Es ist der 12.04.2018. An einem kühlen Frühlingsabend muss Olympique Marseille im heimischen Stade Vélodrome ein 0:1 aus dem Viertelfinal-Hinspiel bei RasenBallsport Leipzig drehen.

Die Europa League Partie beginnt mit einem frühen Tor der Sachsen durch Bruma, Olympique steht mit dem Rücken zur Wand. Doch im weiteren Verlauf der Begegnung entfalten Les Phocéens ein wahres Offensivspektakel und gewinnen die Partie letztendlich mit 5:2.

Neben Dimitri Payet überragt vor allem ein Spieler, den viele schon längst abgeschrieben hatten. Die Rede ist von Florian Thauvin, der an diesem Tag nicht zu bändigen ist.

Er sucht das Dribbling, zieht Gegenspieler auf sich, geht lange Wege, öffnet Räume und spielt wie ein man on a mission. Nicht umsonst muss der eigentlich angeschlagene Flügelspieler nach 63 Minuten völlig erschöpft ausgewechselt werden.

Zu Buche stehen ein Tor und zwei Assists sowie drei von vier erfolgreich abgeschlossene Dribblings und noch dazu drei Key Passes. Der Kicker würdigt Thauvins Leistung im Anschluss mit der Note 1,0 und kürt ihn zum Spieler des Spiels.

Am Ende schafften es die Südfranzosen bis ins Europa League Finale, wo man gegen Atlético Madrid chancenlos war.


Quelle: www.instagram.com/olympiquedemarseille/

Thauvins individuell überragende Saison 2017/18 (26 Tore und 18 Assists in 54 Spielen) wurde von Didier Deschamps mit der Nominierung für Frankreichs WM Kader belohnt. Damit stach er so illustre Namen wie Kingsley Coman, Alexandre Lacazette, Anthony Martial oder Teamkollege Payet aus.

Inzwischen steht der 26-Jährige vor dem Abschied aus Frankreich. Die Serie A gilt als wahrscheinlichste Destination. Die beiden großen Klubs aus Mailand, die AS Rom und die SSC Neapel gehören zu den möglichen Abnehmern aus Italien.

Darüber hinaus wird mit Atlético Madrid und dem FC Bayern München auch echten Schwergewichten Interesse am Weltmeister nachgesagt. Der nächste Karriereschritt wird endgültig aufzeigen, wie gut das Enfant terrible von einst wirklich ist.

Korsika, U-20 WM und Trainingsstreik

Florian Tristan Mariano Thauvin kam 1993 in Orléans zur Welt und fand seinen Weg über verschiedene kleine Vereine zu Grenoble Foot. Am Fuß der Alpen war dem Scheidungskind zwar das Profidebüt in der Ligue 2 vergönnt, sein auslaufender Vertrag sollte aber nicht verlängert werden.

Im Sommer 2011 schloss er sich daher dem Ligakonkurrenten SC Bastia an. Auf Korsika kam er zwar in den ersten Monaten kaum auf Spielzeit, schaffte es in der Rückrunde jedoch in die Rotation und stieg mit den Lioni di Furiani in die Ligue 1 auf.

Dort ging in der Spielzeit 2012/13 schließlich der Stern des Rechtsaußen auf. So war er vom ersten Spieltag an Stammspieler und beendete das Jahr mit starken zehn Toren und drei Vorlagen während sich sein Team einen Platz im gesicherten Mittelfeld erkämpfte. Thauvins Leistungen wurden folgerichtig mit dem Titel des besten Nachwuchsspielers der Liga honoriert.

Die Aktien des Youngsters stiegen während der U20-Weltmeisterschaft 2013 in der Türkei weiter an. In der hochtalentierten Siegermannschaft um die späteren Weltmeister Areola, Umtiti und Pogba war er der überragende Offensiv-Akteur. Insbesondere seine beiden abgeklärten Tore beim 2:1 Halbfinalsieg gegen Ghana stachen heraus. Der Offensivstar mit dem arroganten Blick war zum Gesicht des französischen Nachwuchsfußballs geworden.



Kurze Zeit später fielen jedoch erste Schatten auf sein Image. Im Januar 2013 hatte er einen Vierjahresvertrag beim OSC Lille unterschrieben, wo er helfen sollte Eden Hazards Abgang zu kompensieren. Thauvin blieb zunächst per Leihe in Bastia und sollte ab der Saison 2013/14 für Les Dogues auflaufen.

Dazu kam es aber nie, da er in der sommerlichen Saisonvorbereitung durch einen Trainingsstreik einen Wechsel zum Champions League Teilnehmer Marseille erzwang.
Das Thema dominierte die französische Fußballwelt und der Posterboy von einst war fortan als Enfant terrible verschrien.

Der Wechsel zu l’OM sollte sich für beide Seiten als Glücksfall erweisen. Dem Lifestyle der vibrierenden Mittelmeermetropole war der aufstrebende Star vom ersten Tag an verfallen. Unter den Augen des eigenwilligen Marcelo Bielsa entwickelte sich Thauvin trotz zum Teil inkonstanter Leistungen als eines der vielversprechendsten Talente des Kontinents.

Reif für die Insel?

Im Sommer 2015 folgte für knapp 18 Millionen € Ablöse der Wechsel in die Premier League. Beim Traditionsklub Newcastle United wurde er euphorisch empfangen, war er doch der Spieler, welcher die Magpies endlich aus den Niederungen des englischen Oberhauses führen sollte.

Doch schon zu Beginn seiner Zeit auf der Insel wurde er von Newcastle-Legende Alan Shearer hart angegangen. In der BBC Sendung „Match of the Day“ kritisierte Shearer den Neuzugang weil dieser zu einem Heimspiel gegen Watford in einem Anzug erschien, der wohl auch James Bond gefallen würde.

„Das ist ein ernsthaftes Geschäft, in dem wir uns befinden. Es war lustig am ersten Tag der Saison, jetzt ist es das nicht mehr“ ätzte die Klubikone.

Der Geschmähte äußerte sich einige Zeit später zu dem Kommentar und fragte: „Warum immer ich? Ich war nicht der einzige der eine Fliege trug.“

Shearers beißende Kritik war die einzige Episode, die nachhaltig von Thauvins Zeit in England in Erinnerung blieb. Insgesamt kam er auf gerade einmal 568 Minuten Einsatzzeit und wurde im Januar 2016 für eineinhalb Jahre zurück nach Marseille verliehen.



Am Ende des Jahres musste Newcastle den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Von der Aufbruchstimmung, die die Ankunft des Messias aus Frankreich ausgelöst hatte, war nichts geblieben.

Aber nicht nur die überzogene Schelte Shearers hatte dem Franzosen in Newcastle zu schaffen gemacht.

„Die Liga ist komplett anders. Es ist viel physischer. Es gibt viel mehr Kontakt. Du musst bereit sein, du musst Muskeln aufbauen bevor du in die Premier League gehst. Ich war jung, ich war 22. Mit 22 verlässt du dein Land, entdeckst eine neue Kultur, eine neue Sprache, eine neue Liga, das Essen ist nicht das gleiche. Es ist kompliziert aber solche Sachen helfen dir auch erwachsen zu werden.“

Zurück in Marseille fand sich Thauvin zunächst in einer chaotischen Situation wieder. Die Fans waren erbost darüber, dass Olympique mal wieder im Niemandsland der Liga herumdümpelte. In einem der ersten Heimspiele nach seiner Rückkehr wurde Thauvin sogar von einer Plastikflasche am Rücken getroffen.

Die Karriere des einstigen Wunderkindes hatte zweifellos ihren Tiefpunkt erreicht. Thauvin war zunehmend in Vergessenheit geraten, während eine neue Generation französischer Toptalente auf den Plan trat. Wer hätte damals schon gedacht, dass er knapp zweieinhalb Jahre später Teil einer der wohl talentiertesten Weltmeister-Mannschaften der Geschichte sein würde?

Renaissance in Marseille

Trotz all der anfänglichen Schwierigkeiten sollte sich Thauvins zweiter Aufenthalt in Marseille als voller Erfolg erweisen. Zurück an seiner alten Wirkungsstätte spielte er wie befreit auf.
Mit spektakulären Dribblings, famosen Distanztoren und seiner unermüdlichen Aufopferungsbereitschaft eroberte Thauvin die Herzen der Fans.

2016/17 erzielte er 15 Tore und gab 11 Torvorlagen. Marseille entschied sich deshalb im Sommer 2017 dafür, Thauvin für 11 Millionen € fest zu verpflichten. Ein Schnäppchen wie sich rasch zeigen sollte.

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Die Spielzeit 2017/18 sollte die bisher beste seiner Laufbahn werden. Mit individuell überragenden Statistiken avancierte FloTov zu einem der elitären Flügelspieler Europas. 13-mal wurde er zum Man of the Match gekürt, einmal öfter als Neymar. Darüber hinaus wurde er als einziger Profi außerhalb von PSG für die Wahl zum besten Spieler der Ligue 1 nominiert.

Laut WhoScored war Thauvin zudem nach Neymar der statistisch beste Spieler der Saison.

Die Krönung dieser Wiedergeburt war schließlich die Berufung in Frankreichs WM Kader. Auch wenn der prince du Vélodrome nur eine Minute zum Einsatz kam, präsentierte er sich als Musterprofi und genoss die Wochen in Russland sichtlich.

Quo vadis?

Doch obwohl Thauvin auch in diesem Jahr stark aufspielte, gilt sein Abgang aus Marseille inzwischen längst als ausgemacht.

Nachdem das Team aus der Provence in der letzten Saison bis ins Europa League Finale vorstieß und in der Liga die Qualifikation zur Königsklasse nur knapp verpasste, folgte eine ernüchternde Spielzeit.

In der Europa League schied man sang und klanglos mit gerade einmal einem Pünktchen aus und wurde in Frankfurt mit 0:4 und Zuhause mit 1:3 von Apollon Limassol gedemütigt. In der Liga verpasste man die internationalen Ränge kläglich.



Nach einer wegweisenden Niederlage gegen Bordeaux Anfang April holte Thauvin daher zu einem beachtlichen Interview aus:

„Ich rede Scheiße, ich bin müde aber wir waren schlecht diese Saison. Mit einer Top-3 Platzierung ist es vorbei. Es ist jedes Jahr das gleiche, ich habe es satt. Selbst wenn wir uns für die Champions League qualifizieren. Zu welchem Zweck? Wir sind Müll.“

Und weiter: „Wir müssen einfach den Mund halten und einsehen, dass wir nutzlos sind. Wir sind nutzlos, wir müssen es zugeben.“

Ähnlich wie etwa Nabil Fekir in Lyon gehört Thauvin zu jenen Spielern, die eigentlich zu gut für ihr Team sind. So führt er sein Team im zweiten Jahr in Folge sowohl bei den Toren (16) als auch bei den Assists (9) an.

Nicht umsonst wurden schon zahlreiche ausländische Klubs mit dem Weltmeister in Verbindung gebracht. Olympique Marseille ruft Medienberichten zufolge 50 Millionen € als Ablösesumme auf.

Doch wie gut ist Thauvin? Reicht es wirklich für einen europäischen Spitzenverein wie den FC Bayern?

Stärken und Schwächen

Marseilles Nummer 26 ist ein dribbelstarker Rechtsaußen, der nur äußerst schwer vom Ball zu trennen ist und folglich auch auf engstem Raum erfolgreich operieren kann.

Aufgrund seiner Größe von 1,79 m und einer gewissen Stämmigkeit, vermag er es den Ball erfolgreich abzuschirmen.

Nur wenige Spieler gehen derart oft ins Dribbling wie Thauvin. In diesen Situationen brilliert er durch seine spitzbübischen Finten und schnellen Gewichtsverlagerungen.

Er liebt es in Arjen Robben Manier vom rechten Flügel in die Mitte zu schneiden und das Tor mit seinem linken Fuß anzuvisieren. Thauvin zieht zwar überdurchschnittlich oft ab, ist dennoch keinesfalls egoistisch. So versteht er es seine Mitspieler immer wieder mit gut getimten Steilpässen in Szene zu setzen.



Abseits des Balls ist er sehr begabt darin, sich im Rücken der gegnerischen Viererkette davonzuschleichen und sich im geeigneten Moment als Anspielsituation anzubieten.

In der Vorwärtsbewegung kann er entweder weit außen auf dem Flügel Gegenspieler binden oder mit seinen überlegten Läufen gen Spielfeldmitte für Gefahr sorgen.

Durch seinen guten Überblick, die starke Ballkontrolle und die Fähigkeit auch lange Bälle zielsicher an den Mann zu bringen ist er eine formidable Waffe bei Kontersituationen.

Thauvin ist zwar nicht per se langsam, verfügt aber nicht über die explosive Schnelligkeit anderer Flügelstürmer. Nichtsdestotrotz vermag er es oft mit kurzen, blitzartigen Sprints an seinen Gegnern vorbeizuziehen. Bei seinem neuen Arbeitgeber sollte er deshalb im Idealfall mit einem temporeichen Spieler auf der linken Seite gepaart werden.

Defensiv ist er ein harter Arbeiter und zudem stark im Pressing.

Eine klare Schwäche ist seine fehlende Variabilität. In den letzten Jahren kam er fast ausschließlich als Rechtsaußen zum Einsatz. Gerade dieser Umstand könnte etwa für die Bayern ein Ausschlusskriterium sein.

Darüber hinaus hat Thauvin in seiner Karriere bislang kaum wirklich bedeutsame Partien absolviert. So stand er in gerade einmal sechs Champions League Partien auf dem Feld. Im bisher wichtigsten Spiel seiner Karriere gegen Atlético war er komplett abgemeldet.

Aufgrund Marseilles notorischer Inkonstanz war ihm auf Vereinsebene noch kein Titel vergönnt.

Und in der Équipe Tricolore wird er ob der massiven Konkurrenz auch in Zukunft wohl kaum über die Rolle eines Mitläufers hinauskommen.


Auch Thauvins äußerst durchwachsenes Goalimpact Chart liest sich nicht gerade wie das eines Superstars.

Kurzum: Die Zeit ist gekommen sich außerhalb der Komfortzone Marseille zu beweisen. Ein Wechsel zu einem ambitionierteren Team in Italien oder Spanien könnte für Thauvin den nächsten fußballerischen Entwicklungsschritt bedeuten.

Landsmann Franck Ribéry könnte hier als Beispiel dienen. Dieser entfaltete erst mit Mitte 20 nach seinem Abgang aus Marseille bei einem der größten Klubs Europas sein ganzes Potenzial.

Summa summarum lässt sich festhalten, dass Thauvin ein äußerst torgefährlicher und technisch hochbegabter Außenstürmer ist. Seine Statistiken der letzten Jahre, insbesondere die aus 2017/18, zeugen von internationaler Klasse.

Allerdings darf bezweifelt werden, ob er sich noch nachhaltig unter den weltbesten Flügelstürmern etablieren kann. Aufgrund der angesprochenen Defizite ist er eher ein Kandidat für die europäischen 1b Vereine.

Doch wer weiß? Womöglich kann ein neues Umfeld, Thauvin zu einem noch besseren Spieler machen. Der Phönix würde seinen Aufstieg weiter fortsetzen.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.