Die Kleinen ganz groß

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Nach nur einer Saison in der Serie A muss Carpi, trotz eines 2:1-Sieges gegen Udinese am letzten Spieltag, den Weg in die zweite Liga antreten. Damit endete die Saison der Emiliani mit einer enttäuschenden Note. Für einen Kleinstadtverein wie Carpi, war es aber dennoch ein großer Erfolg. Zuallererst darf man nicht vergessen, dass das kleine Carpi vor nur sechs Jahren noch in der fünften Liga Italiens spielte, heute jedoch mit beachtlichen 38 Punkten auf Platz 18 liegend absteigen musste. Trainer Fabrizio Castori sagte nach dem Abstieg, dass er es nicht bereue, wie seine Mannschaft abstieg, da er stolz über die Leistungen seiner Spieler war. Nicht zu Unrecht, hatte seine Truppe doch eine seit Januar andauernde Europa League-Form, in denen sie bloß sieben Niederlagen in 21 Spielen hinnehmen musste.

Dabei hätte das Ganze doch ganz anders ausgehen können, hätte Carpi Trainer Castori, der mit dem Verein den erstmaligen Aufstieg in die Serie A in der 106-jährigen Vereinsgeschichte schaffte, im September nicht entlassen, um ihn durch den erfolglosen Giuseppe Sannino zu ersetzen. Nach nur vier Spielen wurde dieser jedoch ebenfalls entlassen und durch seinen Vorgänger ersetzt. Dank einer gut genutzten Wintertransferperiode und der Rückkehr zum alten System wurde aus der gegen den Abstieg kämpfenden Mannschaft, eine Mannschaft, die wie im Vorjahr durch ihren geradlinigen Fußball überzeugte. Durch das 5-3-2 kam Carpi so zu einem Defensivblock aus fünf Verteidigern und drei Mittelfeldspielern, sowie bei offensiver Umstellung mit zwei offensiv agierenden Viererreihen. Offensive wie defensive Kompaktheit und Konter – trotz dieser taktisch guten Organisation reichte es für Carpi nicht für den Klassenerhalt.

Ähnliche Hoffnungen machte sich Frosinone, das ebenfalls im vorigen Sommer den Aufstieg in die Serie A schaffte. Nach zwei Aufstiegen in Folge kam nun der Abstieg in Italiens zweite Liga. Dabei war Frosinones Aufstieg ein historischer. Als der Verein in den 1990ern seine 46.000 Einwohner große Stadt repräsentierte, mussten die Ciociari Insolvenz anmelden, infolge dessen musste die Kapazität des Stadions auf 5.600 runtergesenkt werden. Auch wenn ein Abstieg schmerzt, so war dieser sehr vorhersehbar, da sich der Verein dazu entschied, beinahe das gesamte eingenommene Geld in das Stadion, das Trainingszentrum und die Sanierung des Vereins zu investieren, um der Region und der Jugend eine aussichtsreiche Zukunft zu ermöglichen, anstatt es für teure Spieler auszugeben. Frosinone nahm damit bereits vor der Saison einen möglichen Abstieg in Kauf, um Zukunft und Stabilität zu sichern – ein weiser Schritt, der womöglich die Zukunft des italienischen Fußballs bedeuten könnte. Schlussendlich zeigen die Exemplare Carpi und Frosinone, dass es für die kleineren Aufsteiger der Serie B noch immer enorm schwierig ist, mit den großen Vereinen aus der höchsten Liga Italiens mitzuhalten.

Dennoch sind sie nicht gescheitert und haben einige Kritiker verstummen lassen. Einer von ihnen: Lazio-Besitzer Claudio Lotito. In einem unrühmlichen Telefonat mit Pino Iodice, dem Sportdirektor des Lega Pro-Vereins Ischia Isolaverde, hatte Lotito gesagt, dass keiner sich für kleine Vereine, besonders Frosinone, Carpi und Latina, interessieren würde – der genaue Wortlaut wäre in Deutsch etwa: „Teams, die keinen verdammen Scheiß wert sind“. Lotitos Kritik bezog sich auf seine Sorgen um den Verkauf der weltweiten TV-Rechte der Serie A. „Wenn Latina und Frosinone aufstiegen, wer zum Teufel wird die Rechte kaufen? Die wissen ja gar nicht, dass Frosinone überhaupt existiert.“

Natürlich gibt es auch einige positive Beispiele für erfolgreiche kleinere Vereine in der Serie A, wie beispielsweise Empoli oder Chievo, während diese heute jedoch bereits zu sehr erfahrenen Vereinen zählen, wohingegen Carpi und Frosinone erst ihr Serie A-Debüt feierten.

In diese Liste sollte man Sassuolo nicht inkludieren. Einfachst hielt sich der Kleinstadtverein nun die dritte Saison in Folge in der Serie A, zudem beendete man die Saison auf Platz sechs, einem Europa League-Qualifikationsplatz. Dies gelang durch ein solides Fundament, sowie die gute Arbeit des Besitzers Giorgio Squinzi.

Am Ende bleibt zu sagen, dass es keine klare Lösung gibt, um dem Abstieg zu entrinnen und ein langjähriges Serie A-Mitglied zu werden. Dennoch wird es interessant zu beobachten, ob Carpi und Frosinone den sofortigen Wiederaufstieg schaffen. Aber auch andere kleine Vereine könnten für Furore sorgen, so zum Beispiel der Neo-Serie-A-Verein Crotone – ein weiterer Verein, der Lotito Kopfzerbrechen bereiten würde. Erstmals in der Vereinsgeschichte gelang es dem kalabrischen Verein in die Serie A aufzusteigen. Zwar bietet das Stadio Ezio Scida nicht mal Platz für 10.000 Zuseher, dennoch sollten sich einige Kroaten eine Anreise überlegen, ist doch Trainer Ivan Juric einer der Gründe für den großen Erfolg und Ante Budimir der Stürmerstar des Vereins.

Crotone ist die ärmste südliche Stadt Italiens, mit einer Arbeitslosenrate von ungefähr 31%, der höchsten im ganzen Land. Die Mannschaft würde Pythagoras stolz machen – nicht nur weil der griechische Philosoph und Mathematiker in der Stadt lebte, dort seine Schule eröffnete und damit wahrscheinlich Fan des Vereins gewesen wäre, sondern weil die Spieler „i Pitagorici“, die Pythagorase genannt werden. Trainer der Pitagorici, Ivan Juric, spielte selbst fünf Saisonen für Crotone, damals noch unter dem heutigen Genoa-Trainer Gian Piero Gasperini. Nachdem der Kroate seine Schuhe an den Nagel hängte, wurde er Gasperinis Assistent bei Inter Mailand und später auch bei Palermo, wo er viel lernte, nicht nur das für Gasperini typische 3-4-3.

So wie Budimir schaffen es die meisten Spieler erst bei Crotone ins Rampenlicht. Ein Blick auf die Starspieler des Vereins zeigte eine Reihe unbekannter Spieler, die bei den Kalabriern aufblühten. Grund dafür könnte die tolle Arbeit von Beppe Ursino sein, der seit 1995 Sportdirektor beim Verein ist und unter anderem Romas Alessandro Florenzi, Fiorentinas Federico Bernardeschi und Lazio Danilo Cataldi entdeckte und entwickeln ließ. Alle drei spielten vor ihrem Durchbruch eine große Rolle bei Crotone und schafften es so erstmals, sich ins Rampenlicht zu spielen.

Crotones Erfolg kam unerwartet, unerwartet wie der von Carpi oder Frosinone im Jahr zuvor. Doch der Weg des Aufsteigers ist noch ungewisser, als jener der beiden Vorjahres-Aufsteiger. Während Castori und Stellone nach dem Aufstieg bei ihren Vereinen blieben, soll Juric bei Genoa-Besitzer Enrico Preziosi hoch im Kurs stehen. Preziosi soll in Juric den idealen Gasperini-Nachfolger sehen. Somit stellt sich bei Crotone nicht nur die Frage, ob sie den Klassenerhalt schaffen werden, sondern auch, ob sie den Mann halten können, der sie erst zu diesem großen Erfolg geführt hatte.

– von Michele Tossani

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