Bereits kurz nach dem Ende der letzten Saison sorgte der frischgebackene Vizemeister für Schlagzeilen. Borussia Dortmund reinvestierte die Millionen aus dem Verkauf von Christian Pulisic und weiteres Geld dafür, den bereits hochwertigen Kader weiter aufzupolieren.

Mit der Verpflichtung von Mats Hummels, Julian Brandt, Thorgan Hazard und Nico Schulz setzte der BVB ein dickes Ausrufezeichen, das zuletzt noch verbal untermauert wurde. Die Dortmunder möchten die deutsche Meisterschaft gewinnen.

Ein Text von Constantin Eckner. Auf Twitter ist er als cc_eckner unterwegs.

(Foto by: imago images/ZUMA press)

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Borussia Dortmund Saisonvorschau:

 
Eigentlich ist diese forsche Art der Kommunikation nicht typisch für den BVB und schon gar nicht für dessen Cheftrainer Lucien Favre. Der 61-jährige Schweizer möchte auch von all dem Gerede über eine Meisterschaft nichts wissen.

Stattdessen konzentriert sich Favre darauf, den ihm zur Verfügung stehenden Kader zu einem funktionierenden Konstrukt zusammenzuschweißen.

Glücklicherweise musste Dortmund bis auf Pulisic keine nennenswerten Abgänge verkraften und befindet sich nicht wie 2013 oder 2017 in einer unfreiwilligen Umbruchphase.

Die meisten der aktuellen Kaderspieler kennen sich schon und auch die Spielphilosophie Favres.

So überraschte es nicht, als die Saisonvorbereitung jener aus dem letzten Jahr doch stark ähnelte. Radikale Veränderungen gibt es nicht.

Stattdessen setzt Favre weiterhin auf die Vorzüge eines klar strukturierten 4-2-3-1 und der Kompaktheit und Simplizität eines 4-4-2-Pressings.

Ihm geht es in der Arbeit gegen den Ball um Stabilität und saubere Besetzung der Räume, bei eigenem Ballbesitz wiederum um schnelle Passabfolgen und die kluge Wahl von Torabschlüssen.

Es ist Favre-Fußball, wie wir ihn schon zu seiner Gladbacher Zeit beobachten konnten.

 

Verbesserung der Abwehr

 
Eine der größten Baustellen im Kader war in der vergangenen Rückrunde die Abwehrreihe. Zum einen wurde sie Opfer einer insgesamt abnehmenden defensiven Stabilität, zum anderen erschien sie recht hilflos gegen aggressives Pressing.

Nun hat sich gerade an Letzterem noch nichts fundamental geändert. Dafür war beispielsweise das Spiel im Supercup gegen Bayern München ein guter Beweis. Aber zugleich verspricht die Ergänzung durch Hummels eine Verbesserung.

Der 30-Jährige kann mit seinen technischen Qualitäten den Spielaufbau auch gegen intensive Pressingattacken ankurbeln. Hummels ist für Favre mehr als nur ein Abwehrorganisator. Er ist der Spielmacher, der in der vergangenen Saison zumeist fehlte.

Zugleich kann sich Dortmunds Cheftrainer darüber freuen, dass er in Julian Weigl eventuell einen zweiten Spielmacher hinzugewinnt, der zuletzt allenfalls als Aushilfsverteidiger von sich reden machte.

Hummels und Weigl ergänzen sich bei eigenem Ballbesitz nahezu perfekt. Ersterer spielt vornehmlich über die linke Seite und operiert dort mit Außenristpässen oder auch diagonalen Zuspielen, sofern er einknicken und den Ball nach rechts legen kann.

Letzterer wiederum fühlt sich wohl, wenn er aus dem rechten Halbraum vor der Abwehr agieren darf. Weigl wurde in der Vergangenheit gerne vorgeworfen, dass seinem Spiel die notwendige Risikofreudigkeit fehlt. In der Vorbereitung zeigte er sich forscher und setzte das von Favre eingeforderte Diagonalspiel um.
 

Kader- statt Spitzenqualität

 
Die Renaissance des Julian Weigl steht auch stellvertretend für den gesamten Sommer der Dortmunder. Im Dunstkreis der ersten Mannschaft gab es ein großes Kommen und Gehen. Einige hochbezahlte Leihspieler kehrten kurzzeitig zurück, um sich später wieder zu verabschieden.

Zeitgleich machten Spekulationen die Runde, wer aus dem großen – wohl zu großen – Kader eventuell zum Verkauf steht. Dabei fielen neben Weigl auch Namen wie Ömer Toprak und Raphaël Guerreiro.

Doch gerade diese spielten sich aufgrund ihrer Erfahrung und taktischen Abgeklärtheit wieder ins Rampenlicht und standen im Supercup in der Startaufstellung.

Dass jedoch ein begnadeter Allrounder wie Guerreiro keinen garantierten Stammplatz hat, zeigt auch den Konkurrenzkampf innerhalb des BVB-Kaders und welches Potenzial eigentlich in dieser Mannschaft steckt.

Genau diese Komponente könnte für Favre der Schlüssel zum Erfolg werden. Im direkten Vergleich zwischen den beiden besten 11er-Teams, die Favre und Niko Kovač aufbieten können, hat der FC Bayern weiterhin die Nase vorn. Aber in Sachen qualitativer Kaderbereite macht dem BVB in der Bundesliga keiner etwas vor.

Nun bleibt jedoch zum jetzigen Zeitpunkt die Frage offen, inwieweit Favre diese taktischen Alternativen wirklich nutzen wird. Wenn dem bis dato erfolgreichen Schweizer ein Vorwurf in der Vergangenheit gemacht werden konnte, dann jener, dass er zu lange und zu starr an seinen Spielideen festhielt.

Geriet Favre einmal in eine Negativspirale – etwa 2009 mit der Hertha und 2015 mit Gladbach – dann war er nur noch hilfloser Passagier und nicht mehr Herr der Lage.
 

Geduld gefragt

 
Die Erwartungen beim BVB sind hoch und könnten recht schnell für etwas Ungeduld sorgen, sollte sich die Mannschaft gegen Mittelfeldteams schwer tun und wichtige Punkte liegen lassen.

Genau darin liegt die Krux in dieser Saison. Die Dortmunder müssen erst noch zeigen, dass sie die passenden Mittel haben, um tiefstehende Gegner zu knacken.

Im Supercup gegen die Bayern zum Beispiel wirkte der BVB vor allem dann gefährlich, wenn er mit halblangen Flugbällen die herausragende Offensivabteilung um Marco Reus und Jadon Sancho ins Spiel brachte und auf deren Improvisationstalent im letzten Drittel vertraute.

Aber der FC Bayern machte es mit seiner geringen Absicherung im Mittelfeldzentrum und dem hohen Aufrücken der Außenspieler dem BVB auch vergleichsweise einfach. Freiburg, Augsburg oder Bremen werden Dortmund diesen Gefallen wohl nicht tun und sich stattdessen mit drei bis vier Ketten tief zurückziehen.

Dass Favre auf die Verpflichtung eines kopfballstarken Stürmers verzichtete und zugleich viel Wert auf diagonale Spielverlagerung legt, ist ein Fingerzeig auf die Gedankenwelt des Cheftrainers.

Er möchte keine nutzlosen Flanken sehen, sondern seine Mannschaft weiterhin dazu erziehen, sich mit viel Geduld aussichtsreiche Torchancen zu erarbeiten.

Talent und Spielintelligenz sind vorhanden, genauso wie Erfahrung und Erfolgshunger. Bleibt nur die Frage, ob die Dortmunder auch die notwendige Geduld mitbringen, um diese Saison bis zum 34. Spieltag zu einer erfolgreichen zu machen.

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