Mein Jahr mit Anthony Martial


In unserem Format „Mein Jahr mit …“ begleiteten wir in der Vorsaison von uns ausgewählte Vereine und berichteten über diese in regelmäßigen Abständen. In diesem Jahr werden wir dieses Format auf einzelne Spieler übertragen. In unregelmäßigen Abständen werden wir uns zum Leistungsstand der Akteure äußern. Wir analysieren ihre Leistungen, geben Prognosen und setzen uns kritisch mit ihnen auseinander. Zunächst folgt aber ein kurzes Portrait zum jeweiligen Spieler.

Anthony Martial wurde am 5. Dezember 1996 als jüngster von drei Söhnen in Massy geboren. Seine Eltern stammen aus Guadeloupe, einer Insel in der Südkaribik. In seiner Kindheit galt er als sehr ruhig, fast schon schüchtern. Sein größtes Interesse galt dem Fernsehen und Fußball. Hier hat er bereits in jungen Jahren ein Idol gefunden: Thierry Henry. Interessanterweise ist die Arsenal-Legende nur wenige Kilometer von Martials Geburtsort aufgewachsen und beide Familien pflegten damals wie heute eine gute Beziehung zueinander. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, starte der junge Anthony seine Fußballerkarriere im selben Verein wie Henry, bei CO Les Ulis.

Henry war für ihn ein Mentor. Er brachte ihn dazu, sich für Fußball zu interessieren und Martial versuchte seinem Idol nachzueifern. In seiner Kindheit drehte sich daher alles um Fußball, was seine Eltern bedingungslos unterstützten. Nachdem er einige Zeit bei seinem Heimatverein mit tollen Leistungen auf sich Aufmerksam machen konnte, verließ er Les Ulis mit nur 14 Jahren in das über 400 Kilometer entfernte Lyon. In der legendären Talentschmiede der Lyonnais konnte sich der veranlagte Offensivspieler nun permanent mit ähnlich guten Kickern messen. 2012 rückte er dann in den Kader der ersten Mannschaft auf, kam allerdings primär in der zweiten Mannschaft zum Einsatz. Sein Pflichtspieldebüt für die erste Mannschaft gab er am 6. Dezember 2012 beim 2:0-Heimsieg gegen Ironi Kiryat Shmona in der Europa League.

Bis dahin war Martial ein talentierter französischer Kicker, der jedoch eine andere Aura besaß als die anderen Talente seiner Generation. Spieler wie Dembélé, Coman oder auch Lacazette zeichneten sich eher durch eine gewisse „Jugendlichkeit“ aus. Sie wirkten schlichtweg unbedarfter und frecher. Martial war und ist keiner, den man gemeinhin als Straßenfußballer titulieren würde. Er wirkte bereits mit 16 oder 17 Jahren enorm reif in seinem Auftreten, weshalb ihm der Spitzname Young Old Man zuteilwurde. Seine ruhige Art lässt ihn auf und neben dem Platz zuweilen kalt und teilnahmslos wirken.

Drei Pflichtspiele für Olympique Lyon sowie elf Spiele in deren zweiter Mannschaft waren für Monaco Grund genug, Anthony Martial für fünf Millionen Euro ins Fürstentum zu lotsen. Während er zunächst noch in der Reserve eingesetzt wurde, war es am 24.11.2013 sein Ligue-1-Debüt gegen FC Nantes. In seinen 27 Minuten Einsatzzeit überzeugte er Claudio Ranieri so sehr, dass er im nächsten Spiel gegen Nizza von Beginn an ran durfte. Martial zahlte das Vertrauen prompt mit einem Treffer beim 2:0-Sieg zurück. Auch in den kommenden fünf Partien stand er in der Startelf und zeigte als Mittelstürmer ordentliche Leistungen. Eine Sprunggelenksverletzung im Dezember gegen Valenciennes warf ihn etwas zurück und sorgte dafür, dass er den Flow verlor und nur noch sporadisch eingesetzt wurde. Unter dem Strich standen in der Spielzeit für Martial Wettbewerbsübergreifend 15 Einsätze, zwei Treffer und eine direkte Torbeteiligung.

Als Vizemeister startete die AS Monaco erstmals wieder in der Champions League. Was für Martial abermals ein neues Abenteuer darstellte. Denn in der Saison 2014/15 war der junge Franzose nicht mehr nur ein Kaderspieler. Dies war zum einen durch seine starken Leistungen im Vorjahr bedingt und zum anderen richtete man sich im Fürstentum neu aus: Mit Leonardo Jardim kam ein innovativer Trainer nach Monaco, der sein Hauptaugenmerk darauf legte, seine Spielidee vom Angriffsfußball mit jungen Talenten umzusetzen. Hierbei war Martial mit seiner begeisternden Spielweise perfekt geschaffen.

In Monaco kam er bis dahin nur als Mittelstürmer in einem 4-4-2 zum Einsatz. Dort brillierte er mit einem hervorragenden Gespür für Schnittstellenpässe. Martial war durch sein Tempo und sein Spielverständnis für jede Abwehrreihe schwer zu fassen, da er sich stets zwischen den Verteidigern positionierte und dann auf den Steckball lauerte. Kam er an den Ball, war die Abwehrreihe im Prinzip machtlos. Seine Explosivität im Verbund mit seinem starken ersten Kontakt machten es für viele Abwehrreihen schwer ihn zu verteidigen. Vereinzelt ließ ihn Jardim auf eine der beiden Flügelpositionen agieren.

Auf Außen agierte er als verkappter Mittelstürmer extrem tororientiert. Er suchte häufig aggressiv den Weg zum Tor, sei es durch gezielte Laufwege in die Schnittstellen oder durch Dribblings in den Strafraum. Von links war er wesentlich flexibler, da er hier mit seinem starken rechten Fuß in die Mitte ziehen konnte und vereinzelt sogar aus dem Halbraum heraus agierte. Zwar hat Martial mittlerweile seine stärksten Szenen, wenn er den Ball in einer breiten Position bekommt und isoliert auf den Verteidiger zudribbeln kann. Bei Monaco war er zu jener Zeit auch zentraler positioniert um Druck von der Halbposition zu machen.

Hierbei war er teilweise noch gefährlicher, da er hier kurzzeitig die Zuweisungsprobleme der Verteidigung ausnutzen und mit schnellen Direktablagen und anschließenden Antritten in die Tiefe für Gefahr sorgen konnte. Insgesamt gestaltete sich die Saison 2014/15 für Martial durchaus positiv: 48 Einsätze, 12 Treffer und fünf direkte Vorlagen. In der Champions League führte er sein Team ins Viertelfinale der Champions League, wo man nur knapp Juventus Turin unterlag. Logisch, dass er spätestens jetzt auf den Zetteln so mancher Top-Clubs stand. Im Sommer stand dann der Wechsel nach Manchester an.

Dieser Wechsel machte ihn zum bis dato teuersten Teenager aller Zeiten – United butterte für den damals 19-Jährigen stolze 50 Millionen Euro auf den Tisch, wobei sich diese Summe dem Vernehmen nach durch gewisse Bonuszahlungen auf 80 Millionen Euro erhöht. Die erste Klausel wäre, dass United 10 Mio. Euro an Monaco zahlt, sobald Martial 25 Tore für die Red Devils erzielt. Das war am 23. April diesen Jahres der Fall, als er gegen Burnley traf. Die zweite Klausel, bezieht sich auf seine Einsätze in der Nationalelf: Sollte er bis 2019 auf 25 Einsätze kommen, sind abermals 10 Mio. Euro für United fällig. Aktuell steht er bei 15 Einsätzen. Weitere 10 Mio. Euro werden fällig, sollte er Europas Fußballer des Jahres werden.

Entsprechend hoch war der Druck auf den jungen Franzosen nach seinem Wechsel ins Old Trafford. Mit Louis van Gaal hatte Martial prompt einen Trainer der zwar ähnlich wie Jardim darauf aus ist, Talente zu entwickeln, aber im Spielstil unterscheiden sich beide Trainer grundsätzlich. Van Gaal lässt bekanntermaßen gerne den Ball ruhig durch die Reihen zirkulieren und definiert sich eher über ein klar strukturiertes Spiel. Genau hierin bestand für Martial die wohl größte Umstellung. In Monaco konnte er bis dato wesentlich freier spielen und vermehrt Konter ausspielen.

Prinzipiell dient das Positionsspiel dazu, sich auf dem Feld so zu strukturieren, dass man in Ballnähe stets Überzahl besitzt bzw. gewisse Zonen gezielt überlädt. Weiterhin will man stets Dreiecke oder bestenfalls Rauten bilden, um möglichst viele Anspielstationen für den Ballführenden zu generieren. Sicherlich sind technische Fähigkeiten hierbei wichtig. Viel wichtiger ist jedoch die Disziplin in der Positionierung. Den Raum halten und sich im richtigen Moment bewegen. Idealerweise läuft man nicht auf den Ballführenden zu, um den Raum so groß wie möglich zu halten. Insofern ist das Positionsspiel für disziplinierte Spieler sehr gut geeignet, um ihre technischen Mängel zu kaschieren.

Martial ist hierbei ein besonderer Fall: Er besitzt einen sehr guten ersten Kontakt, besticht durch Tempodribblings und Kreativität. Einen solchen Spieler konstant in Eins-gegen-Eins –Duelle am Flügel zu schicken, sollte das Ziel eines jeden Teams sein. Van Gaal hatte mit seiner Art des Positionsspiels vermutlich genau das vor. Martial sollte für ihn eine ähnliche Rolle einnehmen wie Arjen Robben damals in München. In seiner ersten Saison kam er entsprechend öfter als Linksaußen zum Einsatz, nachdem ihn van Gaal zunächst im Sturmzentrum einsetzte. Vor allem in der Champions League spielte er häufig als Mittelstürmer.

Insgesamt betrachtet war Martial bereits in seinem ersten Jahr ein unheimlich wichtiger Faktor in Uniteds Spiel. In der Liga kam er auf 31 Einsätze (11 Tore, vier Vorlagen) und war auch in der Champions League mit zwei Treffern in sechs Einsätzen enorm wichtig. Von 53 möglichen Partien absolvierte er 49 – eine Statistik, die man sich immer wieder vor Augen führen muss, wenn man den 19-Jährigen kritisiert. Bereits in jungen Jahren war er ein absoluter Fixpunkt bei einem der größten Vereine der Welt. Vermutlich ein Grund, wieso die Erwartungen an den Franzosen in seiner zweiten Saison so hoch waren.

Martial schulterte die Offensive teilweise im Alleingang und war in Uniteds pomadiger Spielweise noch der einzige, der für ein Überraschungsmoment sorgen konnte. Entsprechend euphorisch war sein Umfeld, als mit José Mourinho ein Trainer nach Manchester kam, der gerne auf Konter spielen lässt. Was sollte schließlich noch schief gehen? Bereits im ersten Jahr Leistungsträger in der Offensive und jetzt kommt auch noch ein Trainer, der mit seiner Art von Fußball wohl noch besser zum Spieler passt.

Verlief die Karriere des Anthony Martial bis dahin geradlinig nach oben, musste er in seinem zweiten United-Jahr einen ersten Dämpfer hinnehmen. Er war nicht mehr fester Bestandteil der Red Devils. Zwar kam er zu 42 Einsätzen, er bestritt davon jedoch nur 66% über 90 Minuten. In neun Partien kam er gar nicht erst von der Bank. Ein Grund dafür war Uniteds neue Spielweise die teils sehr defensiv war. Martial musste als Außenspieler häufig weite Wege nach hinten gehen, wodurch ihm in der Offensive dann die Körner fehlten. Weiterhin hatte der Franzose einige private Probleme: Seine langjährige Freundin und Ehefrau betrog er mit einer Anderen, worunter seine Leistungen auf dem Platz sichtlich litten.

Martials Werte beziehen sich auf die Leistungen in der PL und CL pro Spiel.

Mourinho stand ihm laut eigenen Aussagen in dieser Phase zur Seite und riet ihn dazu, erst einmal diese Baustelle zu beseitigen, ehe er sich auf den Fußball konzentrieren kann. Im Frühjahr und Frühling kam Martial dann wieder regelmäßiger zum Einsatz, was aber auch der Rotation bedingt war. Häufig spielte er dann in der Premier League als Linksaußen. Unterm Strich standen wettbewerbsübergreifend acht Treffer und acht Vorlagen. Als aufmerksamer Leser kann man nun entgegnen, dass er mehr direkte Torbeteiligungen als im Vorjahr erreichte, bei weniger Spielzeit. Mag zwar wie eine Leistungssteigerung wirken, aber Martial wirke im letzten Jahr nicht glücklich.

Generell ist es ja schwer, ihm überhaupt Emotionen abzulesen – der Typ grinst ja nicht einmal, wenn er ein Tor schießt! Aber man sah ihm schon an, dass er mit der Rolle des Ergänzungsspielers nicht zufrieden war. Selbst beim Europa-League-Finale gegen Ajax kam Martial nicht zum Einsatz. Mourinho wollte ihn vermutlich nicht in solch einer wichtigen Phase der Saison ins Team werfen, zumal die Europa League im letzten Jahr Uniteds einzige Chance auf die Champions League war. Der Flügelstürmer war Mourinho wahrscheinlich zu Offensiv und arbeitete für einen Außenspieler zu wenig nach hinten.

Diesbezüglich stellt sich natürlich die Frage, wieso ihn der Portugiese nicht öfter als Mittelstürmer einsetzte. Schließlich bringt er gerade für Konter-Teams viele nützliche Attribute mit: Dribbelstärke, guter erster Kontakt und Tempo, Tempo, Tempo. Problematisch dürfte einzig sein Spiel mit dem Rücken zum Tor sein, was bei Mourinho-Teams ein wichtiger Faktor ist. Schließlich muss der Mittelstürmer viele hohe Bälle verarbeiten und sich gegen Spieler wie Huth, Evans oder Jagielka behaupten. Gibt’s angenehmeres.

In Summe war es eine frustrierende zweite Saison für Martial. Die privaten Probleme wurden auf dem Platz sichtbar und zum ersten Mal in seiner jungen Karriere fiel er in ein kleines Loch. Zusätzlich kam noch die EM im eigenen Land dazu, wo man bekanntermaßen im Finale gegen Portugal verlor. Vor der aktuellen Saison stand aufgrund seiner Leistungen sogar ein Abschied aus Manchester zur Debatte. Letztlich entschieden sich die Verantwortlichen und Martial selbst gegen ein Leihgeschäft oder gar Verkauf.

In der aktuellen Saison kam der 21-Jährige erst zu sieben Einsätzen, meist von der Bank. Einzig in der Champions League gegen Basel, im EFL-Cup gegen Burton und am dritten Spieltag gegen Leicester stand er in der Startelf. Was man ihm dennoch zugutehalten muss ist seine Beharrlichkeit: Als Einwechsler zeigte er stets seine Leistung, lieferte nach seinen Einwechslungen an den ersten beiden Spieltagen prompt drei Torbeteiligungen binnen 25 Minuten. Im Schnitt braucht er in dieser Saison 40 Minuten für ein Tor.

Martials ärgster Konkurrent auf einem Stammplatz ist in diesem Jahr wohl Marcus Rashford. Der junge Engländer hat in diesem Jahr nochmals einen Schritt nach vorn gemacht und hat als Nachwuchsjuwel des Vereins ohnehin einen Sonderstatus. Die beiden wechselten sich bisher regelmäßig auf der linken Außenbahn ab, klar ist da also noch lange nichts und Mourinho wird beide nach wie vor regelmäßig einsetzen. Martials Spielweise kommt diese Rolle als Spieler, der ab der 70. Minute in die Partie kommt, prinzipiell entgegen, wenn er den müden Gegnern mit seinem Tempo den Todesstoß verpassen kann. Aber klar: Für einen solch talentierten und ehrgeizigen Spieler ist das eindeutig zu wenig.

Für Anthony Martial wird der Herbst enorm entscheidend werden. Er hat sich bei seinen bisherigen Einsätzen nichts zu Schulden kommen lassen und drängt quasi auf seinen Startelfeinsatz. Er ist in der „komfortablen“ Lage, Rashford unter Druck zu setzen. Er ist nicht wie in den vergangenen beiden Jahren derjenige, der zwingend liefern muss, sondern hat ein Stück weit weniger Druck. Entscheidend ist jedoch, dass er sofort da ist, sobald sich bei Rashford eine Schwächephase anbahnt. Bisher ist dies noch nicht der Fall. Wie ich Martial aber einschätze, wird er weiterhin auf seine Chance lauern und, wie bereits häufig in der noch jungen Saison gezeigt, wird er diese Chance nutzen.

Insofern wird es in den kommenden Wochen spannend zu beobachten sein, wie sich diese Personalie entwickelt. Schafft es Martial, sich unter Mourinho zu etablieren? Schafft es Martial, an die grandiosen Leistungen aus seiner ersten United-Saison anzuknüpfen? All das werden wir im nächsten Teil von Mein Jahr mit Anthony Martial analysieren.

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