Lorenzo aus Neapel

14. August 2011, Stadio Adriatico, Pescara. Knapp über 6000 Fans haben sich hier eingefunden, an einem heißen Sonntagnachmittag, einen Tag vor Ferragosto. Es ist Hochsommer, doch für Delfino Pescara der Start in eine glorreiche Saison. Pflichtspielauftakt, in der Coppa Italia ist die US Triestina aus der dritten Liga zu Gast. Pescara startet neu formiert in die Saison, mit der tschechischen Trainerlegende Zdenek Zeman kamen ein neuer Spielstil und einige neue Spieler zum Verein. Verständlich, dass es da nicht sofort nach Wunsch verlief. Pescara tut sich schwer, gerät in Halbzeit Eins in Rückstand und muss in der zweiten Hälfte auch noch ein zweites Gegentor hinnehmen. In Minute 82. jedoch folgt der Anschlusstreffer. Einer von den Neuen hat getroffen, einer den Zeman extra aus Foggia aus der dritten Liga mitgebracht hat. Der damals 20-jährige Lorenzo Insigne, Leihspieler aus Neapel. Nach einer Kombination über die rechte Seite steht Insigne links frei, nach Vorarbeit von Riccardo Maniero kann er mit seinem starken rechten Fuß ins kurze Eck abschließen. In der Nachspielzeit legt er noch einen nach, schlenzt den Ball mit dem schwachen linken Fuß perfekt ins lange Eck und rettet seinen neuen Verein so in die Verlängerung. Schließlich kommt es zum Elfmeterschießen, in dem Insigne zwar souverän verwandelt, Pescara aber dennoch mit einem Gesamtstand von 11:12 verliert.

27. September 2015, Stadio San Paolo, Neapel. Ein schwächelndes Juventus kommt in den Süden, trifft dort auf Sarris Napoli. Trainer Maurizio Sarri hat die SSC Napoli ordentlich umgebaut, aber einen eher mäßigen Saisonstart hingelegt. Von seiner Mittelfeldraute im 4-3-1-2 hat er nun auf ein 4-3-3 gewechselt. In den ersten Spielen fiel vor allem einer besonders auf: Lorenzo Insigne. Gegen Juventus spielt er als linker Flügelstürmer. Juve hat viel Ballbesitz, kommt gegen Napolis Defensive aber nicht zu Recht. Napoli kontert vermehrt. Insigne ist ein ständiger Aktivposten in der Offensive, ist viel mehr eingebunden als Jose Callejon auf der anderen Seite. Insigne bewegt sich viel, zieht stets sofort Richtung Zentrum sobald er den Ball hat. Der mittlerweile 24-Jährige hat einen starken Zug zum Tor, probiert es oft alleine, setzt aber auch Higuain und Callejon gut mit Pässen in die Tiefe ein. In Minute 25 bekommt er einen langen Ball von Kalidou Koulibaly, kann sich gegen Juves Mario Lemina durchsetzen. Den Ball unter Kontrolle, zieht er wieder ins Zentrum, spielt einen grandiosen Doppelpass mit Gonzalo Higuain und zieht aus etwa 20 Meter Entfernung ab. Mit dem rechten Fuß ins kurze Eck. Die Fans sind außer sich, der Stadionsprecher ebenfalls. „Lorenzo!“ ruft er in sein Mikro, „INSIGNE“ antworten die Fans. Vier Mal in Folge, beim fünften Mal holt der Stadionsprecher noch länger aus. „Lo-Ren-Zo“ – „IN-SI-GNE!“. 1:0 für Napoli, die Fans sind begeistert und Insigne strotzt nur so vor Selbstvertrauen, in jeder Aktion ist ihm dies anzumerken. Doch in Minute 38 bekommt er einen Schlag aufs Knie. Er stoppt kurz ab, läuft dann aber weiter, um sein Team im Angriff zu unterstützen. Nach Ende der Aktion setzt er sich auf den Boden, „es geht nicht mehr weiter“, deutet er zur Bank hinaus. Dries Mertens kommt für ihn. [Anmerkung: Lorenzo Insigne konnte in der Woche darauf gegen Milan wieder spielen, verbuchte auch zwei Tore und ein Assist, musste aber nun das Teamcamp des italienischen Nationalteams aufgrund von Knieproblemen verlassen.]

Schnell werden Erinnerungen wach, Erinnerungen an schlechtere Zeiten. Vor allem an seinen Kreuzbandriss vor einem Jahr. In den vier Jahren zwischen seinem ersten Spiel für Pescara und seinem aktuell vorletzten für Napoli ist einiges passiert, oft lief es nicht nach Wunsch für den 1,63 Meter großen Offensivspieler. Nur selten konnte er den hohen Erwartungen gerecht werden.

Durchbruch unter Zdenek Zeman

In Pescara, da lief es gut für ihn. Nahezu perfekt. Denn die zwei Tore im Cup waren erst der Anfang, in der Liga kamen noch 18 weitere Treffer dazu. Es war das Jahr von Lorenzo Insigne, Marco Verratti und Ciro Immobile. Alle drei feierten sie ihren ersten Durchbruch gemeinsam in dieser Serie-B-Saison. Hauptgrund dafür war Zdenek Zeman, der bekannt für seinen hervorragenden Umgang mit jungen Talenten ist.

Für die jungen Spieler ist der Tscheche eine Art alter Lehrmeister. Zeman hat klare Vorstellungen vom Fußball und zieht seine Ideen überall konsequent durch, unabhängig vom Spielermaterial und sonstigen Faktoren. Zudem arbeitet er im Training extrem hart und intensiv, wovon so junge Spieler, die für seine Methoden wohl etwas zugänglicher sind als ältere, oft sehr profitieren. Durch die Art von Zeman und seine extrem offensive Spielweise wird ein ideales Umfeld für die Entwicklung von jungen Talenten geschaffen.

Marco Verratti stammt aus der Jugend von Pescara, schaffte in dieser Saison den Sprung in die Startelf und wurde vom offensiven Mittelfeldspieler zum perfekten Sechser für Zemans Spielweise. Der ebenfalls aus Neapel stammende Ciro Immobile spielte davor ohne großen Erfolg in der Serie B, erst als er von Juventus in die Abruzzen verliehen wurde, konnte er seinen großes Potential auch auf dem Platz zeigen.

Lorenzo Insigne kam bereits ein Jahr davor in Kontakt mit Zdenek Zeman. Nach dem er im Jänner 2010 sein Kurzdebüt für Napoli in der Serie A gegeben hat, und sich danach ein halbes Jahr in der dritten Liga bei Cavese zeigen lassen konnte, holte ihn Zeman für die Saison 2010/2011 nach Apulien, zur US Foggia. Der tschechische Trainer beobachtete ihn bereits in Napolis Primavera und war sofort begeistert. „Er spielte als Trequartista, aber er bewegte sich wie ein Stürmer“, sagte Zeman und befand ihn als sehr gut geeigneten Flügelstürmer für sein 4-3-3. „Er ist besser als einige Spieler, die derzeit für Napoli spielen“, meinte Zeman schon damals. In Foggia, in den frühen 90ern Zemans erste großer Wirkungsstätte, fühlte sich Insigne sofort wohl. Die Saison beendete er mit 19 Treffern in 33 Spielen, nur allzu logisch, dass ihn sein Mentor auch zu seiner nächsten Station mitnehmen wollte.

„In Pescara hatten wir viele gute Spieler, nicht nur Insigne, Immobile und Verratti. Aber der Wichtigste von all ihnen war Lorenzo Insigne.“
– Zdenek Zeman

In Zemans offensivem Spiel konnte er sich voll entfalten. Das Spiel war stets sehr direkt und vertikal ausgelegt, die Mannschaft sollte möglichst schnell in die Spitze kommen und möglichst viel Zug zum Tor haben. Insigne, der als Linksaußen im 4-3-3 spielte, kam dies sehr entgegen, er konnte seine Stärken voll ausspielen. Pescara wies eine enorme Vertikalität auf, seine Mitspieler fütterten ihn so oft wie möglich mit Pässen in die Tiefe, bei denen er dank seiner Schnelligkeit den Gegenspielern regelmäßig entwischte. In Ballbesitz konnte er regelmäßig Eins-gegen-Eins-Situation suchen, um seine Fähigkeiten im Dribbling einzusetzen. Regelmäßig zog er von links in die Mitte, um mit dem starken rechten Fuß aufs lange Eck abzuschließen, so wie es sein großes Idol Alessandro Del Piero ebenfalls machte. Doch nicht nur als Torjäger glänzte Insigne, mit seinem guten Passspiel konnte er seine Sturmkollegen oft gut in Szene setzen. 18 Tore, 14 Assists und der Meistertitel waren das Ergebnis dieser großartigen Saison.

Insgesamt erzielte Pescara in dieser Saison 90 Tore, kassierte 55. Der zweitplatzierte Torino FC erzielte 57 und erhielt 33, Sampdoria, der dritte Aufsteiger, schoss nur 53, also weniger als Pescara Gegentreffer hinnehmen musste. Torschützenkönig wurde mit 28 Treffern Ciro Immobile, den es daraufhin zum Genoa CFC zog. Marco Verratti wurde von Paris Saint-Germain abgeworben. Lorenzo Insigne zog es zurück nach Neapel, in seine Heimat.

Hier lernte Insigne auf den Straßen von Frattamaggiore, einem Vorort der Stadt, das Fußball spielen, auch wenn er es aufgrund seiner Größe nicht leicht hatte und etwa von der lokalen Fußballschule deswegen abgelehnt wurde. „In Frattamaggiore ist es anders Fußball zu spielen als in anderen Städten. Fußball hat mich gerettet. Hier gab es sehr viele ‚Ablenkungen‘. Es ist eine schwierige Gegend zum Aufwachsen. Wenn du auf den Straßen abhängst und kein Geld hast, landet man schnell bei illegalen Dingen. Aber Fußball hat mir den Weg vorgegeben. Gleich nach der Schule ging ich zum Markt, um Kleidung zu verkaufen. Wie hätte ich mir sonst Fußballschuhe und Schienbeinschoner leisten können?“

Zurück in Neapel

Schon damals war Insigne großer Fan des Vereins, versuchte stets seine Trainer zu überreden, ihn als Balljungen im Stadion einzusetzen. Jetzt war er, ein echter Neapolitaner, die große Zukunftshoffnung der SSC. Insigne war sofort der Liebling der Fans, sein Trikot mit der Nummer 24 das meistverkaufte. “Scugnizzo”, neapolitanischer Straßenjunge, nennen sie das junge Talent – die leidenschaftlichen Anhänger des Klubs wissen, er ist einer von ihnen.  Die Erwartungen an das Insigne waren dementsprechend von Beginn weg sehr hoch, nicht nur aufgrund seiner Vorgeschichte und seiner starken Saison für Pescara. Auch weil gerade Ezequiel Lavezzi den Verein Richtung Paris Saint-Germain verlassen hatte. Ein anderer Publikumsliebling, den der 1,63m-große Flügelstürmer nun ersetzen musste.

Als Insigne 2012 zurück zu Napoli kam, war Walter Mazzarri dort noch Trainer. Also ein Coach, der im Gegensatz zu Zeman alles andere als bekannt für seinen Umgang mit jungen Spielern ist. Mazzarri legt keinen großen Wert darauf Jugendspieler zu fördern, wichtig scheint nur, dass Spieler sofort weiterhelfen. Mit Omar El Kaddouri, Eduardo Vargas und Lorenzo Insigne hatte Mazzarri drei große Talente in der Mannschaft. El Kaddouri und Vargas kamen fast gar nicht zum Einsatz, lediglich in der Europa League bekamen sie vermehrt Einsatzzeit. Insigne spielte weitaus mehr, tat sich aber schwer. In Mazzarris Offensivtrio waren Edinson Cavani und Marek Hamsik stets gesetzt, um den dritten Platz stritten sich Goran Pandev und Lorenzo Insigne. Obwohl Insigne mit viel mehr Potential ausgestattet ist, spielte der damals 29-jährige Pandev etwas öfter. Insigne stand 16 Mal in der Startelf, ansonsten wurde er regelmäßig eingewechselt. Fünf Tore und sieben Vorlagen konnte er dabei verbuchen. Keine schlechten Zahlen für einen 21-Jährigen in seiner ersten Saison in der Serie A, doch den hohen Erwartungen und teils auch sehr guten Leistungen in der Vorbereitung wurde er nicht ganz gerecht. Mit Mazzarri wurde er nicht so ganz warm, „er ist ein bisschen zu hart, er lacht wenig in den Trainings und kritisiert sehr viel bei den Spielen“, erzählte Insigne später in einem Interview mit der Sportweek. Obwohl es für Insigne noch Probleme gab, so wurde die Mannschaft mit Mazzarri immerhin Zweiter in der Liga.

Mannschaftlich gut lief es auch nach Saisonende, mit der U21-Auswahl. Italiens U21 qualifizierte sich souverän für die Europameisterschaft 2013 in Israel, Insigne war dort wiedervereint mit Ciro Immobile und Marco Verratti. Insigne spielte als linker Mittelfeldspieler in einem 4-4-2 und zeigte auf dieser Position gute Leistungen. Erst im Finale scheiterte der starke italienische Jahrgang an einer unglaublich gut besetzten spanischen U21.

Zurück in Neapel kamen erneut ein neuer Trainer und eine neue Rolle auf Insigne zu. Rafa Benitez folgte Walter Mazzarri und baute den Kader ordentlich um. Das bedeutete auch mehr Konkurrenz für Insigne. Das System wurde auf ein 4-2-3-1 umgestellt, Jose Callejon und Dries Mertens dafür verpflichtet. Der Spielstil veränderte sich deutlich, dies brachte einige Veränderungen für Insigne. Vor allem defensiv musste er einiges dazulernen und viel Arbeit verrichten, ohne Ball formierte sich das Team zumeist in einem 4-4-2 mit Insigne als linken Mittelfeldspieler, der auch viele Meter nach hinten zurücklegen muss. Für das auf eine sehr ruhige Ballzirkulation ausgelegte Offensivspiel war Jose Callejon etwa deutlich besser geeignet als Insigne, der weniger kombinativ ist und sich in engen Räumer schwieriger tut. Zwar stand Insigne nun öfter in der Startelf, immerhin 25 Mal von 38 Möglichen, doch seine Torausbeute wurde etwas geringer, lediglich drei Mal traf er in der Liga. Seine Arbeit ohne Ball und seine zehn Assists unterstreichen aber seinen damaligen Wert für das Team. Einen positiven Ausgang der Saison für das Team und Insigne hatte die Saison aber aufgrund der Coppa Italia. Mit Siegen über Atalanta, Lazio und AS Roma schaffte es das Team von Rafa Benitez bis ins Finale. Dort traf Napoli in Rom auf die Fiorentina, ein Skandalspiel. Napoli-Fan Ciro wurde vor dem Spiel angeschossen, erlag später schließlich seinen Verletzungen. Nach langen Verzögerungen und umstrittenen Diskussionen wurde das Spiel doch noch angepfiffen, war dann aber von einer irgendwie seltsamen, dennoch äußerst hitzigen Atmosphäre geprägt. Zum Helden in diesem tragischen Spiel wurde Lorenzo Insigne. Bereits nach 16 Minuten hatte er zwei Tore erzielt, zuerst mit einem typischen Schlenzer ins lange, rechte Eck, dann mit links nach einem Querpass von Gonzalo Higuain. Mit einem Endstand von 3:1 konnte Napoli letztlich das Finale für sich entscheiden.

Als Belohnung gab es von Cesare Prandelli eine Nominierung für den Kader zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, mit dabei auch seine alten Freunde Ciro Immobile und Marco Verratti. Doch eine große Rolle spielte Insigne dort nicht, einerseits, weil Italien bereits in der Gruppenphase ausschied, andererseits, weil er auch nur lediglich 30 Minuten bei der Niederlage gegen Costa Rica zum Einsatz kam und sonst nicht.

Liebespfiffe und Diskussionen

Auch die darauf folgende Saison begann enttäuschend, im Play-Off um die Champions League schied Napoli gegen Athletic Bilbao aus. Die Stimmung war angespannt, als Lorenzo Insigne im Hinspiel bei einem 0:1-Rückstand ausgewechselt wurde, gab es Pfiffe von den Rängen. Ihm war anzumerken, wie sehr ihn dies schmerzte. „Pfeift ruhig weiter“ deutete er den Fans, schmiss dann sein Trikot auf die Ersatzbank. Bereits bei der Teamvorstellung im Trainingslager wurde er von einigen Fans ausgepfiffen. Auch als er in der Saison zuvor gegen Lazio vom Feld ging, wurde er mit einem Pfeifkonzert bedacht. Insigne war seine Nervosität anzumerken, „Vaffanculo“ deutete er in Richtung der Fans. Ein Tiefpunkt in der emotionalen Liebesgeschichte zwischen Spieler und Verein.

Als Neapolitaner für die SSC Napoli zu spielen, ist eben besonders schwierig. Die große Freude bei seiner Ankunft hat sich zwei Jahre später in Enttäuschung umgewandelt. Die Menschen in der süditalienischen Metropole sind eben besonders leidenschaftlich, ihre Meinungen zu Spielern und Trainer können sich sehr schnell ändern, gerade noch gefeiert, gibt es plötzlich Pfiffe. „Es waren Liebespfiffe, ich bin Sohn von Napoli und die Stadt verlangt viel von mir“, sagte Insigne später. An den einzigen Neapolitaner im Team haben die Zuschauer eben besonders hohe Erwartungen. Andere Fans wiederum kritisierten die Pfiffe, Insigne wurde zum Diskussionsthema, seine Leistungen schwächer. Die viele Kritik lähmte Insignes schnelle Beine, unter dem großen Druck konnte er seine Leistungen kaum auf den Platz bringen.

Im November 2014 folgte dann ein neuer Tiefpunkt: Kreuzbandriss. Nach einem recht harmlosen Tackling von Josip Ilicic blieb Lorenzo Insigne liegen und fasste sich ans rechte Knie. Vier Monate dauerte es, bis er wieder ins normale Training einsteigen konnte, erst im April 2015 gab er in der Schlussphase gegen die Roma sein Comeback. In den letzten Runden stand er mehrmals in der Startelf, konnte aber nicht viel zeigen. Es war für die ganze Mannschaft eine verkorkste Saison, Aus im Halbfinale der Coppa Italia, in der Liga schaffte man es nichtmal einen Champions-League-Platz zu erreichen. Insigne zuerst fast schon ein Totalausfall, dann quasi ein halbes Jahr verletzt.

Rafa Benitez verlängerte seinen Vertrag nicht mehr, Maurizio Sarri wurde sein Nachfolger. Erneut eine Entscheidung, die Insignes Karriere maßgeblich beeinflussen sollte.

Leistungsexplosion dank Sarri

Der ebenfalls in Neapel geborene, aber in der Toskana aufgewachsene Sarri machte sich als Trainer von Empoli einen Namen in Italien. Aufgrund seiner Art wird er gerne mit Zdenek Zeman verglichen, durchaus einiges verbindet die beiden Trainer: ihre Vorgeschichte, ihre Art und Wertvorstellungen und ihr Zigarettenkonsum. Fußballerisch gibt es große Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten.

Sarri spielte in Empoli stets mit einer 4-3-1-2 Grundformation, einer der Hauptpunkte im System war dabei der Trequartista. Mit Riccardo Saponara hatte Sarri in dieser Position einen technisch guten, kreativen Spieler mit guten Qualitäten im Abschluss. Saponara war neben Mirko Valdifiori und Daniele Rugani wohl der wichtigste Spieler im System. Die sehr bewegliche Doppelspitze agierte stets sehr ausweichend, um im Zentrum Platz für den Trequartista zu schaffen, Saponara konnte dort seine Fähigkeiten im Dribbling ausspielen und selber versuchen zum Abschluss zu kommen. Die beiden Stürmer hatten im Durchschnitt so weitaus weniger Abschlüsse als Saponara hinter den Spitzen. Eine Rolle, wie geschaffen für Lorenzo Insigne.

Maurizio Sarri erkannte dies sofort, versuchte sein System von Empoli in Neapel zu implementieren und stellte Insigne so gleich ins Zentrum. Dries Mertens, Jose Callejon, Manolo Gabbiadini, könnten eine ähnliche Rolle begleiten, Marek Hamsik oder Omar El Kaddouri theoretisch ebenfalls auf dieser Position spielen. Doch der neue Trainer entschied sich von Beginn weg für den kleinen Neapolitaner und probierte ihn in den Testspielen aus. Insigne traf sofort, erfüllte das Anforderungsprofil offensiv sehr gut. „Wir werden sehen, ob er auch verteidigen kann“, sagte Sarri in der Vorbereitung in Anspielung auf die sehr hohen Anforderungen für diese Position im Spiel gegen den Ball. Doch ordentlich zu verteidigen hat Insigne unter Benitez gelernt, seine Aufgaben im Pressing erledigte er mit Bravour.

Zu Saisonbeginn hatte Lorenzo Insigne seinen Startplatz sicher, als Trequartista war er hinter Gonzalo Higuain und Jose Callejon gesetzt. Doch so ganz funktionierte das System von Maurizio Sarri nicht. Verständlich, bei Empoli war er drei Jahre lang Trainer gewesen, bei Napoli erst wenige Wochen. Defensiv gab es noch Probleme in der genauen Abstimmung, offensiv lief es auch noch nicht ganz rund. Napoli startete mit drei sieglosen Spielen in die neue Saison, Insigne traf in Runde drei gegen Empoli zum ersten Mal. Im Gegensatz zu einem Großteil der Vorbereitung spielte nun Gonzalo Higuain als Stürmer, der in den Testspielen aufgrund der Copa America oft noch fehlte. Ihm liegt diese ausweichende Rolle in einer Doppelspitze nicht so sehr wie den Angreifern bei Empoli, oft hatte Insigne daher selber nach links ausweichende Bewegungen. In der Europa League stellte Sarri für das Spiel gegen Brügge daher auf eine ebenfalls in der Vorbereitung trainierte 4-3-3-Grundformation um. Ab da ging Napoli der Knopf auf, Brügge wurde mit 5:0 abgeschossen. Statt Insigne spielte Dries Mertens, doch paar Tage später stand Insigne wieder in der Startelf. Beim 5:0-Sieg über Lazio spielte Insigne als Linksaußen, erzielte ein Tor selber und bereite ein weiteres mit einem tollen Steilpass vor.

Es war fast so, wie damals unter Zeman. Insigne als Linksaußen in einem 4-3-3, als Schlüsselspieler seiner Mannschaft. Wirkte Insigne unter Benitez noch zurückhaltend, etwas nervös und schüchtern, ist er nun wie ausgewechselt, voller Selbstvertrauen. Nun agierte er sehr dominant, reißt die Initiative im Match an sich. Seine linke Seite mit Außenverteidiger Faouzi Ghoulam und dem halblinken Achter Marek Hamsik funktioniert hervorragend, Napoli zeichnete sich zuletzt auch sehr durch einen entsprechenden Linksfokus aus. Auf der linken Außenbahn hält es Insigne aber nur selten, stets bewegt er sich im linken Halbraum, während Ghoulam den Platz auf dem Flügel einnimmt. In Ballbesitz zieht Insigne stets diagonal Richtung Zentrum, entwickelte dabei einen unglaublichen Zug zum Tor, versucht in Position zu kommen, für seine gefürchteten Schlenzer aufs lange Eck. Insigne probiert viel alleine, geht gerne in Dribblings – so wie es sich Sarri wünscht – glänzt aber auch mit hervorragenden Steilpässen auf seine Stürmerkollegen oder den von hinten nachstoßenden Allan. Mit seiner Kreativität und herausragenden Passgewichtung bringt er solche Pässe in die Tiefe auch in engen Räumen oft punktgenau an.

Unglaublich sind auch seine athletischen Fähigkeiten, von denen er selbst nach seinem Kreuzbandriss nichts eingebüßt hat. Beeindruckend ist nicht nur sein hohes Sprinttempo, sondern vor allem seine Beweglichkeit und seine unfassbar schnell ausgeführten Richtungswechsel, gepaart mit einer ausgezeichneten, wenn auch teilweise etwas unsauberen, Ballbehandlung.

Obwohl es für ihn unter Benitez nicht besonders gut lief, merkt man jetzt, dass er in dieser Zeit dazugelernt hat. Insigne bewegt sich mittlerweile sehr gut, attackiert nicht nur Räume in der Tiefe, sondern bietet sich hervorragend im Zwischenlinienraum an. Defensiv hat er sich unter Benitez verbessert, seit er von Sarri trainiert wird ist er im Pressing nochmal stärker geworden, stets ist er bedacht darauf bogenförmig anzulaufen und Passwege zuzustellen.

Sarris Spielstil scheint nun ideal für Insigne. Der 56-jährige Trainer setzt auf einen sehr kombinativen, stets offensiven, Fußball mit wenigen Kontakten, legt sein Spiel aber extrem vertikal an und forciert die Dribbelstärken seiner Spieler. Eine perfekte Umgebung, für die riskante und sehr stark tororientierte Spielweise des kleinen Offensivspielers.

Der italienische Taktikanalyst Flavio Fusi etwa beschreibt Insignes Spielweise folgendermaßen:

„Insigne ist im Besitz von bemerkenswerten technischen Fähigkeiten und einer Übersicht, dank der er oft den Assist oder Key-Pass spielen kann. Eben seiner Kreativität ist es auch zu verdanken, dass Sarri ihn zurück in die Rolle stellte, die er bereits als Kind spielte, nämlich Trequartista. Bisher war er sowohl in seiner natürlichen Rolle am linken Flügel als auch hinter den Spitzen, einer der besten Spieler von Napoli. Er hat ein großartiges Verständnis mit Marek Hamsik, mit dem er ständig die Positionen wechselt, mit dem Slowaken breit und Insigne im Zentrum. Diese Bewegungen haben die Gegner oft vor große Probleme gestellt, wie es etwa gegen Lazio zu sehen war.

Insigne ist generell ein sehr technischer und direkter Spieler, ideal für Kombinationen in den Engen und brandgefährlich im Eins-gegen-Eins, so dass die Mitspieler auch häufig versuchen, ihn in solchen Situationen zu isolieren, um seine Fähigkeiten im Dribbling und seine Schnelligkeit zu forcieren.

Vielleicht fehlt Insigne nur ein wenig Kontinuität, in der Vergangenheit hat er noch gezeigt unter seinen fehlenden Toren zu leiden, woraufhin er teils zu egoistisch wurde.“

Auch Trainerlegende Arrigo Sacchi ist seit längerer Zeit ein Fan des Spielers. Selbst als Insigne bei Napoli in der Kritik stand, hob Sacchi stets sein großes Potential hervor. „Insigne ist der genialste, talentierteste Spieler, der in den letzten Jahren in Italien hervorgebracht wurde. Er ist mit hervorragenden Anlagen ausgestattet und hat zudem eine großartige Spielintelligenz“, sagte Sacchi einst und riet ihm auch dazu Napoli zu verlassen. Etwas, das für Lorenzinho derzeit nicht in Frage kommt.

„Ich will auf lange Zeit beim Verein bleiben und der Kapitän werden. Mir geht es auch nicht ums Geld, mir macht es einfach nur Spaß ständig Fußball zu spielen.“ Der 24-Jährige ist bodenständig geblieben, im Gegensatz zu anderen Fußballern klingen diese Sätze bei ihm auch wirklich glaubwürdig. „Ich wohne auch noch immer in Frattamaggiore, dort wo ich kein aufgewachsen bin.“ „Wenn ich weniger spielen würde, würde ich mir vielleicht einen Platz bei einem anderen Verein suchen“, gesteht er aber ein.

Doch darüber braucht sich Insigne derzeit keine Sorgen machen, läuft es doch wieder perfekt für ihn. „Lorenzo hat 18-20 Tore pro Saison in seinen Füßen“, behauptete Zdenek Zeman einst, als es gerade weniger gut lief. Damals glaubte ihm wohl keiner, doch nun unter Sarri ist Insignes Zeit endlich gekommen.

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