadt, sondern auch das Heimstadion im Mitsuzawa Park östlich des Stadtzentrums.

Mit der Professionalisierung öffnete sich Japan verstärkt ausländischen Profispielern und die Mannschaften in Japan rüsteten mit namenhaften Transfers aus aller Welt auf.

Für die Marinos spielten in der Premierensaison die drei Argentinier Gustavo Zapata, der Ende 1993 von River Plate kam, David Bisconti und der in der Serie A bekannte Ramon Angel Diaz der vom Club Atlético River Plate in den Fernen Osten wechselte.

Die Yokohama Flügels versuchten entsprechend ihrer Namensgebung einigen deutschen Profis den Wechsel nach Japan schmackhaft zu machen, am Ende waren es jedoch ebenfalls namenhafte Südamerikaner, die zum Verein stießen.

Zum einen kehrte Linksverteidiger Fernando Moner von Atletico Madrid nach Japan zurück und Aldrovani Menon sowie der ehemalige Barca-Spieler Raul Amarilla stießen im Sommertransferfenster 1993 zum Team. Um sich doch noch ein wenig deutschen Esprit zu geben, gelang den Flügels doch noch ein Coup und man verpflichtete einen deutschen Co-Trainer.


Gert Engels wechselte 1990 als Spieler der SG Düren 99 zum Aseno Sports Club, der im gleichen Jahr von Werksarbeitern eines Lebensmittelproduzenten in Tsuchiura, Präfektur Ibaraki gegründet worden ist.

Für 15 Monate spielte der 34-jährige bei Aseno, bis er seine erste Trainerstelle an einer japanischen High-School annahm und sich entschloss in Deutschland eine Ausbildung zum Fußballlehrer zu machen.

Er sollte in der Folgezeit als Co-Trainer der Flügels auf deutsche Nationalspieler wie Pierre Littbarski, Frank Ordenewitz (JEF United Ichihara), Guido Buchwald und Uwe Bein (Urawa Red Diamonds) treffen, die wiederum als Spieler den Weg in Japans junger Profiliga gingen.

 

Das allererste Yokohama-Derby

Bevor die J. League aber in ihre erste Spielzeit startete, wurde zunächst der Ligapokal im Herbst 1992 landesweit ausgespielt.  Das erste Derby in der Stadt Yokohama fand somit erst am 9. Spieltag der Saison 1993, am 12. Juni vor 11.734 Zuschauern statt. Einen wirklichen Favoriten in der Zuschauergunst gab es zunächst nicht.

Das erste Derby zwischen den Yokohama Marinos und Yokohama Flügels. 

Die Marinos präsentierten sich im Vergleich zu den Flügels nicht als wettbewerbsfähiger, doch mit durchschnittlich 15.000 bis 16.000 Zuschauern hatten beide Vereine das Nachsehen gegenüber dem in direkter Nachbarschaft liegenden Ligaprimus Verdy Kawasaki.

Nicht nur sahen sich durchschnittlich über 25.000 Zuschauern die Spiele der “Grünen” an, auch gewann der selbst ernannte FC Nippon die ersten beiden Meisterschaften und Ligapokals von 1992 bis 1994.

Die Dominanz Verdys endete aber im traditionsreichen Kaiserpokal. In den Ausgaben 71 und 72 ging die Trophäe in die Hafenstadt Yokohama, wo sich 1992 die Marinos gegen jenes Verdy im Finale durchsetzen konnten.

Die Flügels schlugen hingegen ein Jahr später Verdy im Viertelfinale, um daraufhin ebenfalls den Titel zu holen. Übertroffen wurde der nationale Pokalsieg der Flügels in der folgenden Saison im asiatischen Pokal der Pokalsieger.  Den Titel gewannen die Flügels als zweites japanisches Team überhaupt – nach den Marinos.

Die Flügels feierten einige Titel in ihrem kurzen Bestehen – die japanische Meisterschaft gewannen sie allerdings nie.

Durch den Erfolg des Teams euphorisiert, stieg die Zuschauerzahl der Flügels zur Saison 1994 auf durchschnittlich über 19.000 Zuschauer pro Spiel und man hätte meinen können, dass Yokohama mit den Flügels dauerhaft ein starkes Team stellen könnte. Doch auf nationaler Ebene lief es für die Flügels nur mäßig gut.

Die J. League selbst war noch in der Findungsphase und neben unterschiedlichen Punktesystemen wurde auch mit Wettbewerbsformen experimentiert.

Begann die J. League noch mit einer Hin- und Rückrundenmeisterschaft und anschließenden Playoffs, probierte der Ligaverband 1996 zum ersten Mal eine eingleisige Liga aus. Nur, um dann doch wieder zum alten System zurückzukehren. Durch Hin- und Rückspiele, Pokalwettbewerbe und die stetige Aufstockung der Liga, ist es noch heute in Japan nicht unüblich, dass etliche englische (beziehungsweise japanische) Wochen in Fernost gespielt werden.

So ergibt sich für die Bewertung der Spielzeiten eine Problematik, die man aus Europas Ligen gar nicht kennt: Durch die nötige Meisterschaft in einer von beiden Runden, fokussierten sich manche Teams, um im Finale stehen zu können. Die Abschlusstabelle des Jahres ergab sich durch eine Zusammenlegung beider Runden, wobei der Finalist auf Platz zwei vorgeschoben wurde.

Für die Teams aus Yokohama gab es bisweilen durchschnittliche Ergebnisse, wobei die Marinos immerhin einen Meistertitel in der Saison 1995 gegen Verdy Kawasaki einfuhren, das nach anfänglicher Dominanz nur noch ein Schatten seiner selbst war.

Anders die Yokohama Marinos, die 1995 ihre erste nationale Meisterschaft gewinnen konnten.

Die Flügels landeten in der errechneten Gesamttabelle 1993 auf dem sechsten Platz, 1994 auf dem siebten Platz und 1995 sogar nur auf dem 13. Platz. Erst nach dem Titel im asiatischen Pokal der Pokalsieger gegen Al-Shaab (VAE) und im asiatischen Superpokal gegen den inzwischen aufgelösten Thai Farmers Bank FC stabilisierten sich die Flügels im nationalen Wettbewerb.

In der eingleisigen Saison 1996 unter dem brasilianischen Trainer Otacillo Goncalves schafften die Flügels es zum einzigen Mal die Saison tabellarisch über dem Stadtrivalen und amtierenden Meister der Marinos abzuschließen. Auch im Kaiserpokal erreichte das Team die vierte Runde, musste sich dort aber Liga-Neuling Kyoto Purple Sanga geschlagen geben.

Nach dem Jahr 1996 entschied sich der Ligaverband zu dem Hin- und Rückrunden-System zurückzukehren. Doch der Fußball-Boom der Gründungsjahre riss ab. Mit Platzen der Immobilien-Blase 1992 stagnierte die japanische Wirtschaftskraft immer weiter.

 

Ein Hauch von Barca

Vielen Profis, die für damalige Verhältnisse hoch dotierte Verträge erhielten, fehlte der Anreiz weiter in Fernost zu kicken und die fehlenden Stars bedeuteten Rückgänge bei den Zuschauerzahlen. Durch die fehlenden Einnahmen kämpften die Teams aus Yokohama nicht nur ums sportliche Überleben, sondern konkurrierten um denselben Fußballmarkt der Hafenstadt.

Die Zuschauerzahlen erreichten 1997 ihren Tiefpunkt. Während bei den Flügels durchschnittlich noch über 10.000 Zuschauer ins Stadion gingen, war diese Zahl bei den Marinos nur noch vierstellig. Doch sportlich lagen die Marinos in der errechneten Jahrestabelle immerhin auf Platz drei, während es die Flügels nur auf den sechsten Platz schafften.

Erst 1998 mit Eröffnung des Yokohama International Stadiums, Finalspielstätte für die Weltmeisterschaft 2002, sahen sich über 50.000 die Spiele an.

Das Steckenpferd der Flügels blieb der Kaiserpokal. Auch in der 76. Ausgabe des Wettbewerbs standen sie im Finale, doch setzte es eine herbe 3:0-Niederlage gegen den künftigen Rekordtitelträger Japans, den Kashima Antlers. Die Mannschaft selbst zeigte aber noch einmal, dass mit ihr in Zukunft zu rechnen sein dürfte.

Für die Saison 1998 holte die Vereinsführung mit Carles Rexach einen Trainer, der tief verwurzelt mit dem FC Barcelona ist. Rexach war bis 1991 im Jugendbereich Barcas tätig und wurde nach acht erfolgreichen Spielen als Interimstrainer zum Co-Trainer von Johan Cruijff ernannt.

Nach Cruijffs Weggang 1996 bestritt Barca unter Rexach erneut zwei Spiele ohne Niederlage, was die Flügels dazu bewog, ihm für die Saison 1998 das Vertrauen auszusprechen. Es war die erste Festanstellung als Chef-Trainer für den damals 50-jährigen Spanier.

Es sollte aus vielerlei Gründen ein besonderes Jahr für den Fußball in Yokohama werden. Japan erhielt zusammen mit Südkorea am 31. Mai 1996, den Zuschlag für die Austragung der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2002. Der japanische Fußballverband erhoffte sich durch die erfolgreiche Bewerbung, die Fußballbegeisterung im Land wieder zu steigern.

Auch bedeutete dies einen Boom für die Infrastruktur des Landes. Für die Ausrichtung wurden teilweise bereits vorhandene Stadien ausgebaut und neue, große Arenen errichtet. Yokohama erhielt die Genehmigung eine neue Multifunktionsarena mit 72.327 Plätzen zu bauen.


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Diese Arena feierte am 1. März 1998 unter dem Namen „Yokohama International Stadium“ feierlich ihre Eröffnung und wurde vier Jahre später Zeuge wie Brasilien im Finale der WM 2002 gegen Deutschland den fünften und seinen bislang letzten Weltmeistertitel holte.

Carles Rexachs Premiere im Eröffnungsspiel am 21. März 1998 konnte nicht besser laufen. Vor 52.083 Zuschauern gewannen die Yokohama Flügels gegen den Lokalrivalen mit 2:1 nach einem Golden Goal in der 95. Minute.

Das erste Derby im WM-Stadion Yokohamas.

Es war nicht nur der historische erste Sieg der Flügels im neuen Stadion vor einer absoluten Rekordkulisse für die Stadt, es war auch das erste offizielle Aufeinandertreffen zweier japanischer Spielerlegenden: Shunsuke Nakamura, damals 19 Jahre alt, traf auf den damals 18-jährigen Yasuhito Endo, der in dem Jahr seine Karriere bei den Flügels begann.

Was für die Flügels auf dieses Spiel folgte, war allerdings eine Niederlagenserie von fünf Spielen mit insgesamt 2:14 Toren. Nur gegen nominell schlechtere Teams gab es für ein paar Siege für Rexach und das Team.

Vor der Pause zur FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich wurde die Gruppenphase des Ligapokals ausgespielt, ein Wettbewerb, den zu diesem Zeitpunkt kein Team aus Yokohama gewinnen konnte.

Die Flügels verloren mit 0:2 gegen Gamba Osaka, gegen den Liga-Neuling aus Japans hohem Norden, Consadole Sapporo, mit 2:3 und gegen Shimizu S-Pulse mit dem gleichen Ergebnis. Lediglich ein Sieg gegen Kawasaki Frontale, die noch in Japans nationaler Amateurliga spielten, konnten die Flügels in diesem Turnier einfahren.

Nach der Weltmeisterschaft stabilisierten sich die Ergebnisse der Flügels zunächst bis Mitte September. Zwar setzte es auch eine 3:6-Niederlage gegen Gamba Osaka, dafür gewann das Team zweimal gegen den amtierenden Meister aus Kashima. Startschuss für die letzten Spiele unter Carles Rexachs Regie läutete das Rückrunden-Spiel gegen die Yokohama Marinos ein.

Das zweite Derby im neuen WM-Stadion – zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass es das letzte werden würde.

Vor 53.598 Zuschauern verloren die Yokohama Flügels mit Heimrecht gegen den Stadtrivalen mit 0:2. Shunsuke Nakamura traf in der 28. Minute zur 1:0-Führung, Shotaro Yasunaga erhöhte in der 74. Minute zum Endstand. Nach vier weiteren Niederlagen zog die Vereinsführung die Reißleine und stellte den Spanier frei.

 

Der Ausstieg wichtiger Sponsoren

Der Oktober 1998 wurde zum Schicksalsmonat für die Yokohama Flügels. Gert Engels, bereits seit 1993 als Co-Trainer bei den Flügels tätig gewesen, übernahm seine erste Trainerstation im japanischen Profifußball und holte für die Yokohama Flügels eine historisch positive Ausbeute von sieben Siegen aus neun Ligaspielen. Historisch sollte diese Serie auch werden, da im Oktober 1998 klar wurde, dass es die letzte Saison der Flügels werden würde.

Statistik: Die Punkteausbeute aller Flügels-Trainer (ohne Kaiserpokal).

Am 29. Oktober 1998 erschienen erstmals Presseberichte, dass einer der Hauptsponsoren des Vereins, Sato Labs, aufgrund schlechter Gewinne im Hauptgeschäft seine finanzielle Unterstützung würde einstellen müssen. Auch ANA hatte nicht ausreichend monetäre Mittel, um das weggebrochene Sponsoring auffangen zu können.

Die Geschäftsführung ANAs traf sich deswegen mit der Leitung von Nissan Motors, Hauptsponsor des Stadtrivalen Marinos, um über eine Fusion beider Verein zu verhandeln. Die Einigung über die bevorstehende Fusion sollte ursprünglich nach Ende der Spielzeit 1998 bekannt gegeben werden, doch die Presse kam einer offiziellen Meldung zuvor.

Daraufhin wurde es filmreif: Nachdem die Flügels noch am 24. Oktober 1998 gegen Kyoto Purple Sanga mit 2:3 verloren, deklassierte das Team am 31. Oktober 1998, nur zwei Tage nach Bekanntwerden der Fusion, Cerezo Osaka mit 7:0 im heimischen Stadion.

Es war die Sternstunde des 21-jährigen Takayuki Yoshidas, der mit drei Toren anscheinend all dem Frust Luft machte, den die Fans der Flügels verspürten. Unter Gert Engels verloren die Flügels keins ihrer letzten Saisonspiele.

Das letzte Ligaspiel gegen Consadole Sapporo endete mit einem 4:1-Auswärtssieg und zwei weiteren Treffern Yoshidas womit die Flügels dennoch nur auf einem errechneten, trostlosen siebten Tabellenplatz abschlossen. Doch die Saison war noch nicht ganz vorbei.

Erinnerungsstücke an die Yokohama Flügels aus dem Fußballmuseum in Tokyo (2018)

Der Kaiserpokal ist eines der ältesten Fußballturniere Asiens und wird bereits seit 1921 ausgetragen. Zunächst ein Hochschulturnier dieses noch jungen Sports in Japan, an dem nur wenigen Mannschaften teilnahmen, wird die 98. Ausgabe im Jahr 2018 zwischen 88 teilnehmenden Mannschaft aus dem Profi- und Amateurbereich ausgespielt.

Auch wenn der Pokal aufgrund von politischen Unruhen und während des Zweiten Weltkrieges nicht jedes Jahr ausgetragen wurde, war das Turnier 1998 das 78. Jahr des Wettbewerbs und wurde zum Saisonende ausgespielt.

Am 29. November 1998 wurde die erste Runde des Pokals ausgetragen. Die Yokohama Flügels traten als Profi-Team erst in der dritten Runde gegen Otsuka Pharmaceuticals (heute Tokushima Vortis) an und konnten sich mit 4:2 durchsetzen.

In der vierten Runde trafen die Flügels auf Ventforet Kofu – diese sollten in der kommenden Spielzeit Gründungsmitglied der neuen zweiten Profiliga J. League Division 2 werden – und gewannen problemlos mit 3:0. Im Viertelfinale trafen die Flügels auf Júbilo Iwata.

 

Unter Engels auf Wolke sieben

Der Meister der Saison 1997 gewann im Sommer bereits den Ligapokal und sollte in den kommenden Jahren der ebenbürtige Rivale der Kashima Antlers werden. Mit einem denkbar knappen 3:2 zogen die Flügels ins Halbfinale, wo sie auf jene Antlers trafen, die in der Saison 1998 ihren zweiten Meistertitel einfuhren und als Vizemeister ein Jahr zuvor noch das Pokaldouble, bestehend aus Liga- und Kaiserpokal gewannen. Die Flügels siegten gegen den Titelverteidiger mit 1:0 und standen somit zum dritten Mal seit 1993 im Finale des Kaiserpokals.

Es ist Neujahrstag 1999. Der 1. Januar ist das Datum, an dem das Finale des Kaiserpokals traditionell ausgespielt wird. Es stellt die Krönung der gesamten Fußballsaison dar und wird an diesem Tag im Jahr 1999 im Tokioter Nationalstadion zwischen den Yokohama Flügels und Shimizu S-Pulse ausgetragen.

Beide Mannschaften spielen in einer für diese Zeit in Japan übliche Dreierkette: Shimizu S-Pulse in einem defensiven 3-5-2, die Yokohama Flügels im 3-4-2-1. Für S-Pulse, dem 1993 gegründeten J. League-Club wäre es der erste Titel in diesem Wettbewerb. Die Flügels gewannen im Kaiserpokal fünf Jahre zuvor ihren einzigen nationalen Titel.

Shimizu S-Pulse ging in der 13. Minute durch Masaaki Sawanabori in Führung. Der 27-jährige wird später als “Mr. S-Pulse” in die Geschichte des Vereins eingehen, da er nach Verlassen der Tokai Universität 1992 bis zu seinem Karriereende 2006 dem Verein die Treue halten würde.

Möglicherweise sind die Spieler von S-Pulse gedanklich schon in der Kabine. Vielleicht planen sie schon die Abendgestaltung nach ihrem ersten Titelgewinn, doch in der 44. Minute trifft Yoshikiyo Kuboyama für die Flügels zum 1:1-Ausgleich. Mit diesem Ergebnis geht es auch in die Pause.

In Halbzeit zwei nehmen weder Gert Engels noch der Engländer Steve Perryman auf Seiten von S-Pulse Änderungen an ihren Teams vor. Erst in der 60. Minute kommt der Brasilianer Alex auf den Platz, der 2007 für 20 Spiele bei Red Bull Salzburg auflaufen wird. Als Takayuki Yoshida in der 72. Minute zur 2:1-Führung für die Flügels trifft, wird es hektisch.

Katsumi Oenoki wird von Perryman wenige Minuten später eingewechselt, kann die Partie aber nicht mehr beenden. In der 89. Minute muss Oenoki wieder vom Platz und Perryman setzt alles auf den 17-jährigen Kohei Hiramatsu. Letztlich vergebens: Takayuki Yoshida erzielt das Tor, dass den Yokohama Flügels den zweiten Titel im Kaiserpokal beschert.

Vielleicht können die Fans für einen kurzen Moment vergessen, dass es auch der letzte Titel ihres Teams sein wird. Vielleicht vergessen sie für einen Moment, dass das Team ausgerechnet mit dem Lokalrivalen fusionieren wird.

Vielleicht werden sie den Tag als denjenigen in Erinnerung behalten, an dem die Yokohama Flügels trotz aller Widrigkeiten noch einmal Herzblut gezeigt haben und nicht kampflos von der großen Bühne treten wollten. Vielleicht war es dieses Finale, auf das alle Beteiligten, Spieler, Funktionäre und Fans den Rest ihres Leben voller Stolz zurückblicken werden können.

Am 1. Februar 1999, dem offiziellen Beginn der neuen Spielzeit, wurden die Yokohama Marinos umfirmiert. Um den Flügels-Fans entgegenzukommen, wird das markante Flügels-F in den Namen übernommen. 1999 lief Yokohamas einziges Profi-Team unter dem Namen Yokohama F. Marinos auf.

Einige Spieler, unter anderem Takayuki Yoshida, wurden durch die F. Marinos übernommen, andere, wie Yasuhito Endo, wechselten zu Ligakonkurrenten. Der Portugiese Paulo Futre, der im sommer von Atletico Madrid in die Hafenstadt wechselte, beendete bei den Flügels seine aktive Fußballerkarriere. Gert Engels übernahm einen Trainerposten bei Pierre Littbarskis früherem Club JEF United Chiba und verließ das Land erst 2011.

Pierre Littbarski und Japans erster Europa-Legionär Yasuhiko Okudera wollten den Fans der Flügels ein neues Zuhause bieten und gründeten vor der Saison 1999 den Yokohama FC. Ein kleiner Verein, der die Flügels-Fans auffangen sollte, die dem früheren Erzrivalen Marinos nicht zujubeln wollten.

Durch ein Crowd-Funding – viele Fans bezahlten zwei Saisontickets im Voraus – wurde der Yokohama FC möglich gemacht und durfte nach zwei Jahren in Japans oberster Amateurliga 2001 in die zweitklassige Profiliga J. League Div. 2 aufsteigen.

Takayuki Yoshida beendete 2014 seine aktive Profikarriere und wurde Co-Trainer bei Vissel Kobe. Im August 2017 nach einer Trainerentlassung wurde Yoshida Cheftrainer des Teams um Lukas Podolski. Seit der Saison 2018 sein Co-Trainer: Gert Engels.

 


Der Text entstand im Frühjahr 2018 und wurde vor Veröffentlichung ein wenig überarbeitet. Im Herbst 2018 entschied sich Vissel Kobe das Trainergespann in Gänze zu entlassen, um den Weg für den Spanier Juanma Lillo zu bereiten. Da der Text zur Zeit seiner Erstellung sehr rund endete, wurde darauf verzichtet die Entlassung als direkten Teil des Textes einzufügen.

Dies war ein Gastbeitrag von Tobias von Goaltaku.
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