Eiscreme – die Wycombe Wanderers Story

Wycombe

Als Wycombe-Fan hat man es nicht leicht. Auch wenn die Chairboys vor einigen Jahren die Möglichkeit hatten ihr Image als Fahrstuhlverein zwischen League One und League Two abzulegen, so geriet man vorige Saison in große Gefahr. Bis Sommer 2012 war Steve Hayes, Geschäftsmann und Besitzer des Rugbyteams London Wasps, Besitzer der Wanderers. 2004 übernahm er erstmals Anteile des Vereins, 2009 weitere, um Besitzer und Chairman des Vereins zu werden. Er übernahm die Schulden und plante aus dem Verein ein anstrebendes Team mit Zukunft zu machen, zudem war ein Stadionneubau geplant. Aber die Fans waren skeptisch – zurecht. Im Februar 2012 wurde der Geschäftsmann wegen dubioser Geschäfte verhaftet, der Verein stand ohne Besitzer da und es konnte kein Käufer gefunden werden. Also übernahm eine Gruppe von Fans, der Wycombe Wanderers Trust, den Verein. Man hatte Glück im Unglück, dennoch rechnete keiner mit einer solchen Entwicklung als Hayes seine Pläne im Jahr 2009 veröffentlichte. Es war nicht einfach für Wycombe-Fans, und auch wenn die Chairboys derzeit auf Platz 3 der League Two liegen und alles danach aussieht als würden sie schon bald aufsteigen, so werden die letzten Monate sicher für immer in den Köpfen der Fans bleiben.

Die Fahrstuhlmannschaft konnte bis auf ein paar Cup-Sensationen (hier wäre unser Artikel For us it was the final über das Cup-Halbfinale von 2001 nahezulegen) keine großen Erfolge einfahren. Das Interesse um den Verein war also nicht groß, als er zum Verkauf stand. Nun ist der Verein schließlich in den Händen der Fans. So romantisch das Ganze auch klingen mag, keiner rechnete mit solch schmerzhaften Kürzungen finanzieller Natur. Die Wycombe Wanderers standen kurzweilig vor dem Aus, der Spielbetrieb wurde gerade noch so am Leben erhalten. Zur Saison 2013/14 spielte man schließlich mit einer Mischung aus Jugendspielern, jungen Profis oder billigen Leihspielern von anderen Vereinen. Dabei mussten natürlich die besten Talente aus der hauseigenen Akademie abgegeben werden, um an etwas Geld zu gelangen. Am Ende ging sich nicht mal eine große Feier für das 125-jährige Bestehen des Vereins aus. Trotz größter Bemühungen des 40-jährigen Spielertrainers Gareth Ainsworth, rutschte der Verein mit Ende der Saison immer weiter Richtung Ende der Tabelle. „Mein Spielstil war es sich immer reinzuhauen und alles zu geben, in jedem Spiel. Gib’ 100%. Ich begann meine Trainerkarriere auch so ähnlich. Ich war jeden Tag auf dem Trainingsplatz, vorbereitete, coachte, involvierte mich. Ich war zu nah an den Spieler. Ich dachte je härter ich auf dem Trainingsplatz arbeitete, desto mehr Erfolg würden wir haben. So funktioniert es aber nicht. Ich suchte noch immer nach der richtigen Formel.“

„Die letzten Spiele der letzten Saison waren ein Albtraum. Wir konnten uns aus dem Loch „Loser-Mentalität“ nicht herausschaufeln, egal wie hart wir es versucht, und glaub‘ mir, wir haben es versucht.“

Am 40. von 46 Spieltagen rutschte der Verein auf den 22. Platz – die Plätze 23 und 24 steigen zu Saisonende in die Conference National ab. Trotz zweier Siege in Folge konnte sie ihre Situation nur um einen Platz verbessern. Am 45. Spieltag kam es schließlich zu einem richtungsweisendem Spiel: die Wycombe Wanderers, auf Platz 22 liegend, trafen auf die Bristol Rovers, die auf Platz 23 lagen. Es war ein unglaubliches Spiel, die Stimmung war atemberaubend – League Two eben. Keine der beiden Mannschaften wollte absteigen, es war eine stark umkämpfte Partie und nach einem tollen Freistoß gingen die Gäste aus Bristol in Führung, aber mit einem sehenswerten Backheel-Volley von Matt McClure glichen die Chairboys wieder aus. In der 76. Minute sicherte David Clarkson den Bristol Rovers mit einem Volley-Tor jedoch den Sieg. (Hier die Highlights zum Spiel)

Die Dämme brachen bei den Rover-Fans. Sie stürmen den Platz, jubelten bereits jetzt schon über den Klassenerhalt, aber auch wenn die Partie verloren ging, ließen sich die Chairboys nicht unterkriegen. Während die Rovers sich auf Platz 21 retten konnten, landeten die Wanderers durch die Niederlage erstmals auf einem Abstiegsplatz, aber man gab nicht auf und machte das Unmögliche möglich. Die Bristol Rovers verloren gegen Aufsteiger Mansfield Town mit 0:1, zum gleichen Zeitpunkt gewannen die Chairboys gegen den Letzten Torquay United mit 0:3 und drehte das Tabellenende auf den Kopf. Die Rovers rutschten von Platz 21 auf Platz 23 zurück und die Chairboys vom 23. auf den rettenden 22. Platz.

Das Seuchenjahr war überstanden. Nachdem man sich vorige Saison den sofortigen Wiederaufstieg als Ziel setzte und stattdessen beinahe aus der League Two abstieg, gingen die Blauen erstmals ohne sportliches Saisonziel in die Saison. Einzig „finanzielle Sicherheit“ wurde am Anfang der Saison mehrmals als Ziel erwähnt. Aus finanziellen Gründen konnten die Chairboys nicht viel ändern, man war gezwungen mit den vorhandenen Mitteln zu arbeiten. Dennoch wusste Ainsworth noch einiges zu ändern. „Wir änderten unseren Spielstil, holten Spieler die mehr Konstanz in die Mannschaft bringen konnten, ließ meine Mitarbeiter besser arbeiten. Ich wollte weniger eingreifen. Ich brauchte mehr Führung auf dem Spielfeld, welche wir diese Saison haben. Ich wusste was getan werden musste.”

So bekamen Trainer Ainsworth und die Jugendspieler schon fast gezwungener Maßen vollstes Vertrauen. Dennoch eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte. Viele der Youngsters blühten auf und aus dem Spielertrainer aus der League Two wurde ein Trainer mit gutem Ruf. Nachdem man in der Vorsaison beinahe abstieg, verließen die Chairboys in der Saison 2014/15 bisher kein einziges Mal die Play Off-Plätze. 12 von 33 gespielten Spieltagen verbrachte man sogar als Tabellenführer. „Kontinuität“ ist das Zauberwort. Oder „Eiscreme“ wie man in High Wycombe scherzt.

Im Sommer 2014 übernahm ein einfacher Geschäftsmann aus Preston das Ruder des Vereins. Andrew Howard kommt aus einer einfachen Familie und wuchs auf einer Farm auf, aber für einen Bauer hat er sehr viel Geld verdient. Sogar so viel, dass er sich schließlich in die britische GT3-Rennserie einkaufen konnte, dort ein Racing-Team gründen und 2013 als Fahrer sogar die britische GT3-Serie gewinnen konnte. Aber wie kann man als Bauer so viel Geld verdienen? Ganz einfach: vor 16 Jahren hatte Howard die Idee aus der Milch seiner Kühe Eis herzustellen, diese Geschäftsidee kam sogar so gut an, dass er 2013 rund 150 Millionen Portionen Eis produzierte. Aus dem einfachen Bauern wurde so ein kleiner Geschäftsmann, der sich immer weiter nach oben arbeitete. Während er vor einigen Jahren einen Traktor besaß und sich um seine Kühe kümmerte, besitzt er nun ein eigenes Rennteam und trifft sich mit seinem guten Freund Nigel Mansell, Formel 1-Weltmeister von 1992. „Man geht zu Dinner Parties und da sind alle mit ihren tollen Jobs und dann fragt jemand „Was machst du so?“ und ich sage, „Ich mache Eiscreme““, scherzt Andrew Howard über sich selbst.

Aber trotz all des Erfolges ist der 51-Jährige keinesfalls ein großer Mäzen in der Liga. Die Wycombe Wanderers haben noch immer eines der kleinsten Etats der Liga und Howard soll nach eigener Angabe nur eine kurzweilige Lösung sein. Für größeren Erfolg müsse ein weiterer Geldgeber oder Sponsor her. Doch trotz der finanziellen Lage läuft es derzeit bei den Chairboys. „Ich mache das nicht um bezahlt zu werden und ich habe keine Ambitionen ein Fußball-Tycoon zu werden, aber ich denke, dass wir die richtigen Spieler, den richtigen Trainer, die richtige Unterstützung und den richtigen Input von mir haben.“

Die Mischung Ainsworth-Howard scheint toll zu funktionieren und Potenzial zu haben. Die beiden gelten als sehr leidenschaftlich und ausgefallen, das merkt man schnell, wenn man einen Blick in das Archiv auf der Vereinshomepage wirft. Ständig liest man von Ausflügen der Mannschaft, die die Spieler zusammenschweißen sollen. Ausflüge zu Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs, gemeinsame Produktion und Verkauf von Eiscreme, Rennwochenenden, … Trainer Gareth Ainsworth und Chairman Andrew Howard gehen die Ideen nicht aus. Und es scheint zu funktionieren. Die jungen Spieler geben auf dem Spielfeld alles und die Stimmung im Team soll laut Fans eine der besten seit Jahrzehnten sein. „Ich möchte nicht, dass einer meiner Spieler in Probleme gerät. Ich wäre am Boden zerstört, wenn einer meiner Spieler aus den falschen Gründen in die Nachrichten käme“, sagt Andrew Howard und beschreibt seine jungen Spieler als „very nice guys“.

Während in der Vorsaison den Chairboys das Pech am Schuh zu kleben schien, scheint nun alles nach Plan zu laufen. Durch den überraschenden Erfolg konnten neue Sponsoren gewonnen werden, die unter anderem den Transfer von Hogan Ephraim finanzieren konnten, einem Spieler der vor 3 Jahren noch einen Marktwert von 1,5 Millionen Euro hatte und bei den Queens Park Rangers spielte. Trotz einiger Abgänge im Winter konnte die Mannschaft weiter verstärkt werden. Zudem scheinen die jungen Spieler Woche für Woche besser zu werden. Der Altersdurchschnitt der Mannschaft liegt zwar mit 25,5 Jahren im Mittelfeld der Liga, doch dieser wird durch den 45-jährigen Ersatztormann Barry Richardson auch ganz schön verzerrt. (Ohne Richardson liegt der Altersdurchschnitt bei 23,7 Jahren – zum Vergleich: Bayern München: 26,8 Jahre; Dortmund: 26,9 Jahre) Die Mannschaft ist voller Talente und sollte man sich im Falle eines Aufstiegs auch noch etwas verstärken, könnten die Wycombe Wanderers nächste Saison ein ernstzunehmender Gegner in der League One werden.

Neben Andrew Howard ist jedoch vor allem Trainer Gareth Ainsworth am Erfolg der Mannschaft beteiligt. Der defensivere, vorsichtige Spielstil aus der vorigen Saison wurde verworfen und stattdessen konzentriert man sich auf die eigenen Stärken. Auch im Training versucht man positiv zu denken und optimistisch zu sein, „das letzte was Spieler wollen ist eine Stunde mit der Niederlage aus der vorigen Partie zu verbringen“, wie er selbst sagt. Arbeiten, besser werden und nach vorne blicken. Vor allem auf psychologischer Ebene wurde viel geändert. So verbrachten die Mitarbeiter und Trainer den Sommer damit zum Beispiel ein neues Eingangsschild für den Trainingsplatz zu montieren oder neue Torstangen zu kaufen und diese zu bemalen. Simple Sachen, die jedoch einen großen Effekt haben. Ein weiteres Beispiel wäre sein Wechsel vom Trainingsanzug in den Anzug. „Für mich war der Wechsel vom Trainingsanzug in den Anzug ein Statement, dass ich nicht länger ein Mitglied des Kaders bin. Ich bin der Manager. Es war Zeit für Veränderungen.”

Während derzeit mit Jordan Ibe ein Ex-Chairboy bei Liverpool für Furore sorgt, könnte mit Fred Onyedinma bereits das nächste große Talent auf dem Sprung sein. Die Quarters, wie sie aufgrund ihrer Trikots genannt werden, haben im November den kurz davor 18-gewordenen Engländer von Millwall mit Kaufoption ausgeliehen und der Mittelfeld-Allrounder ist nicht abgeneigt zu bleiben. Verständlich, spielt doch der junge Onyedinma bei den Wycombe Wanderers groß auf und erzielte in 12 Spielen bereits 5 Tore. Egal was mit dem Engländer mit nigerianischen Wurzeln passiert, sollten die Chairboys die Kaufoption ziehen, so werden sie in den nächsten Jahren sicherlich viel Geld mit ihm machen. Doch die Frage ist, ob auch in Zukunft einige junge Talente in die Mannschaft integriert werden können. Die Wycombe Wanderers verfügten über eine fantastische Jugend und legten in den letzten Jahren viel Wert auf ihre Beziehungen mit Fans und Familien, weshalb der Verein in den letzten acht Jahren auch fünfmal zum Family Club of the Year ernannt wurde. Aber mit der Vereinsübernahme der Fan’s Trust musste die Akademie geschlossen werden, da man die 300.000 Pfund pro Saison für die Leitung der Jugendakademie einsparen musste. In den letzten Jahren gingen mit Jordan Ibe, Matt Phillips und Roger Johnson einige bekannte Talente aus der Jugendakademie aus High Wycombe hervor. Mit Matt Ingram, Josh Scowen, Jesse Kewley-Graham, Matt McClure, Max Kretschmar, Tommy Fletcher und Charlie Horlock standen vorige Saison sogar sieben Eigenbauspieler im Kader der Quarters – durch die Einsparungen könnte diese Zahl in den nächsten Jahren aber rapide sinken.

Dennoch will man laut Howard ein Familienverein bleiben. „Eine meiner Schlüsselstrategien ist zu versuchen so viel finanzielle Stabilität wie möglich zu schaffen. Eines der ersten Ziele ist es ein stabiles Umfeld zu schaffen. Hier sind einige ganz tolle Leute in Wycombe, einige sehr loyale Menschen und Fans, und wir hoffen, dass sie Vertrauen in das haben, was wir tun. Wir werden uns nicht jedes Mal alle einig sein, aber hoffentlich sieht jeder, dass wir versuchen unser Bestes für den Wycombe Wanderers Football Club zu geben. Es gibt hier einiges zu tun, massenhaft zu tun, aber ich will das tun.“

„Für die Einnahmen des Vereins vertrauen wir auf unsere Fanbase. Wenn wir Stabilität schaffen, dann wird das jeder realisieren und dann ziehen alle an einem Strang.“

Mit Ainsworth, Howard, den jungen Spielern und den Fans sind die Wycombe Wanderers tatsächlich sehr gut aufgestellt. Im Falle eines Aufstiegs könnte außerdem genug Geld in die Kassen gespült werden um die Jugendakademie zu reaktivieren und so wieder auf die eigene Jugend zu setzen. In High Wycombe scheint wirklich etwas Großes zu entstehen.

2 thoughts on “Eiscreme – die Wycombe Wanderers Story

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *