Ein neues Himmelblau

Ein Gastbeitrag von Christian Staffler – Christian Staffler, geboren 1991 in der Südtiroler Kurstadt Meran, schreibt normalerweise für Scarico – Football Blog. Hauptberuflich Grafiker und freier Sportjournalist, trainiert der leidenschaftliche Kaffeetrinker zudem eine U17-Mannschaft und hat zuletzt bei Greuther Fürth hospitiert. Auf Twitter findet ihr ihn hier.

Der italienische Fußball strotzt vor Talenten. Welche können den Sprung schaffen?

Es ist ein bisschen wie bei einem Kitschfilm im Kino: Die Liebe wächst schnell, bricht dann um am Ende wieder groß und unendlich zu werden. Ähnlich ist es mit dem italienischen Fußball und seinen Jugendspielern. Während der Calcio früher ein Pool an hochtalentierten Nachwuchsspielern war, ging es Mitte der 2000er-Jahre stetig bergab. In der Talsohle angekommen, erinnerten sich die Klubbosse wieder an ihren Nachwuchs und haben erneut begonnen, ihn zu fördern. Die ersten Früchte können jetzt geerntet werden.

Als sich die italienische Nationalmannschaft 2006 in Berlin zum Weltmeister kürte,war klar, dass diese Mannschaft auf dem Zenit ihres Könnens ist. Zwar dauerte das Hoch des italienischen Fußballs noch ein bisschen an, doch schon mit dem Zwangsabstieg von Rekordmeister Juventus verblasste der Glanz ein wenig. Trotzdem hielten die Mailänder Großklubs Inter und Milan die Fahnen noch ein Weilchen hoch. Spätestens seit dem 2010er-Triple-Gewinn von Inter war es aber vorbei mit der Herrlichkeit. Die Probleme im Stiefelstaat wurden immer sichtbarer: marode Stadien, eine undurchsichtige Elite, Zuschauerschwund, veraltete Stars und keine Hoffnungsträger in Sicht. Mittlerweile hat sich das Blatt wieder ein bisschen gewendet. Nationaltrainer Giampiero Ventura muss nicht, wie viele seiner Vorgänger, auf Altstars setzen. Er hat eine große Auswahl an jungen, talentierten italienischen Fußballern zur Verfügung. In den letzten Jahren hat sich in Sachen Jugendförderung nämlich einiges getan, auch wenn der Weg noch ein weiter ist.

Im Frühjahr 2017 hat der italienische Verband begonnen, im ganzen Land sogenannte technische Zentren zu eröffnen. Jedes Zentrum wird von einem lokalen Trainerstab geleitet und soll der Talentförderung in den Provinzen dienen. Ein bisschen erinnert das System, das Italien in Zukunft wieder zurück in die Weltspitze führen soll, an die Stützpunkte des DFBs. Es gibt aber noch weitere Regeln: In der drittklassigen Lega Pro, die ab nächster Saison wieder Serie C heißen wird, sind die Vereine verpflichtet, eine gewisse Anzahl an jungen Spielern einzusetzen. Zudem bekommen die Vereine Geld dafür, wenn junge Profis viele Einsatzminuten sammeln. Die FIGC, so heißt der italienische Fußballverband, hat sich also einiges überlegt, um die Talentförderung voranzutreiben. Ob das System, wie es in der 3. Liga angewendet wird, sinnvoll ist, ist allerdings eine andere Frage.

 

Die italienische U21 gehört bei der aktuellen EM zu den Favoriten

Die italienischen Klubs beginnen erst langsam mit dem Umdenken. Zwar bilden die meisten Vereine recht ordentlich aus, doch die Durchlässigkeit in den Profibereich ist nicht der Rede wert. In letzter Zeit haben einige Vereine allerdings wieder vermehrt begonnen, eigene Jugendspieler einzubauen. Prominentestes Beispiel ist Milan, das allerdings aufgrund von Finanznöten dazu gezwungen war. Mittlerweile haben die Mailänder, dank chinesischer Investoren, wieder mehr Geld zur Hand und schon wird wieder begonnen, ausländische Spieler zu kaufen. 100 Kilometer östlich vom San Siro setzt man hingegen konstant auf die eigene Jugend. Atalanta hat sich schon seit jeher die Jugendarbeit auf die Fahnen geschrieben. Dank der großen Erfolge der 1. Mannschaft war der Klub aus Bergamo zuletzt vermehrt im Fokus – und mit ihm seine Jugendarbeit.

Roberto Gagliardini (er wechselte im Jänner 2017 für 25 Millionen zu Inter), Andrea Conti oder der zukünftige Juventus-Innenverteidiger Mattia Caldara stammen aus der Atalanta-Schule. Wirft man einen Blick auf die aktuelle U21-Nationalmannschaft, dann stehen gleich fünf Spieler im Kader, die in der Saison 2016/17 für die Schwarz-Blauen im Einsatz waren. Auch sonst glänzen die Azzurrini von Trainer Luigi Di Biago mit großen Namen und viel Marktwert. Im Tor steht Milan-Juwel Gianluigi Donnarumma (er ist Jahrgang 1999), in der Zentrale räumt Juves Double-Gewinner Daniele Rugani ab und im Mittelfeld ziehen Torino-Kapitän Marco Benassi und Lorenzo Pellegrini aus der Roma-Schmiede die Fäden. Auch im Sturm gibt es einige interessante Kandidaten: Federico Bernardeschi von der Fiorentina, Andrea Petagna und Domenico Berardi (er sorgte einst mit einem Viererpack für das Aus von Max Allegri bei Milan). Allesamt stehen auch im Fokus von Nationalcoach Ventura.

1997: Ein besonderer Jahrgang

Im Sommer 2016 verlor die U19-Auswahl der Italiener vor 25.000 Zuschauern in der Sinsheim-Arena das EM-Finale gegen Frankreich klar und deutlich mit 0:4. Ein Jahr später holte dieselbe Mannschaft in Südkorea den 3. Platz bei der U20-WM. Sicher, über die Qualität der heurigen U20-Weltmeisterschaft lässt sich streiten. Dennoch zeigten die jungen Italiener, dass mit ihnen in Zukunft zu rechnen ist. Nicht umsonst gilt der 1997er-Jahrgang in Italien als besonderer.

Während bei der U19-EM im Vorjahr der Linksverteidiger Federico Dimarco mit fulminanten Toren auf sich aufmerksam machte, spielten sich heuer die beiden Stürmer Andrea Favilli und Riccardo Orsolini in den Vordergrund. Während ersterer eine Vergangenheit bei Juventus hat und heuer 8-mal für Ascoli in der Serie B traf, wird Orsolini in Zukunft für den Rekordmeister auflaufen. 6 Millionen ließ sich Beppe Marotta den quirligen Flügelspieler, der heuer ebenfalls 8-mal für Ascoli eingenetzt hat, kosten. Bei Juve wird Orsolini auf

Rolando Mandragora treffen. Der Mittelfeldspieler stammt aus dem Nachwuchs von Genoa, fiel heuer aber fast die gesamte Saison aufgrund einer schweren Knieverletzung aus. Ebenfalls aus dem 97er-Jahrgang stammen Innenverteidiger Filippo Romagna (er gehört Juventus, spielte heuer aber für Brescia), Nicolò Barella (heuer Stammspieler bei Cagliari), Giuseppe Pezella (Linksverteidiger bei Palermo) oder Francesco Cassata (der Sechser spielte bei Ascoli eine wichtige Rolle). Auch wenn diese Spieler noch keine großen Namen, wie beispielsweise der gleichaltrige A-Nationalspieler Federico Chiesa sind, sollte man sie sich merken. Versprochen!

Talentierte Torhüter in Hülle und Fülle

Dino Zoff, Francesco Toldo, Gianluca Pagliuca, Gianluigi Buffon. An talentierten Torhütern fehlte es in Italien nie. Mittlerweile rollt eine neue Generation an Keeper-Talenten auf Fußball-Italien zu. Der prominenteste von ihnen ist Gianluigi Donnarumma, der bei Milan schon seit eineinhalb Jahren als Stammkeeper zwischen den Pfosten steht. Donnarumma ist nicht nur der jüngste Torhüter, der jemals das Trikot der Squadra Azzurra getragen hat, sondern mittlerweile auch schon die Nummer 2 hinter dem mehr als doppelt so alten Buffon. Als Nummer 3 bewirbt sich Alex Meret (1997), der mit Spal die Rückkehr in die Serie A geschafft hat. Meret wurde bei Udinese ausgebildet und schon von Antonio Conte vor der EM 2016 in die Nationalmannschaft eingeladen. Übrigens: Bei Udinese stehen mit Simone Scuffet (1996) und Simone Perisan (1997) zwei weitere große Torhüter-Talente im Kader. Gleich alt wie Meret ist Emil Audero. Der Italo-Philippiner debütierte schon in der Kampfmannschaft von Juventus und gilt genauso wie Alessio Cragno (1994/er stieg mit Benevento durch die Play-offs in die Serie A auf) und Pierluigi Gollini (1995) als Mann für die Zukunft. Wer es am Ende auch sein wird, um sein Erbe im grün-weiß-roten Tor braucht sich der „ewige Gigi“ keine Sorgen zu machen.

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