18. Juni 2019, Estádio do Morumbi zu São Paulo. Hier treffen an diesem Abend Chile und Japan zum Abschluss des ersten Gruppenspieltags der 46. Auflage der Copa América aufeinander.

Von Beginn an dominiert der Titelverteidiger das Spiel, ist den Japanern in allen Belangen überlegen. Und trotzdem dauert es bis zur 41. Spielminute, bis der Ball zum ersten Mal im Netz liegt: Chiles großgewachsener Sechser Erick Pulgar köpft nach einer Aránguiz-Ecke ins lange Eck ein.

Das Spiel endet mit 4:0, auch weil der Ex-Hoffenheimer Eduardo Vargas nach der Pause noch doppelt trifft. Sein erster Treffer im Nationalmannschafts-Dress ist dabei ein ganz ungewöhnlicher für „Flaco“: Der als Standardexperte gefürchtete Pulgar ist eigentlich für seine eigenen Eckstöße berüchtigt.

Bei der Copa schafft es Chile bis ins Halbfinale, wo der Traum der Titelverteidigung mit einem 0:3 gegen Peru jäh endet. Chile spielt in den meisten Spielen im 4-3-3, Pulgar läuft als Sechser hinter Vidal und Aránguiz auf. Das ist auch die Position, auf der er die meisten seiner 100 Serie-A-Spiele für Bologna absolviert hat.


Dies ist ein Text von Simon

Erste Schritte als Innenverteidiger

Als Erick Antonio Pulgar Farfán am 20. November 2011 mit 17 Jahren in der zweiten chilenischen Liga debütiert, wird er nämlich noch als spielstarker, robuster Innenverteidiger gesehen und eingesetzt. Gleich in seinem ersten Spiel für seinen Heimatverein CD Antofagasta holt er sich eine gelbe Karte ab: Pulgar ist ein unangenehmer Gegenspieler, der in Zweikämpfen immer an der Grenze zum Foul ist.

Erst als der Chilene im Sommer 2014 zu CD Universidad Católica wechselt, werden seine Offensivqualitäten mehr gefördert – und er zum Sechser umgeschult. Schon nach einem Jahr zieht es ihn weiter nach Bologna, die Italiener zahlen für den Mittelfeldspieler knapp 2,3 Millionen Euro.

Schwieriger Start in Europa

Sein Spitzname „Flaco“ („der Dünne“) und 21 gelbe Karten in zwei Saisons in der chilenischen Liga bringen Pulgar von vornherein Kritik ein: Er habe nicht die nötigen physischen Voraussetzungen für die Serie A, heißt es. Doch der Saisonbeginn verläuft verheißungsvoll, der Chilene spielt in fünf der ersten sieben Saisonspiele.

Danach wechselt Bologna jedoch den Trainer, und der Neue Donadoni setzt ihn bis zum Saisonende nur noch weitere sechs Mal ein. Auch wenn die Kritiker des Transfers sich bestätigt fühlen, bekommt Pulgar von den Verantwortlichen in Bologna mehr Zeit, um sich zu entwickeln.

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Und das zahlt sich aus: In den kommenden drei Jahren bringt er es zum Stammspieler und Taktgeber im Mittelfeld der „Rossoblu“ – meistens wird er dabei als Sechser im 4-3-3 eingesetzt.

Wechsel nach Florenz – und eine neue Rolle

Im Sommer 2019, also vor Beginn der aktuellen Saison, wechselt der Chilene dann zur Fiorentina, wo er einen Fünfjahresvertrag erhält. Die Dienste Pulgars lässt sich der Verein ungefähr zehn Millionen Euro kosten. Dort ist er von Beginn an gesetzt, hat zunächst im 4-3-3, ab Spieltag 3 dann im 3-5-2 der Viola seinen Platz sicher.

Aber anders als bei Bologna und in der Nationalmannschaft spielt Pulgar nicht als Sechser, sondern als rechter Achter eine Position weiter vorne. Florenz-Coach Montella setzt ihn als Box-to-Box-Spieler ein – und auch in dieser Rolle weiß der 25-Jährige zu überzeugen.

Viele Stärken, keine Schwächen

Erick Pulgar ist ein sehr vielseitiger Spieler. Er verfügt als ausgebildeter Innenverteidiger über sehr gute Defensivqualitäten, erobert immer wieder Bälle und hat auch ein gutes Stellungsspiel gegen den Ball.

Zudem hat er eine sehr gute Spielübersicht, erkennt Situationen sehr schnell und ist auch im eigenen Ballbesitz immer wieder an den richtigen Stellen zu finden.

Wohl auch durch seine Ausbildung als Verteidiger bedingt, kann er das Spiel geschickt mit langen Bällen verlagern oder gefährliche Kontersituationen entstehen lassen.

Er ist technisch stark und auch pressingresistent, ohne dabei allerdings leichtfertig den Ball zu verlieren.

Zu all diesen Stärken kommt auch sein Auftreten auf dem Platz: Ähnlich wie sein Landsmann Vidal ist er bis zum Hals tätowiert und fällt durch ein grenzwertiges Zweikampfverhalten auf.

Als ob das noch nicht genug sei, ist Pulgar zudem ein echter Standardexperte: Allein in seinen acht Spielen für Florenz konnte er bereits drei Elfmeter verwandeln und durch indirekte Freistöße und Ecken für sehr viel Gefahr sorgen (zwei Assists).

„Flaco“ im Florenzer System

Seit seinem Wechsel in die Toskana wird Pulgar von Viola-Coach Montella im Ballbesitzspiel konsequent als nominell rechter Achter eingesetzt. Dabei genießt der Chilene aber viele Freiheiten: Er ist im Aufbauspiel ab und zu als zweiter Sechser neben Milan Badelj zu finden, wenn sich die Fiorentina gegen sehr hochverteidigende Gegner schwer tut.

Gleichzeitig taucht er auch im letzten Drittel immer wieder auf, z. B. im Zentrum in einer Art Zehner-Position, um den „letzten Pass“ zu spielen. Ab und zu weicht der Chilene auch auf die Flügel aus, um dort Überzahlsituationen zu kreieren.

Auch clevere Tiefenläufe gehören zu seinem Repertoire, wie der folgende Videoschnipsel aus dem Spiel gegen Brescia zeigt:



Brescia ist hier im Spiel gegen den Ball schwach gestaffelt: Ribéry braucht nur einen einfachen Haken zu schlagen, dann hat er (im Prinzip) nur noch die flache Viererkette des Gegners vor sich – und außerdem auch gleich zwei Anspielstationen: Dalbert und den einlaufenden Pulgar, der den Ball letztlich erhält.

Montellas Wertschätzung für den Chilenen wird vor allem durch die Flexibilität seiner Aufgaben klar. Der Trainer vertraut Pulgar, dass dieser mit seiner Übersicht und seinem Spielverständnis die richtigen Entscheidungen trifft – und der zahlt das Vertrauen zurück.

Die Daten stimmen (auch)

In der bisherigen Saison bringt Pulgar es auf eine Passquote von 84%, mit 70% kommen auch die meisten seiner langen Bälle an. Mit seinen 3,7 wichtigen Pässen pro Spiel ist Pulgar ligaweiter Spitzenreiter – dabei ist aber zu beachten, dass viele dieser Torschußvorlagen auch durch ruhende Bälle zustande kommen.

Mit 3,4 Tacklings pro Spiel ist er ligaweit noch in den Top Drei zu finden. Seine 2,5 Flanken pro Spiel (großteilig nach Standards) sind ligaweit die zweitmeisten – nur Cristian Ansaldi von Torino hat hier einen noch höheren Wert.

Unter den Spielern der italienischen Liga, die in dieser Saison mindestens 90% der möglichen Spielzeit auf dem Platz standen, hat Pulgar den vierthöchsten xA/90-Wert. Unter den Dauerbrennern, welche noch keine Liga-Minute verpasst haben (ja – so einer ist er auch) hat er sogar den höchsten Wert.

Warum „nur“ Florenz?

Am Ende bleibt ein wenig die Frage, warum es für Pulgar „nur“ die Viola und keine größere Adresse wurde. Bereits im Sommer 2018 wurde er unter anderem mit einem Wechsel zum BVB in Verbindung gebracht – er galt als Wunschspieler Favres und passte als „Mentalitätsspieler“ auch gut zum Anforderungsprofil.


Hans-Joachim Watzke hatte öffentlich Überlegungen geäußert, mal einen Sechser zu holen, „der etwas böser guckt“. Am Ende kam der Wechsel nicht zustande und Pulgar blieb ein weiteres Jahr in Bologna.

Im Sommer 2019 kamen dann neue Gerüchte zur Zukunft des Chilenen auf: Unter anderem wurde den beiden Clubs aus Mailand, der Roma, Sevilla sowie den englischen Vereinen Arsenal und West Ham ein Interesse an „Flaco“ nachgesagt, der bei Bologna eine Ausstiegsklausel von 12 Millionen Euro hatte.

Am Ende wechselte der Mittelfeldspieler dann allerdings zur Fiorentina. Pulgar war sich dabei durchaus bewusst, dass seine vorherige Stammposition in Florenz meistens von Milan Badelj bekleidet wird.

Bei seiner Vorstellung sagte er, er habe ähnliche Stärken wie Milan Badelj – er könne allerdings auch noch viel von diesem lernen. Dass auch beide locker gemeinsam auf dem Platz stehen können, beweist die aktuelle Saison.

Eine größere Adresse – in Zukunft?

Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten von Spielern: Manche bringen einfach in jedem Team konstant dieselben Leistungen. Andere können nur richtig glänzen, wenn das komplette Spiel auf sie zugeschnitten ist – und wieder andere sind dann die, welche jeder Trainer gerne in seinem Team hat: Sie passen sich dem Level ihrer Teamkollegen an – besseres Team, bessere Leistungen.

Man kann wohl sagen, dass Pulgar einer der letzten Sorte ist: Er erfüllt alle Anforderungen des modernen Fußballs, ist variabel einsetzbar, er verfügt auch über den zuletzt viel diskutierten „Mentalitätsfaktor“.

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Kurzum, „Flaco“ ist ein Spieler, den wohl viele Trainer gerne in ihrer Mannschaft hätten. Deshalb ist es auch gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass der Chilene in Zukunft nochmal bei einem größeren Verein spielt. Insbesondere Serie-A-Topclubs wie Inter, die Roma oder Napoli würden sich wohl anbieten.

06. Juli 2019, Arena Corinthians in São Paulo. Für Chile endet die Copa 2019 etwas unverhofft, wo sie begonnen hat – und zwar nicht in Rio. Obwohl es nur noch das „kleine Finale“ gegen Argentinien ist, spielt Chile an diesem Abend nochmal mit dem Dreier-Mittelfeld Pulgar – Aránguiz, Vidal. Das Spiel geht mit 1:2 verloren – und ist das bisher letzte, wo die drei unangenehmen Mittelfeldspieler gemeinsam auf dem Platz standen.

Später im Sommer, bei seinem Wechsel nach Florenz, sollte Pulgar dann noch Folgendes zu Protokoll geben: „Man lernt zwangsläufig, wenn man an der Seite von Arturo Vidal und Charles Aránguiz spielt.“


Dies war ein Text von Simon

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