Das verflixte zweite Jahr

Bournemouth

Wer hätte sich das gedacht? Als ich vor einem Jahr einen Text über den überraschenden Aufsteiger Bournemouth schrieb, war es mehr Wunschdenken als sachliche Analyse, dass die Cherries ihre erste Saison in der Premier League überleben werden. Nach einem tollen Sommer folgten jedoch die ersten großen Rückschläge. Rekordneuzugang Tyrone Mings, Flügelflitzer Max Gradel und Stürmerhoffnung Callum Wilson fielen allesamt mit einem Kreuzbandriss aus – für mich war klar: Bournemouth wird somit im Tabellenkeller landen. Aber wer hätte gedacht, dass Eddie Howe ein derartiges Genie ist?

Trotz der vielen Verletzungen und der Unerfahrenheit wagte Eddie Howe mit seinem erfrischenden, modernen Fußball sehr viel, doch faszinierte dabei die englischen Fans. Man wollte mehr sehen. Fans sahen mehr als nur einen Dorfverein, man sah einen gut geführten, englischen Club, mit einem jungen englischen Trainer, der untypischer gar nicht sein könnte. Mit seinen 38 Jahren führte der nun langjährige Cherrie-Trainer den Verein nicht nur zum Klassenerhalt, sondern auch zu beeindruckenden Siegen gegen beispielsweise Manchester United oder anderen Größen der Premier League. Erfolge, die nicht unbelohnt blieben. 70 Millionen Pfund, rund 83 Millionen Euro, nahm der Verein nur durch den Klassenerhalt ein, Starspieler könnten somit gehalten werden. Was für Bournemouth jedoch scheinbar kein Muss war.

Eddie Howe und sein Trainerteam entschieden sich für den Verkauf von Mittelfeldstar Matt Ritchie. Obwohl der blonde Schotte Bournemouth bis in die Premier League schoss, entschied er sich für einen Wechsel in die Championship zum Neo-Zweitligisten Newcastle United. Obwohl das Team aus dem Süden einen ihrer besten Spieler abgeben, ist die Ablösesumme von nur 12 Millionen Euro ziemlich gering. Jeder andere Premier League-Verein hätte nun Geld in die Hand genommen und einen gehypten Ligue 1-Spieler verpflichtet, doch nicht so Bournemouth. Ritchies Ersatzmann ist Engländer, kommt von Liverpool, ist 20 Jahre jung und kostete stolze 18 Millionen Euro – Jordan Ibe. Nur ein Beispiel von vielen anderen englischen Transfers des jungen Premier League-Vereins.

Der Schock über den Abgang war bei vielen groß, jedem bewusst, dass diese Position eine der wichtigsten bei den Cherries war. Die Verpflichtung des „früh gescheiterten Talents“ Jordan Ibe, wurde daher von vielen mit einem Lächeln wahrgenommen. Eddie Howe zudem als verrückt bezeichnet, für einen Flügelspieler, der bei Liverpool aussortiert wurde, bereit war so viel zu zahlen. Dabei könnte Ibe ein richtiger Transferhit werden. Der junge, schnelle Engländer bewies sich bereits im jungen Alter bei den Wycombe Wanderers, ehe es im Alter von nur 16 Jahren nach Liverpool ging. Von da an spielte er sich durch alle Jugendmannschaften der Reds, wurde per Kurzleihen an Birmingham und Derby County verliehen und zeigte mit ein paar guten Leistungen auf, ehe es mit Dezember 2015 für den jungen Flügelspieler bergab ging, er seine Leistungen nicht konstant auf den Platz bringen konnte, andere ihre Chance ergriffen und Ibe damit auf die Bank verdrängten. Nichtsdestotrotz verfügt der erst 20-Jährige über enormes Potential, das er bei Bournemouth unter Eddie Howe nun entfalten soll. Ob Jordan Ibe 18 Millionen Euro wert ist, sei dahingestellt. Die Transfersummen haben in den letzten Jahre eine utopische, irrsinnige Entwicklung genommen, aber wenn Bournemouth, deren Transferpolitik und Umgang mit Spieler bekannt ist, bereit ist eine dermaßen hohe Summe für einen Spieler zu zahlen, dann kann man davon ausgehen, dass sie etwas Besonderes in ihm sehen und sein Potential fördern wollen.

Die Cherries gehen einen anderen Weg. Weg vom Tribalismus der Premier League, mehr in Richtung Support der heimischen Talente. Neben Ibe wurde auch Mittelfeld-Youngster Lewis Cook (19) von Leeds United und Brad Smith (22, Anglo-Australier) von Liverpool geholt. Allesamt junge englische Spieler, mit viel Potential und passen ideal in die Reihe der Transfers der letzten Jahre. Bereits in der Vorsaison wurden mit Benik Afobe und Tyrone Mings, beide zur Zeit des Transfers 22, junge englische Spieler verpflichtet. Im Jahr vor dem beeindruckendem Aufstieg zudem Callum Wilson (ebenfalls 22 Jahre alt zur Zeit des Transfers), der sich als der womöglich beste Transfer von Eddie Howe erwies.

Der 38-jährige Trainer versucht erneut ein starkes Kollektiv aufzubauen aus jungen Spielern, die gefördert werden sollen und trotz ihres jungen Alters oben mitspielen sollen. Vergleichsweise nennt Eddie Howe Leicester City, die vorige Saison die Premier League „weniger durch ihr Talent, sondern viel eher durch ihren Teamspirit“ gewinnen konnten – man nimmt sie sich als Vorbild, doch will nun auch noch über das nötige Talent verfügen. Zudem versucht man Abgänge gezielt kompensieren zu wollen, es scheint als würde sich kaum ein anderer Verein dermaßen mit ihrer Transferstrategie auseinander setzen als Bournemouth.

Ein weiterer für Bournemouth typischer Transfer ist die Verpflichtung von Lewis Cook von Leeds United. Der erst 19-jährige zentrale Mittelfeldspieler ist mit seinen sieben Millionen Euro Ablöse vergleichsweise ein Schnäppchen. Im Alter von nur 17 Jahren debütierte Lewis Cook bei den Whites, avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Stammspieler und übernahm schon bald die Rolle des Leaders. Zusammen mit Alex Mowatt galt er eine Zeit lang als der Leistungsträger der Mannschaft, der Druck für einen Teenager schon fast zu groß. Nichtsdestotrotz bewies sich der Youngster, führte sein Team wie ein erfahrener Spieler und wagte im Alter von 19 Jahren, nach zwei Jahren Championship, in denen er rund 80 Zweitligaspiele absolvierte, den Schritt in die Premier League. Trotz seiner geringen Größe von nur 1,73m ist er defensiv nicht zu unterschätzen. Mit seiner Ausdauer und Laufbereitschaft ist der Engländer überall zu finden, gibt sich stets kämpferisch und gewinnt eine Vielzahl seiner Zweikämpfe. Lewis Cook kann – nicht nur für sein Alter – das Spiel fantastisch lesen, hatte fast jedes Spiel die meisten Interceptions bei Leeds United und von hinten heraus, mit schnellen Sprints und schlauen Pässen, das Spiel seiner Mannschaft aufgebaut. Zwar erzielte er in seiner Zeit bei den Whites nur wenige Tore, aber diese konnten sich stets sehen lassen. Lewis Cook ist ein Allrounder, ein wenig vergleichbar mit Neo-Leverkusener Julian Baumgartlinger und könnte bereits in wenigen Jahren im Kader der Three Lions zu finden sein. Zusammen mit Eddie Howe als Trainer könnte sich Lewis Cook weiter steigern und schon bald bei einem Topverein spielen.

Viele der Burschen haben in der League One oder der Championship gespielt und ich kann mich nicht an viele Teams erinnern, die ähnliches gemacht haben – aufsteigen und mit dem fast exakt gleichen Team in der Premier League Erfolg haben. – Verteidiger Simon Francis über die unglaubliche Leistung seiner Kollegen

Zwischen der Vielzahl an englischen Youngstern findet man zudem auch eine Handvoll junger Legionäre, wie beispielsweise Lys Mousset, der als aufstrebender Stürmer von der prestigereichen Jugend von Le Havre, aus der auch andere große Spieler hervorkamen wie beispielsweise Paul Pogba, Steve Mandanda, Lassana Diarra oder zuletzt Riyad Mahrez, für 6,5 Millionen Euro an den für 11.700 Leute Platz fassenden Dean Court in Bournemouth. Neben den Cherries waren auch Tottenham, Red Bull Salzburg, Sevilla, Atletico und viele Vereine aus der Ligue 1 an dem Franzosen dran. Auch wenn der Sprung von der Ligue 2 in die Premier League ein großer ist, so könnte Mousset zusammen mit Callum Wilson das Sturmduo der höchsten Spielklasse Englands werden.

Auch Emerson Hyndman, ein junger Mittelfeldspieler aus der Akademie Fulhams, ist einer der wenigen jungen Legionäre bei den Cherries. Der zentrale Mittelfeldspieler ist ein variabler, technisch starker und idealer Spieler für Eddie Howe Spielweise, der sich in den nächsten paar Jahren zu einem interessanten Mittelfeldmann entwickeln könnte.

Obwohl die Cherries in der Vorsaison viel Pech mit ihren Leihspielern hatten, da allesamt scheiterten, könnte Nathan Aké womöglich einer der wichtigsten Transfers sein. Nach dem Abgang von Tommy Elphick fehlt den Cherries ein starker Innenverteidiger. Mit Aké haben sie einen England-erprobten, ebenfalls jungen Verteidiger der bereits bei Chelsea, Reading und Watford sein Können unter Beweis gestellt hat – auf der linken Seite, sowie in der Innenverteidigung.

“Das Ziel soll sein, die Burschen auf ein neues Level zu bringen”, so Eddie Howe vor der neuen Saison. Am 14. August geht es gleich mit einer Feuerprobe los: Eddie Howes junges Team gegen José Mourinhos Manchester United. Kein leichtes Spiel gegen den Rekordmeister, aber alle Welt blickt auf Mourinho und Ibrahimovic, womöglich besteht somit ja doch ein Funken Chance für die Cherries. Nichtsdestotrotz wird es wahrscheinlich noch etwas länger dauern bis Bournemouth ein funktionierendes und eingespieltes Kollektiv nach all den Ab- und Zugängen beisammen hat, dennoch gilt es auch dieses Mal die Cherries im Auge zu behalten, da sie erneut eine der interessantesten Mannschaften der Saison sein werden.

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