Mein Jahr mit Swansea City: Der Tragödie zweiter Teil

Swansea

„Mein Jahr mit…“ geht für mich in die zweite Runde. Nachdem ich im ersten Teil überwiegend auf die Geschichte und die letzte Saison der Schwäne eingegangen bin, folgt nun eine Einschätzung zur aktuellen Saison. Eigentlich sollte der Artikel viel eher erscheinen, doch aufgrund der jüngsten Geschehnisse bei Swansea, wurde der Termin nach hinten verschoben. Oder weil ich einfach nur faul bin. Ist auch möglich.

 

Was war das für 1 Transfersommer?

Ayew weg, Paloschi weg, Europameister Éder weg, Gomis weg und zu allem Überfluss auch noch Williams, der seinen langjährigen Arbeitgeber verließ. Dass man Ayew nicht wird halten können, war aufgrund seiner herausragenden Leistungen im letzten Jahr bereits zu Beginn des Sommers klar. Etwas mehr als 24 Millionen Euro Ablöse sind auch in Hinblick auf seine fast kostenfreie Verpflichtung ein absolut solider Deal, den man mit West Ham United abschloss. Der Verkauf Paloschis kam für mich etwas überraschend, muss ich zugeben. Unter Guidolin kam er in der Rückrunde der letzten Saison zu regelmäßigen Einsätzen und zeigte auch ordentliche Leistungen. Doch obwohl er mit einem langfristigen Vertrag nach Wales kam, gab man ihn still und heimlich für sechs Millionen Euro an Atalanta Bergamo ab.

Gomis, den man für ein Jahr nach Marseille ausgeliehen hat, ist derzeit in bestechender Form: Nach bisher 16 Partien stehen acht Treffer und drei Assists zu Buche. Im Schnitt benötigt der 31-Jährige 172Minuten für einen Treffer. Man kann nur hoffen, dass er diese Form künftig auch bei den Schwänen kontinuierlich zeigt und im Frühherbst seiner Karriere den Durchbruch bei Swansea schafft. Denn obwohl Gomis auf der Insel nie so wirklich Fuß fassen konnte, genießt er bei den Fans ein hohes Ansehen. Dies liegt nicht nur an seinem lässigen Torjubel, sondern auch an seiner aufopfernden Spielweise.

All diese Transfers waren allerdings kaum zu vergleichen mit dem Abgang von Ashley Williams, der zwischen 2008 und 2016 319 Spiele für die Swans absolvierte. Der langjährige Kapitän war die Instanz schlechthin bei den Walisern gewesen. Ein Status, den nicht einmal Garry Monk seinerzeit oder Leon Britton vor ihm hatten. Dass man für einen 32-Jährigen noch fast 15 Millionen Euro bekam, ist aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich kein allzu schlechter Deal gewesen. Sportlich fehlt den Schwänen jedoch kurz- bis mittelfristig eine Identifikationsfigur, ein echter Anführer auf und neben den Platz, der das auch durch die Medien nach außen tragen kann.

Diese Rolle muss fortan auf mehrere Schultern verteilt werden. Leon Britton kann diese Rolle prinzipiell übernehmen, allerdings hat er nicht diese kämpferische, heroische Attitüde, die von den Medien von einem Leader verlangt wird. Britton ist der spielerische Leader. Jack Cork passt als derzeitiger Kapitän eher in das geforderte Bild: Er befindet sich im besten Fußballeralter, überzeugt durch gute Leistungen und ist Wortführer. Mit Captain Cork kann man als Swansea-Anhänger daher durchaus zufrieden sein.

Für die Defensive musste natürlich auch Ersatz her. Williams war herausragend darin, seinen Strafraum zu verteidigen, Schüsse zu blocken und sich in die Zweikämpfe zu werfen. Sein gutes Gespür im Herausrücken halfen ihm dabei ebenso, wie seine physische Präsenz. Zwar misst der Waliser nur 183 Zentimeter, ist dafür aber umso kompakter und beängstigender, wenn er mit Schwung auf dich zu rennt. Personell ersetzte man ihn durch die beiden jungen Innenverteidiger Mike van der Hoorn und Alfie Mawson. Van der Hoorn kam von Ajax Amsterdam mit der Empfehlung von 15 Einsätzen, die er vorrangig in der zweiten Halbserie absolvierte. Ajax spielte mit ihm achtmal zu Null und verlor kein Spiel, in dem van der Hoorn auf dem Platz stand – von einem Teamspieler zu sprechen ginge sicher zu weit, dennoch lässt sich in seiner Spielweise eine gewisse Mannschaftsdienlichkeit nicht absprechen. Alfie Mawson ist hingegen ein eher individuell veranlagter Innenverteidiger, der seine Klasse bisher bei Barnsley unter Beweis stellen konnte. Ebenso wie van der Hoorn konnte er vor allem in der zweiten Jahreshälfte überzeugen, als Barnsley nur drei Spiele verlor. Mawson kostete die Schwäne über fünf Millionen Euro, was in Hinblick auf sein bisheriges Niveau sicherlich etwas zu viel ist. Mawson ist vielmehr eine Investition in die Zukunft, van der Hoorn ebenso. Unter Francesco Guidolin hießen die Innenverteidiger vorrangig Amat und Fernandez.

Auf die vielen Abgänge in der Offensive musste natürlich ebenfalls reagiert werden. So holte man Fernando Llorente für etwas weniger als sechs Millionen Euro aus Sevilla. Zusätzlich kam Borja Bastón für eine Rekordsumme von 18 Millionen Euro nach Wales. Swansea-Stürmer zu sein ist nicht ganz einfach. Du musst zum einen schnell sein, über ein solides Passspiel verfügen und physisch stark genug sein, um dich nicht von Grobmotorikern wie Robert Huth oder Vincent Komany herumschupsen zu lassen. Zusätzlich hast du mit Gylfi Sigurdsson in der Regel einen spielstarken Zehner hinter dir, der von Haus aus viel Zug zum Tor entwickelt. Bony und Michu waren hierfür ideal geeignet.

Llorente bekam bisher die meisten Einsätze im Angriff und erfüllte seine Rolle als Wandspieler und Ballhalter im Angriff recht ordentlich. Seine Schwächen im Passspiel und der Spielübersicht kamen allerdings deutlich zum Vorschein. Denn obwohl er die Bälle meist gut verarbeiten konnte, mangelte es an der Folgeaktion. Borja ist in dieser Hinsicht stärker. Sein Passspiel und seine Fähigkeiten im Dribbling sind hochwertiger als die seines Landsmannes.

Nach seinem Transfer herrschte jedoch Verwirrung: Der Rekordneuzugang der Schwäne stand nicht im Kader und verschwand für die ersten Spieltage der Saison fast völlig von der Bildfläche. Guidolin erklärte sein Fehlen mit Fitnessproblemen, die der Stürmer aus Madrid mitbrachte. Erst am fünften Spieltag absolvierte er seine ersten acht Spielminuten im Trikot der Swans. Sein erstes Spiel über die volle Distanz gegen Liverpool war gleichzeitig Francesco Guidolins letzte Partie als Swansea-Coach.

 

„Happy Birthday! Übrigens: Du bist gefeuert.“

Seit den Transfers von Gerhard Tremmel hat Swansea City keinen so großen Medienrummel in Deutschland mehr erlebt, wie am 3. Oktober. Ein Verein wirft seinen Trainer einfach mal an seinem Geburtstag raus und stellt den Vorgänger Jürgen Klinsmanns als neuen Trainer bei Swansea vor. Bob Bradley ist ein wahrer Weltenbummler unter den Trainern: Er war unter anderem in Ägypten und Norwegen aktiv und trainierte bis zu seiner Tätigkeit bei Swansea Le Havre in der Ligue 2. In der MLS ist er der Trainer mit der höchsten Erfolgsquote. Er ist zudem der erste US-Amerikanische Trainer in der Premier League. Schön und gut, aber was zeichnet ihn als Coach aus und, was noch viel wichtiger ist, kann er die Schwäne vor dem Abstieg bewahren?

Nach seiner Ankunft beharrte Bradley immer wieder darauf, das Pressing seiner Mannschaft zu verbessern und die Fans, die Jack Army, mit einzubeziehen. Das Liberty Stadium sollte zum Hexenkessel werden. Die Stimmung im Stadion selbst hat sich nicht sonderlich verändert, dafür aber die Spielweise der Swans umso mehr. Bradley wollte dem Team zunächst die defensive Stabilität wiedergeben, die seit dem Verkauf von Williams abhandengekommen war. Hierfür adaptierte er ein intensives Pressing, welches in den Grundzügen an jenes von Jürgen Klopps Liverpool erinnert. Swansea verteidigt ebenfalls sehr hoch und mannorientiert und versucht seine Gegner am Flügel festzunageln. Probleme haben sie derzeit noch in den vertikalen Abständen, sobald die erste Linie überspielt wurde. Die Verteidigungslinie ist häufig noch zu zögerlich im Herausrücken, wodurch teils große Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld klaffen.

Dem Gegenpressing fehlt derzeit noch die Präzision und die Absicherung, was zusammen betrachtet ein großes Problem darstellt. Die Abstände zwischen den Linien sind noch zu groß, als dass der Gegner effektiv unter Druck gesetzt werden kann. Durchbricht der Gegner dann die erste (Gegen-)Pressingwelle, hat er meist viel Wiese vor sich, ehe er auf die nächste Linie trifft. Weiterhin ist die Grundintensität im Anlaufen zu niedrig, um den Gegner frühzeitig zu attackieren, ohne durch einen einfachen Spielzug ausgehebelt zu werden.

Eventuell wäre es daher günstiger, das Pressing entweder tiefer zu gestalten, also sich etwas weiter zurück zu ziehen, um aus einer kompakteren Staffelung heraus zu verschieben. Die Linien wären untereinander enger verknüpft und der Gegner könnte dadurch weniger leicht auf die Verteidigung zulaufen. Bob Bradley konnte andererseits auch die generelle Formation seiner Mannschaft im Spiel gegen den Ball ändern. Passend wäre hierbei eine 4-1-4-1-Staffelung, die einen Großteil der Probleme im Pressing zumindest lindern würde. Mit Ki Sung-yong hat Swansea einen der intelligentesten und spielstärksten Sechser der Premier League im Team. Dank seiner Antizipationsfähigkeit und seinem geschickten Zweikampfverhalten kann er weite Räume quasi im Alleingang covern.

Ki würde dann den holding midfielder geben, den Staubsauger vor der Abwehr, wenn man so will. Die herausrückenden Bewegungen seiner Vorderleute würde er ausbalancieren und den Raum vor der Abwehr sichern. Mit Jack Cork, Leroy Fer und Leon Britton hätte man viele Optionen für eine der Achterpositionen davor. Gerade Britton kann ebenso die Position auf der Sechs ausführen. Als halbrechten Achter würde ich Sigurdsson präferieren. Der Isländer könnte hier seine Weiträumigkeit im Pressing gut ausspielen und würde dem Team somit einen höheren Nutzen geben, als wenn er sich in höheren Zonen alleine verausgabt.

Ebenfalls denkbar wäre eine Verwendung einer Mittelfeldraute, um das Zentrum zu stärken. Ki oder Britton würden auf der Sechs agieren, davor hätte man mit den physisch starken Fer und Cork zwei passende Achter die bei Bedarf auch auf den Flügel ausweichen können. Auf der Zehnerposition hätte Sigurdsson viele Freiheiten. Bedenklich wäre einzig die Besetzung des Sturmzentrums, da man hier im Prinzip bloß Borja und Llorente zur Verfügung hat. Beide Positionen mit zwei eher spielschwachen Stürmern zu besetzen ist jedoch aufgrund der spielerischen Klasse, die aus dem Mittelfeld kommt nicht so ausschlaggebend.

Gegen schwächere Mannschaften, sofern man das aus der Sicht des Tabellenvorletzten überhaupt sagen kann, wäre Sigurdsson als rechter Mittelfeldspieler ebenfalls denkbar, will man den Gegner bespielen. Die eigentlichen Optionen auf den Flügeln sind mit Barrow und Routledge ziemlich bieder besetzt. Beide sind taktisch arg limitiert und verfügen über eine mäßige Technik. Sie können halt rennen und schlagen willkürlich Flanken in die Box. Einen solchen Spieler im Team zu haben, ist bei passender Einbindung vielleicht nicht so verkehrt. Allerdings schaffte man es bisher nicht, einen der beiden gut einzubinden, was sicherlich auch stark an ihnen selber liegt.

 

Make Swansea smart again!

Was Swansea City in der Vergangenheit auszeichnete war die taktische Geschlossenheit mit der sie ihre individuelle Unterlegenheit kompensieren konnten. Seit Laudrups Abgang ging es damit von Saison zu Saison stetig bergab. Guidolin schien dieses besondere Flair in Ansätzen wiederbeleben zu können, die Ergebnisse blieben jedoch aus.

Ist Bradley der richtige Mann, um dieses Flair wieder nach Wales zu bringen? Gutmöglich. Auch wenn es jetzt schon ein anderes Flair sein wird, als in der Vergangenheit. Ist der Kader gut genug, um die Klasse zu halten? In Ansätzen. Das Prunkstück Swanseas ist und bleibt das Mittelfeldzentrum. Um dieses sollte Bradley versuchen, seine Mannschaft aufzubauen und wieder dem Spielermaterial angepassten Fußball spielen lassen. Mit plumpem Boltzfußball entlang der Flügel kann man vielleicht gegen Crystal Palace 5:4 gewinnen, aber sobald eine Mannschaft kommt, die Swansea individuell überlegen ist, geht ein Spiel mit der aktuellen Spielweise gut und gerne mal mit 5:0 verloren.

Swansea darf nicht damit anfangen (oder weitermachen) einfach irgendwas zu spielen und darauf zu hoffen, das Leroy Fer nach einer Ecke mal wieder richtig steht oder Llorente den Ball in der Schlussphase über die Linie drückt. Swansea braucht neben geschickten Wintertransfers wieder ein klares Konzept nach dem gehandelt wird. Im Winter muss vor allem nach einem fähigen Flügelstürmer gesucht werden, der sich am Flügel zuverlässig durchsetzen kann und defensiv stark genug ist. Notfalls ist auch eine Leihe möglich.

cv

Quelle: Instatscout.com

Im Winter kann zum Beispiel Carlos Vela in Betracht gezogen werden. Der Kontrakt des Mexikaners läuft noch bis Sommer 2018 und würde die Anforderungen hinsichtlich der Dribbelfähigkeiten und seiner Erfahrung erfüllen. Fraglich ist jedoch, ob Real Sociedad ihn ziehen lassen will.

Jermain Lens wäre ebenfalls ein „prominenter“ Kandidat. Der Niederländer steht aktuell bei Fenerbahce noch bis Ende Juni unter Vertrag. Er bringt im Grunde all das mit, was es braucht, um Swansea weiterzuhelfen: ein aggressives Dribbling, Kreativität und eine passable Fähigkeit Flanken in den Strafraum zu schlagen. Eventuell sollte man im Sommer ein Auge auf ihn werfen, sollte er seinen auslaufenden Vertrag doch nicht verlängern. Derzeit ist es jedoch schwierig ihn zu verpflichten, da Spieler mit einer Vertragslaufzeit von sechs Monaten nicht verkauft werden dürfen.

jl

Quelle: Instatscout.com

 

Pedro Santos ist in dieser recht überschaubaren Menge an Spielern sicherlich der Underdog. Santos könnte daher etwas billiger werden als Lens oder Vela. Bei Braga hat er noch einen Vertrag bis Sommer 2019. Aufgrund seiner Fähigkeiten hat er dennoch alle Anlagen, die Lens und Vela ebenfalls anbieten.

ps

Quelle: Instatscout.com

 

Fazit

Es wird ohne Frage eine schwere Saison für die Schwäne werden, in der es nur um den Klassenerhalt gehen wird. Die bisherigen Leistungen machen wenig Mut, um auf eine frühzeitige Rettung zu hoffen. Vielleicht war das 5:4 gegen Crystal Palace ja genau dieses eine Erfolgserlebnis, das das Team brauchte. Das darauffolgende Spiel gegen Tottenham mal ausgenommen. Bob Bradley muss an den obengenannten Stellschrauben drehen und versuchen im Winter noch die eine oder andere Verstärkung zu holen. Schafft man diesen Spagat aus Experimentierfreudigkeit und Pragmatismus nicht, kann dies den ersten Abstieg seit Gründung der Premier League bedeuten.

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