33 Spieltage verbrachte Leeds United auf einem direkten Auftiegsplatz, letztendlich gelang den Whites dennoch nicht die langersehnte Rückkehr in die Premier League.

Wie es dazu kam, dass der krisengeschüttelte Verein überhaupt so lange um den Aufstieg mitspielen konnte, weshalb es letztendlich nicht klappte und was die Zukunft bringen könnte, wollen wir in diesem Text auf den Grund gehen:

 

Die Premier League muss warten

Mittwoch, 15. Mai, 6:00 Uhr – es war ein toller Tag für mich. Ich legte mich am Abend zuvor früh schlafen und war dementsprechend ausgeschlafen. Im Bad stellte ich daraufhin fest, dass ich mein niedrigstes Gewicht seit zwei Jahren habe – meine Diät ist ein voller Erfolg.

Dementsprechend glücklich fuhr ich in die Arbeit, die ich schnell hinter mich brachte. Zu Hause angekommen war ich sogar so motiviert, dass ich mich nach meiner Knöchelfraktur erstmals seit Monaten auf den Ergometer setzte.

Ich war rundum zufrieden und glücklich, wie schon lange nicht mehr. Daher hätte ich nicht gedacht, dass ich wenige Stunden so deprimiert, wie wahrscheinlich noch nie wegen eines Fußballmatches sein würde.

Leeds United, mein Lieblingsverein seit Kindheitstagen, stand mit einem 1:0 Hinspielsieg gegen Derby County im Rücken im Playoff-Halbfinale – noch nie zog ein Team nicht ins Finale ein, das das erste Match gewonnen hatte. Dementsprechend war ich euphorisch und nervös.

(Foto: Marco Stein)

Alles lief nach Plan, Derby County gelang zwar ein guter Start, doch die Mannschaft von Marcelo Bielsa sorgte für die Führung und hätte wenig später beinahe sogar das 2:0 erzielt, Ex-Lauterer Mateusz Klich scheiterte jedoch an der Latte.

Daraufhin nahm das Chaos seinen Lauf. Schlimme Patzer in der Abwehr sowie von Torhüter Kiko Casilla sorgten dafür, dass Derby wieder ins Spiel fand. Der Ausgleichstreffer (2:1 für Leeds im Gesamtscore) kurz vor der Halbzeitpause brachte die Whites aus der Fassung – und noch schlimmer sogar: in alte Muster.

Bereits seit Wochen ist Leeds United in furchtbarer Form. Von den jüngsten neun Liga-Spielen konnte die Bielsa-Elf lediglich drei gewinnen, fünf Mal setzte es sogar eine Niederlage.

Die zuvor solide Defensive der Whites – Leeds stellte bis vor der Formkrise mit 38 Gegentoren die drittbeste Abwehr der Liga – war plötzlich anfällig und unorganisiert. Zudem häuften sich fatale Fehler von Torhüter Kiko Casilla und Innenverteidiger Liam Cooper.

Die verletzungsbedingten Ausfälle der Leistungsträger Pontus Jansson, Barry Douglas und Ezgjan Alioski vereinfachten die Situation nicht gerade.

Letztendlich verlor Leeds United das Rückspiel nach mehreren Patzern mit 2:4 und die Paarung daher mit einem Gesamtscore von 3:4.

Selbst die Spieler konnten es nicht fassen, viele von ihnen lagen schweißgebadet und mit Tränen in den Augen auf dem Spielfeld.

Innenverteidiger und Publikumsliebling Pontus Jansson, der aufgrund einer Verletzung für das Hinspiel ausfiel und für das Rückspiel auf der Bank Platz nahm, saß noch eine Stunde nach Abpfiff, nachdem das Stadion fast gänzlich leer war, alleine mit ratlosem Blick auf dem Spielfeld.

Pontus Jansson nach dem Playoff-Aus. (Foto von RightInTheGaryKelly’s)

Ratlos waren an diesem Abend viele. 33 Spieltage auf einem direkten Aufstiegsplatz und trotzdem will der Aufstieg einfach nicht gelingen.

Doch was sind die Gründe für den plötzlichen Leistungsabfall?

 

Leeds United: Taktik-Analyse

Im Internet scheinen sich viele einig zu sein: das klassische Bielsa-Frühlingstief hat mal wieder zugeschlagen.

Eine Theorie, die besagt, dass Mannschaften des Argentiniers insbesondere am Ende der Rückrunde gewaltig abbauen.

Abgesehen von mehreren Niederlagen bei seinen letzten Stationen Athletic Club und Olympique Marseille, bestätigt jedoch keine andere Statistik diesen Mythos. Der betriebene Laufaufwand sowie xG sind im Vergleich auf ähnlich hohem Niveau.

Die Gründe dürften demnach andere sein. Zum einen spielen im Fußball die Spielplan-Konstellation sowie Glück, oder viel eher Unglück, weiterhin eine große Rolle. Zum anderen liegt es am Spielstil von Marcelo Bielsa.

Um die Probleme zu verstehen, muss man zuerst jedoch die Taktik und Vorgehensweise von „El Loco“ verstehen.

Mannschaften von Marcelo Bielsa bestechen durch gute Raumnutzung – eine Form des Juego de Posicion.

Wie bereits Athletic Club, Olympique Marseille und OSC Lille spielt auch Leeds United im Bielsa-esken 3-3-1-3 von hinten heraus und meist früh auf die Flügel.

Üblicherweise mit einem 4-1-4-1 angegeben, steht Leeds United im Spielaufbau in einem 3-3-1-3

Dadurch soll der Gegner weit auseinandergezogen werden, was Räume zwischen den Linien schafft. Mit vielen schnellen und vertikalen Pässen bespielt Leeds United diese.

Eine wichtige Position spielt dabei Kalvin Phillips. Der Mittelfeldspieler galt lange als großes Talent, war letztendlich aber nur Mitläufer. Unter „El Loco“ nimmt der junge Engländer aber eine neue Rolle ein.

Als abkippender Sechser nimmt Philipps im Spielaufbau den Platz zwischen bzw. leicht vor den Innenverteidigern ein und sorgt mit seiner fantastischen Übersicht und seinen hervorragenden Pässen für schnelle Angriffe.

Auffällig sind die vielen Überraschungsmomente im Spielaufbau. So versuchen Spieler wie Kalvin Phillips durch bestimmte Laufwege und Körpertäuschungen den Gegner auf gewisse Seiten zu drängen, der Pass hingegen erfolgt in eine völlig andere Richtung.

Man beachte den stark horizontalen Lauf von Liam Cooper. Aufgrund dessen spekuliert der Gegner mit einem Pass auf den Flügel, womit sich ein Raum im Zentrum öffnet, den Cooper bespielt. (Video von: Lion Sports/Youtube)

In der Zwischenzeit rücken die Außenverteidiger weit und breit auf, der offensive Mittelfeldspieler – oftmals gespielt von Samu Saiz (mittlerweile bei Getafe) oder Pablo Hernandez – suchen nach Räumen zwischen den Linien und bieten sich für Zuspiele an.

Mit schnellen Ballstafetten wird der Gegner in Bewegung gebracht, um dadurch Räume zu schaffen. Unorganisiert ist der Gegner am verletzlichsten: Leeds weiß dies mit schnellen Pässen und schlauen Laufwegen auszunutzen.

Bei gegnerischem Ballbesitz versuchen die „Whites“ mit intensivem und frühen Angriffspressing den Ball im vordersten Drittel zu gewinnen und mit viel Tempo zu attackieren.

Hier sticht vor allem Kemar Roofe, der vor der Saison als Flügelspieler aktiv war, hervor. Während seine Kollegen jegliche Anspielstationen zustellen und auf ein Abspiel des Gegners lauern, presst der blitzschnelle Roofe an und gewinnt im Idealfall den Ball.

Bereits früh in der Saison gelang die Umsetzung dieser Taktik hervorragend, doch nach der Hälfte der Saison „wussten“ auch die Gegner damit umzugehen.

 

Der Gegner stellt sich auf Leeds United ein

Anstatt Leeds zu pressen, wenn es im Ballbesitz ist, standen die meisten Gegner tief in der eigenen Hälfte und versuchten so wenig Räume wie möglich zu schaffen.

Bei eigenem Ballbesitz hingegen verzichteten viele Teams immer öfter darauf von hinten heraus aufzubauen, sondern versuchten den Ball so früh wie möglich in die gegnerische Hälfte zu bringen und Leeds vom eigenen Tor fernzuhalten – oftmals durch lange Pässe auf den Flügel.

Dementsprechend verlor der Plan von Marcelo Bielsa etwas an Effektivität. Der Argentinier passte während des Spiels das Team zwar taktisch wie strategisch leicht an, ein Verwerfen des Plans ist für „El Loco“ jedoch ein No-Go.

Dies bestätigte Marcelo Bielsa auch in einer Pressekonferenz: „Das Konzept, mehrere Pläne zu haben, […] teile ich nicht. Unser Plan B ist es, Plan A besser umzusetzen. Wenn ich Plan A verwerfen würde, würde ich das Vertrauen meiner Spieler verlieren. Ich akzeptiere, dass viele nicht diese Meinung teilen, aber um andere von meiner Idee zu überzeugen, muss ich und müssen sie davon überzeugt sein.“

Es spricht nicht viel dagegen, Plan A nicht zu verwerfen, wenn dieser ein guter und effektiver ist – was er in der Tat auch ist. Das Problem von Leeds United ist jedoch, dass es – insbesondere aufgrund einiger verletzungsbedingter Ausfälle sowie wichtiger Abgänge wie beispielsweise durch Samu Saiz – oftmals an Qualität fehlte.

Die Elland Road vor dem Playoff-Rückspiel gegen Derby County. (Foto von leedsunited.com)

13 Spieler fielen bei Leeds United in dieser Saison in Summe 154 Spieltage aus – ein Schnitt von rund 12 Spieltagen pro verletzten Spieler.

Ein breiter und zudem mit Qualität gespickter Kader kann eine solche Vielzahl an Ausfällen kompensieren. Bielsa musste jedoch für das Halbfinal-Rückspiel gegen Derby drei Akademie-Spieler auf die Bank setzen, die noch keine 5 Profi-Einsätze absolviert haben.

Leeds United hat zwar viele talentierte Spieler im Kader, doch ebenso finden sich unzählige durchschnittliche oder nicht gänzlich zum System passende. Ob Luke Ayling und Stuart Dallas oder Patrick Bamford – auch wenn viele unter Marcelo Bielsa eine beachtliche Entwicklung hinlegten.

Damit das Konzept des Trainers besser umgesetzt werden kann, braucht es also einige Verstärkungen.

Doch wie geht es in Yorkshire nach dem nicht gelungenen Aufstieg weiter? Fragen, die sich wohl auch viele andere Leeds-Fans stellen.

 

Marcelo Bielsa: Erfolg im zweiten Anlauf?

„Wie man sich vorstellen kann, ist gerade kein günstiger Zeitpunkt, um über meine Zukunft zu reden. Es sieht wie folgt aus: wenn der Verein mir die Möglichkeit bietet, hier weiterzumachen, dann werde ich mir ihr Angebot gerne anhören“, so der Argentinier nach dem Spiel.

Der Verlust von „El Loco“ wäre ein herber, nicht nur weil Bielsa erfolgreichen und ansehnlichen Fußball an die Elland Road brachte, sondern weil er mit seiner Art für positive Energie im Verein sorgte, wie ich sie woanders noch nie erlebt habe.

Der Argentinier ist eigen und ein komischer Geselle, das ist unumstritten, aber seine Herzlichkeit sorgte für eine fantastische Stimmung bei den Peacocks.

Die Spieler hatten Vertrauen in ihren Trainer und wuchsen auf dem Feld immer enger zusammen. Der intensive und kämpferische Spielstil sorgte zudem für Begeisterung bei den Fans, welche die Spieler wiederrum lautstark unterstützen.


Leider kehrte bei allem Optimismus im Verein eine gewisse Zufriedenheit ein, die dazu führte, dass einige Warnsignale übersehen oder gar ignoriert wurden.

Bereits gegen Ende des Jahres 2018 machte sich die fehlende Tiefe im Kader bemerkbar, rückblickend hätten ein paar Winter-Transfers der Mannschaft gutgetan.

Aus diesen Fehlern gilt es nun zu lernen, „marching on together“, wie es so schön an der Elland Road heißt.

Der Verein blickt in eine positive Zukunft und verfügt mit Radrizzani über einen reichen und zugleich bodenständigen wie sympathischen Geldgeber. Da der Aufstieg diese Saison nur sehr knapp verpasst wurde, dürfte es im Sommer wohl zu einigen Investitionen kommen, sicherlich auch ein Argument für einen Verbleib von Marcelo Bielsa.

Außerdem konnten mit Jamie Shackleton (19 Jahre alt) und Jack Clarke (18 Jahre alt) zwei junge Eigenbauspieler in dieser Saison glänzen, die in den nächsten Monaten wohl noch weiter reifen könnten.

Der Verein hat eine gute Basis für erfolgreiche Zeiten geschaffen. Damit der Aufstieg in der kommenden Saison gelingt, braucht es jedoch ein – in Relation – ähnlich gutes Transfer Window wie von Manchester City nach der Debüt-Saison Pep Guardiolas in England.

Sollte Technical Director Victor Orta erneut sein Geschick unter Beweis stellen und talentierte Spieler nach Leeds lotsen, die zum Spielstil des Trainers passen, so könnte Leeds United womöglich doch noch eines Tages die Rückkehr in die Premier League gelingen.

Ob dieser Trainer Marcelo Bielsa bleibt, dürfte sich wohl in den nächsten Wochen zeigen.

Share:
Marco
Written by Marco
Co-Gründer von Cavanis Friseur, schreibt hauptsächlich über den englischen Fußball und ist riesiger Leeds United-Fan.