Die FIFA experimentiert mal wieder und setzt in Brasilien eine äußerst interessante Idee um: Der Torabstoß verändert sich. Derzeit gilt die Regel, dass außer dem Torwart kein Spieler den Strafraum beim Torabstoß betreten darf.

Nimmt beispielsweise der rechte Innenverteidiger den Ball im Strafraum an, wird der Abstoß wiederholt. Das selbe gilt, falls der gegnerische Stürmer den Ball im Strafraum berührt. Hier setzt nun die Änderung ein:

Zukünftig soll allen Mitspielern erlaubt sein, den Strafraum beim Torabstoß zu betreten – wie sonst auch. Bedeutet für den Spielfluss: Eine künstlich kreierte Standardsituation weniger, eine spielnahe Situation mehr.

 

Was bedeutet das für die Mannschaft in Ballbesitz?

Was für spielschwache Mannschaften wie der Horror klingt, ändert nichts am ursprünglichen Szenario: Möchte ich den Ball beim Abstoß lang schlagen, kann ich das immer noch tun. Jedoch wird es nun für Teams, die das Spiel sauber aufbauen möchten, einfacher.

Die Innenverteidiger MÜSSEN nicht mehr strafraumbreit stehen, sondern können sich ebenfalls im Strafraum positionieren. Ganz nach dem DFB-Leitsatz „So tief wie möglich und so breit wie nötig“ besitzen die Innenverteidiger größere Freiheiten in ihrem Bewegungsspiel. Die notwendige Breite geben dann die Außenverteidiger.

Das Einrücken der IV´s verkürzt den Passweg für den Torwart. Kurze Torabstöße werden für den Torwart technisch einfacher, was dem Spielaufbau zugute kommt. Dem Team in Ballbesitz sind schlichtweg mehr Möglichkeiten für die eigene Staffelung gegeben.


Sie können sich extrem kompakt um den eigenen Strafraum positionieren (ob das soviel Sinn ergibt, sei mal dahingestellt), können aber das Spielfeld ebenfalls tiefer machen. Wie es bei Manchester City teilweise erkenntlich war, kann der Gegner beim Torabstoß „gestreckt“ werden.

Ederson, der Torwart der Citizens, kann den Ball über 80 Meter genau an den Fuß seines Angreifers spielen. Daher ist der Gegner dazu gezwungen, bei Ballbesitz Edersons genug Spieler in der Restverteidigung zu haben; ansonsten werden diese überspielt.

Das erschwert das hohe Pressing ungemein, weil vorne genügend Spieler sein müssen, um Druck ausüben zu können. Im Mittelfeld benötigt es ebenfalls Spieler, die den zweiten Ball aufsammeln. Und in der Verteidigung muss man jeden Flugball Edersons fürchten.

Die neue Regel spielt Ederson und City in die Karten: Möchte man City wirklich hoch zustellen, können sich die eigenen Innenverteidiger in den Strafraum fallen lassen. Die gegnerischen Stürmer sind dadurch gezwungen, am Strafraum zu lauern, falls sie Druck auf den Ball ausüben möchten.

Heißt: Die Formation des Gegners wird noch weiter auseinandergezogen als ohnehin schon. Beim hohen Pressen ist Vorsicht geboten, da ein zielgenauer langer Ball ein noch effektiveres Mittel sein kann. Dafür benötigt es jedoch keine künstliche Standardsituation mehr.

Was bedeutet das für das pressende Team?

Für pressingstarke Mannschaften bieten sich ebenfalls interessante Varianten, mit der Regeländerung umzugehen. Während für das Team in Ballbesitz gilt „Der Gegner kann noch höher angelockt werden“, bedeutet das für das Team ohne Ball „Der Ball kann noch höher gewonnen werden“.

Den Stürmern fällt es aber nun nicht mehr so leicht, die Innenverteidiger des Gegners zu belauern. Sowie die Innenverteidiger neue Passwinkel herstellen können, können die Stürmer diese Passwinkel zustellen.


Einzig das „Belauern“ der im Strafraum befindlichen Spieler wird viele Torhüter derart stressen, dass sie den Ball lang schlagen.

Da gilt es nun, die angesprochene Balance zu finden zwischen Restverteidigung und Druck auf dem Ball. Jedoch ist das nichts Neues: Das muss in jeder Spielszene getan werden. Einzig die Ballung im Mittelfeld könnte gelockert werden durch das mögliche „Strecken“ der Pressingformation.

Gamechanger

Im Idealfall heißt das für den Fußball-Fan: Weniger Mittelfeldpressing, weniger zweite Bälle, mehr Fußball.

Doch was bedeutet die potenzielle Regeländerung für ein Team ohne Angriffspressing und ohne Ambitionen, das Spiel von hinten zu eröffnen? Nicht viel. Der bespielbare Raum hat sich vergrößert, doch ob und wie man diesen Raum nutzt, bleibt den Teams selbst überlassen.

Die neue „Freiheit“ ermöglicht neue Möglichkeiten – für das Ballbesitzspiel und für das Pressing. Daher lassen sich für beide Phasen positive sowie negative Punkte finden. Am Ende jedoch gilt: Bist du gut im eigenen Spielaufbau, profitierst du von der Regeländerung. Bist du gut im Pressing, profitierst du ebenfalls von der Regeländerung.

Oder: Kann dein Team gut Fußball spielen, kann es das nun noch freier tun.

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Henri Hyna
Written by Henri Hyna
Mag auf Ballbesitz ausgerichtete Mannschaften. Schaut nach Möglichkeit jedes Spiel von Ajax Amsterdam, dem FC Barcelona und Manchester City.