Giorgian de Arrascaeta. Ein wohlklingender Name, der noch nicht allzu vielen europäischen Fußballfans ein Begriff sein dürfte.

Dabei ist der Uruguayer in Diensten von Flamengo Rio de Janeiro – aktuell Brasiliens Tabellenführer und Copa Libertadores-Halbfinalist – einer der besten Fußballer in Südamerika, gegenwärtig vielleicht sogar der beste.

Kaum ein europäischer Topverein wurde über die Jahre nicht mit dem Edeltechniker in Verbindung gebracht.

Erst vor eineinhalb Wochen sorgte er mit einem spektakulären Fallrückzieher-Tor von der Strafraumkante für weltweite Schlagzeilen.

Im folgenden Porträt wollen wir den Werdegang des offensiven Mittelfeldspielers näher beleuchten und erklären, was genau de Arrascaeta so gut macht.




 

Das Wunderkind aus Nuevo Berlín

 
Giorgian Daniel de Arrascaeta Benedetti erblickte 1994 in Nuevo Berlín im äußersten Westen Uruguays an der Grenze zu Argentinien das Licht der Welt.

Bei den Pescadores Unidos (dt.: vereinigte Fischer) in seiner Heimatstadt und dem Club Anglo im naheliegenden Fray Bentos erlernte er das Fußball spielen.

Erst im Alter von 16 Jahren verließ er die von Landwirtschaft geprägte Region und schloss sich einem Verein in der Hauptstadt Montevideo – der Schaltzentrale des uruguayischen Fußballs – an.

Jedoch nicht den nationalen Giganten Nacional oder Peñarol sondern dem mittelmäßigen Erstligisten Defensor Sporting Club.

Obwohl die erfolgreichste Zeit von El Violeta weit zurück liegt, ist der Klub eine erfolgreiche Ausbildungsstätte, welche schon bei der Entwicklung der Nationalspieler Diego Godín, Diego Laxalt und Maxi Gómez mitwirkte.

Beim Verein an der Südspitze Montevideos entwickelte er sich zu einem der begehrtesten Talente des Kontinents.

Mit 18 Jahren debütierte er für die Profis und wusste auf Anhieb zu überzeugen.

In seinem ersten Profijahr wurde Defensor Vizemeister und in der folgenden Saison 2013/14 stießen die Violetten mit de Arrascaeta als Stammspieler überraschend bis ins Halbfinale der Copa Libertadores vor. Dort musste man sich Club Nacional aus Paraguay nur knapp geschlagen geben.

Inzwischen waren Spitzenvereine vom alten Kontinent, darunter Paris Saint-Germain und die AS Roma, auf den Youngster aufmerksam geworden.
 

Erfolge im Mineirão

 
Letztendlich setzte sich aber Cruzeiro Belo Horizonte durch und sicherte sich für 4 Millionen € Ablöse die Dienste des Umworbenen (50% der Transferrechte verblieben bei einer Spielerberaterfirma).

In der brasilianischen Millionenstadt Belo Horizonte hatte de Arrascaeta keine Anlaufschwierigkeiten und war vom ersten Tag an eine essenzielle Stütze des brasilianischen Meisters von 2014.

Der Neuzugang erhielt die Rückennummer 10 und avancierte zum Anführer der ausländischen Profis um die Argentinier Lucas Romero und Ariel Cabral. Die Gruppe machte sich als La Banda einen Namen.

Auch wenn die Erfolge in der Liga ausblieben konnte Cruzeiro 2018 ins Libertadores-Viertelfinale einziehen und sowohl 2017 als auch 2018 den nationalen Pokalwettbewerb gewinnen.



Damit wurde Raposa zum ersten Verein überhaupt, der die Copa do Brasil erfolgreich verteidigen konnte. Zudem konnte das Team die Campeonato Mineiro 2018 (Staatsmeisterschaft von Minas Gerais) für sich entscheiden. In allen drei Finalrunden erzielte der 23-fache Nationalspieler wichtige Tore.

Kurios dabei: Für das Pokalfinalrückspiel 2018 gegen Corinthians wurde de Arrascaeta extra eingeflogen nachdem er tags zuvor noch 45 Minuten für Uruguays Nationalteam in Japan auf dem Feld stand. Nichtsdestotrotz markierte er als Joker in der 82. Minute den Siegtreffer.

Kleines Bonmot am Rande: De Arrascaetas Fähigkeit seine Gegenspieler regelmäßig zu tunneln brachte ihm den Spitznamen Arrascaneta ein („caneta“ ist die brasilianische Entsprechung zum deutschen „Tunnel“).

Insgesamt erzielte das einstige Wunderkind 50 Tore in 188 Spielen für Cruzeiro und ist damit der erfolgreichste ausländische Torschütze der Klubgeschichte.
 

Eine unrühmliche Trennung

 
Der Abschied aus Belo Horizonte fiel dann aber alles andere als harmonisch aus.

De Arrascaeta wollte ein Kaufangebot von Flamengo Rio de Janeiro in Höhe von knapp 10 Millionen € Ablöse mit seinem Arbeitgeber verhandeln, stieß aber auf taube Ohren da die Klubverantwortlichen deutlich mehr für die Freigabe des Starspielers verlangten. Immerhin betrug die vertraglich festgeschriebene Ausstiegsklausel 28 Millionen €.

Als Reaktion boykottierte der wechselwillige Profi die Saisonvorbereitung. Daraufhin wurden die Privatnummern des Spielers und seines Agenten in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, was zu erwartbar unschönem Verhalten der Fans führte.

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Das Band zwischen de Arrascaeta und Cruzeiro war endgültig zerschnitten.

Letztendlich wechselte er im Januar 2019 für 13 Millionen € zum anhängerstärksten Klub Brasiliens und wurde damit zur kostspieligsten Verpflichtung der Vereinsgeschichte.
Nur Carlos Tévez und Alexandre Pato waren in Brasilien teurer.

Der Transfer sollte sich aber schon rasch als Glücksfall für den Spieler und seinen neuen Arbeitgeber herausstellen.
 

Der perfekte Spielmacher?

 
Auch wenn de Arrascaeta die einst so hohen Erwartungen wohl nicht mehr zur Gänze erfüllen wird, gehört er inzwischen unbestritten zu den besten Spielern auf dem südamerikanischen Kontinent.

Er bringt alle Qualitäten eines klassischen Zehners mit. So ist er bei Flamengo für die Ausführung von Ecken und direkten Freistößen zuständig.

In den ständig wechselnden Formationen von Coach Jorge Jesus kommt er jedoch hauptsächlich auf der linken Seite zum Einsatz, entweder als linker Mittelfeldspieler hinter den Stürmern oder als linker Flügelstürmer.

Er ist aber weniger ein klassischer Flügelläufer als vielmehr ein Hybrid zwischen einem peripheren Flügel und zentralen offensiven Mittelfeldspieler. Seine Position ließe sich am ehesten als Zehner im linken Halbraum beschreiben.



Die Position des zentral orientierten offensiven Mittelfeldspielers wird eher von Gerson und Ex-Bundesligaprofi Diego bekleidet.

Auffällig ist, dass de Arrascaeta auf der gesamten linken Außenbahn operiert und seine Zweikampfstärke gerne in die Defensivarbeit tief in der eigenen Hälfte einbringt.

In der Offensive versucht Flamengo die linke Seite mit dem aufrückenden Außenverteidiger Filipe Luís zu überladen. Dank de Arrascaetas enormer Ballsicherheit und Passstärke kann sich Flamengo das allgemein hohe Aufrücken aber leisten.

Der Uruguayer hat eine exzellente Übersicht und versucht den Ball stets schnell weiterzuleiten.

Bei Ballbesitz im gegnerischen Drittel ist er stets in Bewegung, ob mit oder ohne Ball. Er versucht dann das Spielgerät zu empfangen, blitzschnell abzuspielen und vertikal in den Strafraum zu schneiden wo er auf den erfolgreichen Doppelpass des Mitspielers hofft.

Seinerseits versucht er selbst oft das Leder mit nur einem Ballkontakt abzuspielen bzw. abprallen zu lassen, um somit die Abwehr auszuhebeln.

In unmittelbarer Tornähe kann er entweder auf seine Abschlussstärke vertrauen oder mit seiner exzellenten Übersicht nach besser positionierten Mitspielern Ausschau halten.



Seine Torgefahr stellte er Mitte Juli gegen Goias unter Beweis als er drei Tore erzielte und zwei weitere selbst vorbereitete.

De Arrascaeta hat ein exzellentes Auge für die sogenannten Key Passes, welche Torabschlüsse vorbereiten. Laufwege antizipiert er schon weit im Voraus. Seine Zuspiele in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr sind oft perfekt getimt.

So kommt Cocho auf knapp drei Key Passes pro Spiel, insbesondere mit Stürmer Gabriel Gabigol Barbosa besteht eine gute Chemie.

Besonders gerne greift Flamengos Nummer 14 dabei auf Chipbälle in den verschiedensten Variationen zurück.

Diese sind ein Indiz für eine weitere Stärke de Arrascaetas: extremer Spielwitz. Kaum eine Bewegung im Abschluss, Dribbling oder Passspiel ist ihm zu gewagt.

Dies lässt sich etwa an den ständigen Tunneln oder dem spektakulären Seitfallzieher-Tor für Cruzeiro gegen América Mineiro, welches für den Puskás-Preis nominiert wurde, veranschaulichen.



Allgemein ist der kleine aber gut gebaute Techniker ein sehr ordentlicher Distanzschütze.

Des Weiteren ist de Arrascaeta ein ausgezeichneter Flankengeber, welche er auch nach schnellen Richtungswechseln und den damit einhergehenden Gewichtsverlagerungen äußerst präzise aus dem Fuß schüttelt.
 

Nur gegen die Kleinen stark? Giorgian de Arrascaeta im Porträt

 
Der beidfüßige Offensivspieler (stärkerer rechter Fuß) muss hingegen noch unter Beweis stellen, auch gegen stärkere und defensiv besser organisierte Gegner Lösungen zu finden. Zwar brillierte er bei der diesjährigen Copa América im Achtelfinale gegen Peru, blieb aber z.B. gegen Chile blass.

Auffällig ist, dass er gegen die im Durchschnitt stärkeren Gegner bei der Copa Libertadores auch deutlich weniger Scorerpunkte erzielt.

Während er in der offensiv ausgerichteten brasilianischen Série A gerade einmal 138 Minuten pro Torbeteiligung braucht, benötigt er in der südamerikanischen Champions League schon mehr als 216 Minuten, um auf ein Tor oder Assist zu kommen.

Die Halbfinalpartien gegen Grêmio Porto Alegre bieten Gelegenheit, diesen Kritikpunkt zu widerlegen.


Goalimpact veranschaulicht de Arrascaetas sehr gute Entwicklung der letzten Jahre und bescheinigt ihm die Qualität für Europa.

Sollte de Arrascaeta also in Zukunft noch nach Europa wechseln wäre er bei einem Mittelklasse-Club zunächst sicherlich besser aufgehoben. Vereine vom Kaliber von Sporting CP oder Monaco kommen in den Sinn.

Es bleibt festzuhalten, dass Giorgian de Arrascaeta ein äußerst talentierter Spieler ist, der alle Anforderungen an seine Position erfüllt.

Als Aktivposten in Jorge Jesus’ passintensiven aber immer zweckdienlichen Angriff tritt er als begnadeter Dribbler, Passgeber, Standardschütze oder Produzent von spektakulären Toren in Erscheinung.

Nicht umsonst führt ihn WhoScored derzeit als besten Spieler der brasilianischen Liga.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.