Römische Moderne

Roma

So groß ist die Überraschung eigentlich gar nicht, denn wenn man genauer hinsieht, bemerkt man, dass in Rom schon länger gut gearbeitet wird. Dafür muss man bloß kurz in die Vergangenheit blicken, zurück ins Jahr 2011 als vier amerikanische Investoren rund um Thomas DiBenedetto den Verein übernahmen und einiges änderten.

Die vier Amerikaner hatten nämlich große Ziele und einige Ideen um diese umzusetzen, gewissermaßen kam die Roma durch sie endlich im 21. Jahrhundert an. Als erstes Ziel gab Thomas DiBenedetto an, besser bilanzieren zu wollen und das Financial Fair Play einzuhalten, was vor der Übernahme wohl nicht möglich gewesen wäre. Mittlerweile ist der Verein schuldenfrei und konnte nach anfänglich hohen Investitionen heuer auch mit Transfers ordentlich Gewinne erzielen. Die Amerikaner, die sich hauptsächlich nur im Hintergrund halten und nur wenig präsent in den Medien sind, wissen aber, dass es mehr benötigt als nur gewinnbringende Spielerverkäufe. So ist der Bau eines neuen Stadions, das im Besitz des Vereins wäre, seit Beginn an ein großes Anliegen. Dazu wurden auch schon konkrete Pläne veröffentlicht, wobei das Projekt derzeit dank der üblichen italienischen Probleme beim Stadionbau auf Eis liegt. Ein weiteres Ziel ist es den Verein auch außerhalb Europas beliebter zu machen – etwas, dass in anderen Ländern schon längst Standard ist, denkt man an die Vorbereitungstourneen anderer Vereine durch Asien oder Amerika. Bei der Roma wurde deshalb das Ticketing für Nicht-Italiener vereinfacht, Nike als neuer Ausstatter geholt und sogar ein Werbevertrag mit Disney abgeschlossen. Eine weitere Maßnahme war auch die Änderung des Klublogos, was – nett ausgedrückt – eher weniger gut ankam bei den Fans. Das „Medienunternehmen“ AS Roma, wie es DiBenedetto bezeichnet, soll international bekannt werden, damit höhere Einnahmen erzielt werden können. „Unsere Zukunft ist unsere Vergangenheit“ ist dabei das Motto. Und wie gewinnt man am besten neue Fans? Durch Erfolge und schönen Fußball.

Deswegen nahm man sich 2011 den FC Barcelona als Vorbild und ersetzte Coach Vincenzo Montella durch Luis Enrique, der zuvor die B-Elf von Barca trainierte und den Fans der Roma ein Spektakel liefern wollte. Ein Fehler, wie sich später herausstellte, da Montella in Catania gereift ist und nun bei der Fiorentina wirklich sehr ansehnliche Arbeit leistet. Bei Luis Enrique verlief es dagegen weniger gut. Die Entscheidung den relativ unerfahrenen Spanier zu holen, der damals noch nie in einer ersten Liga oder außerhalb Spaniens gearbeitet hat, war eher symbolisch, betrachtet man diese Aussage vom damaligen Geschäftsführer Baldini: „Enrique verkörpert eine Idee von Fußball der wir gerne folgen würden, die sich bereits in Spanien und bei Barcelona durchgesetzt hat. Außerdem suchte ich jemand außerhalb des italienischen Fußballs. Eine mutige und provozierende Entscheidung, die ich aber wieder treffen würde“. Die Erwartungen in die Mannschaft waren damals sehr hoch, immerhin wurden damals ganze 90 Mio. € (Quelle: transfermarkt.at) in neue Spieler investiert. Hauptsächlich in sehr junge Spieler, die zum Teil erst später ihren Durchbruch hatten wie Lamela oder Pjanic oder überhaupt in Italien scheiterten wie Bojan und Jose Angel. Schon früh gab es den ersten großen Rückschlag für die Mannschaft von Enrique, denn im Europa League-Play-Off scheiterte man an Slovan Bratislava. Im Endeffekt beendete die Roma die Saison auf Platz 7 und das Projekt Luis Enrique wurde beendet. Obwohl Baldini angeblich gerne mit ihm weitergearbeitet hätte, verabschiedete sich der Spanier scheinbar freiwillig.

Und obwohl das Projekt im Endeffekt gescheitert ist, war es kein schlechtes. Der Spanier war eine mutige und in Italien innovative Entscheidung, alleine die Reaktionen der Medien und die Skepsis der Fans zeigten wie unkonventionell dieses Projekt war. Luis Enrique schaffte es allerdings nicht seine Ideen vom Fußball in Italien umzusetzen und scheiterte wohl auch an der hohen Erwartungshaltung. Die Amerikaner ließen sich aber von ihrem Weg nicht ganz abbringen und holten wieder einen Trainer, der über einen klares Konzept verfügte und mit tollem Offensivfußball die Fans begeistern wollte, setzen allerdings dieses Mal auf einen alten Bekannten.

Nach wochenlangen Spekulationen wurde am 4. Juni 2012 Zdenek Zeman als neuer Trainer vorgestellt, genau 13 Jahre nachdem er damals entlassen und durch Fabio Capello ersetzt wurde. Im Jahr zuvor schaffte Zeman mit Pescara den Aufstieg in die Serie A. Ein Tordifferenz von 90:55 spricht wohl für sich, zum Vergleich sei aber noch die Tordifferenz des zweitplatzierten FC Torino erwähnt: 55:28. Im Gegensatz zur Verpflichtung von Luis Enrique begeisterte jene von Zdenek Zeman die Römer Fans. Der Abo-Verkauf konnte einen sehr starken Anstieg verzeichnen und gleichzeitig stiegen wiedermal die Erwartungen. Doch auch Zeman scheiterte aus verschiedenen Gründen. Zwar spielte auch Zeman ein 4-3-3, doch sein Fußball unterschied sich grundsätzlich sehr stark zu jenem von Luis Enrique. „Ein Querpass ist zwecklos“, sagte Zeman einmal, er setzt vor allem auf ein schnelles Umschaltspiel und bedingungslose Offensive. Die Defensive wurde dabei aber stark vernachlässigt, was womöglich das größte Problem bei Zemans Roma war. Zudem machte er sich bei der Mannschaft durch sein eisernes Konditionstraining unbeliebt, die Stimmung im Team war im Keller und irgendwann erreichte er die Spieler nicht mehr. Seine Entscheidung den jungen Griechen Panagiotis Tachtsidis statt Daniele De Rossi spielen zu lassen, brachte „il Boemo“ außerdem wenig Sympathien bei den Fans. Im Februar wurde Zeman schließlich durch Co-Trainer Andrea Andreazzoli ersetzt, der immerhin das Finale in der Coppa Italia erreichte, welches aber ausgerechnet gegen Lazio verloren wurde.

Doch auch wenn das Projekt Zeman ebenfalls scheiterte, verlorene Zeit war es keine. Zeman entwickelte die Mannschaft weiter und brachte vor allem die jungen Spieler um einiges weiter. Zwar hatte Neuzugang Destro seine Probleme, dafür kamen aber Florenzi und Tachtsidis auf sehr viel Einsatzzeit, Marquinhos und Lamela gelang sogar der Durchbruch, was dem Verein im Sommer ordentliche Einnahmen bescherte (31,4 Mio. € für Marquinhos, 30 Mio. € für Lamela). Außerdem brachte er Francesco Totti zurück auf ein Topniveau und viele Fans sind der Meinung, dass Totti immer noch von Zemans Konditionstraining profitiert.

Vergangenen Sommer musste nun wieder ein neuer Trainer her und schon wieder traf der Verein eine eher ungewöhnliche Entscheidung: Der Franzose Rudi Garcia wurde verpflichtet. Eigentlich galten Walter Mazzarri und Max Allegri lange Zeit als Favoriten um den Trainerposten bei den Giallorossi, betrachtet man allerdings deren Leistungen heuer mit Inter und Milan ist es wohl besser, dass es nicht so kam. Rudi Garcia war in Italien dagegen ziemlich unbekannt und die Fans standen dieser Entscheidung eher skeptisch gegenüber. Vermutlich wäre es aber egal gewesen wer der neue Trainer geworden wäre, die Fans hätten der Entscheidung ohnehin viel Skepsis entgegengebracht. Viele Anhänger der Roma wussten aber wahrscheinlich gar nicht, was Garcia bisher alles geleistet hat und welch großartige Arbeit er in Lille machte. Sportdirektor Walter Sabatini bezeichnete Garcia als “Synthese aus den Trainer, die sie hatten [Enrique, Zeman] und denen, die sie fast holten [Mazzarri, Allegri].“. Das klingt im ersten Moment etwas seltsam, mittlerweile stellte sich aber heraus, dass Garcia wirklich eine gute Mischung zwischen den „Offensivkünstlern“ Luis Enrique und Zeman und den eher defensiven Mazzarri und Allegri ist. Mit den Worten „meine Philosophie ist ohne Zweifel offensiv, ich weiß aber, dass man eine gute Defensive benötigt um Spiele zu gewinnen“, bestätigt Garcia diese Aussage quasi.

Während die Abwehr der Römer in den letzten Jahren eher einem Scheunentor glich, stellt die Roma mit nur 11 Gegentoren in 23 Spielen die aktuell beste Defensive der Liga. 48 erzielte Tore, der drittbeste Wert der Serie A, bezeugen aber auch, dass Rudi Garcia scheinbar wirklich die richtige Mischung gefunden hat. Es scheint einfach perfekt zu passen zwischen dem französischen Trainer und dem Hauptstadtklub. Denn auch in der Transferphase lief scheinbar alles richtig. Der von Udinese geholte Abwehrchef Mehdi Benatia erwies sich als Goldgriff, Maicon verstärkte die Abwehr weiter und dass Goalie Morgan De Sanctis nach einem sehr schwachen Jahr in Napoli so stark zurückfindet war eigentlich nicht zu erwarten. Zudem erwiesen sich auch Strootman und Gervinho als weltklasse Transfers.

Im Gegensatz zu Luis Enrique hatte Garcia auch keine Startprobleme, ganz im Gegenteil, es wurde sogar ein neuer Startrekord in der Serie A aufgestellt. Hervorzuheben ist hierbei neben der starken Abwehr vor allem das 3er-Mittelfeld um De Rossi, Pjanic und Strootman. Allerdings schwächelte auch Juventus nicht und seit Romas 3-0 Niederlage gegen Juve in Runde 18 scheint das Rennen um den Scudetto schon verloren.

Dennoch sind Romas Leistungen heuer wirklich beachtlich, dies ist aber nicht der alleinige Verdienst von Rudi Garcia. Bei ihm passte es endlich, allerdings gab es schon vor ihm gute Ansätze. Denn auch wenn es im Verein eher unruhig zuging – man erinnere sich an die Diskussion um Osvaldos Wechsel – und die letzten Jahre unter Luis Enrique und Zdenek Zeman nicht gerade erfolgreich waren, waren sie ebenfalls wichtig für die Zukunft des Vereins. Es wurden mutige und mehr oder weniger innovative Entscheidungen getroffen und auch wenn der Spanier und der Tscheche sehr unterschiedlich sind, so eint sie doch ihr Offensivfußball und ihr Trend zur Jugend, außerdem besitzten beide immerhin über ein klares Konzept. Beide setzten sehr stark auf die Jugend, wovon die Roma nun profitiert. Dodo (22 Jahre), Pjanic (23), Strootman (24), Florenzi (22), Ljajic (22) und Destro (22), sind allesamt recht jung und spielen eine wichtige Rolle in der Mannschaft.

Und die Roma ruht sich auch nicht auf der bisherigen Arbeit aus und investiert weiter in die Zukunft und so wurde im Winter ein sehr interessanter Mercato absolviert. Der Transfer von Radja Nainggolan, mit dem die Roma ihre Ambitionen sich wieder als Topklub in Italien zu etablieren unterstreicht, wurde bereits hier erklärt, jedoch sind auch die eher unbekannten Transfers beachtenswert. Zum Beispiel wurde der 17-jährige Antonio Sanabria für 5 Mio. € von Barcelona abgeworben. Das Stürmertalent aus Paraguay galt in La Masia als eines der größten Talente, was schon einiges aussagt, außerdem war Barca eigentlich gar nicht gewillt Sanabria ziehen zu lassen. Auch der 19-jährige Leandro Paredes wurde verpflichtet, der Mittelfeldspieler, der von den Boca Juniors kam, gilt in seiner Heimat als Riesentalent, allerdings stockte er zuletzt in seiner Entwicklung. Zudem wurden noch Petar Golubovic (19 Jahre alt von OFK Belgrad), Valmir Berisha (17 Jahre von Halmstads), sowie der Brasilianer Abner (17 Jahre von Coritiba), der erst im Sommer zum Verein wechseln wird, verpflichtet. Transfers, für eine hoffnungsvolle Zukunft.

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