Ein Nachruf auf Frankreichs Absteiger

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Diese Woche geht die Ligue 1 wieder los, doch ohne drei Teams, die schon länger dabei waren. Drei achtenswerte Mitstreiter sind auf der Strecke geblieben und in die Zweitklassigkeit abgestiegen. Ihnen zu Ehren einen Nachruf:

• Sochaux
In Frankreich gibt es kein Relegationsspiel, in Frankreich steigen die Liga-Dinos ab. Mit 65 Saisons in der ersten Klasse des französischen Profifußballs ist Sochaux, die Werkself der Peugeot-Fabrik, immer noch der Rekordhalter. Hätte es ein Relegationsspiel gegeben, dann hätte sich Sochaux vielleicht retten können, denn diese Mannschaft war dank der Verpflichtung von Trainer Hervé Renard in den letzten Saisonmonaten wirklich im Aufwind. Nach einigen Jahren als Nationaltrainer in Afrika (ihm verdankt Sambia der erstaunliche Gewinn der Afrikameisterschaft im Jahr 2012) war es für ihn die erste große Trainererfahrung im französischen Profifußball. Und auf jeden Fall eine sehr gelungene Erfahrung.

Keiner dachte in der Winterpause, dass Sochaux noch zu retten war; doch Renard stellte das System um und holte mehrere wichtige Spieler: Jordan Ayew aus Marseille für den Sturm (seit den Abgang von Ryad Boudebouz nach Bastia war die Offensive ein echtes Sorgenkind), Ex-Bordeaux Spieler Marange für die linke Seite der Abwehr, sowie Sunzu und Sinkala aus Sambia als Innenverteidiger und Sechser (ganze drei Spieler aus Sambia hatte Sochaux im Kader, als Mitbringsel von Trainer Renard). Im neuen 4-2-3-1, mit Ayew oder Bakumbu an der Spitze, rückte Corchia im linken Mittelfeld vor, umgeben vom Veteran Roudet und Stürmer Roy Contout. Damit fand die Mannschaft wieder den Weg zum Tor und konnte sich auf eine etwas stabilere Viererkette verlassen.

Corchia, als Kapitän der U20-Weltmeister der einzige Star im Team am Anfang der Saison, ist eigentlich Außenverteidiger. Sein Positionswechsel erklärt sich ursprünglich dadurch, dass im Winter sein Transfer nach Lille bevorstand: dies scheiterte jedoch und Sochaux hatte seine Viererkette bereits reorganisiert als Corchia in den Kader zurückkam. Also fand sich für ihn ein neuer Posten; von seiner Verantwortung in der Defensive entlastet konnte er anscheinend viel besser ins Spiel greifen als vorher.

Es begann also ein Wettlauf gegen die Zeit, um den Tabellenletzten zu retten. Das Wunder war nah. Gerade am letzten Spieltag musste Sochaux als Achtzehnter gegen den Siebzehnten aus Evian seine letzte Chance ausspielen. Also irgendwie doch ein Relegationsspiel. Doch just in diesem Spiel ließ der Zauber nach, Evian siegte und rettete sich.

Es wird schwer sein für Sochaux auf die gute Dynamik der letzten Saisonspiele zurückzugreifen, um einen direkten Wiederaufstieg zu erkämpfen. Hervé Renard ist nun Nationaltrainer der Elfenbeinküste, er gehört jetzt zu den Talenten der französischen Trainerzunft und wird als Coach wahrscheinlich noch groß rauskommen. Sinkala, Prcic, Jordan Ayew und Corchia sind gegangen, es gibt keinen neuen Leistungsträger.

Schade also, dass Sochaux so spät seine Form gefunden hat. Wenn man auf die Bilanz der zweiten Saisonhälfte schaut, hätte dieses Team gut verdient weiterhin erstklassig zu spielen.

• Valenciennes
Anders als Sochaux hatte Valenciennes an einen guten Start geglaubt und hatte eine Weile lang Hoffnung auf einen Platz im Mittelfeld der Tabelle. Schließlich hatte dieser Verein in den letzten Jahren mehrmals den Anschluss an der Europa-Qualifikation knapp verpasst und mit dem neuen Stade du Hainaut ein Zeichen dafür gesetzt, dass man auf der Dauer im Oberhaus mitmischen will.

Valenciennes fand sich jedoch fast die ganze Saison auf dem achtzehnten Platz. Es bestand natürlich eine weile Hoffnung, denn Nichtabstiegsplätze waren immer in Reichweite. Doch Valenciennes zeichnete sich durch seine Fähigkeit aus, lange Durststrecken zu hinterlegen (Rekordmarke diese Saison: 8 Spiele in Folge ohne Sieg).

Das Team an sich wirkte wie ein Heer aus Namenslosen, man vertraute auf Veteranen wie Penneteau (33 Jahre) im Tor, Kapitän Rudy Mater (33), David Ducourtioux (35) und José Saez (31) im Mittelfeld und Gregory Pujol (34) im Sturm. So ein Konzept konnte in den letzten Jahren aufgehen, aber es sollte den Meisten schon klar sein, dass diese Strategie irgendwann ihre Grenzen kennt.

Als es schon vor der Winterpause brenzlig wurde, holte der Verein Trainer Ariel Jacobs, der in Belgien und in Dänemark Meister gewesen war. Vor allem kam als Spieler Majeed Waris aus Moskau ausgeliehen; er ist wahrscheinlich die einzige gute Note in dieser Saison für Valenciennes. Der ghanaische Nationalspieler erzielte in der zweiten Saisonhälfte ganze 9 Tore, in solch einem Kontext eine sehr gute Leistung. Dagegen sieht der von Paris ausgeliehene Bahebeck mit seinen 2 Saisontoren ziemlich schlecht aus.

Trotz einer kleinen Leistungssteigerung konnte sich Valenciennes im Nachhinein nicht mehr retten und überlies sogar Sochaux die Verfolgungsjagd für den 17. Platz. Der Abstieg ist ein schwerer Schlag für diesen ehrgeizigen Klub gewesen, der jetzt in finanzielle Probleme verstrickt ist. Die Gewinneinbußen, die durch den Abstieg entstehen, sind zu heftig und von den Aktionären des Klubs nicht aus eigener Kraft überwindbar. Die Liga wollte zuerst nicht mal den Abstieg in die 2. Liga gewähren, dafür sollte das Budget nicht reichen. Valenciennes stand tatsächlich kurz vor der Pleite und einem Neuanfang in der Bezirksliga. In allerletzter Minute fand sich ein neuer Besitzer für den Klub, Ex-Minister Jean-Louis Borloo.

Doch die Zukunft ist weiterhin nicht rosig: es fällt schwer, die Miete vom brandneuen Stade du Hainaut zu ertragen, und der Kader muss neu besetzt werden. Zwei junge Talente in der Abwehr sind gegangen (Lindsay Rose zu Lyon und Arthur Masuaku zu Olympiakos) ohne viel Ablöse einzubringen, viele der alten Spieler sind ablösefrei gegangen und die Leihspieler kommen auch nicht wieder (Waris ist zurück bei Spartak, Kagelmacher bei Monaco bzw. 1860 München). Valenciennes hat es nicht geschafft rechtzeitig seinen Kader zu erneuern und jetzt steht es gezwungenermaßen vor einem Neuanfang.

• Ajaccio
Von Ajaccio könnte man sagen, dieser Klub gilt jedes Jahr als Abstiegskandidat. Das kleinste Budget der Liga hat wahrscheinlich auch die kleinste Fanbasis, mit nur 6 000 Zuschauern im Schnitt. Von 2002 bis 2006 war AC Ajaccio schon erstklassig, die Bestmarke war der 14. Tabellenplatz. 2011 konnte sich Ajaccio wieder in die Ligue 1 einschleusen, aber blieb in den folgenden Jahren wieder nur knapp über der Wasserlinie: der ACA belegte jeweils den 16. und 17. Tabellenplatz. Dieses Jahr sollte anders werden: mit der Verpflichtung von Fabrizio Ravanelli als Trainer war ein Zeichen für höhere Ansprüche gesetzt. Der Ex-Spieler von Juventus und Marseille war aber als Trainer bei weitem nicht so erfolgreich wie einst als Goalgetter. Schon in November wurde er entlassen, obwohl sein Saisonstart eigentlich besser war als derjenige der beiden anderen Absteiger. Ersetzt wurde er durch Ajaccio-Nachwuchstrainer Christian Bracconi. Der Klub konnte sich nichts Besseres leisten.

Bei den Spielern hat man auch dieses Gefühl. Außer Weltklasse Torhüter Guillermo Ochoa, der mit Mexiko bei der WM die Köpfe verdrehte, sieht der Kader wie eine Auswahl von alternden Ligue 1-Spielern aus, die als Frührentner ans Mittelmeer wollen. Spieler wie Pedretti, Eduardo, Zubar, Bonnart, Hengbart und Oliech hatten alle mal ihre gute Zeit, aber die ist schon fünf Jahre her. Einen sehr wagemutigen Wechsel hatte Ajaccio außerdem mit der Ankunft von Adrian Mutu angebahnt: 2012 kam der Problemspieler aus der Serie A und wollte zeigen, dass er nicht nur in der Boulevard-Presse für Schlagzeilen sorgen kann. Beim Toreschießen wurde er aber wirklich zu diskret und wechselte im Winter 2014 zurück in seine Heimat Rumänien.

Der Trainerwechsel brachte bei den zwei anderen Absteigern ein wenig Hoffnung, bei Ajaccio fing jedoch der freie Fall so richtig an. Als erste Mannschaft machte Ajaccio den Abstieg klar, und zwar schon einen guten Monat vor Saisonende; der 20. Tabellenplatz wurde bis zum Ende stolz verteidigt.

Wie geht es in der zweiten Liga weiter? Spielerisch gesehen wird es schwer. Die jüngeren Spieler, die noch als Talent hätten gelten können, sind gegangen, wie Benjamin André oder Paul Lasne. Ochoa ist nach Malaga und Top-Scorer Tallo, der von AS Rom ausgeliehen war, spielt jetzt für Bastia. Es bleibt also vor allem die Frührentner-Clique, angeführt von Johan Cavalli, Mittelfeldspieler im Valbuena-Format, der seinem Ruf als Ajaccio-Eigengewächs treu bleibt.

Außersportlich kann sich AC Ajaccio auf eine solide Vereinsführung verlassen, die Erfahrung mit dem Auf- und Abstieg hat. Wenn sie nicht mal im Gefängnis liegt. Denn Vereinsboss Orsoni ist Mitglied der Nationalistenszene und ist schon mehrmals in Verbindung mit den dunkelsten Machenschaften der korsischen Unabhängigkeitsbewegung gebracht worden. Ein anderes Problem für AC Ajaccio ist die Konkurrenz: letztes Jahr in der Ligue 1 bestätigte sich, dass Rivale Bastia im Fußball die Nummer 1 auf der Insel ist. Dieses Jahr in der Ligue 2 muss AC gegen einen anderen Konkurrenten ran: Gazelec Ajaccio, der vermeintlich populäre und historische Klub der Stadt, spielt endlich wieder im Profifußball und möchte sich ein Platz an der Sonne erkämpfen. Da werden sich die ohnehin schlechten Zuschauerzahlen von AC kaum steigern dürfen. Die Kleinstadt am Mittelmeer wird sich aber wohl freuen, denn zwei Profiklubs in einer Gemeinde gibt es in Frankreich nirgendwo sonst, nicht einmal in der Hauptstadt.

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