“Ich ruhe mich aus wenn ich 30 bin” – Michael Owen

Owen

Michael Owens Karriere begann kometenhaft. Schon als Teenager war er einer der besten Stürmer der Welt. Trotz aller Titel, die er errang, bleibt die Frage, wie seine Karriere ohne die vielen verletzungsbedingten Pausen verlaufen wäre.

„It would be too much of a waste for me to retire early” hieß es noch im September 2011. Doch nur etwas mehr als ein Jahr später sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Michael Owen, einer der besten Stürmer die England jemals hervorbrachte, gab bekannt, dass er die Fußballschuhe mit Ende der Saison an den Nagel hängen würde, und das im Alter von 33 Jahren. Dabei fing alles so gut an. Als er bei der Weltmeisterschaft 1998 den 2:1-Treffer gegen Argentinien erzielte, wurde es still in Saint-Étienne. Es waren erst 16. Minuten gespielt, zwischen England und Argentinien stand es 1:1. Doch dann kam der Auftritt des erst 18-Jährigen. Während viele Fußballer in diesem Alter noch vom großen Durchbruch träumen, hatte es Michael Owen bereits in den Kader der Three Lions geschafft. Ein Umstand, der 1998 weitaus ungewöhnlicher war als heute.

Wenige Monate zuvor feierte er bereits sein erstes Tor in der Nationalmannschaft. Es war klar, dass der Jungspund mit großen Spielern wie Alan Shearer nicht konkurrieren könnte und war daher nur als Ergänzungsspieler geplant. So zumindest nach Aussage vom damaligen Trainer Glenn Hoddle. Bereits beim Gruppenspiel gegen Rumänien machte er auf sich aufmerksam, indem er kurz nach seiner Einwechslung den Ausgleichstreffer zum 1:1 erzielte. Das Spiel endete jedoch 2:1 für Rumänien durch ein Tor in der 90. Minute von Petrescu. Auch wenn den Engländern mit einem Pfostentreffer – vom Youngster Michael Owen – der erneute Ausgleich beinahe gelang. Nach diesem Spiel war Glenn Hoddle überzeugt: Der junge Owen hatte bereits jetzt das Zeug zum Stammspieler. Schon beim nächsten Gruppenspiel durfte der junge 18-Jährige neben Spielern wie David Seaman, Tony Adams, David Beckham oder Alan Shearer von Anfang an ran.

Der junge Engländer machte sich so weltweit erstmals einen Namen, unsterblich machte er sich aber in der 16. Minute des Achtelfinals gegen Argentinien. Nachdem beide Mannschaften jeweils einen Foulelfmeter verwandelten, startete Michael Owen einen Sololauf. Es kam zum Eins gegen Eins zwischen José Antonio Chamot und dem Engländer, aber Owen zog am Lazio-Verteidiger vorbei. Nach ihm folgte mit Roberto Ayala bereits das nächste Hindernis, aber auch dieser wurde einfach stehen gelassen. Es war nur mehr der Tormann vor ihm. Paul Scholes war noch mitgelaufen, doch der Liverpool-Stürmer brauchte seine Hilfe nicht. 2:1, das Stade Geoffroy-Guichard war still. Die Welt hielt den Atem an als ein 18-Jähriger im Alleingang eine Startruppe mit Spielern wie Crespo, Batistuta, Ayala & Co. ausschaltete.

Doch es kam anders. Javier Zanetti gelang in der 45. Minute der Ausgleich, es ging ins Elfmeterschießen, aber selbst da zeigte Michael Owen keine Nerven und verwandelte seinen Elfmeter gegen Torhüter Roa – der beim Elfmeter zuvor mit Gelb verwarnt wurde – beeindruckend mit einem Schuss Richtung Querlatte. Dennoch hieß es „Endstation“ für die Three Lions, als der Elfmeter von David Batty pariert wurde.

Jedoch nicht für Michael Owen, für ihn ging es erst richtig los. Er war der neue Nationalheld, das Ausscheiden im Achtelfinale war schnell vergessen. Man hatte mit Owen einen neuen Star in der Nationalmannschaft, hatte er doch bereits in seiner erst zweiten Saison, im zarten Alter von 18 Jahren, den Golden Boot, den Preis für den Torschützenkönig, und den PFA Young Player of the Year-Award gewonnen. Alle Augen waren auf den Mann in Rot gerichtet. Das viel zu große Trikot von Owen war gefüllt mit Selbstvertrauen. „St. Michael“, wie er in Liverpool genannt wurde, wusste auch nach der Weltmeisterschaft zu überzeugen und holte sich zum zweiten Mal in Folge den Golden Boot. Liverpool war bereits aus dem Titelrennen, doch vielen war klar, dass Michael Owen der einzige Grund war, weshalb es noch halbwegs gut lief. Also verlängerte man seinen Vertrag um weitere fünf Jahre und griff dabei tief in die Tasche. Michael Owen sollte ab sofort 2,5 Millionen Pfund pro Jahr verdienen, was ihn damals zum bestverdienenden Teenager im Fußball machte. Seine Leistungen wurden aber auch international gewürdigt, so wurde er vom World Soccer-Journal 1998 hinter Zinedine Zidane zum zweitbesten Spieler der Welt gewählt, bei der FIFA-Wahl zum weltbesten Spieler wurde er Vierter.

Liverpool spielte kaum eine Minute ohne Michael Owen, das machte sich auch schnell bei seiner Fitness bemerkbar. Immer wieder plagten den jungen Stürmer Schmerzen. Bereits in der Vorsaison fiel er mit einem Muskelfaserriss für einige Wochen aus, doch was ihm wirklich ständig Sorgen machte, war der Oberschenkel. Heute sind sich viele einig, dass Owen überbelastet wurde. Aber der Stürmer biss die Zähne zusammen, kämpfte sich immer wieder zurück. Pausen waren für den kleinen Wirbelwind kein Thema. Heute ärgert er sich darüber.

„Steven [Gerrard] musste mit 14 eine längere Pause wegen seinen Verletzungen machen, das war sein Glück. Sein Körper wurde nicht überbelastet. Ich konnte und wollte auch immer spielen.“

Dies sollte er Jahre später bereuen. Dennoch geht die Karriere von Michael Owen weiterhin steil nach oben. 2001 gewann er mit Liverpool den FA-Cup und UEFA-Cup, im gleichen Jahr wurde er zu Europas bestem Fußballer gewählt. Auch in der Nationalmannschaft netzt der Stürmer Spiel für Spiel. Beim 5:1-Sieg gegen Deutschland erzielte er gar einen Hattrick. Drei Jahre später, ohne Meistertitel und große Vereinserfolge, wurde es Zeit für den nächsten Schritt. Lange war er das Zugpferd von Liverpool, doch musste einsehen, dass ihn die Reds ausbremsten. Also unterschrieb er bei den Königlichen in Spanien. Dabei kam Real Madrid sogar noch recht billig davon. Florentino Perez schwärmte bereits Jahre zuvor vom Engländer und bezeichnete ihn als „einen der besten Spieler der Welt“ und diese „müssen bei Real Madrid spielen“, weshalb der Brasilianer Ronaldo auch für 45 Millionen Euro von Inter Mailand kam. Michael Owen kostete die Galacticos hingegen bloß 12 Millionen Euro.

„Als ich das erste Mal die Kabine betrat, wollte ich auf keinen Fall der Erste sein, um mich nicht auf den Platz von Zidane oder Ronaldo zu setzen“

Michael Owen machte dort weiter wo er in England aufgehört hatte. Trotz seiner namhaften Konkurrenz (Raul, Ronaldo und Morientes) kam Michael Owen in seiner ersten Saison auf 36 Einsätze, nur Iker Casillas hatte mehr. Dabei erzielte er 14 Tore und musste in der internen Torschützenliste nur Ronaldo mit 21 Toren den Vortritt lassen. Beachtlich, war der Engländer meist nur als Joker ins Spiel gekommen. Trotz des Erfolges wollte Owen mehr.

„In Liverpool war mein Name immer einer der ersten auf den Team-Sheets, das war in Madrid nicht so. Das war nicht einfach für mich.“

Ein Jahr bei Madrid voller Verletzungsprobleme und vielen Minuten auf der Bank machten ihm zu schaffen und er wollte keine Schwäche zeigen. Er selbst gibt später zu, jahrelang ein gefühlskalter und cooler Mensch gewesen zu sein, doch langsam taue er auf. Owen sagte jedoch auch, dass es genau diese Eigenschaften waren, die vor dem Tor von Nöten wären.

Die Interessenten standen Schlange. Auch sein Ex-Verein versuchte ihn zurückzuholen, aber das 18-Millionen-Angebot war Real Madrid sichtlich zu wenig. Trotz Angeboten von Arsenal und Manchester United heuerte er bei Newcastle United an. Real bekam 25 Millionen Euro, Newcastle im Gegenzug einen kongenialen Sturmpartner für Alan Shearer.

Taktisch ein guter Transfer, doch erneut plagten Owen die Verletzungen. Tiefpunkt: Der Kreuzbandriss ohne Fremdeinwirkung bei der Weltmeisterschaft 2006, höchstwahrscheinlich eine Folge der ständigen Oberschenkelprobleme. Owen brauchte lang bis er wieder zurückkam, aber auf dem Feld knüpfte er sofort wieder an alte Zeiten an. Wenn er spielte, spielte er gut, doch er spielte zu selten, um Newcastle 2008/09 vor dem Abstieg zu retten. Aus den jubelnden Menschenmassen, die ein Autogramm vom womöglich besten englischen Stürmer aller Zeiten wollten, wurde eine Gruppe von verachtenden Fans. 25 Millionen und dann absteigen? Die Fans waren nicht bereit, Verständnis zu zeigen. Darunter litt er auch der Ruf von Michael Owen, das wusste er. Deshalb nahm er, nachdem sein Vertrag ausgelaufen war, das nächstbeste Angebot an. Nach nur zwei Tagen Vereinslosigkeit unterschrieb er bei Manchester United. Ihm fehlten die Erfolge, Owen wollte Siege und Meisterschaften, doch der Wechsel brach vielen Fans das Herz.

St. Michael unterschrieb ausgerechnet bei Liverpools Rivalen, und das obwohl ihm die Fans sogar verziehen, dass er in seiner Kindheit Everton-Fan war. Manchester United nahm den vereinslosen Star unter Vertrag. Bei den Red Devils musste Owen jedoch eine deutliche Kürzung bezüglich seines Gehalts hinnehmen. Dafür einigte er sich mit Sir Alex Ferguson auf einen leistungsbezogenen Vertrag. Aus dem sympathischen, jungen Weltstar wurde binnen ein paar Jahren ob seiner vielen Verletzungen einer der bemitleidenswertesten Spieler. Und nun auch noch zu einem der meistgehassten.

„Ich bin Twitter beigetreten und du liest viele von den Kommentaren. Man beisst sich auf die Lippe und du willst unbedingt antworten, aber du weißt, dass dann eine Schlagzeile kommt und du willst den Leuten nicht diese Genugtuung geben. Klar hatte ich eine tolle Karriere und habe viel Geld verdient. Das Letzte woran ich dachte ist, dass ich beschuldigt werden würde, für Geld nach Manchester gewechselt zu sein. Ich hätte zu vielen anderen Vereinen wechseln und viel mehr verdienen können“

Owen wollte bei den Red Devils voll durchstarten, doch sein einstiger Fan hatte ihn längst überholt. Wayne Rooney verfolgte im Alter von 12 Jahren den Moment als Michael Owens Stern aufging. Er wollte so sein wie er, wie auch andere Stürmer nach ihm. Das Kapitel „Manchester United“ war zwar kein kurzes, aber im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren ein wenig ereignisreiches. In der ersten Saison wusste er noch einige Male zu überzeugen. Neben einem Hattrick in der Champions League gegen Wolfsburg erzielte er den 4:3-Siegtreffer in der 95. Minute im Derby gegen Manchester City. Erstmals seit langem spürte man wieder den alten Michael Owen. Ein toller Pass auf Owen, ein kurzer Antritt, er schob den Balls ins lange Eck und machte das wichtige Tor zum Sieg im Old Trafford. Das Stadion spielte verrückt. Michael Owen kam nicht aus dem Jubeln heraus.

Ging es etwa wieder bergauf? Nein. Im League Cup-Finale im Februar 2010 gegen Aston Villa durfte er von Anfang an ran, erzielte den Ausgleichstreffer in der 12. Minute, doch musste nur eine halbe Stunde später verletzt ausgewechselt werden. Erneut war es der Oberschenkel. Er musste operiert werden und fiel für den Rest der Saison aus. Alles was sich Michael Owen in den letzten Monaten aufgebaut hatte, wurde zunichte gemacht. In der nächsten Saison fiel es ihm deutlich schwerer, dennoch kämpfte er sich immer wieder zurück, hatte immer wieder Torchancen, doch traf immer seltener. Ständig hatte er mit Beschwerden, Blessuren und Verletzungen zu kämpfen. Da konnte auch Sir Alex Ferguson nicht mehr helfen. Eigentlich sollte er laut eigener Angaben zum Schlüsselspieler im Frühjahr 2011 werden, doch nur wenige Tage nach dieser Aussage, verletze sich Michael Owen erneut. Dennoch hatte er, was er wollte. Auch er durfte sich endlich Mal Premier League-Sieger nennen. Trotz langen Umweges war es geschafft. Sein Ex-Verein Liverpool hatte in dieser Zeit übrigens den FA-Cup, den League Cup und die Champions League gewonnen.

Es folgte sein letztes Jahr bei den Reds. Sir Alex Ferguson setzte kaum noch Vertrauen in den alternden Spieler. Er durfte lediglich gegen kleinere Mannschaften ran. Im League Cup gegen den Rivalen Leeds United, gegen den er zwei Tore erzielte, sowie gegen den Viertligisten Aldershot Town, gegen den er auch traf, sowie ein Einsatz im November in der Champions League gegen Otelul Galati – sein letzter Einsatz für Manchester United, denn erneut musste er verletzt ausgewechselt werden. Fit genug für die erste Mannschaft wurde er nie wieder.

Die englische Öffentlichkeit stellte sich immer wieder die Frage, wie Michael Owens Karriere verlaufen wäre, hätte er sich in jungen Jahren Manchester United angeschlossen – ein Angebot gab es. Owen entschied sich dennoch für Liverpool und ließ dort kein Spiel aus. Bei einem Topklub wie Manchester, so die allgemeine Einschätzung, die auch Owen bis zu einem gewissen Punkt teilt, hätte er mehr Pausen und Zeit zur Regeneration bekommen. Regeneration, die ihn vor der einen oder anderen Verletzung hätte bewahren können.

Nach dem Auslaufen seines Vertrags bei Manchester versuchte er sich bei Stoke City, aber auch hier kam er kaum zu Einsätzen, früh setzte ihn eine Oberschenkelverletzung außer Gefecht. Am 19. Jänner 2013 erzielte Michael Owen sein 150. und letztes Tor in der Premier League. Wenige Wochen später twitterte der Stürmer die für viele schockierende Nachricht:

“Heute ist ein großer Tag. Ich habe entschieden, dass diese Saison meine letzte als Profi-Fußballer ist.“

Erstmals seit langem wurde er wieder geschätzt, es folgten Berichte, Zusammenschnitte seiner Tore und er wurde von (ehemaligen) Kollegen gelobt. Es schien, als würden sich alle noch an den alten Michael Owen erinnern und nicht nur an den Bankwärmer über den man Witze machen konnte.

Es schien, als wäre es eine Erlösung für Michael Owen. Verständlich nach all den Verletzungen, all den Enttäuschungen und all dem Spott. Bereits Jahre zuvor hatte er sich dem Pferdesport zugewandt, ist dort sehr erfolgreich und züchtete einen Ascot-Gewinner. Wie in jungen Jahren ist er euphorisch und bejubelt Erfolge wie seine Tore zur Jahrtausendwende. Der Engländer scheint nicht traurig zu sein, von Unglück will er nichts wissen:

„Bloody hell, wenn Gerard Houllier [damaliger Trainer bei Liverpool] sagte dass ich nicht immer spielen sollte, kann ich mich erinnern, sagte ich „Ich ruhe mich aus wenn ich 30 bin“. Er hatte wahrscheinlich recht, oder? Einerseits denke ich, dass ich auch der glücklichste Mensch der Welt war. Ich habe für Liverpool, Real Madrid, Newcastle, Manchester United gespielt, rund 90 Einsätze und rund 40 Tore für die Nationalmannschaft, muss nie wieder arbeiten, habe vier wunderbare Kinder. Ich habe nicht so viel Pech!“



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