Was sagt wohl der durchschnittliche Fußball-Fan zu Marcel Tisserand? Ach, dieser Innen- bzw. Außenverteidiger vom VfL Wolfsburg? Ist der nicht dafür bekannt, sich den ein oder anderen Aussetzer zu leisten? Und hat der nicht seinen Weggang vom FC Ingolstadt „erstreikt“? Dazu kamen in der letzten Bundesliga-Saison noch einige Verletzungen. Naja, bei 1,90m Größe ist er immerhin kopfballstark.

Damit wird man dem Kongolesen jedoch nicht gerecht – er ist gar nicht so kopfballstark. Dafür besitzt der Schlaks eine überaus interessante Palette an Fähigkeiten, die es ihm erlaubt, potenziell eine Vielzahl an verschiedenen Positionen/Rollen auszufüllen.

Der Werdegang

Marcel Tisserand kam am 10.01.1993 in Meaux in Frankreich zur Welt. Mit 16 Jahren wechselte er von seinem Jugendverein INF Clairefontaine zum AS Monaco. Dort wurde er nach dem „Aufstieg“ in den Seniorenbereich in der Winterpause 13/14 zum RC Lens und 14/15 an den FC Toulouse verliehen.

In dieser Zeit wurde er vom rechten Mittelfeldspieler zum Verteidiger umgeschult. Auf der neuen Position zeigte Tisserand ansprechende Leistungen, sodass ihn der Bundesliga-Neuling FC Ingolstadt nach einem weiteren Jahr beim AS Monaco für 3,5 Millionen Euro unter Vertrag nahm.

 

Thomas Linke: „Es freut mich, dass wir einen Spieler wie Marcel Tisserand für uns begeistern konnten. Marcel bringt alles mit, um in seiner Entwicklung das höchste Niveau zu erreichen. Er ist schnell, zweikampfstark und verfügt über ein gutes Passspiel.“

 
Trotz Abstiegs und teils inkonstanter Leistungen interessierte sich – damals selbst gerade so dem Abstieg entgangen – der VfL Wolfsburg für den Kongolesen. Nach einer Schlammschlacht mit den Verantwortlichen des FC Ingolstadt wurde er schließlich kurz vor Schluss der Transferperiode 17/18 nach Wolfsburg verliehen. Zur neuen Saison verpflichteten ihn die Wölfe fest für 7 Millionen Euro.

Sein Nationalmannschaftsdebüt für die Demokratische Republik Kongo gab er am 25.05.2016. In bisher 12 Partien (7 Siege) kam er ausschließlich als Innenverteidiger zum Einsatz. Die Qualifikation für die WM 2018 verpassten sie mit einem Punkt Rückstand auf die erstplatzierten Tunesier denkbar knapp. Tisserand war an diesem Erfolg wesentlich beteiligt. Was kann er denn so gut?

Einer der spielstärksten (Innen-)Verteidiger der Liga

Besonders im Spiel mit dem Ball liegen die Qualitäten des 25-Jährigen: So kann er den Gegner mit konsequentem Andribbeln aus tiefer Position vor Probleme stellen. Selbst wenn die Staffelung des eigenen Teams für aggressives Andribbeln suboptimal ist – das war letzte Saison häufig der Fall – kann sich Tisserand mit seiner guten Athletik und komplett unterschätzten Technik durchsetzen.

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In Drucksituationen an der Außenlinie besitzt Tisserand ein schier unerschöpfliches Reservoir an Körpertäuschungen, um frontal oder diagonal attackierende Gegner ins Leere laufen zu lassen. In seinen Partien als Linksverteidiger bewies er ebenso, dass sein linker Fuß ordentlich ausgebildet ist – auch wenn der Kongolese beileibe nicht als beidfüßig bezeichnet werden kann.

Dazu kommt noch, dass Tisserands Passspiel sich in den letzten Saisons stetig weiterentwickelt hat: Anfangs suchte der 25-Jährige sich deshäufigeren suboptimale Situationen für seine Pässe aus – inzwischen kann er ebenfalls riskante Pässe zwischen den Linien anbringen.

Absolut absurd sind die One-Touch-Ablagen von Tisserand, die er aus höchstem Druck spielen kann. Jeder durchschnittliche Fußballer ist froh, wenn er einen Ball abfängt und somit den Angriff des Gegners gestoppt hat.

Tisserand geht aber noch eine Stufe weiter: Er fängt die Bälle nicht ab, sondern spielt sie mit einem Kontakt an den besser postierten Mitspieler weiter. Hierbei scheint es für ihn unerheblich zu sein, wie schwierig der Ball zu kontrollieren und wie weit sein Mitspieler entfernt ist; irgendwer muss ja schließlich das Aufbauspiel machen.

Für diese Aktionen muss man nicht nur technisch extrem stark sein, sondern auch unheimliche kognitive Fähigkeiten besitzen. Mitspieler zu finden, deren Position für den durchschnittlichen Fußballer maximal zu erahnen ist, setzt eine ungewöhnlich schnelle Wahrnehmung und ein sehr ausgeprägtes peripheres Sichtfeld voraus.

Dieses Gesamtpaket macht ihn zu einem pressingresistenten Verteidiger, der das Spiel seiner Mannschaft aus unterschiedlichen Positionen effektiv gestalten kann.

Wieso erfährt er öffentlich so geringe Wertschätzung?

Je leichter die Situation, desto größer der Leichtsinn

Die Stammtischler liegen durchaus richtig, wenn sie ihn als fehleranfällig bezeichnen. Kleine und auch große Fehler unterlaufen dem schlaksigen Verteidiger zu oft: Mal verschätzt er sich bei einem langen Ball, mal geht er viel zu aggressiv in einen Zweikampf und verschuldet so einen Elfmeter.

Besonders ausgeprägte Probleme besitzt er beim Herausrücken auf Gegner, die den Ball mit dem Rücken abschirmen: Tisserand versucht bei solchen Aktionen direkt den Ball zu gewinnen und geht somit hohes Risiko. Dadurch ist die Frequenz an Fouls hoch, die am Stammtisch nicht ganz zu Unrecht als “dumm” bezeichnet werden.

Konträr dazu ist er in Szenen unmittelbar vor dem Sechzehner teilweise zu passiv: Anstatt den direkten Weg zum Tor zu versperren oder ins Tackling zu gehen, versucht Tisserand mit seiner Körperstellung den Gegner zu lenken. Die Gegenspieler bedanken sich und können verhältnismäßig unbedrängt zum Distanzschuss ansetzen.

Der Kongolese benötigt eine bessere Balance in seiner Zweikampfführung: Wenn er besser erkennt, wann es sinnvoll ist, ins Tackling zu gehen und wann es sinnvoll ist, den Gegner zu lenken, kann er in den Kerndisziplinen des Verteidigens überragen. Sein Stellungsspiel, seine Dynamik und seine Antizipation sind bereits auf ordentlichem bis gutem Niveau.

Gewissermaßen ist Tisserand vom früheren Joel-Matip-Paradox betroffen: Umso komplexer die Situation, umso müheloser löst Tisserand sie auf. Und umso einfacher die Situation, umso eher unterlaufen ihm Fehler.

Doch sind es nicht nur die offensichtlichen Schwächen, die bisher eine größere Karriere verhinderten: Eher ist es so, dass seine Stärken von ihm und von seinen Trainern nicht effektiv genutzt wurden.

Der Verteidiger büßt aufgrund seines teilweise inaktiven Freilaufverhaltens Präsenz ein. Dazu muss gesagt sein, dass Wolfsburg und auch Ingolstadt in den letzten Saisons selten auf einen ruhigen Spielaufbau setzten. Daher war es sinnvoll, in Erwartung des langen Balles früh nach vorne zu rücken.

Seine Qualitäten konnte der 25-Jährige so selten ins Spiel einbringen. Dabei ist Tisserand mit seinem Fähigkeitenprofil wohl einer der flexibelsten Verteidiger der Liga.

Die Optionen

Bisher kam er jedoch ausschließlich in simplen Rollen zum Einsatz: Ob als klassischer Außenverteidiger, dessen Job es ist, sich aus dem Spielaufbau fernzuhalten, vorne den Flügelspieler durchgehend zu hinterlaufen und dann irgendwie die Kirsche in den Strafraum zu bringen; oder als Innenverteidiger bei Ingolstadt, welche im Spielaufbau entweder Pascal Groß den Ball gaben oder ihn direkt nach vorne bolzten.

Der klassische Außenverteidiger

Als klassischer Außenverteidiger konnte der 25-Jährige immerhin seine Athletik und seine Dribbelstärke in höheren Zonen ausspielen. Allerdings traten ebenso einige Schwächen zutage: Bei seinen Flanken von der linken Seite fällt auf, dass er nicht beidfüßig ist. Er spielt die Bälle durchaus in passenden Situationen und mit guter Dynamik – doch die mangelnde Präzision verhindert größere Effizienz.

Bei Wolfsburg hatte er – trotz Movement-Monster Mario Gomez – den schwächsten Key-Pass Wert seiner Karriere, mit nur 2(!) Torschussvorlagen in 16 Spielen.

Der Joel Veltman

Möglich wäre die Rolle, die Joel Veltman letzte Saison – als Rechtsverteidiger – bei Ajax Amsterdam bekleidet hat. Im Spielaufbau bildete Amsterdam eine Dreierkette, in der Veltman als rechter Halbverteidiger spielte. Erst wenn das Spiel im zweiten oder letztem Drittel war, rückte der Niederländer höher auf: So konnte sein überragendes strategisches Geschick im Aufbauspiel optimal genutzt werden.

Obwohl Tisserands strategische Qualitäten Veltmans weit unterlegen sind, würden hier einige Stärken des Kongolesen besser zur Geltung kommen: Seine Pressingresistenz, sein linienbrechendes Passspiel und sein prinzipiell kluges Freilaufverhalten in tiefer Position würden besser eingebunden werden. Einzig die Dribbelstärke in höheren Zonen würde nicht mehr so frequentiert genutzt werden können.

Der „falsche“ Außenverteidiger

Wer in der letzten Saison viele Spiele von Manchester City gesehen hat, beobachtete die Rolle von Fabian Delph im Aufbauspiel der Citizens aufmerksam. Der angestammte zentrale Mittelfeldspieler half aufgrund eines Engpasses als Linksverteidiger aus.

Um Delph´s Stärken im Aufbauspiel zu nutzen – und vielleicht auch um seine fehlende Athletik zu kompensieren – agierte er in eigenem Ballbesitz stark einrückend. So war der Engländer quasi ein zweiter Sechser. 

Wer mehr über die falschen Außenverteidiger erfahren will, dem sei unser Text zu Guardiola ans Herz gelegt:

Als falscher Außenverteidiger könnte Tisserand – ähnlich wie in der Veltman Rolle – seine Pressingresistenz und sein Passspiel gut einbringen. Außerdem wäre sein durchaus riskantes Andribbeln besser abgesichert.

Fraglich bleibt indes, ob der Kongolese für einen Sechser die nötigen Fähigkeiten im Umblickverhalten und Bewegungsspiel besitzt: Als Innen- oder Außenverteidiger sind diese Qualitäten kaum bzw. seltener geprüft worden, weil man dort das Spielfeld und alle Gegenspieler vor sich hat.

So wird man selten aus dem Rücken von Gegenspielern attackiert. Das Bewegungsspiel ist für einen Sechser erheblich komplexer, da es auf mehr Faktoren abgestimmt werden muss. Als Innenverteidiger ist der Rahmen für das eigene Bewegungsspiel meist eng abgesteckt – außer man ist Frenkie de Jong.

Der vorstoßende Halbverteidiger

Doch die aus meiner Sicht passendste Rolle für Tisserand ist wieder in Guardiolas Trickkiste zu finden: Der vorstoßende Halbverteidiger, von David Alaba fast in Perfektion gespielt.

Der vertikale oder vorstoßende zentrale Abwehrspieler


Das Bewegungsspiel ist erheblich einfacher und konsequentes Andribbeln ist nicht nur geduldet, sondern erwünscht. Eine solch spezifische Rolle bietet unendlich viele Möglichkeiten für Wolfsburg, um Tisserands Fähigkeiten optimal zu nutzen. Rene Maric, Co-Trainer des FC Red Bull Salzburg, nannte im verlinkten Text bereits einige Optionen:

Interessant wäre das geplante, bogenartige Nachschieben der ballfernen Akteure. Bei einem aufrückenden linken Innenverteidiger gibt es einige gruppentaktische Mechanismen. Schrittweise würden sich der ballferne Innenverteidiger und der ballferne Außenverteidiger zum entstandenen Loch schieben. Zusätzlich können dies auch der ballferne Achter oder Flügelstürmer übernehmen. Sie würden – zumindest bei gegnerischen Mannorientierungen – sogar noch zusätzlich Räume im Zentrum öffnen.

Weiters könnten bestimmte Mechanismen eingebaut werden, welche dies ergänzen. Ein diagonal zurückfallender Neuner, ein horizontal einrückender ballnaher Flügelstürmer oder ein ballferner Flügelstürmer, der sich bei seinem absichernden Zurückfallen in Richtung Sechserraum orientiert, wodurch er sowohl absichern als auch potenziell spielgestaltend und vorstoßend agieren kann,“

Dies ist wohl die sinnvollste Rolle für Tisserand: Alle Facetten seines Spiels würden mehr zur Geltung kommen. Außerdem würde er von den Innenverteidigern abgesichert werden, was seine Schwächen in der Zweikampfführung etwas kaschieren würde.

Ausblick auf diese Saison

Daher wird es spannend zu sehen sein, ob und wie Labbadia Tisserand nach langer Verletzungspause ins Spiel einbinden wird.

Wolfsburg agierte diese Saison bisher im 4-3-3 und war damit unerwartet erfolgreich. Linksverteidiger Roussillon füllte bereits eine Rolle aus, die Tisserand ebenfalls liegen könnte: So sollte er einrücken, wenn der Flügelspieler Brekalo breit eingebunden wurde.

„Problematisch“ ist nur, dass Roussillon mit seiner Dribbelstärke absolut überzeugt hat und keine dringende Notwendigkeit für einen Tausch besteht.

Das Innenverteidiger-Duo bildeten mit Knoche und Brooks ebenfalls zwei spielstarke Verteidiger. Brooks ist insgesamt der talentiertere und komplettere Spieler, wenn er auch fehleranfälliger ist als sein Pendant ist.

Die Spielstärke der beiden wird nicht so speziell eingebunden, aber beiden (und auch Tisserand) kommt entgegen, dass in Wolfsburg mal wieder auf ein strukturiertes Aufbauspiel gesetzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass Labbadia sich von kleinen Rückschlägen nicht den Mut nehmen lässt und Tisserand seinen Platz in dem System findet.

Gegen den SV Werder Bremen bot Labbadia ihn gar als Solo-Sechser im 4-3-3 auf: Das Bewegungsspiel und die Entscheidungsfindung des Kongolesen war jedoch schwach. Tisserand gelang es nicht, das Spiel zu strukturieren. Selbst seine Stärken wie das Andribbeln und sein linienbrechendes Passspiel kamen kaum zum Vorschein.

Es war allerdings sein erstes Pflichtspiel nach einem halben Jahr Verletzungspause und dann noch auf unbekannter Position; da darf man dann etwas schwächeln. Labbadia wird nun entscheiden müssen, ob Tisserand weiterhin den mehrere Woche ausfallenden Camacho vertritt; oder ob er den Kongolesen anders ins Spiel einbinden möchte.

Schlichtweg schade wäre es, wenn ein dermaßen facettenreicher Spieler in der Erinnerung der Bundesliga-Stammtischler nur als der „lange Schlaks mit Hang zu dummen Fouls“ hängen bleibt. Dafür muss er selbst jedoch auf dem Platz präsenter werden; und seine Trainer ihm den passenden Rahmen dafür schaffen.

Potenziell ist Tisserand nämlich einer der interessantesten und modernsten Verteidiger der Liga. Zumindest, wenn es auf dem Platz nicht wieder alles zu einfach zugeht.

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Henri Hyna
Written by Henri Hyna
Mag auf Ballbesitz ausgerichtete Mannschaften. Schaut nach Möglichkeit jedes Spiel von Ajax Amsterdam, dem FC Barcelona und Manchester City.