Interview mit Florian Christoph über den irischen Fußball

Irland
Florian Christoph ist der Gründer von Fußball in Irland – Das Deutsche Forum zum Irischen Fußball. Florian lebt in Irland, besucht Woche für Woche die Stadien der Grünen Insel und schreibt bei http://irischer-fussball.blogspot.co.at/ und zukünftig auch unserem neustem Ableger www.cavanisfriseuruk.wordpress.com über den irischen Fußball.

Marco: Hallo Florian! Wie wurdest du so ein großer Fan der League of Ireland?

Florian: Eher durch Zufall eigentlich. Vor fast zehn Jahren bin ich auf einen wackligen Internetstream gestoßen, der ein Spiel aus der Irischen Liga zeigte. Zu der Zeit stellte ich meine Liebe zum Fußball in Frage; Bundesliga, Premier League, Champions League… der große Sport hatte irgendwie an Faszination verloren.

Marco: Da muss ich direkt dazwischen grätschen. Wieso?

Die Entwicklung vom Fußball als Sportereignis hin zum reinen Produkt, bei dem aus Fans Kunden werden ist heute sicher noch extremer – dennoch war es damals bereits ein Thema. Etwas, das mich damals wie heute beschäftigt. Letztlich konnte ich mich immer weniger mit dem identifizieren, was da im Fernsehen gezeigt wurde; oder auch mit dem, was ich selbst im Stadion sah, sei es bei meinem eigenen Klub Hansa Rostock oder andererorts.

Zurück zum Stream, Derry gegen St. Patrick’s Athletic … mein erster Kontakt mit irischem Fußball – es packte mich auf Anhieb! Es ging rustikal zu, intensiv und ohne Verschnaufpause, die Wiese 90 Minuten lang rauf und runter. Man könnte sagen, es war Liebe auf den ersten Blick! Ich war angefixt, wollte mehr wissen und es mit eigenen Augen erleben.

Also saß ich wenig später bereits im Flieger Richtung Grüne Insel, sah ein paar Spiele live und habe seitdem nie wieder zurückgeblickt. Dass ich ein paar Jahre später tatsächlich hier leben würde und jedes Wochenende nun die Gelegenheit habe, ins Stadion zu gehen, war damals noch nicht abzusehen. Aber man könnte sagen, der irische Fußball hat seinen Teil dazu beigetragen, dass ich am Ende hier gelandet bin.

Marco: Die LOI (League of Ireland) ist nur eine sehr kleine Liga. Viele Iren gehen früh nach England, um in besseren Ligen zu spielen. Profitiert man denn auch von der Premier League und anderen Ligen?

Florian: Die League of Ireland profitiert vor allem von einer Sache: dem Herzblut seiner Fans. Von England profitiert die Liga kaum. In aller Regel wandern die besten Spieler für wenig bis gar keine Ablöse ab; junge Talente werden von den großen Premier League Klubs bereits als Teenager geködert, bevor diese überhaupt eine Möglichkeit haben, in der LOI zu spielen.

Marco: Ist das nicht eine große Gefahr für die jungen Spieler?

Ja, diese jungen Talente werden verheizt, denn nur ein ganz geringer Teil schafft es sich durchzusetzen, für die meisten platzt der große Traum schnell. Sie kommen dann zurück nach Irland als 19-, 20 Jährige und haben die Freude am Spiel verloren. Viele geben den Fußball ganz auf. Das ist die Relität. Die LOI profitiert in keiner Weise in diesem Fall. Klar, es gibt Ausnahmebeispiele: Keith Fahey oder Richie Towell sind hier zu nennen, die nach durchwachsenen Erfahrungen in England als junge Spieler zurückkehrten und über starke Leistungen in der League of Ireland sich für größere Aufgaben empfehlt haben. Aber das sind Ausnahmen. Der große Teil an jungen Talenten geht verloren, ohne je einen Fuß in die LOI gesetzt zu haben.

Marco: Trotz rund 4,5 Millionen Einwohnern hat die League of Ireland einen Zuschauerschnitt zwischen 4500 Besucher pro Spiel (Anm. d. Red.: Cork City) oder nur 220 Besucher pro Spiel (Anm. d. Red.: UCD Dublin). Wieso besuchen nur so wenige Iren die heimischen Stadien?

Florian: Irland ist eine kleine, dünn besiedelte Insel und dennoch gibt es eine ganze Bandbreite an professionellen und kulturell fest verankterten Sportarten. Fußball ist nur eine davon. Rugby, Golf, Pferderennen oder das immer-presänte Gaelic Football und Hurling… der irische Fußball steht im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit.

Marco: Eine schwierige Situation für die Fußballvereine.

Definitiv! Für eine kleine Liga wie die League of Ireland, in der die Häfte der Klubs auf Amateurlevel agieren und für die es wenig Unterstützung vom eigenen Verband gibt, ist es nicht leicht, öffentliches oder mediales Interesse zu erzeugen. Vor allem wenn man dann noch in Konkurrenz zur englischen Premier League steht. Die vermeintlich beste Liga der Welt kann jeder ganz bequem am Samstag von der Couch aus im warmen Wohnzimmer verfolgen kann. In England verdient halt auch der großte Teil der Irischen Nationalspieler sein Geld.

Marco: Sind die Iren zu bequem?

Man kann es am Ende aber auch runterbrechen auf den Gedanken, der sich in die irische Seele tief eingebrannt hat über die Jahre: Wenn es um Fußball geht, ist der Sport, den man vor der Haustüre hat, nicht gut genug. Und zum Teil ist das Argument sicher nicht verkehrt, wenn man sportliche Qualität alleine an Aufritten in der Champions League fest macht.

Am Ende ist es aber auch eine logistische Frage oder eine des Komforts. Wenn ich von meinem warmen Sofa aus die vermeintlich beste Liga der Welt sehen kann, warum sollte ich dann an einem nassen, kühlen Abend in einem maroden Stadion sitzen, in dem vermeintlich schlechter Sport zu sehen ist? Nun: Was ist gut, was ist schlecht? Darüber lässt sich streiten. Die Frage ist jedoch berechtigt. Die League of Ireland hat viele Probleme. Eins davon sind die Stadien, die zum Teil verottet sind. Das ist nicht immer sonderlich einladend, schon gar nicht für Familien.

Marco: In dieser Saison kamen ein paar heimische Promis in die Liga. So zum Beispiel Damien Duff, der bereits für Chelsea und Newcastle auf Torejagd ging, Liam Miller, der bereits bei Celtic, Manchester United oder Sunderland spielte, aber auch ein Keith Treacy, der bei Burnley und den Blackburn Rovers aktiv war. Lockten diese Spieler mehr Fans in die Stadien?

Florian: Schwierig zu sagen, ob diese Namen wirklich einen Unterschied machen. Sicher, die ersten zwei, drei Spiele, wenn ein Damien Duff auf dem Platz steht, mag das noch den einen oder anderen hinter dem Ofen hervorlocken. Langfristig macht es aber keinen sonderlich großen Unterschied, glaube ich. Hängt auch damit zusammen, dass Klubs, die in der Lage sind, Spieler solchen Kalibers zu verpflichten, bereits einen gesunden Zuschauerschnitt haben.

Marco: Robbie Keane, Roy Keane, David O’Leary, Chris Hughton, Steve Finnan, … Irland hatte stets gute Spieler. Gibt es keinen Ex-Spieler, der sich für die Verbesserung der Liga einsetzt?

Florian: Credit where credit is due: Das aktuelle Trainergespann des Nationalteams um Michael O’Neill und Roy Keane sind aktive Führsprecher, vor allem Keane ist immer wieder bei Spielen der Liga zu sehen und wird über die Winterpause sogar ein Team von arbeitslosen LOI Spielern beim FIFPRo Turnier betreuen. Die warmen Worte von Brian Kerr, Kevin Kunningham und Co. sind ebenfalls immer wieder schön zu hören. Auch aktive Nationalspieler wie Seamus Coleman oder James McClean weisen auf ihre Wurzeln in der League of Ireland gerne hin. Aber Worte bleiben Worte und sind schnell wieder vergessen.

Marco: Schottland hat rund 5,3 Millionen Einwohner und ebenso wechseln viele schottische Spieler nach England. Weshalb ist die SPL (Schottische Premier League, vorige Saison in Scottish Premiership umbenannt) der LOI um so viel voraus?

Florian: Ich muss zugeben, ich bin kein Schottland-Experte, aber denke, dass die Strukturen im schottischen Fußball andere sind. Was damit anfängt, dass Schottland eine voll professionelle Erste Liga hat, mit einer Struktur, die viele weitere Ligen runter reicht. Andererseits scheint es mir, dass es zuletzt auch nicht all zu rosig um den schottischen Fußball im Allgemeinen bestimmt ist. Trotz professioneller Strukturen konnten schottische Klubs in Europa keine Bäume ausreißen und scheiterrn in schöner Regelmäßigkeit in den Qualifikationsrunden. Abgesehen von Celtic natürlich. Insofern bin ich mir nicht so sicher, ob Schottland der League of Ireland im Sinne der sportlichen Qualität noch so weit voraus ist.

Dennoch, strukturell hinkt die League of Ireland weit hinterher. Als Beispiel: In Irland gibt es zwei Ligen, darunter nichts. Mittlerweile gibt es immerhin eine U-17 und U-19-Liga – das war lange nicht der Fall. Ein natürlicher Aufstieg von Spielern aus Nachwuchsteams hoch in die erste Mannschaft war lange nicht möglich, weil es dafür keine Strukturen gab.

Marco: Wo würdest du denn die LOI sportlich einordnen? Immerhin schaffen immer wieder ein paar Iren den Sprung in die englischen Ligen.

Florian: Das Gefälle ist groß zwischen den einzelnen Teams – in diesem Jahr so groß wie lange nicht mehr. Die Profiklubs wie die Shamrock Rovers haben einen riesen Vorteil gegenüber reinen Amateurtruppen wie Galway oder Longford. Das eine Team kann sich ganz aufs Training konzentrieren, das andere Team geht die Woche über einem normalen Job nach, trainiert am Abend zusätzlich dreimal und läuft dann am Freitag Abend nach einer langen Arbeitswoche auf und versucht, Spiele zu gewinnen. Das führt zwangsläufig zu enormen Qualitätsunterschieden zwischen einzelnen Teams.

Topklubs wie Dundalk, Cork oder Shamrock Rovers würden vermutlich um den Aufstieg in der 3. Bundesliga spielen oder sich auch eine Liga höher behaupten können. Klubs wie Drogheda und Longford hätten dort wahrscheinlich arg zu kämpfen. Das Gefälle ist aber selbst innerhalb der Teams enorm. Einige Spieler könnten erste oder zumindest zweite Liga problemlos spielen, andere hätten selbst in der Regionalliga keinen Stammplatz sicher.

Marco: Bemerkend ist vor allem der Altersdurchschnitt. In der LOI spielen einige ältere Herren. Mangelt es an Jugendspielern?

Florian: Möglicherweise. Allerdings, gerade in den letzten Jahren sind eine ganze Reihe an jungen, talentierten Spielern nachgerückt und weitere werden folgen – dank der neuen Nachwuchsligen. Dennoch bleibt die Realität so, dass die besten Talente ihr Glück in England suchen, sobald Angebote kommen. Oft finden diese gar nicht erst ihren Weg in die Liga.

Dazu trägt auch bei, dass Nachwuchssport in Irland vor allem über die Schulen und Universitäten gereglet wird – und dort gibt es keine Abstimmung mit der Liga, geschweige denn eine Regulierung. Eine Integration in die FAI/LOI Struktur ist nicht vorhanden.

Marco: Wenn es nicht das Sportliche ist, was macht dann den Fußball auf der Grünen Insel so besonders?

Florian: Ich kann nur für mich sprechen, aber es war und ist es immer noch in erster Linie der Sport, der diese Liga so reizvoll für mich macht. Ich bin Fußballfan, und als solcher möchte ich guten, ehrlichen Fußball sehen.

Andererseits möchte ich keine Multimillonäre sehen, die bei jedem Windhauch umfallen und sich den Kopf halten; ich will keine Schiedsrichter sehen, die bei jedem Winhauch in ihre Pfeife blasen und eine Gelbe Karten ziehen, weil es womöglich einen „Kontakt“ gab; ich will keine 90 Minuten lang andauernden taktische Schachspiele sehen. Nein, Ich möchte Fußball sehen, wo zwei Mannschaften Vollgas geben, mit Leidenschaft und Ehre den Platz umpflügen, wo es Grätschen und knallharte Zweikämpfe gibt, Fair Play dennoch hoch gehalten wird, wo es aber ebenso furiose Dribblings und krachende Tore zu bestaunen gibt. All das bekommst du in der League of Ireland.

Ich habe das Glück, dass mein Team hier in Dublin, die Bohemians, die letzten Jahre immer Mannschaften hatte, die wortwörtlich für Ruhm und Ehre spielten. Finanziell ging es dem Verein nicht sonderlich gut, was vor allem bedeutet, dass Spieler hier her kommen, weil es etwas Besonderes ist, das Schwarz-Rot-Gestreifte Bohs Jersey überzustreifen und auf dem heiligen Rasen des Dalymount Parks, dem ‚Home of Irish Football‘, zu spielen. Die Jungs zereißen sich für das Jersey und kämpfen bis zum Umfallen. Da fällt es leichter Niederlagen zu akzeptieren und nicht selten gibt es Standing Ovations – selbst nach Niederlagen, einfach, weil die Fans den enormen Einsatz der Spieler zu schätzen wissen. Spieler, die wie du und ich, 40 Stunden die Woche arbeiten gehen. Als Beispiel: Bohemians Number 8, Keith Buckley, muss nach Spielen anschließend Nachtschichten in Nachtklubs hinter der Bar schieben. Da fällt es leichter ein schwaches Spiel zu vergeben.

Marco: Das stärkt natürlich die Identifikation.

Richtig. Hier entsteht eine Verbindung zwischen Mannschaft und Fans, die – und vor allem – real gelebt wird. Man muß dazu sagen, dass das auch nicht alles Thekenkicker sind. Einige haben in England gespielt, andere haben sich Juniorennationalmannschaftstrikots überstreifen düfen, nicht wenige haben bessere Angebote abgelehnt, weil sie Teil dieses Vereins sein wollen und weil sie dankbar sind, für die Möglichkeit, die der Klub ihnen gegeben hat in teils schwierigen Phasen. Ich glaube, das bekommst du als Fan nicht an vielen Orten. Ganz sicher nicht vor dem Fernseher, und auch nicht für 150 Pfund im Anfield oder Old Trafford.

Es sind also vor allem die Menschen, die diese Liga so besonders machen. Die Spieler zum einen, aber insbesondere die Fans. Ihr Herzblut, ihre Leidenschaft ist das, was diese Liga und viele Klubs am Leben erhält. Die meisten Klubs sind ohnehin „fan owned“ dieser Tage.

Marco: Was bedeutet das für die Fankultur?

Wenn deine Freunde dich schief angucken oder auslachen, wenn du ihnen erzählst, dass du einen LOI Klub supportest; wenn du am Freitag nach einer anstrengenden Arbeitswoche trotzdem noch vier Stunden nach Derry fährst, um eine 3:0-Niederlage deines Teams zu erleben; wenn du nächste Woche dennoch dein Team so lautstark wie eh und je im kalten, maroden Stadion unterstützt, dort zusammenstehst mit all den anderen Verrückten, die Teil dieser Familie sind – das ist etwas besonderes und dafür muss man den Sport lieben und vermutlich auch ein bisschen verrückt sein. LOI Fans sind genau das.

Das irre bei der Sache ist, dass viele Iren die League of Ireland verpöhnen. Dafür triffst du unverhältnismäßig viele ausländische Fans im Stadion. Bei meinen Bohs stehe ich gemeinsam mit Russen, Holländern und Venezulanern im Fanblock zusammen… uns alle verbindet die Liebe zum Sport und dem Klub. League of Ireland verbindet – so wie Fußball sein sollte.

Der zweite Teil des Interviews wird in wenigen Tagen veröffentlicht.

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