Gonzalo Higuaín führt den Ball in Richtung gegnerisches Tor, im Juventus Stadium läuft die 70. Spielminute. Der Argentinier probiert es mit einem Lupfer in Richtung Sami Khedira. Versuch abgewehrt, doch der Ball fällt Higuaín im Sechzehner erneut vor die Füße. Ein trockener, wuchtiger Abschluss und der Ball knallt unhaltbar ins rechte Eck, Pepe Reina hat keine Chance. Es war der Siegtreffer im Spitzenspiel der Serie A, das Stadion bebt, alle liegen sich in den Armen. Nur der Torschütze selbst hebt entschuldigend, fast schon peinlich berührt die Hände. Er hatte soeben nicht nur ins Netz getroffen, sondern auch in die Herzen aller Neapolitaner.

Der Wechsel des ehemaligen Publikumslieblings des SSC Neapel zum verhassten Rivalen aus Turin steht für weitaus mehr, als auf dem ersten Blick zu erkennen sein mag. Schon wieder hatte der reiche, wirtschaftsstarke Norden über den armen Süden gesiegt, schon wieder sind die Hoffnungen und Träume der Neapel-Fans im Keim erstickt worden.

Selten sorgte ein Vereinswechsel innerhalb Italiens für derartige Empörung, in den Tagen danach loderten am Fuße des Vesuv hunderte Higuaín-Trikots in Flammen. Bis zu jenem Transfer hatten die Neapolitaner Higuaín für einen der Ihren gehalten, heute ist er ein Verräter, der Fahnenflucht begangen hat. Gerade erst hatte der Angreifer einen ligainternen Rekord aufgestellt, er wurde mit 36 Toren Torschützenkönig in der abgelaufenen Serie A-Saison. Und obwohl der SSC Neapel die Meisterschaft verpasste, so fühlten sich viele Tifosi in die Jahre zurückversetzt, als ein anderer Argentinier im hellblauen Trikot Tor um Tor schoss.

Diego Maradona wird in der Stadt heute noch wie ein Heiliger verehrt, sein Trikot mit der Rückennummer 10 wird nie mehr vergeben. Bis zuletzt hofften die Tifosi darauf, dass Higuaín der Sturmführer auf dem Weg zum Scudetto sein könnte, dem ersten seit Maradona die Stadt und ganz Fußballeuropa verzauberte.

Doch es sollte anders kommen. Napoli-Präsident Aurelio De Laurentiis wehrte sich bis zuletzt, konnte aber nicht verhindern, dass Juventus die festgeschriebene Ablösesumme von 94 Millionen Euro zahlte. Es ist die höchste Transfersumme, die ein italienisches Team je berappen musste. „Wenn Higuaín geht, verrät er sich selbst“, appellierte De Laurentiis an die Vernunft seines argentinischen Top-Stars, der sich davon aber nicht beeinflussen ließ. „Ich durchlebe wundervolle Gefühle“, sagte Higuaín als er am Turiner Flughafen landete und fügte hinzu: „Ich bin glücklich, bei Juve zu sein.“

So läuft heutzutage das Geschäft, Geld schießt eben doch Tore. Und dennoch gibt es in Italien noch Fußballromantiker, die den Schritt Higuaíns nicht nachvollziehen können. Einer davon ist der ewige Römer Francesco Totti, der vielleicht letzte seiner Zunft. Er kritisierte seinen argentinischen Kollegen aufs Schärfste: „Der Wechsel ist ein Desaster, aber es ist längst normal, dass ein ausländischer Spieler dorthin geht, wo ihm mehr gezahlt wird. Es ist ein Mentalitätsproblem. Es gibt nicht mehr viele Ausländer wie Maradona.“ Ein neapolitanischer Priester ging gar einen Schritt weiter. Er nannte Higuaín einen „armen Teufel“, der den irdischen Verlockungen erlegen sei. Gott habe sich nie so verhalten, sagte der Geistliche in tiefster Trauer über den Verrat.

Eine besondere Beziehung zum 28-Jährigen, so dachte er zumindest, hatte Napoli-Stadionsprecher Decibel Bellini. Ein ums andere Mal schrie er nach Toren die Silben „GON-ZA-LO“ ins Mikrophon, die das Publikum im Stadio San Paolo lauthals mit „HI-GUA-IN“ erwiderte und seinen Helden daraufhin überschwänglich feierte. Nach dem Wechsel von Higuaín verfasste Bellini eine Grabrede, in der er seine Wut und Trauer zum Ausdruck brachte. „Manchmal verlieben wir uns in Menschen, die ganz einfach nicht geliebt werden wollen“, schrieb der Stadionsprecher, der aber noch einen Ausblick in die Zukunft wagte: „Champions kommen und gehen, aber die Leute auf den Tribünen, mit den Trikots so blau wie der Himmel: Sie bleiben für immer.“

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