Jüngeren Fans ist es heutzutage sicher schwer zu vermitteln,  wie Fußball „früher“ war. In Zeiten vor der Digitalisierung und des Internets. Als die unterschiedlichen Ligen und Länder ihren ganz eigenen Stil hatten. Als der Fußball nicht komplett durch die UEFA und FIFA vermarktet und gleichgeschaltet funktionierte.

Wer in dieser Zeit mit Fußball sozialisiert wurde, erhielt viele seiner Informationen durch Zeitschriften und Magazine. Einfach war es, sich über den nationalen Sport zu informieren. Die Bundesliga, die Nationalmannschaft und die großen internationalen Vereine standen dabei stets im Fokus. Wer über den Tellerrand hinaus blicken wollte, der hatte es schon schwerer.

Speziell für die jungen Fans hatten ausländische Ligen den Reiz der Ferne und des Fremden. Einen besonderen Stand hatten jene Spieler, die den Sprung aus Deutschland wagten und das Abenteuer in einer ausländischen Liga wahrnahmen. Sogenannte Legionäre.

Legionnaire legionarius

Meist waren dies die ganz großen Spieler, wie Nationalspieler. Sie spielten bei größeren Clubs, die – spätestens dann – öfter im TV zu sehen waren und stärker im Fokus der Berichterstattung nationaler und internationaler Medien standen. Über deren Karriere-Verläufe wurde man also bestens informiert. Jeder Schritt von Loddar in New York wurde mit zig Kameras aufgenommen. Seine Pressekonferenz unvergessen.

Auch gab es exotischere Spieler wie Rainer Rauffmann. Sein vorzeitiges Karrierehoch war einst als Bundesliga-Absteiger mit Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld.

Dort eher nicht für höhere Aufgaben qualifiziert und mit dem eigenen Schicksal abgefunden, wechselte er erst zu LASK, dann nach Nikosia, Zypern und damit “aus den Augen, aus dem Sinn”.

Bei Omonia Nikosia allerdings wurde er zum Goalgetter, Superstar und sogar Nationalspieler – von Zypern.

Über Rainer Rauffmann berichtete jedoch kaum jemand. Um Überhaupt zu wissen, dass Rauffmann noch spielte, benötigte es schon das Kicker Sonderheft. Denn dort gab es jedes Jahr eine Übersicht Deutscher Spieler in ausländischen Ligen, die „Legionäre“.

 

Robin Gosens – Legionär par excellence

Ein Spieler, der damals hier zu Lande durch das breitenmediale Raster gefallen wäre, und wohl nur als Vermerk im Kicker Sonderheft aufgefallen wäre, ist Robin Gosens. Sein Lebenslauf ist einzigartig und wäre wohl unmöglich zu begleiten gewesen.

Doch Gosens wurde erst 1994 geboren und schnürte die Fußballschuhe als man schon mit Euro bezahlte und die globale Vernetzung bereits weite Züge annahm.

In einer Zeit, in der man mit großen Spieler-Datenbanken und dem Internet die Möglichkeit hat, solche Legionäre frühzeitig ausfindig zu machen und ihren Weg neugierig zu begleiten.

Robin Gosens ist heute beim aufstrebenden italienischen Erstligisten Atalanta Bergamo.

Auch wenn er die große Bekanntheit hier zu Lande noch nicht erfahren hat dürfen, in Italien und den Niederlanden kennt man ihn.

Das liegt daran, dass Gosens nie für einen Profi-Verein (oder dessen Jugendteam) in Deutschland gespielt hat. Sein Schicksal führte ihn innerhalb von 5 Jahren aus der A-Junioren-Niederrhein Liga, über die Eredivisie, in die Serie A.

Am ehesten kochte das mediale Interesse in Deutschland auf, als Atalanta in der Europa League 2017/2018 auf Dortmund traf und man sich, wie immer auf der Suche nach germanischen Gemeinsamkeiten, auf ihn fokusierte.

In Bergamo ist er noch kein Star, hat sich aber festgespielt und überzeugt mit guten Leistungen gegen große Namen. Mittlerweile gehört er zum Stammpersonal unter Gasperini.

Er spielt mit Atalanta bei einem hochinteressanten Team, das um die europäischen Plätze mitspielt.

 

Ein einzigartiger Lebenslauf

Aufgewachsen ist er in Nordrhein-Westfalen, in Elten, nah an der Grenze zu den Niederlanden, die Heimat seines Vaters. Das Kicken hat er in der Region am Niederrhein gelernt.

Seine Jugendstationen führten ihn zum VfL Rhede, wo er bis in die A-Jugend spielte. Dann stand ein Probetraining bei Borussia Dortmund an – doch die Tür in die Bundesliga schloss sich vorerst.

Das Probetraining in Dortmund hat er, eigenen Aussagen nach, verpatzt. Doch schließt sich eine Tür, öffnet sich woanders ein Fenster. So führte sein Weg nicht in die Jugendteams der Bundesliga, sondern in die Niederlande.

Ein niederländischer Scout hatte ihn entdeckt – eigentlich angereist wegen eines anderen Spielers – beim Spiel des VfL Rhede in Kleve. Kleve übrigens der Geburtsort von Rainer Rauffmann.

Nach dem Spiel nahm er Kontakt zu Gosens auf und schlug ihn Vitesse Arnheim vor. Diese luden ihm zum Probetraining ein. Dort konnte er überzeugen und Vitesse gab ihm im Sommer 2012 einen Platz in ihrer Jugendakademie.

Von dort schaffte er es, sich in der Eredivisie einen Namen zu machen. Aus Arnheims U19 ging es für ihn in die zweite Mannschaft und bald entdeckte der Trainer der Profi-Mannschaft, Peter Bosz, sein Talent und nahm den jungen Gosens gar mit ins Trainingslager.

Um Spielpraxis zu erhalten, verlieh man ihn im Winter 2013/2014 dann an Eredivisie-Aufsteiger Dordrecht. Dort machte er seine ersten Schritte im Profi-Fußball.

Doch nach der Saison 2014/2015 stieg Dordrecht wieder ab und Vitesse Arnheim entschloss sich Gosens an Heracles Almelo zu verkaufen. Für gerade einmal 200.000 Euro wechselte er innerhalb der Eredvisie.

Innerhalb von 2 Jahren machte er dort auf sich aufmerksam und weckte das Interesse europäischer Clubs. Als 2017 Atalanta Bergamo Interesse an Gosens zeigte, bemühte sich der Verein sehr um ihn und zahlte nicht mal 1 Millionen Euro um den Defensiv-Spezialisten nach Italien zu holen.

In Anbetracht des heutigen Marktwerts von 6 Mio (laut transfermarkt.de)

 

Das Profil eines modernen Flügelspielers

Als Spieler auf der linken Außenbahn vor der Dreierkette, bearbeite er meist den Flügel von Atalanta alleine.

Die defensiven Tugenden sind Gosens bestens vertraut, so war er in der Jugend noch Spieler im Defensiven Mittelfeld. Die Physis dazu bringt er mit.

Erst in Arnheim wurde er zum Linksverteidiger umgeschult. Durch seine körperliche Präsenz, seine Schnelligkeit und Dynamik erfüllt er, was diese Rolle von einem Spieler auf dieser Position verlangt.

Seine Zweikampfführung und Antizipation ist sehr ausgeprägt. So agiert er sowohl im Gegenpressing nach Ballverlust gut, als auch beim Einrücken in  Phasen in tieferstehender Abwehr.

Eine seiner Stärken: Grätschen. Auch wenn viele Trainer es nicht gerne sehen, seine Grätschen sind schnell, fair und präzise.

Gosens ist ein Spieler, der sich stetig und mit seinen Aufgaben entwickelte.

Sein Kurzpassspiel und seine Ballkontrolle behaupten sich auch in der Serie A auf einem höheren taktischen Niveau. Auch seine Übersicht und Spielauffassung reiften dort.

Geholfen hat ihm dabei sicher seiner Zeit in Almelo. Dort wurde er in der ersten Saison auf unterschiedlichsten Positionen eingesetzt und verbesserte sich besonders in der Vorwärtsbewegung.

Das zahlt sich aus bei der Ausführung seiner Offensivpflichten in Bergamos 3-5-2-System.

So fehlt zwar öfter noch die Genauigkeit in den finalen Aktionen, doch die Laufwege, die er macht, sind sehr zielstrebig.

Positionsbedingt muss er dafür oft weite Wege gehen, um die Abwehr zu überlaufen und das kostet Kraft. Kraft, die die Präzision in manchem finalem Pass oder Flanke missen lässt. Denn dort ist die Streurate noch sehr hoch.

Auch wenn er oft den Kopf hoch nimmt und der Versuch richtig ist, fehlt in der Umsetzung noch oft die Genauigkeit.

Eher ausbaufähig ist seine Beidfüßigkeit. Robin Gosens hat zwar einen starken und präzisen linken Fuß – doch mit dem rechten Fuß fehlt oft Kraft und Genauigkeit.

Er erinnert, auch systembedingt, an Danny Da Costa, der bei Eintracht Frankfurt eine ähnliche Rolle einnimmt. Beide bringen eine starke Physis für ihre Position mit.

Beide haben etwa gleichen Positionen im System und  eine defensiver-geprägte Veranlagung ihres Spiels. Beide Spieler stoßen bei Flanken oft über den Flügel in den Strafraum um am zweiten Pfosten weite Bälle ungedeckt verarbeiten zu können.

Der große Unterschied ist: Da Costa spielt das als rechter Außenverteidiger und ist Rechtsfuß.

Die marginalen Unterschiede, dass der eine etwa einige Zentimeter größer ist, mal bei Seite gelassen, haben beide übrigens durchaus weitere, charakterliche Ähnlichkeiten.

Robin Gosens gilt als bodenständiger Mensch. Jemand, dem die Heimat wichtig ist und der sich auch neben dem Platz mit anderen Dingen beschäftigt.

Zu seiner Zeit in den Niederlanden pendelte er stets aus Deutschland in die Niederlanden. Nebenbei trainierte er damals noch die C-Jugend des SV Emmerich-Vrasselt.

Dass er heutzutage an der Fern-Uni Psychologie studiert und sehr reflektiert mit seinem Leben umgeht, sagt einiges aus und ist sicherlich Resultat seines Karrierewegs.

 

Wohin des Weges?

Zum Ende der nächsten Saison läuft der Vertrag von Gosens in Bergamo aus. Im modernen Fußball ist nun also der Zeitpunkt, an dem meist die Weichen für die Zukunft des Spielers gestellt werden. Verkaufen oder verlängern – ablösefrei will man ihn sicher nicht verlieren.

Wenig überraschend ist, dass sein großer Traum die Bundesliga ist. Und auch wenn es angebliches Interesse einiger Clubs gibt, ironischer Weise vom BVB: Aktuell fühlt er sich wohl bei Atalanta Bergamo.

Er selbst zeigt sich mit seiner Entwicklung zufrieden und die des Vereins stimmt ihn sicher auch positiv. Gosens ist in der Mannschaft, dem Verein und bei den Fans anerkannt und steht im Fokus.

Und eine Nationalmannschafts-Karriere? Bereits nachdem er 2017 gezeigt hat, dass er es in der Serie A packen,  sollte er sowohl bei Jogi Löw als auch bei Koeman im Notizbuch stehen. Den niederländischen Pass hatte er nach seinem Wechsel in das Heimatland seines Vaters beantragt, weil man beim KNVB über eine Nominierung für die Jugendnationalmannschaft sinnierte.

Der Autor hatte sich bereits im Vorfeld der WM 2018 gefragt, warum man ihm nicht mal die Chance in “der Mannschaft” gibt. Vielleicht hat Jogi Löw auch nur kein Kicker Sonderheft.

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Christian
Written by Christian
Mit 2 Herzen in der Brust, vergeben an Eintracht Frankfurt und Juventus, aber 2 offenen Augen für jede Partie. Mit Liebe für die Bundesliga und den Calcio. Seit Kindestagen verrückt nach Fußball und auch in anderen Sportarten zu Hause.