Eine unglaubliche Reise


Eibar
Dies ist die Geschichte des spanischen Erstligisten SD Eibar, der derzeit bestplatzierten baskischen Mannschaft in der Primera División, und alleine in diesem ersten Satz stecken so viele Absurditäten, dass man noch vor zwei Jahren allenfalls ein nettes, aber verständnisloses Lächeln dafür geerntet hätte.

Tatsächlich klingt die Geschichte des Clubs aus dem knapp 30.000-Einwohner-Städtchen, der es ohne Investor und quasi ohne Schulden bis ins Oberhaus geschafft hat, wie ein Fußball-Märchen.

Vor zwei Jahren waren die Mannen von Eibar in der Segunda B tätig, der dritten Liga Spaniens. Zum weiteren Kreis der Aufstiegsfavoriten gehörte man durchaus schon eine Zeit lang und tatsächlich landete man im Frühjahr 2013 auf dem zweiten Platz und qualifizierte sich somit für die Aufstiegsplayoffs. Nun ist der Modus, um aus der viergleisigen Segunda B in die eingleisige Segunda A aufzusteigen, einigermaßen kompliziert; Für alle Mannschaften auf den Rängen Zwei bis Vier gilt es in jedem Fall eine ganze Reihe KO-Duelle zu überstehen.

Für Eibar wäre die Reise beinahe zu Ende gewesen, bevor jemand deren Ausmaße auch nur erahnen hätte können. Im ersten Playoff-Duell gegen CD Alcoyano, dem Viertplatzierten der Mittelmeer-Gruppe, war es nach einem 2:2 im Hinspiel Diego Jiménez, der die Basken im eigenen Stadion durch seinen 1:1-Ausgleichstreffer in der 89. Minute aufgrund der Auswärtstorregel in die nächste Runde schoss.

Darauf folgten mehr oder weniger souveräne Siege gegen den asturischen Vertreter Real Oviedo und die Katalanen von CE L’Hospitalet, ihres Zeichens Sieger der Mittelmeergruppe, und somit letztlich der Aufstieg in Liga Zwei.

Doch kaum dort angekommen, drohte die Reise ein weiteres Mal zu Ende zu sein. Die Statuten des spanischen Ligaverbandes LFP verlangen für jeden Verein der Ersten und Zweiten Liga Eigenkapital, das einem bestimmten Prozentsatzes des Durchschnitts aller Teams der jeweiligen Liga beträgt und angeblich für die Gewährleistung der Aufrechterhaltung des Spielbetriebs nötig ist. Für die allermeisten Teams stellt dies kein Problem dar, für den kleinen Provinzklub allerdings ein gewaltiges. Die vorgeschriebene Summe verfehlte man damals um ein Vielfaches und so wurde ein Lizenzierungsverfahren gegen den (schuldenfreien) Verein eröffnet, so obskur dies angesichts der Schuldenprobleme vieler anderer unterklassiger spanischer Clubs scheinen mag. Eibar musste also unbedingt Geld auftreiben, das man eigentlich gar nicht gebraucht hätte.

Die ganze Saison 13/14 spielte man in der Ungewissheit, ob man für die darauffolgende Saison überhaupt eine Zweitligalizenz erhalten würde. Gleichzeitig wurde eine großangelegte Ausgabe von neuen Vereinsaktien angekurbelt, die von Anhängern des Vereins und Fußballfans auf der ganzen Welt genutzt wurde, so dass man im Sommer 2014 tatsächlich 1,7 Millionen an neuem Eigenkapital zusammen hatte. Genug um, ja natürlich um in Liga Eins aufzusteigen. Denn unbeeindruckt von dem ganzen finanziellen Trubel und ohne das Geld, das angeblich für den Spielbetrieb nötig gewesen wäre, hatte sich das Team mit dem kleinsten Etat aller Zweitligisten auf Platz Eins festgesetzt und machte schließlich schon zwei Spieltage vor Saisonende den Aufstieg perfekt. Für den Verein, der ein Jahr zuvor zu den ersten Abstiegskandidaten gezählt wurde, sollte die erste Erstligasaison seiner Geschichte beginnen.

Dabei sind die Voraussetzungen für Profifußball in Eibar eigentlich alles andere als optimal. Die kleine Industriestadt liegt mitten zwischen Bilbao und San Sebastian, den Heimatstädten der beiden traditionellen baskischen Topvereine und hat damit nur ein sehr beschränktes Einzugsgebiet. Mit 27.000 Einwohnern ist Eibar zudem die kleinste spanische Stadt, die jemals einen Erstligaverein in Spanien stellte, das örtliche Stadion fasst gerade einmal gut 5000 Besucher. Auch dies entspricht eigentlich nicht den Normen der LFP, denn diese sehen für Erstligastadien eine Kapazität von mindestens 6000 Besuchern vor. Doch so wirklich schien niemand in Eibar an den Aufstieg geglaubt zu haben, erst im Sommer, nach Abschluss der Aufstiegssaison, wurde der Ausbau begonnen, nach welchem das „Ipurua“ 6700 Besuchern Platz bieten soll.

ipurua2

Um den Anforderungen der LFP genüge zu tun, wurden vor Saisonbeginn eilig provisorische Tribünen errichtet. Das Resultat wirkt wirkt aus manchem Blickwinkel doch etwas…

Ipurua

…provisorisch

Doch dem erfolgreichen Fußball der Armeros tut dies keinen Abbruch. Auf ihren wichtigsten Offensivmann der Austiegssaison müssen die Basken nun sogar verzichten, denn Spielmacher und Topscorer Jota war von Celta Vigo lediglich ausgeliehen und zog nun weiter nach England.

Doch Gaizka Garitano hat ein Team aufgebaut, das in der erfolgreichen Zweitligasaison vor allem durch disziplinierte Verteidigungsarbeit und mannschaftliche Geschlossenheit bestach. Mit nur 28 Gegentoren in 42 Spielen stellte man die mit Abstand beste Defensive der Liga. Und auch in Liga Eins kommt die Mannschaft ohne einen echten Topstar aus, einige der jetzigen Stammspieler, wie Jon Errasti, Eneko Bóveda, Eigengewächs Ander Capa oder Kultstürmer Mikel Arruabarrena waren schon zu Drittligazeiten Leistungsträger des Vereines und spielen ihre erste Erstligasaison.

Beginnen sollte diese Saison für die Mannen aus Eibar auf die bestmögliche Art und Weise. Das erste Erstligaspiel der Vereinsgeschichte fand im heimischen Ipurua statt – und das gegen den großen Nachbarn Real Sociedad aus San Sebastián. Dementsprechend groß war der Jubel, als am Ende des Tages tatsächlich auch der erste Erstligasieg zu Buche stand – 1:0 durch ein Tor von Javi Lara kurz vor der Pause. Seither haben die Basken, im Vorfeld der Saison mal wieder als erster Abstiegskandidat gehandelt, beständig weiter Punkte gesammelt und sich im Mittelfeld der Liga gehalten. Am letzten Spieltag gelang ein furioser 5:2-Sieg über Almería und somit sind die Armeros nach 14 Spieltagen – auch aufgrund der schwächelnden Etablierten Athletic und Real Sociedad – die aktuell bestplatzierte Mannschaft aus dem Baskenland. Mit 19 Punkten steht man aktuell auf einem hervorragenden neunten Tabellenplatz. Die wundersame Reise des SD Eibar scheint also noch lange nicht zu Ende zu sein.

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