Luca Toni – Er kann es immer noch

Toni

Quasi meine gesamte Kindheit verbrachte ich in der Kleinstadt Baden bei Wien. Ein Ort, an dem normalerweise nichts passiert und wenn Mal etwas passieren würde, dann gäbe es Pensionisten, die sich darüber beschweren. Außer Pensionisten und paar Schwefelquellen gibt es nämlich nicht viel in Baden. Demnach groß war meine Freude, als das italienische Nationalteam das beste Hotel der Stadt als ihr Quartier aussuchte. Als Quartier für die EM 2008, die bekanntlich in Österreich und der Schweiz stattfand. Zwar kam ich damals nicht an Karten, dennoch war es für mich als Österreicher ein tolles Erlebnis. 2008 war ich 14 Jahre alt. Natürlich schon damals Fan der Squadra Azzurra.

Als dann die Europameisterschaft begann, kamen auch die Italiener. Von den Fußballern merkte man leider recht wenig, nur die italienischen Touristen, die bemerkte man. Da das Hotel der Italiener quasi direkt neben dem Strandbad lag – der Ort an dem ich ohnehin jeden Tag im Sommer meine Zeit verbrachte, denn was sollte man sonst auch tun in Baden… – packte ich irgendwann mein Italien-Trikot in den Rucksack und begann nach dem Badetag mal vor dem Hotel zu warten. „Die haben Training, irgendwann müssen die ja mit dem Bus wieder ins Hotel zurückkommen“, dachte ich mir in der Hoffnung auf ein Autogramm. Wie sich zeigte, war ich mit diesem Gedanken nicht alleine. Irgendwann kam dann auch wirklich der Bus und ich hatte auch einen guten Platz direkt vor der Absperrung. Doch als dann Cannavaro und Buffon zu den Fans kamen, umgingen die meisten Fans die Absperrung und ich ging leer aus. Ich war zwar kein kleines Kind mehr, aber trotzdem war ich verdammt traurig. Zwei Tage später startete ich nochmals einen Versuch. Es war wie beim letzten Mal, langweiliges Warten, unnötige Absperrungen, 21 Italiener, die die Fans ignorierten und zwei die zu ihnen gingen. Nur dieses Mal sprang am Ende ein Autogramm von Luca Toni raus. Ich war zwar kein kleines Kind mehr, aber trotzdem war ich verdammt glücklich. So eine scheiß Unterschrift kann schon was tolles sein.

Nach der Europameisterschaft spielte Luca Toni eine Zeit lang recht erfolgreich bei Bayern München, eine Zeit lang dann weniger erfolgreich. So genau habe ich das nicht verfolgt, ich mochte Luca Toni, aber ich mochte die Bayern nicht. Die Italiener, die mochte ich. Als Luca Toni schließlich in die Serie A, an die AS Roma, verliehen wurde, verfolgte ich das deshalb schon etwas genauer. Sein Wechsel fand in der Winterpause statt, in der ersten Partie im Frühjahr wurde er nur eingewechselt, danach spielte er regelmäßig von Beginn an. In seiner dritten Partie bei der Roma ging es gegen Genoa, mein Lieblingsklub in Italien. Das waren damals noch bessere Zeiten für Genoa, man spielte in der Europa League, wo Genoa allerdings in der Gruppenphase ausschied – wie es sich für einen italienischen Verein eben gehört – und Spieler wie Bocchetti und Criscito waren noch beim Verein. Gegen die Roma gab es trotzdem nichts zu holen. In Minute 19 drückte Sime Perrotta nach einem Standard den Ball irgendwie über die Linie, später musste natürlich ausgerechnet Luca Toni seine ersten Tore für die Roma erzielen. Kurze vor der Pause verwertete er eine Stangelpass von Vucinic, später durfte er nach einem Kopfball nach Flanke von Vucinic erneut an seinem Ohr schrauben.

Insgesamt traf er noch drei weitere Male für die Roma, fix verpflichten wollte man den Stürmerstar dennoch nicht. Vermutlich spielte das hohe Gehalt eine Rolle. Luca Toni war also ablösefrei und ausgerechnet mein Genoa CFC sicherte sich seine Dienste. Zwei Jahre nach dem er mich mit dem Autogramm beglückte, machte er mir erneut eine große Freude und wechselte zu meinem Lieblingsklub. Dem war das hohe Gehalt nämlich egal. 4 Mio. € netto verdiente Luca Toni, womit er recht eindeutig die Spitze in der Gehaltsliste des Klubs belegte. Das beste Gehalt nach ihm hatten mit je 1,5 Mio. € Miguel Veloso und Rafinha. Aber egal, Hauptsache Luca Toni war da. „Es gab eine große Euphorie als ich unterschrieb, die Leute redeten davon, dass wir um einen Platz in den ersten vier mitspielen“, sagte er später. Am Ende landete Genoa auf Platz 10, verpasste einen Platz unter den ersten vier als nur minimal. Die größte Leistung des Vereins in dieser Saison bestand wohl darin zum ersten Mal seit 1,5 Jahren zwei Spiele in Folge zu gewinnen (etwas das von September 2009 bis April 2011 wirklich nicht gelang). Schon relativ früh gab es auch einen Trainerwechsel, Davide Ballardini ersetzte Gian Piero Gasperini und seine 3-4-3 Grundformation. Statt Palacio und Sculli (vermutlich ein noch stärkerer Kopfballspieler als Toni) oder Palladino war nun zumeist Palacio Tonis einziger Sturmpartner. Insgesamt lief die Zeit in Genua auch für ihn nicht ideal und die anfängliche Euphorie hielt nicht lange. Insgesamt reichte es nur für drei Tore in der Liga, eines davon per Elfmeter, die anderen beiden, wie es sich eben gehört für ihn, per Kopf. Zugegeben, an seine Tore konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, ich war mir nicht mal sicher ob er überhaupt getroffen hat. Dabei waren Tonis Leistungen nicht schlecht, seine Zeit bei Genoa war allerdings von recht viel Pech geprägt. Die Zahl seiner Stangen- und Lattentreffern in dem halben Jahr konnte sich sicher sehen lassen und so wurden trotz der eher mageren Torausbeute einige Topklubs der Serie A auf ihn aufmerksam. Roma, Milan und Juve waren interessiert und Genoa war einem Wechsel nicht abgeneigt. Angeblich weil er Präsident Preziosi nicht überzeugen konnte, vermutlich war aber sein Gehalt doch einfach zu hoch und so ließ man ihn ablösefrei nach Turin ziehen, wo die Alte Dame wegen Verletzungsproblemen im Sturm reagieren musste.

Bei Juventus verdiente  Luca Toni deutlich weniger, außerdem spielte er auch weniger. Ein halbes Jahr lang war er Ergänzungsspieler, danach ein halbes Jahr lang Kaderleiche. In der Rückrunde 2010-2011 brachte er es auf zwei Tore – und ja, eines davon erzielte er gegen Genoa. Zur Saison 2011-2012 kam Antonio Conte als neuer Trainer zu Juventus und ab diesem Zeitpunkt war Luca Toni auf dem Abstellgleiß. Nur ein einziges Mal stand er im Herbst 2011 im Kader. Toni war unerwünscht, Juve wollte ihn loswerden und am 30. Jänner 2012 einigte man sich auf einen Wechsel zu Al Nasr. Dubai also. „Um die Karriere ausklingen zu lassen – und dabei auch noch mal gut zu verdienen“, sagt man meistens über so einen Transfer. Eigentlich ist das schon das Karriereende. War es aber nicht. Nach einem halben Jahr bei Al Nasr wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert.

Währenddessen legte die Fiorentina gerade einen äußerst beachtlichen Mercato hin. Zu ihrem 10-jährigen Jubiläum wurden die Besitzer des Vereins, die Familie Della Valle, scheinbar nochmal vom Ehrgeiz gepackt und verpflichtete zum Beispiel Cuadrado, Aquilani, Pizarro und Borja Valero. Fehlte eigentlich nur noch ein Stürmer, nur die Stürmersuche erwies sich als ein wenig problematisch. Die Viola verhandelte mit Dimitar Berbatov, bezahlte ihm sogar schon den Flug nach Italien, doch dann funkte Juventus dazwischen. Am Ende landete Berbatov bei Fulham und auch aus einer Verpflichtung von Niklas Bendtner wurde nichts. Am 31.8 wurde aus der Not heraus plötzlich Luca Toni verpflichtet. Ein Überraschungstransfer. Luca Toni war nun 35 Jahre alt und nach seinem Abgang von der Fiorentina 2007 ordentlich herumgekommen. Ehrlich gesagt habe ich dem Altstar nicht mehr viel zugetraut, außerdem entschied ich mich gegen eine Verpflichtung von Toni beim Fantacalcio . Ihn schien das ganze aber wenig zu interessieren, gegen Catania wurde er erstmals eingewechselt und 87 Sekunden später schoss er auch gleich sein erstes Tor. Nach der Auftaktniederlage gegen Napoli konnte die Viola nun 2-0 gegen Catania gewinnen. Danach ging es auch ganz gut weiter, Vincenzo Montella schaffte es anscheinend sehr früh aus den vielen Neuzugängen eine Mannschaft zu formen und dieser seine Ideen vom Fußball zu vermitteln. Montella setzt hauptsächlich auf eine 4-3-3 oder 3-5-2 Grundformation und Luca Toni passte ihm sehr gut ins Konzept. Toni kann aufgrund seiner physischen Stärke sehr gut die Bälle im Angriffsdrittel sichern und ist daher sehr wichtig für Montellas Ballbesitzfußball. So brachte es Toni auf immerhin 8 Tore bei 15 Einsätzen von Beginn an. Trotzdem zeigten sich in diesem Jahr auch einige Schwächen, zu hoch war seine Fehlpassquote, zu wenig seine Defensivarbeit und zu schwach seine Technik. Sportdirektor De Pradè verlängerte seinen Vertrag nicht und konzentrierte sich lieber auf die Verpflichtung von Mario Gomez, der eben auch mit dem Ball weitaus stärker ist.

Damit war Luca Toni schon wieder vertragslos, seine Karriere wollte er aber immer noch nicht beenden. Mehrere Abstiegsgefährdete Klubs der Serie A zeigten Interesse, am Ende landete er bei Aufsteiger Hellas Verona – und in meinem Fantacalcio-Team, wo er gemeinsam mit Di Natale und Totti einen Altstar-Sturm bildet. Meine Verpflichtung, und die von Hellas natürlich, sollte sich bezahlt machen. Wieder mal traf er bei seinem Debüt, aber nein, dieses Mal nicht gegen Genoa. Beim Saisonauftakt erzielte er gegen den AC Milan zwei Tore. Beide per Kopf. Nach einer Ecke und nach einer Flanke von Jankovic war der 1,93 m große Stürmer nicht zu bändigen. Mit Hellas legte der Stürmer einen äußerst beachtlichen Start hin, nach 16 Runden liegt der Aufsteiger immer noch auf Platz 6. Luca Toni hat einen wesentlichen Teil dazu beigetragen. Mit Defensivaufgaben muss sich der 36-jährige nur wenig beschäftigen, während die Flügelstürmer sehr weit zurückarbeiten hängt Toni in der Spitze und wartet auf Bälle. Seine Defensivwerte unterstreichen dies, mit 0,1 Tackles per Game hat er demnach auch den schwächsten Wert bei Hellas. Seine Stärke liegt bekanntlich in der Offensive. Besser gesagt: im Strafraum. Denn außerhalb des Strafraums tut er sich schwer, zwar wirkt er zumeist sehr bemüht, allerdings ist er, aufgrund der defensiv tiefstehenden Flügeln, vorne oft auf sich alleine gestellt und kann die Bälle teilweise nur schwer sichern. Wenn Luca Toni im Strafraum ist, dann fühlt er sich wohl. Dort kann er seinen Körper ideal einsetzen und den Ball gut abdecken. Denn der 36-jährige ist vor allem eines: eine Macht in der Luft. Gemeinsam mit Atalantas German Denis hat er auch den höchsten Wert an gewonnenen Luftzweikämpfen pro Spiel. 7 Tore erzielte Luca Toni diese Saison bereits (4 davon per Kopf) weitere 8 Tore hat er aufgelegt – Höchstwert in der Serie A.

Fünf Jahre nach der EM 2008, zeigt sich also, dass Toni für einen Abstiegskandidaten wie Hellas Verona immer noch äußert wichtig sein kann – wenn er richtig eingesetzt wird. – und dass die gegnerischen Verteidiger immer noch verzweifeln, wenn er ins Kopfballduell geht. Und fünf Jahre später liegt mein von Luca Toni signiertes Trikot natürlich immer noch in meinem Zimmer, auch wenn es mittlerweile schon ein paar Wachstumsschübe zu klein ist.

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