Es ist ein milder Frühlingsabend am Sonntag, dem 8. April 2018 im Estádio do Dragão. Während des souveränen 2:0 Siegs des FC Porto gegen Desportivo Aves erheben sich die Fans um einem ihrer wichtigsten Spieler zu applaudieren, der sich wenige Tage zuvor die Achillessehne gerissen hatte. Es ist ein erhebender Moment.

Die Rede ist von Mittelfeldspieler Danilo Pereira. Die Ruptur im linken Bein bedeutete das WM-Aus für den Europameister von 2016, der eigentlich fest für das defensive Mittelfeld der Iberer eingeplant war. Pereiras zurückliegende zweieinhalb Spielzeiten in Porto waren schlicht herausragend, wenn auch sie sicherlich unter dem Radar vieler Fußballfans verliefen.

Inzwischen ist der 27-Jährige wieder genesen und ein zentraler Bestandteil des portugiesischen Champions League-Viertelfinalisten. Beim Achtelfinal-Rückspiel gegen die AS Rom präsentierte sich o comandante in Bestform und brachte 63 seiner 64 Pässen an (98%), drei davon sogenannte Key Passes, welche Torschüsse vorbereiteten.

Darüber hinaus konnte er überragende elf Bälle vom Gegner zurückerobern. Seine starke Form bestätigte er vier Tage später beim mühsamen 2:1 Sieg gegen den Tabellenletzten CD Feirense als er per Kopf zum Ausgleich traf.

Eine ungewöhnliche Reise

Die Reise des Sechsers begann derweil einst in Guinea-Bissau. Genau wie zahlreiche andere portugiesische Fußballer (u.a. Bruma, Éder oder Úmaro Embaló) kam auch Danilo Luís Hélio Pereira in dem kleinen westafrikanischen Land zur Welt.

Da die ehemalige portugiesische Kolonie jedoch zu den am geringsten entwickelten Gebieten der Erde gehört, beschlossen die Eltern des damals 5-Jährigen nach Portugal auszuwandern.

Kurz nach der Ankunft in der Hauptstadt Lissabon begann der kleine Danilo bei dem Vorstadtverein Arsenal 72 mit dem Fußballspielen.

Über GD Estoril Praia, die ebenfalls in der Metropolregion beheimatet sind, schaffte er es schließlich mit 16 Jahren in die berühmte Kaderschmiede von Benfica Lissabon.

In der Akademie der Adler reifte er zu einem der besten Nachwuchsspieler seiner neuen Heimat, der ab der U18 alle Jugendnationalmannschaften durchlief.

Durch seine starke Leistung bei Portugals 2:0-Sieg gegen Italien im Rahmen der U19-Europameisterschaft 2010 zog er insbesondere das Interesse italienischer Vereine auf sich.

Unter anderem Juventus, die beiden großen Klubs aus Mailand und der CFC Genoa gehörten zu den Interessenten. Letztendlich machte aber der FC Parma das Rennen.



Das Vertragsangebot aus der Emilia-Romagna kam gerade recht, hatte sich Benfica doch dagegen entschieden, Pereira mit einem Profivertrag auszustatten.

Doch seine Zeit in der Serie A war am Ende wenig erfolgreich. Im ersten Halbjahr auf der Apenninen-Halbinsel kam er nur in der U19-Mannschaft zum Zug und wurde daher im Winter 2011 an Aris Thessaloniki verliehen.

Auch in Griechenland war der junge Afroportugiese zunächst lange außen vor und wurde die ersten sieben Wochen nicht für den Kader der Gelb-Schwarzen berücksichtigt.

Doch in Makedonien waren ihm immerhin seine ersten Profispiele vergönnt. Gegen Ende der Saison stand er vier Mal in der Startaufstellung, kam insgesamt 342 Minuten zum Einsatz und erzielte sogar zwei Tore.

Aufmunterung brachte da die U20 Weltmeisterschaft 2011 in Kolumbien. Als Stammkraft im Mittelfeld hatte Pereira entscheidenden Anteil am Finaleinzug (2:3 Niederlange nach Verlängerung gegen Brasilien um Oscar und Coutinho). Im Halbfinale traf er gegen die von Antoine Griezmann angeführten Franzosen.

Die nächste Saison in Italien war dann jedoch wieder ein Schritt zurück. Im gesamten Jahr kam der Youngster auf gerade einmal 88 Minuten Einsatzzeit, aufgeteilt auf fünf Begegnungen.

Deshalb folgte im Sommer 2012 die nächste Leihe, diesmal bei Roda Kerkrade in der niederländischen Eredivisie. Beim Abstiegskandidaten war er unumstrittener Stammspieler.



Während seiner Zeit bei Roda ereignete sich ein durchaus bizarrer Moment. Bei einem Spiel gegen Heracles Almelo wurde Pereira mit gelb verwarnt, da er dem Schiedsrichter „Fuck You“ an den Kopf geworfen haben soll. Daraufhin brach der Portugiese in Tränen aus und musste von mehreren Spielern zurückgehalten werden.

Nach dem Spiel bezichtigte Pereira den Unparteiischen, seine Mutter beleidigt zu haben. Schiedsrichter Tom van Sichem bestritt dies.

Roda Kerkrade führte den Vorfall auf ein Missverständnis zurück. Nicht die letzte kuriose Begegnung mit einem Referee wie sich später zeigen sollte.

Trendwende auf der Blumeninsel

Doch trotz seiner passablen Leistungen in den Niederlanden stand der damals 21 Jahre alte Sechser im Sommer 2013 ohne Vertrag da.

Das Interesse europäischer Spitzenvereine, die ihn gerade einmal drei Jahre zuvor noch heftig umworben hatten, erschien wie ein ferner Schrei. Kaum jemand hätte damals wohl gedacht, dass Pereira wiederum drei Jahre später Europameister sein würde.

Die entscheidende Kehrtwende seiner Karriere schaffte das Talent bei Marítimo Funchal. Auf Madeira war er von Anfang an Stammspieler und die Insulaner beendeten die nächsten beiden Saisons im gesicherten Mittelfeld. Bei den Verde-Rubros wurde Pereira sogar Vizekapitän.

Erneut wurden jetzt größere Klubs aufmerksam. 2015 setzte sich der FC Porto gegen Sporting Lissabon durch und nahm den Wandervogel gegen eine Ablöse von 4,5 Millionen € unter Vertrag.

Auch im Norden Portugals avancierte er direkt zum Stammspieler und beendete die Saison 2015/16 obendrein mit 6 Toren.



Folgerichtig war das Einwandererkind inzwischen Nationalspieler geworden und wurde wenig überraschend für die Euro 2016 in Frankreich berufen. Obwohl er beim Turniersieg nur der vierte Mittelfeldspieler hinter William Carvalho, Adrien Silva und Renato Sanches war, kam er auf ordentliche 225 Minuten Einsatzzeit.

In den folgenden zwei Spielzeiten am Rio Douro blühte der athletische Danilo weiter auf und festigte seine Position in Portos Mittelfeldzentrale.

Anfang 2017 ereignete sich dann der nächste ungewöhnliche Vorfall mit einem Schiedsrichter. Während einer Ligapokal-Partie bei Moreirense lief Referee Luis Godinho rückwärts in Danilo hinein, der unbekümmert hinter ihm stand.

Godinho prallte so gegen den Nationalspieler, dass dieser das Gleichgewicht verlor und so den Unparteiischen leicht schubste. Dieser zückte daraufhin ohne Not die gelb-rote Karte und stellte Pereira vom Platz. Porto verlor das Spiel letztlich mit 0:1.



Aufgrund seiner konstant überzeugenden Leistungen für os Dragões geriert Danilo nun auf den Radar der richtig großen Fische im europäischen Fußballteich.
So wurde in der jüngeren Vergangenheit schon zahlreichen europäischen Topvereinen Interesse am defensiven Mittelfeldspieler nachgesagt. Darunter Arsenal, Manchester City, Inter, Juventus, Milan, Barça oder PSG.

Doch sowohl Verein wie Spieler zeigten bisher wenig Interesse an einem Transfer. Inzwischen besitzt Pereira einen Vertrag bis 2022 und die festgeschriebene Ablösesumme beträgt stolze 60 Millionen €.

Stärken und Schwächen

Die Vorzüge des Sechsers sind augenscheinlich und erinnern an die Premier League-Legenden Patrick Vieira und Michael Essien.

Portos Nummer 22 ist ein enorm zweikampfstarker Enforcer der häufig direkt vor der Innenverteidigung eingesetzt wird. Hier operiert er als eine Art frei agierender Schutzwall, vor der oft sehr hoch stehenden Viererkette.

Portos Coach Sérgio Conceição vertraute schon bei seinen Stationen in Guimarães (Bouba Saré) und Nantes (Guillaume Gillet) auf den gleichen Spielertyp im defensiven Mittelfeld.

Aufgrund seines Spielverständnisses und der langen Beine ist Danilo prädestiniert, gegnerische Bälle abzufangen. So gewann in der jüngsten Champions League-Gruppenphase kein Spieler mehr Bälle im mittleren Spielfelddrittel (40).



Seine Athletik und Physis (83 kg bei 1,88m) machen ihn zudem zu einem dominanten Kopfballspieler, der knapp 75% seiner Luftduelle gewinnt. Trotz seiner Statur ist er ein ausdauernder und schneller Spieler, der sowohl in der Offensive als auch in der Defensive weite Räume abdecken und rasch überbrücken kann.

In einem Spiel gegen Rio Ave rannte Pereira einst im Vollsprint vom gegnerischen zurück zum eigenen Strafraum, um einen Konter zu entschärfen. Die 60 Meter legte er in beeindruckenden 7,09 Sekunden zurück. Zum Vergleich: Der Weltrekord auf dieser Distanz liegt bei 6,34 Sekunden.

Bei Grätschen vermag er es seinen relativ hohen Körperschwerpunkt schnell nach unten zu verlagern und seine langen Beine gewinnbringend einzusetzen. Bei Zweikämpfen am Boden kommen ihm dabei ebenso Antizipation und Aufopferungsbereitschaft zu Gute.

Im Spielaufbau ist er enorm passsicher und vermag es Gegner auch per Dribbling abzuschütteln. Dazu verfügt er über einen ordentlichen Distanzschuss und ist aufgrund der bereits erwähnten Kopfballstärke eine formidable Waffe bei Standardsituationen.

Zu seinen wenigen Schwächen gehört die etwas limitierte Passtechnik. Eine allzu anspruchsvolle Spieleröffnung sollte man von Pereira daher nicht erwarten. Diese Aufgabe fällt in Sérgio Conceiçãos 4-4-2 System aber ohnehin eher Héctor Herrera und Otávio zu.

Des Weiteren hat er ab und an Schwierigkeiten Zuspiele von Mitspielern sauber zu verarbeiten und lässt Bälle relativ weit abprallen.

Diese mangelhafte Verarbeitungstechnik ist die Hauptursache seiner Ballverluste, welche er aber sofort durch seine unnachahmliche Beharrlichkeit auszubügeln versucht.

Es bleibt festzuhalten, dass Portos Danilo Pereira einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt ist. Die kleine Liga und der womöglich eher geringe Bekanntheitsgrad sollten nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen.

Mit seiner körperbetonten und vorrausschauenden Spielweise hätte er bei vielen Spitzenmannschaften einen Stammplatz sicher.


Goalimpact bestätigt die These, wonach Danilo seit 2016 ein Weltklassespieler ist. Seit dem outperformt er seinen Gesamtwert (dicke rote Linie) und den prognostizierten Peak-Wert (dünne rote Linie) deutlich und befindet sich auf Top 10 Niveau (tatsächliche Performance in blau).

Als destruktive Präsenz in Portos Maschinenraum erwartet ihn auch morgen Abend in Liverpool eine enorme Aufgabe. Es geht um nicht weniger als darum, das nach Toren drittbeste Sturmtrio des Kontinents frühzeitig im Angriff zu stören. Kaum ein Spieler ist dieser Herausforderung mehr gewachsen als Portos comandante.

Der portugiesische Meister kann dabei auf eine der besten Abwehrreihen des Wettbewerbs vertrauen (Militão, Pepe, Felipe, Telles). Und vor diesem ohnehin schon beachtlichen Riegel agiert noch dazu einer der imposantesten Zerstörer des Weltfußballs.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.