Der neue Liverpöhler

Klopp

Seit Jahren leiden die Anhänger des FC Liverpool. Klangvolle Namen wie Mats Hummels, Karim Benzema oder Alexandre Lacazette liegen in nahezu jeder Transferperiode in den Mündern der Fans, verpflichtet werden aber in der Regel durchschnittliche Kicker für horrende Summen. Seufzen statt Schmatzen also.

Selbst die treuesten YNWA-Gröhler hatten wohl schon längst ihre stille Hoffnung aufgegeben, einmal einen Wunschkandidaten an der legendären Anfield Road begrüßen zu dürfen, doch Geschäftsführer Ian Ayre landete am Donnerstagnachmittag den langersehnten Coup: Jürgen Klopp, nach Entlassung des (zuletzt) erfolglosen Brendan Rodgers als Heilsbringer auserkoren, hat einen Dreijahresvertrag in der Stadt der Beatles unterschrieben. Doch was bringt der „Pöhler“ dem LFC? Wir schätzen die Situation ein.

Identifikation

„Pöhler“? Viele wissen nur bedingt, was mit diesem Begriff gemeint ist. In seiner Zeit bei Borussia Dortmund gehörte der Trainingsanzug an nationalen Spieltagen fest zu der Garderobe von Klopp. Im Laufe der Zeit etablierte sich allerdings ein weiteres Kleidungsstück, das schnell zum Kassenschlager avancieren sollte: eine Baseballkappe. Ganz schlicht in schwarz gehalten, lediglich mit sechs großen, gelben Buchstaben. P Ö H L E R.

Geht man im Internet auf die Suche, beispielsweise beim Duden, der eigentlich jedes Rätsel entschlüsseln kann, stößt man auf kein Ergebnis. Im Pott, also im weiten Dortmunder Rund, weiß dagegen jeder um die Bedeutung. Unter „Pöhler“ versteht man einen Jungen oder Jugendlichen, der davon träumt, irgendwann mal für den BVB zu spielen.

Es ist die Passion, es ist die Leidenschaft und es ist die Identität, die der Ballspielverein anerkannt und gewürdigt hat. Wenn Klopp eine Aufgabe annimmt, füllt er diese auch zu tausend Prozent aus. Er brennt für sein Team, er zeigt wahre und gelebte Emotionen. Gerade als Trainer eines traditionsreichen Vereins wie der FC Liverpool sind jene gelebten Emotionen unabdingbar.

In der Champions League musste Klopp wegen seinen Emotionen schon auf die Tribüne. Hier in Neapel.

In der Champions League musste Klopp wegen seinen Emotionen schon auf die Tribüne. Hier in Neapel.

Ferner braucht die Hafenstadt Helden und Anführer, denn die demographischen Probleme sind immens. Liverpool gehört zu den ärmsten Regionen im ganzen Königreich. Dennoch pumpen die Menschen, die entweder rot oder blau sind, den Großteil ihres Vermögens in den Fußball. Aber auch hier ist die Rendite ziemlich mies. Dennoch treibt die Leidenschaft die Bevölkerung an, weiter in das Merchandising zu investieren. Immerhin ist es ja der LFC. Läuft man durch die Straßen der Stadt, kann man problemlos zwischen Einwohner und Tourist unterscheiden. Der sogenannte „Liverpool-Style“ besteht aus Jogginghose und Trikot, Shirt, Hoodie oder Jacke. Natürlich in Rot. Kein Glamour, kein Glanz. Oft zieren auch große Tätowierungen mit Schriftzügen oder dem Liverpool-Bird die Oberarme ihrer Träger. Und da muss man sich zwangsweise die Frage stellen: Wie soll ein nüchterner Nordire wie Rodgers der Passion gerecht werden? Eine fehlerhafte Rechnung. Zwar ging unter dem Übungsleiter, der bei seiner vorherigen Station Swansea City eine sehenswerte Barcelona-Kopie erschuf, die Endplatzierungen in der Premier League in die richtige Richtung, doch das Gesamtbild stagnierte über die volle Distanz. Liverpool darf schlecht spielen, alles kein Problem, solange Einsatz, Bereitschaft und Wille stimmen – und vor allem The Kop es auch spürt.

Coutinhos Traumtore oder die Dribblings von Daniel Sturridge sind gern gesehene Nebenprodukte, aber kein Muss. Immerhin ist die Arbeiterstadt im Norden Englands nicht für seine feine Klinge bekannt. Aufgrund der teils harten Lebensumstände müssen die Bürger auch kämpfen, Bereitschaft zeigen und einen Willen haben, der nicht zu brechen ist. Sie sind die Jungen, die gerne für den FC Liverpool spielen würden. Und genau deshalb ist Jürgen Klopp aus der Perspektive der Fans und der Historie des Vereins der ideale Trainer. Er passt wie die Faust auf das Auge.

Das Spielsystem

Aber nicht nur die menschlichen Eigenschaften überzeugen auf Anhieb. Die sportliche Ausrichtung des 48-Jährigen passt ebenfalls wie ein maßgeschneiderter Anzug auf das aktuell dürre Klappergestell namens Spielsystem. Nach dem Abgang von Luis Suarez gen Barcelona letztes Jahr fehlte dem LFC wortwörtlich der Biss. Glanzvorstellungen wie in der Saison 2013/2014, das Jahr der Beinahe-Meisterschaft, wurden zur Rarität. Das Team hatte nur noch wenig Spirit oder Kreativität. Neutrale Beobachter mussten gar den Eindruck haben, dass Individualisten auf eigene Kappe kickten.

Natürlich muss Rodgers eine Sachen zu Gute gehalten werden: Der angesprochene Abgang von Suarez (30 Tore) und die Verletzungsmisere Sturridges (20 Tore) reduzierten das Offensivfeuerwerk bis auf ein Minimum. Etwaige Fehlentscheidungen ganz außer Acht gelassen – an dieser Stelle der Verweis auf den Kommentar von Marco Stein über den Rauswurf des Nordiren: In einem uninspirierten 3-4-3 oder 3-5-2 liefen die „Reds“ in den letzten Wochen und Monaten auf. Mit Christian Benteke besitzt Liverpool neuerdings wieder einen waschechten Mittelstürmer, aber der Belgier wurde in dem System überhaupt nicht eingebunden. Anders als Suarez, der sich Bälle auch mal im Mittelfeld abgeholt hat, muss Benteke mit Zuspielen und Flanken gefüttert werden. Potential ist trotz des Abgangs von Raheem Sterling zu Manchester City auf der Außenbahn vorhanden, genutzt wurde es aber ebenso wenig. Neben fehlerhaften bis nicht vorhandenem Angriffsverhalten wurde auch bei der Arbeit gegen den Ball viel falsch gemacht. In der Vizemeister-Spielzeit 2014 war Liverpool für sein starkes Pressing und blitzsauberes Konterspiel bekannt, was das nachfolgende Video verdeutlichen soll:

Nach Balleroberung war ein klarer Gedanke im Aufbau zu erkennen: möglichst schnell in die Tiefe kommen, Räume nutzen, Mitspieler einbinden und Chancen konsequent nutzen. Letzteres war durch die immense Qualität im vorderen Drittel nahezu ein Selbstläufer. Coutinho und Ikone Steven Gerrard waren hier die X-Faktoren. Während Stevie G aus jeglicher Position seine Mitspieler perfekt in Szene setzte, schaffte es der Brasilianer vor allem im engen Raum den tödlichen Pass zu spielen. Der Organisator im Mittelfeld fehlt nun. Der Abgangs Gerrards, der trotz seiner mittlerweile 35 Lenzen im letzten Jahr mit neun Treffern der abschlusssicherste Schütze an der Anfield Road war, ist der wahrscheinlich größte Fehler des Ex-Coaches. Angepriesene Nachfolger wie Neu-Kapitän Jordan Henderson (Verletzungspech) oder der über den grünen Klee gelobte Emre Can (falsch eingesetzt) haben es bis dato nicht geschafft, in die Fußstapfen der lebenden Legende zu treten. Aber auch im generellen Abwehrverhalten fehlt Konstanz. Der fünfmalige Europapokalsieger benötigt händeringend einen klar erkennbaren Abwehrchef und Fachpersonal auf den entsprechenden Positionen (siehe Can). Aber der Reihe nach. Mit Martin Skrtel, Mamadou Sakho und Dejan Lovren stehen drei überdurchschnittliche Innenverteidiger zur Verfügung. Skrtel muss aufgrund seiner Leistungen und Wichtigkeit eigentlich unumstritten die Hierarchie anführen, aber diese Struktur war bis dato nicht zu erkennen. Sakho wird auf kurz oder lang zu den Topverteidigern in England stoßen, leistet sich derweil aber noch zu viele Unkonzentriertheiten. Bleibt noch Lovren. Für knapp 26 Millionen Euro aus Southampton geholt, lässt der Kroate es noch an Allem vermissen. Ob Stellungsspiel, Zweikampfstärke oder Aufbauverhalten. Stand jetzt kann beim 26-Jährigen von einem klassischen Fehleinkauf gesprochen werden. Das alles mag aber auch eine Systemfrage sein. In einer Dreierkette müssen gelernte Innenverteidiger logischerweise auch andere Aufgaben übernehmen. Was beim FC Bayern München beispielsweise hervorragend funktioniert, sieht an der Mersey teilweise kläglich aus. Dabei besitzt der Verein mittlerweile mit Alberto Moreno und Nathan Clyne zwei ausgesprochen solide Außenverteidiger, die auch noch Upside besitzen. Dementsprechend wird Klopp (höchstwahrscheinlich) auf eine Viererkette umstellen. Beim BVB ließ er vorwiegend ein 4-2-3-1 spielen, das in Liverpool so auch wunderbar funktionieren könnte. Die nominelle Klasse lässt sogar zu, dass viel rochiert werden kann. Immerhin finden sich einige talentierte Offensivakteure im Kader. Das Grundprinzip steht aber, unabhängig vom Personal, bereits fest: „Wir gehen drauf wie die Hyänen!“ So hatte der Deutsche einst selbst den Stil seiner Dortmunder Borussia beschrieben.


Dortmund 2014 gegen Bayern

Pressing und Gegenpressing. Das Lebenselixier im kloppisch’en Konzept. Im Video ist sehr gut zu erkennen, wie mehrere BVBler den ballführenden Bayer attackieren und ihn zu schnellen, teils ungenauen Pässen zwingen. Durch hohe Intensität, frühes Angreifen und eine unglaubliche Laufbereitschaft eroberten die Schwarz-Gelben seinerzeit unglaublich viele Bälle und nutzten ihre Konter-Affinität in der Regel gnadenlos aus. Dortmund zerriss sich beinahe in jedem Spiel, Vollgasfußball bis zum Umfallen.

Mit dieser Ausrichtung – en detáil steckt natürlich noch eine Menge mehr dahinter – formte Klopp die Borussia zu einer internationalen Hausnummer.

Das goldene Händchen

Den Namen besitzt der Liverpool FC zwar immer noch, doch der funkelnde Stern droht zu verblassen. Anhänger und Sympathisanten stürzen sich natürlich auf die nackten Zahlen, die, ehrlicherweise, verlockend sind. Das lebende „Kloppoberfest“, wie der neue Chef bereits auf Twitter genannt wird, übernahm den BVB 2008 auf Rang 13 und feierte im dritten Jahr bereits die Meisterschaft. Aber neben dem unvergleichbaren Charakter und der Formation samt taktischer Raffinesse bewies der Hauptverantwortliche auch ein goldenes Händchen in Sachen Transfers. Natürlich gehören neben dem Trainerstab auch noch Scouts sowie Manager zu den Drahtziehern, aber wenn bedenkt wird, mit welchen Mitteln im Signal Iduna Park anfangs gearbeitet wurde, ist eine Verbeugung die folgerichtige Reaktion. Shinji Kagawa 300.000 Euro, Robert Lewandowski 4,75 Millionen Euro, Ilkay Gündogan 5,50 Millionen Euro. Von Schnäppchen bei diesen drei Spielern zu sprechen, wäre, nein, ist eine Untertreibung.

Im selben Zeitraum leistete sich Liverpool unzählige Fauxpas. Fabio Borini, ein talentierter Stürmer, der immer noch auf seinen Durchbruch wartet, wurde 2012 für die „bescheidene“ Ablösesumme von 13,30 Millionen Euro verpflichtet. In dieses Volumen passen allerdings immer noch die drei oben genannten Beispiele, die zeigen, was mit richtigem Scouting alles möglich ist. Nicht nur deshalb hat sich Klopp für die nächsten drei Jahre das „letzte Wort“ bei Transferentscheidungen manifestieren lassen. Etwaige Missverstände soll es in der neuen Kooperation mit Ayre nicht geben.

Bewährungsprobe

Aber auch für den Trainer ist es eine große Herausforderung. In diversen Medien galt Jürgen Klopp bis vor wenigen Tagen noch als designierter Nachfolger von Pep Guardiola, sollte dieser im nächsten Juli eine neue Wirkungsstätte suchen und den deutschen Rekordmeister aus München verlassen. Der „Pöhler“ hat sich aber nun für eine Herzensangelegenheit entschieden, die das Herz der Fußballromantiker um einige Frequenzen höher schlagen lässt. Einige Kritiker unterstellen dem Auswanderer unterdessen, dass er hauptsächlich (oder nur) von seiner Emotionalität lebe. Fesselnde Kabinenansprachen, die dafür sorgen, dass dir deine Spieler bedingungslos in die Schlacht folgen, werden aufgrund der Sprachbarriere an Wirkung verlieren. Aber ist Klopp lediglich ein Cheftrainer, der nur von seinen prächtigen Motivationskünsten zerrt? Nein. Er ist ein kompletter Trainer, der nun versuchen wird, seine Authentizität auf ein neues Level zu hieven. Als Verantwortlicher des vielleicht traditionsreichsten Vereins auf diesem Planten obliegt ihm eine Verantwortung, an der nicht wenige Kandidaten gescheitert sind. Klopp ist allerdings eine Persönlichkeit, die Druck braucht. Er kann mit diesem Stress umgehen und wird den FC Liverpool verändern. Sicherlich werden zu Beginn seiner Amtszeit der ein oder andere Mitarbeiter an der Radikalität des neuen Trainers zu knabbern haben, aber der ehemalige Rekordmeister ist nicht mehr der Nimbus des englischen Fußball. Dort will man aber wieder hin, und daher lassen sich Veränderungen nicht vermeiden – und Klopp kann einen Verein verändern. Der BVB, der ihn zur Kultfigur hat werden lassen, ist das beste Beispiel.

Und wer weiß, den einen Wunschkandidaten haben die passionierten Fans bereits erhalten. Vielleicht folgen demnächst Hummels, Benzema und/oder Lacazette.

Unser Autor André Nückel ist Liverpool-Fan und besuchte am 20. September 2015 das Spiel gegen Norwich. Zum ersten Mal war er an der Anfield Road und fing diesen tollen Moment mit seiner Kamera für uns ein.

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