Haben wir lange nicht mehr gemacht und da es sich mit meinem ersten Stadionbesuch seit gefühlt einem Jahrzehnt wieder anbietet, ist hier jetzt wieder mal ein Groundhopping-Bericht. Applaus. 

Okay, kurz zum Verständnis: ein Groundhopping im klassischen Sinne ist es für mich nicht, schließlich lebe ich seitjeher in der Nähe von Leipzig. Insofern war es nicht so, dass ich neue Fankulturen, Stadien, etc. kennengelernt habe. Es geht mir nur darum, dass ich nochmal zum Ausdruck bringe, wie sehr ich Stadionbesuche verabscheue. Daher ist es eher ein Anti-Groundhopping-Bericht. Das lag viel weniger an den kalten Wintertemperaturen, als am Gesamtambiente, das mit dem Fußballspiel einhergeht. Aber alles der Reihe nach.

Zunächst einmal muss man sagen, dass RB Leipzig generell innerhalb der Region nicht so kritisch gesehen wird, wie im Rest Deutschlands. Zwar hat man neben RB noch Chemie und LOK Leipzig, die beide in der vierten Liga spielen und deren Fanlager den Bundesligaverein gelinde gesagt nicht besonders leiden können. Insofern sind die Fanlager zwar gespalten aber nicht 50-50, sondern eher 70-30.

RBL ist innerhalb der Region so beliebt, weil der Verein hochklassig spielt und das Stadion sicher ist. Das macht den Stadionbesuch gerade für die breite Masse zugänglich. Zudem liegt das Stadion mit im Zentrum der Stadt, was zwar einen gewissen Charm hat aber an Spieltagen das umliegende Verkehrsnetz komplett lahmlegt. Idealerweise nimmt man also vom Hauptbahnhof aus den Fußbus oder nimmt die Straßenbahn zum Stadion, nimmt sich zeitlich nichts.

Eine weitere Besonderheit der Red Bull Arena ist, dass das neue Stadion im Zuge der WM 2006 quasi in das alte Zentralstadion gebaut wurde. Dadurch hat man im Innenraum einen kesselartigen Bau mit einer zwei bis drei Meter hohen Mauer, die ein paar Meter entfernt das Spielfeldumschließt. Ja ja, immer her mit den Ossi-Witzen wegen der Mauer. Der Punkt ist, dass man bereits in Reihe Eins leicht erhöht sitzt und das Spielfeld quasi von oben sieht.

Mein Sitzplatz war etwa auf Höhe Grundlinie, weit oben, so dass ich das Feld hervorragend überblicken konnte, was für mich auch einer der wenigen Gründe ist, ins Stadion zu gehen. Insbesondere bei zwei taktisch interessanten Mannschaften wie RB Leipzig und Neapel. Die Tatsache, dass ich Napoli live sehe, welche ich unter Sarri länger schon intensiv verfolge und fußballerisch extrem attraktiv finde, katalysierte das Ganze natürlich noch.

Bereits vor der Partie, dem Erwärmungsprogramm, sah man auf Neapel-Seite einen interessanten Parkour aus diversen Dribbel- und Passstationen. Keeper Pepe Reina machte sich zunächst mit kurzen, schnellen Fangübungen warm, während Ersatzkeeper Luigi Sepe ebenfalls einen „eigenen“ Torwarttrainer hatte, mit dem er sich warm machte. Und wie sich beide so vorbereiteten, fragte ich mich, wieso der dritte Torhüter Neapels nicht Pepe Sepe heißt. Wir werden es nie erfahren. 

Der Stadion-DJ hatte immerhin Humor und ließ vor dem Spiel zwischen den üblichen Stadionklassikern ein paar italienische Songs einspielen. Ricchi i Poveri am Donnerstagabend bei knackiger Kälte im Fußballstadion begleitet von wenigen lautstarken Italienern – mehr geht nicht. 

Das Stadion an sich war nicht komplett ausverkauft, gerade im Oberrang und im Gästeblock waren viele freie Plätze zu sehen. Napolis ca. 200 mitgereiste Tifosi, standesgemäß schwarz angezogen, machten dennoch ordentlich Stimmung. Anders als die hierzulande sehr monotonen Fangesänge („Auf geht’s Leipziger Juuuungs!“) sangen sie richtige Lieder. Zumindest klang es so, den Inhalt konnte ich leider nicht deuten, da mein Italienisch in etwa so gut ist, wie RB Leipzig an diesem Tag fußballerisch drauf war.

Das Spiel an sich war gerade in der ersten Hälfte von Neapel hochklassig, mit schnellen direkten Kombinationen über den linken Flügel und tollen Läufen von Mertens und Zielinski. Gerade Insignie und Hamšík waren enorm präsent beim Übergang ins letzte Drittel und initiierten in gewohnter Manier viele Angriffe.

Bei RB selber überzeugten einzig der junge Konaté, der überaus sicher im Passspiel war und Laimer, der mit Ausnahme des zweiten Treffers, eine tadellose Defensivleistung zeigte. Beeindruckend war, wie er sich oft noch in der Endphase eines Zweikampfs in den Lauf- bzw. Passweg stellte und Duelle für sich entschied.

RBs Offensivabteilung hingegen war völlig abgemeldet und hatte keine nennenswerten Szenen. Das war auch der Anlass für einige Fans ihren Unmut an Spielern wie Sabitzer oder Poulsen kundzutun. Anscheinend hatte ich das Glück, direkt vor Timo Werners Nachbarn oder bestem Freund zu sitzen. Vielfach rief er, sobald „Timo“ den Ball verlor: „Ach der Timo, der hat überhaupt keine Lust, das sehe ich doch! Keine Lust hat der!“

Bei Rückpässen reagierte das Leipziger Publikum ebenfalls sehr kritisch, als wäre es ein Verbrechen bei einem 0:1 den Ball nach hinten zu spielen, wenn man das Ergebnis über die Zeit bringen will, weil es faktisch für ein Weiterkommen reichen würde. Ganz unabhängig, ob die Aktion in dieser Situation sogar hilfreich war, um Ruhe ins eigene Spiel zu bekommen. Die RB-Fans waren aber generell sehr ungeduldig und teils überkritisch mit ihrem Team, was selbst mir als Napoli-Sympathisant ein wenig auf die Nerven ging.

Das Leipziger Publikum ist vermutlich aufgrund des kometenhaften Aufstieges sehr verwöhnt und akzeptiert außer einem klaren Sieg nichts mehr. In jedem Fall eine schwierige Situation, die der Verein gerade durchmacht. Diese Ungeduld ist auch einer der Hauptgründe, wieso ich nicht gerne ins Stadion gehe. Diese permanente Unzufriedenheit bei einem Rückpass. Das ständige lauthalse Kundtun von irgendwelchen Meinungen.

Ich will ja niemandem verbieten, sich beim Fußball auszuleben, nur geht es mir persönlich darum, in Ruhe ein Spiel zu schauen, ohne dabei irgendwelchem Gepöbel ausgesetzt zu sein. Zumal es ja auch noch unqualifiziertes Gepöbel ist. Das hat nichts mit den Leipziger Fans per se zu tun, sondern mit Fans im Allgemeinen. Und der Stadionmusik. Und dieser aufgeblasenen Euphorie rund um dieses ganze Event.

Insofern dürfte es für die nächste Zeit der letzte Stadionbesuch gewesen sein. Um es frei nach Bernd Stromberg zu sagen: „Ich mache es einfach wie der liebe Gott: Ich lasse mich aller paar Jahre mal blicken und versuche ein gutes Image zu wahren.“  

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.