Moneyball in Brentford: Zahlen sind wichtiger als Emotionen

Ein Text von Robin Haack

Ganz nach dem Motto „arm, aber sexy“ war der FC Brentford lange ein Paradies für Fußballromantiker. Mit dem Moneyball-Prinzip und Matthew Benham kam nun aber der Erfolg nach West-London, der auch Schattenseiten mit sich brachte – vor allem für die vielen treuen Fans.

Bei englischem Fußball denken viele sofort an Pubs, Bier, dickbäuchige Männer und alte Tribünen direkt am Spielfeldrand. Häufig entstammt diese Vorstellung in erster Linie dem Film Hooligans, mit Elijah Wood in der Hauptrolle, der sich mit der Rivalität zwischen West Ham United und dem FC Milwall beschäftigt.

Wer sich allerdings auf Basis dieser romantischen Bilder auf seine erste Fußball-Reise ins Königreich macht, wird in der Regel enttäuscht. Da aus dem Sport des kleinen Mannes ist längst ein milliardenschweres Marketingprodukt geworden ist, mussten Bier, dickbäuchige Männer und altehrwürdige Tribünen in den letzten Jahren zu großen Teilen weichen. Ersetzt wurden sie fast überall durch Softdrinks, Touristen aus Fernost und standardisierte Multifunktionsarenen.

Fast überall. Denn will man den „klassischen“ englischen Fußball sehen, kommt man als Romantiker in der zweitklassigen Championship mancherorts noch voll auf seine Kosten. Neben bekannten und prestigeträchtigen Stadien wie das Craven Cottage des FC Fulham, ist auch der Griffin Park des FC Brentford einer dieser letzten magischen Orte, bei denen Liebhabern das Herz aufgeht.

Der Verein aus dem Westen Londons hat in seiner 128-jährigen Vereinsgeschichte nie höher gespielt als in der zweiten Liga und dementsprechend keinen ernstzunehmenden Titel gewonnen. Wer allerdings glaubt, die Bees haben deshalb nichts zu bieten, sieht sich getäuscht. Als eine der letzten Oasen im englischen Fußball gibt es im 1904 erbauten Griffin Park sogar noch eine echte Stehplatztribüne, die dank Sondergenehmigung der FA nach wie vor genutzt werden darf.

Stehplatztribüne und Hooligan-Kulisse

Neben Stehplätzen ist Brentford ein echtes Pub-Paradies. In einer landestypischen Reihenhaussiedlung gelegen, befinden sich direkt am Stadion etliche legendäre Pubs, die für viele zu den besten in ganz London zählen und vor allem von den heimischen Fans geliebt werden. Aufgrund dieser hohen und fast malerischen Dichte an Kneipen wurden große Teile des Film Hooligans in den Straßen Brentfords gedreht. Die etlichen Bar-Szenen des Blockbusters spielen alle im „The Griffin“, keine 20 Meter vom Stadion des Zweitligisten entfernt – ein wahrer Traum für Verfechter der Fußball-Pub-Kultur.

Das Pub „The Princess Royal“ unweit vom Stadion (by: Simon Langston)

Doch auch in Brentford hört man die Zeichen der Zeit: Um sportlich konkurrenzfähig zu bleiben, holten sich auch die Bees mit Matthew Benham 2006 einen milliardenschweren Investor ins Boot. Erst als kleiner Kreditgeber und seit 2012 als alleiniger Besitzer des Vereins. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, schließlich gibt es auf der Insel kaum einen Klub, der nicht von einem Investor geführt wird – Benham aber ist nicht wie die Anderen.

Als Chef der Firma Smart Odds, die anhand von unzähligen Statistiken Formeln für die Wettquoten von Fußballspielen aufstellt, ist Benham mehr als nur ein stiller Geldgeber. Mit seinen Ideen versucht der Statistik-Guru auch den Fußball berechenbarer zu machen und ein stückweit zu revolutionieren. Versucht man seine Grundidee auf einen Satz herunterzubrechen, kann man sagen, dass er Erfolg, mit Statistiken und daraus folgenden Wahrscheinlichkeiten beruhender Arbeit, errechnen will. Anders als viele andere Investoren will er Siege nicht erkaufen, sondern errechnen.

Auf den Spuren von Brad Pitt

Bekannt wurde dieser spannende Ansatz in erster Linie durch die Geschichte der US-Baseballmannschaft Oakland A’s und deren klugen Coach Billy Bean. Da das Team aus Kalifornien chronisch erfolglos war und obendrein viel weniger Geld zur Verfügung hatte als die Konkurrenz, wählten die A’s ihre Spieler anhand von Statistiken aus, die viele andere Teams gar nicht erst erfassten. Dinge wie Ruf oder Popularität der Spieler spielte dabei eine untergeordnete Rolle.

Sensationell schaffte es das Team mit diesem völlig neuen Ansatz in den Folgejahren in die Playoffs, sodass sogar die Filmemacher aus Hollywood auf den Erfolgszug aufsprangen und die Geschichte mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmten. „Moneyball“, der Titel des Films ist spätestens seitdem in der Gesellschaft etabliert und wird mit eben dieser statistischen Methode gleichgesetzt.

So wird auch in Brentford von Moneyball gesprochen, was Benham allerdings regelmäßig zur Weißglut treibt. Für den Multi-Millionär und Zahlen-Experte ist diese Betrachtung viel zu oberflächlich, denn das Klischee anhand von alten und simplen Statistiken die besten Spieler zu scouten, wäre eine Beleidigung für die akribische Arbeit der Datenexperten. Denn dabei geht es nicht etwa um gängige Pass- oder Zweikampfquoten, sondern um Dinge wie Abschlüsse im Strafraum, Pässe, die Tore einleiten oder Kopfbälle, die direkt Szenen bereinigen. Für Benham haben seine Statistiken „die wissenschaftliche und akademische Aufgabe, gewisse Dinge vorhersehbarer zu machen“, wie er dem Guardian einst erklärte.

In der Praxis will er es so schaffen, Top-Spieler zu finden, die bislang unter dem Radar der großen Klubs geblieben sind – No-Names, die das Potential haben, zu Stars zu reifen. In der Hoffnung auf solche Transfer-Volltreffer gab es in Brentford in den letzten fünf Jahren unzählige Verpflichtungen. Fast immer waren es Namen, die zuvor nicht ein einziger Fan aus West-London jemals gehört hatte und fast immer kamen die Spieler für niedrige Ablösesummen, verglichen mit den Summen, die die Spitzenteams der Liga auf den Tisch legen.

Der Fußball als Wissenschaft

Einige Beispiele für solche Top-Transfers sind Andre Gray (heute FC Watford), Scott Hogan (heute Aston Villa) oder Jota (heute Birmingham City). Für Gray zahlen die Bees 2014 etwa 620.000 Euro Ablöse, um ihn nur ein Jahr später für 12,4 Millionen Euro nach Burnley zu verkaufen – das zwanzigfache der ursprünglichen Ablösesumme. Ähnlich rosig sieht es auch bei Hogan aus: 2014 für 950.000 Euro vom AFC Rochdale verpflichtet, strich Brentford im Januar 2017 10,5 Millionen Euro für den Mittelstürmer ein – ein Gewinn von mehr als neun Millionen Euro.

Jota – ein „No-Names“, der später zu einem der Publikumslieblinge avancierte.

Dank dieser unglaublichen Gewinnspannen wies der Klub in den letzten drei Jahren stets eine positive Transferbilanz aus und investierte das Geld statt in teure Neuzugänge eher ins Trainingsgelände oder den Bau des neuen Stadions. So werden die Spieler des FC Brentford auch im Training perfekt überwacht und von Experten betreut, die selbst einige Premier-League-Klubs in den Schatten stellen.

Speziell die medizinische Überwachung ist fast unheimlich.  Vor und nach jedem Training gibt es in West-London Laktattests, Reaktionstests und sogar tägliche Urin-Proben. Anhand dieser Proben wird in erster Linie das Konsumverhalten der Sportler geprüft, und es kann bestimmt werden, ob die Testperson beispielsweise genug getrunken hat. Zusätzlich arbeitet der Verein mit speziellen Schlaftrainern, um die Regeneration zu optimieren. In Brentford wird nichts dem Zufall überlassen und der Fußball zu einer Wissenschaft gemacht – eine Wissenschaft, die große Teile der Fans nicht einmal im Ansatz verstehen.

„Die meisten Fans stehen zwar hinter dem System, doch niemand versteht so richtig, was hinter den Kulissen unseres Vereins genau abläuft“, erklärt mir der langjährige Bees-Fan Jordan Nugaran. Was in den Büroräumen von Benham und seinen Angestellten genau abläuft, ist äußerst schwer zu durchdringen und wird vom Verein gehütet wie ein Staatsgeheimnis, schließlich will man vermeiden, dass die Konkurrenz die eigene Strategie kopiert.

Die Fans bleiben auf der Strecke

Was den wirtschaftlichen Aspekt angeht, mag Moneyball oder wie auch immer man Benhams Zahlen-Imperium nennen soll, durchaus erfolgreich zu sein, doch im Fußball zählt bekanntlich nicht nur Geld. Vielmehr kommt es auch auf sportliche Aspekte und Leidenschaft an, die man nicht in Zahlen ausdrücken kann.

Denn obwohl sich im Kader des FC Brentford seit Jahren etliche Spieler tummeln, die in der Theorie das Zeug dazu haben, den Unterschied zu machen, läuft sportlich nicht immer alles nach Plan. Nach den erfolgreichen Spielzeiten 2014 und 2015, in denen das Team beinahe von der drittklassigen League One in die Premier League durchmarschieren konnte, geriet der Motor ins Stocken und mehr als der Klassenerhalt in der Championship war nicht drin. Aktuell dümpelt das Team sogar am Tabellenende der Liga herum.

Hauptgrund dafür ist die Menschlichkeit. Denn hier liegt die größte Fehlerquelle im System. So können sich beispielsweise private Sorgen negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirken. Ebenso kann eine Serie von Negativerlebnissen wie etwa drei verlorene Spiele in Folge das Selbstvertrauen der Spieler schädigen, sodass sie ebenfalls keine Top-Leistungen auf den Rasen bringen können.

Die größte menschliche Fehlerquelle ist allerdings der Trainer. Dieser muss sich dem benham’schen System komplett unterordnen und ihm auch in schwierigen Situationen vertrauen. Dass es für qualifizierte Trainer nicht einfach ist, teilweise zuwider ihren jahrelangen Erfahrungen zu handeln, zeigt der Fakt, dass seit 2011 mit Dean Smith der inzwischen siebte Trainer an der Seitenlinie steht.  Es ist eine Tatsache, dass die komplizierten Berechnungen keinen Einfluss haben, wenn der Coach seinem eigenen Know-How vertraut und Spieler beispielsweise auf falschen Positionen einsetzen – nur durch diese Trainerentscheidungen entstehen sportliche Probleme.

Doch sportliche Probleme sind nicht die einzige Baustelle in Brentford. Auch Teile der Fans sollten den Klubbossen Sorgen bereiten. Denn die tolle Arbeit der Finanzabteilung, die zur Folge hat, dass jährlich die besten und beliebtesten Spieler des Vereins verkauft werden, geht in erster Linie auf Kosten der Anhänger. Obwohl die Strategie, Spieler zu entwickeln und hochpreisig zu verkaufen, offen kommuniziert wird, ist es gerade für den kleinen Fan immer wieder ein schwerer Schlag, wenn Helden wie Gray, Hogan oder zuletzt Jota den Verein verlassen.

Dinge wie Identifikation mit den Akteuren der eigenen Mannschaft gehören in Brentford deshalb der Vergangenheit an. So wechselten in diesem Sommer mit Jota, Maxime Colin und Harlee Dean drei Führungsspieler zum Championship-Konkurrent Birmingham City, was bei den Fans alles andere als gut ankam. Natürlich war es die letzte Möglichkeit eine nennenswerte Ablöse einzustreichen, da die Verträge der Spieler allesamt im kommenden Sommer auslaufen würden, trotzdem zeigt dieser dreifach-Transfer, dass die Bosse allein die wirtschaftlichen Faktoren sehen und auf Fanbelange wenig Rücksicht nehmen.

Auszug aus dem Paradies

Zur besseren Vermarktung wurde im Sommer zudem das Vereinslogo überarbeitet. Zwar war es nicht die erste Veränderung des Wappens, doch das nun kreisrunde Emblem mit einer vierbeinigen Biene gefällt nur den wenigsten Fans. „Ich hasse es“, gibt Brentford-Anhänger Nugaran ehrlich zu. „Das Ding sieht nicht einmal aus wie eine Biene, sondern wie eine Wespe.“

Neben dem alten Logo läuft auch die Zeit des altehrwürdigen Griffin Park und seinem einzigartigen Pub-Ambiente ab. Nachdem der Klub eigentlich schon in dieser Saison ins neue und modernere Brentford Community Stadium umziehen sollte, wird es 2018 endgültig soweit sein. Nach aktuellen Regularien ist somit natürlich auch eine der letzten Stehplatztribünen im englischen Profifußball Geschichte.

„Jeder wird den ehrlichen Fußball im Griffin Park vermissen“, erklärt Nugaran. Doch auch hier wiegt der wirtschaftliche Aspekt für die Verantwortlichen schwerer als der emotionale, denn das neue Stadion bringt dem Verein schlicht mehr Geld. Will man irgendwann in die Premier League aufsteigen, benötigt man gerade für VIP-Gäste und Presseleute andere Räumlichkeiten, die der 1904 erbaute Griffin Park einfach nicht bieten kann.

Wenn in der kommenden Saison dann tatsächlich in der charakterlosen Arena gespielt wird, stirbt in London ein weiteres Stück Fußballromantik, der die Idylle vom dickbäuchigen alten Mann und seinem Bier zerstört. Keine Stehplatztribüne im müffelnden Stadion mehr, keine Pubs mehr hinter jeder Tribüne.

Entwickelt sich der Fußball weiterhin in diese Richtung, wird irgendwann der Tag kommen, an dem auch die Fans dem Sport den Rücken kehren – egal ob in Brentford, bei Chelsea, Fulham oder West Ham United. Werden weiterhin wirtschaftliche Faktoren über die Emotionen gestellt, werden Filme wie Hooligans irgendwann die letzten Andenken an eine bessere Zeit des englischen Fußballs sein.  

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