Italien braucht mehr Empolis

Empoli

Früher war Maurizio Sarri Banker. Kein einfacher Angestellter, er war Manager bei Montepaschi, der ältesten Bank der Welt. Er hatte eine Familie, einen sicheren Job und verdiente gutes Geld. Doch irgendwann gab er dieses sichere, ruhige Leben auf, um sich einen Traum zu verwirklichen: Fußballtrainer werden. Mittlerweile ist Sarri Trainer beim FC Empoli. Er ist 55 Jahre alt und heuer zum ersten Mal in der Serie A. Warum er so lange gebraucht hat um in der obersten italienischen Liga anzukommen? „Das hängt immer davon ab, wo man anfängt.“ Und Maurizio Sarri fing sehr weit unten an. Quasi ganz unten, in der Seconda Categoria. Von dort weg ist der Weg sehr lange und steinig.

Maurizio Sarri war zwar selber Fußballer, ein angeblich durchaus brutaler und von Stürmern gefürchteter Verteidiger, allerdings nur bei Unterhausvereinen in der Toskana. Für Profifußball reichte es jedenfalls nicht und so studierte Sarri Betriebswirtschaft und fing an bei der Bank zu arbeiten. Mit 31 Jahren entschied sich Sarri dafür als Trainer zu beginnen, damals bei Stia in der Seconda Categoria, der vorletzten Spielklasse Italiens. So begann Sarris langsamer Weg bis in die Serie A. 10 Jahre lang trainierte er Vereine aus der Umgebung, bedeutungslose Klubs wie Faelle, Cavriglia oder Valdema. 2000 landete er bei Sansovino, wo er eine sehr erfolgreiche Zeit erlebte. Sarri erkannte seine Chance und gab 2001 seinen guten Job in der Bank auf um sich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren zu können. Es sollte sich bezahlt machen, denn zwei Jahre später landete er mit Sansovino in der Serie C2, im italienischen Profifußball. Für Maurizio Sarri ging es immer weiter bergauf, 2005-2006 landete er bei Pescara Calcio, doch einmal angekommen in der Serie B kam er jedoch nicht wirklich weiter, musste zwischendurch auch wieder in die dritten Liga und hatte selbst dort seine Probleme, zum Beispiel als er 2008 nach fünf Niederlagen in nur sechs Spielen bei Hellas Verona entlassen wurde. Ganze 21 Jahre und 16 verschiedene Vereine benötigte Sarri um schließlich zur Saison 2012-2013 bei Empoli zu landen.

2011-2012 konnte Empoli erst im Play-Out den Klassenerhalt in der Serie B fixieren, danach stand der Verein im ersten Jahr unter Sarri plötzlich im Play-Off, scheiterte dort jedoch im Finale an Livorno. Eine Saison später schaffte Empoli dann wirklich den Aufstieg und feierte damit nach sechs Jahren die Rückkehr in die Serie A.

Man könnte meinen Sarri ist damit an seinem Ziel angekommen, doch in Wahrheit hat er dies schon lange vorher erreicht: „Mein wahres Ziel war es aus meiner Leidenschaft einen Beruf zu machen.“ Dass er nun der schlechtbezahlteste Trainer der Serie A ist, stört ihn nicht wirklich: „Sie bezahlen mich dafür eine Arbeit zu machen, die ich abends machen würde, nach der Arbeit und gratis. Ich bin glücklich.“

Mit 55 Jahren ist er nun der viertälteste Trainer der Serie A – und das in seinem ersten Jahr in der höchsten italienischen Spielklasse. „Ich habe sicherlich – wie viele andere auch – dafür bezahlt nie Profifußballer gewesen zu sein.“ „Da unten“, wo er herkommt, gibt es seiner Meinung nach noch einige andere begabte Trainer, die es aber nie wirklich weiter nach oben schaffen werden. „Ein Guardiola ist nach sehr kurzer Zeit im Nachwuchs gleich zu ersten Mannschaft gekommen, so etwas muss aber die Ausnahme bleiben“, spielt Sarri auf Inzaghi an, der für seine mangelnde Erfahrung schon desöfteren kritisiert wurde.

Sarri ist zwar der Neue, an Erfahrung mangelt es ihm aber nicht. Als Manager bei Montepaschi hat er schon einiges gesehen, er lebte in London, in Luxemburg, in Deutschland und in der Schweiz, außerdem ist er seit 40 Jahren im Fußball tätig. „Ich hab gespielt, ein Leben lang trainiert…ich bin nicht per Zufall hier“ sagt Sarri selbstbewusst.

Außerhalb von Italien ist Maurizio Sarri wohl nur wenigen Leuten bekannt, doch selbst in Italien lernt man ihn gerade erst kennen. Sarri ist ziemlich medienscheu, die Sportsendungen in Italien interessieren ihn gar nicht, zu sehr drehen sie sich um den Calciomercato. Die Berichterstattung über Sarri ist stark von Klischees geprägt, über sportliches wurde dabei kaum berichtet, eher über seine Art sich zu kleiden und über seine altmodischen Brillen. „Mich interessiert es nicht ob meine Brille modern sind, mich interessiert nur ob mein Fußball modern ist“, kommentierte er solche Berichte in der „Sportweek“. Zuerst wollten die Medien den „neuen Cosmi“ aus ihm machen (da auch Serse Cosmi es aus dem Unterhaus in die Serie A geschafft hat), später wurde er dank Offensivfußball und Nikotinsucht zum „neuen Zeman“.

Der Vergleich mit Zeman ist da schon eher passend. „Zeman ist ein Großer. Er begeistert mich“, gibt Sarri auch zu. Er habe allerdings kein Vorbild und versucht keinen Trainer zu kopieren. Ähnlichkeiten mit Zeman gibt es dennoch mehrere. Der Tscheche war ebenfalls kein Profifußballer und musste sich als Trainer langsam hocharbeiten. Wie Zdenek Zeman ist auch Maurizio Sarri ein Sturkopf, er ist ziemlich überzeugt von sich selbst und sagt zuerst mal aus Prinzip, dass er Recht hat und überlegt erst im Nachhinein. Beide haben klare Ideen und sind sehr mutige Trainer. Gemeinsam mit Zeman hat Sarri auch den Offensivfußball – Sarri hat stets einen durchaus offensiven Ansatz, auch wenn es bei weitem kein „Kopf-durch-die-Wand-Zeman-Offensivfußball“ ist – und die starke Förderung von jungen Spielern.

Gerade deswegen ist die Kombination aus Empoli und Sarri auch so interessant. Empoli hat eine verhältnismäßig sehr gute Nachwuchsarbeit, der kleine Verein aus einer 47.000-Einwohner-Stadt hat immerhin Spieler wie Antonio Di Natale, Vincenzo Montella oder aktuell Riccardo Saponara hervorgebracht. Der 20-jährige Innenverteidiger Daniele Rugani, der bereits in Teilhabe mit Juventus ist und unter Antonio Conte bereits für das Nationalteam nominiert war, könnte der nächste in dieser Liste sein. Der Verein ist auf die Einnahmen aus Spielerverkäufen angewiesen, die Nachwuchsarbeit ist daher ein wichtiger Teil der Vereinsphilosophie. Empoli ist für diese Talente auch das richtige Sprungbrett, denn während ganz Italien derzeit fordert mehr junge Spieler spielen zu lassen, tut dies Empoli auch wirklich. Der aus Florenz ausgeliehene Matias Vecino beschreibt die Kleinstadt in der Toskana gegenüber dem Fanportal „fiorentina.it“ als beinahe idealen Platz für junge Spieler:

„Das Geheimnis von Empoli ist sicherlich die Ruhe. Hier gibt es den Druck nicht, den man in so vielen anderen Städten findet. Die Jungen haben die Möglichkeit Fehler zu machen, auch mal schlechte Partien zu spielen. Empoli erlaubt es Fehler zu machen und in Ruhe zu wachsen“

In Empoli bekommen junge Talente ihre Chance und können sie ich behutsam weiterentwickeln. Der Druck in Empoli ist weitaus geringer als bei anderen Klubs, was alleine schon an der Größe des Vereins und an der Größe der Stadt liegt, einen großen Anteil daran hat aber auch Präsident Fabrizio Corsi, der 1991 den Verein übernommen hat und seitdem hervorragende Arbeit leistet. Für ihn zählen vor allem die Bescheidenheit und die Kontinuität im Klub. Nicht nur deswegen ist Corsi eine Ausnahme unter den italienischen Vereinspräsidenten, sondern auch seine sportliche Kompetenz hebt ihn von anderen ab. Den Aufstieg sieht Corsi als Bestätigung für die gute Arbeit bei seinem Verein: „Die Art wie unsere Spieler spielen beginnt in unserer Nachwuchsakademie. Unsere Ergebnisse sind die Früchte von großartiger Arbeit und fantastischer Planung. Für uns ist der Aufstieg ein außergewöhnliches Ereignis. Es ist bereits der vierte Aufstieg, der mir passiert ist. Es ist kein Zufall.“

Nach dem Aufstieg zeigte sich im Sommer die angesprochen hohe Kontinuität. Denn während die meisten Aufsteiger in Italien üblicherweise ihren Kader ziemlich umbauen, um für die Serie A aufzurüsten, blieb jener von Empoli Großteils unverändert und nur etwas in der Breite verstärkt. Das mag zum Teil natürlich an den kleinen finanziellen Ressourcen liegen, doch man verzichtete auch darauf um zum Beispiel wie Livorno im Jahr zu vor kostengünstig eine neue Mannschaft aus Leihspielern aufzubauen, sondern zeigte stattdessen großes Vertrauen in die Mannschaft, die den Aufstieg möglich gemacht hat. Empoli setzte durchaus auf Leihspieler, allerdings in Maßen und auch auf Leihspieler, die bereits in der Serie B beim Verein waren. Bereits Spieler wie Claudio Marchisio, Sebastian Giovinco, Alessandro Diamanti und Ignazio Abate spielten in der Vergangenheit leihweise in Empoli, die Azzurri haben daher gute Erfahrungen mit diesem System. So wurde in Empoli heuer kein Geld für Neuverpflichtungen ausgegeben, entweder wurden Spieler geliehen oder ablösefrei geholt. Im Prinzip hat sich die Startelf aber nur an zwei Positionen verändert: der von Napoli ausgeliehene Luigi Sepe hat den immer noch im Kader stehenden Davide Bassi im Tor verdrängt und im Mittelfeld darf neben Croce und Valdifiori heuer zumeist Vecino ran.

Mit dieser Mannschaft den Klassenerhalt zu schaffen, hielten vor der Saison nicht viele für möglich. Gemeinsam mit Cesena wurde der Klub aus der Toskana schnell als Fixabsteiger bezeichnet. Zu Saisonbeginn glaubten viele Fans auch, dass sie mit dieser Einschätzung rechtbehalten würde, denn nach fünf Spieltagen hatte Empoli noch immer kein einziges Spiel gewonnen. Während bei anderen Vereinen jetzt womöglich schon Feuer am Dach wäre und der Trainer sich schon Sorgen machen müsste, ließ sich Fabrizio Corsi nicht beunruhigen. Für ihn war es selbstverständlich den Weg mit Sarri weiterzugehen.

Der Verein achtete nicht auf Ergebnisse, sondern auf die Leistungen. Und diese waren durchwegs positiv. Am zweiten Spieltag kam der italienische Vizemeister, die AS Roma, nach Empoli. Ein Kader mit Gesamtwert von 250 Mio. € traf auf einen im Wert von rund 36 Mio. €. Doch der Aufsteiger agierte, wie er gegen jede andere Mannschaft auch agiert: aggressiv, mutig und sehr offensiv. Eine Seltenheit in Italien. Empoli presste sehr hoch, stellte Spielmacher De Rossi mannorientiert zu, attackierte die Innenverteidigung sehr früh und zwang sie zu sehr vielen unkontrollierten, hohen Bällen. Nur durch ein Weitschusstor von Radja Nainggolan musste sich Sarris Mannschaft schließlich geschlagen geben. Zwei Spieltage später ergab sich gegen Milan ein durchaus ähnliches Bild. Sarri ließ gegen Milan für viele überraschend offensiv spielen und konnte durch Tore aus Standardsituationen sogar 2-0 in Führung gehen. Nur verwalten konnte Empoli das Ergebnis nicht, die Rossoneri konnten sich letztendlich noch ein 2-2 erkämpfen.

Erst am 6. Spieltag gegen Palermo ging der Knopf auf, mit einem 3-0 holte man sich den ersten Sieg der Saison, zwei weitere sollten danach noch folgen. Mit drei Siegen und acht Unentschieden nach 16 Spieltagen liegt der FC Empoli auf Platz 13 und steht damit weitaus besser da als man es vor der Saison vermutet hätte.

Doch nicht der zwischenzeitliche 13. Platz ist das Besondere, sondern die Art und Weise wie dieser erreicht wurde: Mit jungen Spielern und mit mutigem, offensiven Fußball. Maurizio Sarri fürchtet sich vor niemanden, nicht vor der Roma, vor Milan, Juve oder Napoli. Im Gegensatz zu den meisten anderen Abstiegskandidaten zieht er sich nicht einfach zurück und setzt auf eine erfolgreiche Strafraumverteidigung und Umschaltspiel. Sarri möchte selber den Ball haben, er überlässt Initiative und Feld nicht einfach dem Gegner. Mit einem durchaus beeindruckenden Kurzpassspiel und zudem oft sehr hohem Pressing konnte Empoli schon einige große Teams ärgern. Wohl kein anderes Team der Liga spielt so konsequent flach von hinten heraus wie Empoli. Zudem hat der „Mister 33 Schemi“, wie er in Anspielung auf seine viele Varianten bei ruhenden Bälle genannt wird, die mit Abstand coolsten Standardsituation der Liga – selbst ohne irgendeinen besonderen Spezialisten wie Lodi, Pjanic oder Pirlo -, die seiner Meinung nach zu 40% bis 50% den Ausgang der Spiele entscheiden.

Sarri ist kein Wundertrainer, er ist jedoch ein Tüftler, einer der sich ununterbrochen mit dem Fußball auseinandersetzt, moderne und klare Ideen hat und dabei auch auf moderne Arbeitsmethoden setzt. Sein Empoli hat durchaus auch Schwächen, die ausgerechnet Zdenek Zeman bei einem 0-4 Auswärtssieg ziemlich deutlich machte. Es ist aber auch die unterdurchschnittliche individuelle Qualität im Kader, die Sarri Probleme bereitet.

Doch bedenkt man die finanziellen Möglichkeiten ist Empolis Kader eigentlich beeindruckend. Die Mannschaft ist wahrscheinlich die jüngste der ganzen Liga, nur durch das routinierte Sturmduo aus Maccarone und Tavano, beide sind 35 Jahre alt, und den 32-jährigen Croce im Mittelfeld wird der Altersschnitt gewaltig gehoben. Ein Großteil der Spieler ist aus Italien, 10 Legionäre stehen im Kader, wobei der Georgier Mchedlidze und der Albaner Hysaj dennoch aus dem Nachwuchs von Empoli stammen. In Zukunft müssen in der Serie A mindestens vier Spieler aus dem eigenen Nachwuchs im 25-Mann-Kader stehen. Vereine wie Chievo oder Hellas Verona haben derzeit keinen einzigen, Empoli hat laut Sarri 13 Spieler aus dem Nachwuchs.

Dass Sarri so lange gebraucht hat um in der Serie A zu landen ist sehr schade. Dass Sarri und Empoli zusammengefunden haben ist allerdings äußerst erfreulich. Sarris Fußball ist in der immer noch sehr defensiv geprägten Serie A sehr erfrischend anzusehen, zudem gibt der Erfolg seinen Methoden und seiner Spielphilosophie recht. Leute wie ihn, Zeman oder Eusebio di Francesco braucht es, damit in Italien ein Umdenken stattfindet und sich der Fußball weiterentwickelt.

In Italien hat man mittlerweile eingesehen, dass der Fußball in einer Krise steckt. Deswegen fordern viele Leute den Einsatz von mehr jungen Spielern, zudem müssten mehr Italiener und weniger Legionäre spielen. Außerdem ist manchen Kritikern, allen voran natürlich Arrigo Sacchi, die Spielphilosophie der meisten Trainer ein Dorn im Auge. Nach Empoli (oder auch Sassuolo) blicken allerdings nur wenige, dabei macht Sarris Empoli derzeit so einiges richtig und vereint dabei viele Dinge, die dem italienischen Fußball gut tun würden. Sarris Empoli steht für Kontinuität, für Bescheidenheit, für Kompetenz und vor allem für Mut. Für den Mut zu offensiven Fußball und für den Mut junge Spieler einzusetzen. Mut, den man in Italien leider viel zu selten hat.

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