2010. Santiago Bernabeu. Diego Milito. 2:0 nach 90. Minuten gegen den FC Bayern unter Louis van Gaal. Das Triple für José Mourinho. Ein Team, das nicht mit schnellen Kombinationen oder kreativem Offensivspiel begeistert, sondern für seine unglaublich starke Defensive bekannt ist.

In der Saison 2009/2010 war Inter Mailand unter José Mourinho ganz oben. Spieler wie Maicon, Lucio, Wesley Sneijder oder Diego Milito bildeten das Herz der Defensivmeister.

Diese glorreichen Zeiten, in denen Inter in der Champions League zu den Favoriten gehörte, sind bereits seit längerem vorbei. In den letzten Jahren gab es oft Mittelklasse statt Champions-League-Niveau. Unter Luciano Spalletti gelang immerhin die Wende und man schaffte zweimal in Folge die Qualifikation für die Champions League.

Ein Text von Tobias Hahn

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Saisonvorschau Inter Mailand:

Im Vergleich zum Stadtkonkurrenten AC Milan steht es um Inter nicht so schlecht. Nichtsdestotrotz trennte man sich von Spalletti in diesem Sommer und möchte mit dem ehemaligen Nationalcoach Antonio Conte und cleveren Verstärkungen einen Angriff auf den Meistertitel starten.

Die Dominanz von Juventus zu durchbrechen ist kein einfaches Unterfangen, wer wäre da besser geeignet als der Coach, der die Dominanz von Juventus einst aufbaute.

In Turin entwickelte Conte einst ein sehr erfolgreiches Team um Spieler wie Buffon, Chiellini, Bonucci und Pirlo. Mit jungen Spielern wie Paul Pogba oder Arturo Vidal. Letztlich verließ Conte die Alte Dame zu früh, um alle Früchte seiner Arbeit zu ernten.

Trotzdem kann er als immens wichtiger Baustein der Dominanz von Juventus gesehen werden.

Auch bei seinen anderen Stationen in London bei Chelsea und bei der italienischen Nationalmannschaft konnte Conte Erfolge feiern. Nach einer komplizierten letzten Saison bei Chelsea, ist der ehemalige Juve-Akteur nach einem Jahr Pause zurück in seinem Heimatland und soll Inter Mailand nun zum Meistertitel führen.

Für sein präferiertes System, das 3-5-2 mit interessanten Spielzügen, bei denen das Spiel über den Dritten im Mittelpunkt steht, benötigte der Coach die passenden Spieler. Leistungsträger aus dem letzten Jahr wie Ivan Perisic, Sime Vrsaljko oder Keita Baldé wurden abgegeben bzw. ihre Leihen nicht verlängert.

Problemprofi Mauro Icardi soll den Verein möglichst auch noch verlassen, für Ersatz ist bereits gesorgt.

Spannende Neuzugänge

Nach einer durchwachsenen Zeit bei Manchester United versucht sich Romelu Lukaku nun bei Inter Mailand.

Der Belgier bringt viele Eigenschaften mit, die prädestiniert für den Spielstil von Antonio Conte zu sein. In Manchesters schwachem Angriffsspiel hing Lukaku oft in der Luft, obwohl er bei Everton und Chelsea seine Qualitäten bereits unter Beweis stellte, stand er oft in der Kritik.

Dabei bringt Romelu Lukaku nicht nur eine unfassbare Physis, sondern auch eine hohe Spielintelligenz mit. Trotz seines kräftigen Körpers ist Lukaku ein beweglicher und dynamischer Stürmer, wie er bei der letzten WM mit Belgien unter Beweis stellte.

Nicht nur legt er die Bälle meist clever ab, sondern kann sich auch ohne Ball in offene Räume lösen und die Defensive vor Probleme stellen.

Gerade unter Conte müssen sich die Stürmer clever ohne Ball bewegen können, die richtigen Entscheidungen im Passspiel treffen und mit dem Rücken zum Tor funktionieren. Lukaku erfüllt alle diese Voraussetzungen.

Darüber hinaus gab es neben Romelu Lukaku einen weiteren namhaften Neuzugang. Nach vielen erfolgreichen Jahren bei Atlético wechselte Diego Godín in diesem Sommer nach Mailand und soll von nun an die Defensive um den jungen Milan Skriniar und Stefan de Vrij verstärken.

Nutzt Conte eine Dreierkette, wird Godín wohl die Position des Zentralverteidigers ausfüllen und versuchen die Defensive zu stabilisieren.

Der dritte sehr spannende Transfer ist ein Leihgeschäft. Bis Ende der Saison wird Stefano Sensi von US Sassuolo an Inter Mailand ausgehliehen sein. Sensi gehörte letzte Saison zu den spannendsten Spielern der Liga.

Im System von Roberto de Zerbi, großer Fan des Positionsspiels, bekleidete der Italiener entweder die Sechser oder Achterposition. Dabei zeichnete sich der wuselige Mittelfeldspieler besonders durch seine intelligente Positionierung und sein Verhalten unter Druck aus.

Alle drei werden wahrscheinlich eine tragende Rolle im System von Antonio Conte spielen. Der Italiener setzt neben einer kompakten Defensive auf ein kreatives und zumeist flaches Aufbauspiel.

Dabei gibt der Coach seinem Team verschiedene Varianten mit auf den Weg, um aus einer ruhigeren, tiefen Zirkulation durch die Nutzung des Spiels über den Dritten vor das gegnerische Tor zu gelangen.

Die ideale Aufstellung

Wie bereits angesprochen setzt Conte in der Regel auf ein 3-5-2, das in Ballbesitz eher zu einem 3-1-4-2 oder 3-1-4-1-1 wird. Damit ein sauberes Aufbauspiel gelingt, fächern die Innenverteidiger im Spielaufbau weit auf, um dem Spiel die nötige Breite zu geben.

Idealerweise agiert der zentrale Innenverteidiger etwas tiefer, damit sich diagonale Passwinkel auf die beiden Halbverteidiger der Dreierkette ergeben.

Zusammen mit dem zentralen Sechser bilden sie dementsprechend eine Raute, die eine stabile Ballzirkulation im Spielaufbau gewährleistet. Diese zentrale Sechserposition bekleidete in der Vorbereitung zumeist Marcelo Brozovic.

Der kroatische Nationalspieler gehörte auch letzte Saison schon zu den technisch stärksten Akteuren bei Inter. Sein weiträumiges Passspiel gepaart mit dem guten Gefühl für die richtige Position und der Möglichkeit auch durch Dribblings für Raumgewinn zu sorgen, macht ihn zum idealen Sechser für das System von Antonio Conte.

Neben Brozovic wird vor allem Milan Skriniar eine tragende Rolle in der ersten Phase des Offensivspiels spielen.

Der junge Innenverteidiger verfügt über einen feinen linken Fuß und schafft es regelmäßig mit flachen, scharfen Pässen, die erste oder sogar zweite Pressinglinie des Gegners zu überspielen.

Deshalb wird Conte ihn aller Voraussicht nach als linken Halbverteidiger auflaufen lassen. In Kombination mit Stefano Sensi als linkem Achter könnte dies die präferierte Angriffsseite von Inter werden.

Das würde sich auch wunderbar mit dem anderen Achter Nico Barella kombinieren lassen. Der Achter, der vor der Saison aus Cagliari kam, ist wie Sensi extrem pressingresistent, technisch versiert und verfügt über eine hohe Spielintelligenz.

Im Gegensatz zum Neuzugang aus Sassuolo schiebt er aber gerne in höhere Zonen und könnte dementsprechend als Ablageoption nach scharfen Pässen auf die Stürmer dienen.

Neben Barella wäre für Star-Stürmer Romelu Lukaku auch Lautaro Martínez eine Option den Ball klatschen zu lassen. Der argentinische Stürmer könnte sich als Partner von Lukaku mehr zwischen den Linien bewegen und bei Bedarf blitzschnell in die Tiefe starten.

Gerade von den verschiedenen Varianten des Spiels über den Dritten, die Conte gerne nutzt, könnte er so profitieren. Neben den beiden genannten Stürmern verfügt Conte über weitere Optionen wie beispielsweise den talentierten Youngstar Sebastiano Esposito oder Neuzugang Matteo Politano.

Die linke Außenbahn bekleidete in der Vorbereitung zumeist Dalbert. Der linear agierende Flügelverteidiger wird für die nötige Breite sorgen und stets mit Tiefenläufe die Abwehr vor Probleme stellen.

Beispielsweise konnte man beobachten, dass Inter in der Vorbereitung gerne über den linken Halbverteidiger eröffnete, der mit einem flachen Pass den Stürmer suchte. Dieser konnte den Ball direkt auf den Flügel durchstecken oder den Ball wurde nach einer Ablage auf den Achter in die Tiefe gespielt.

Bei beiden Varianten war der schnelle Dalbert das Ziel der Kombination, um für den Durchbruch über den Flügel zu sorgen.

Im Gegensatz zu Dalbert, setzt Antonio Conte auf der rechten Seite wahrscheinlich auf einen Spieler, der auch alleine für Durchbrüche sorgen kann. In der Vorbereitung war dies zumeist Antonio Candreva.

Der ehemalige italienische Nationalspieler hat zwar immer wieder mit Problemen in der Entscheidungsfindung zu kämpfen, bringt aber auf der rechten Außenbahn mehr mit als nur Tiefenläufe und einfache Flanken.

Dies wird auch nötig sein, da das Spiel vermehrt über links gehen wird. Der Grund dafür ist die fehlende Stärke im Spielaufbau von Diego Godín und vor allem dem rechten Halbverteidiger de Vrij.

Zwar verfügen beide über ein solides Passspiel, allerdings nicht vergleichbar mit dem von Milan Skriniar.

Man kann erwarten das beide Innenverteidiger nicht wie ihr slowakischer Partner mit scharfen Pässen die gegnerischen Linien überspielt, sondern eher auf sichere Pässe setzen werden.

Im Allgemeinen werden wir wohl viele Überladungen von Inter auf der linken Seite sehen. Jedoch hat dies den Vorteil, dass Candreva nach Seitenwechseln wahrscheinlich viel freien Raum vorfinden wird.

Die Alternative auf dieser Position ist der Neuzugang von Hertha BSC Valentino Lazaro, der die Vorbereitung aufgrund einer Oberschenkelverletzung nicht komplett mitmachen konnte.

Zwischen ihm und Candreva wird es einen engen Zweikampf geben. Auch Lazaro bringt offensiv jede Menge Klasse mit, ist aber defensiv stärker einzuschätzen als der ehemalige italienische Nationalspieler Candreva. Dementsprechend stehen die Chancen gut, dass Lazaro den Stammplatz übernehmen könnte, sobald er wieder richtig fit ist.

Wie werden sie spielen?

Im Spiel mit dem Ball wird Inter wohl nach einer tiefen Zirkulation auf schnelle Durchbrüche mittels des Spiels über den Dritten setzen. Die Stärke im Aufbauspiel von Milan Skriniar und Marcelo Brozovic werden hier entscheidend sein.

Mit der Raute im Aufbauspiel und der zusätzlichen Breite durch die Flügelverteidiger werden sich viele Teams schwertun, das Aufbauspiel von Inter effektiv pressen zu können.

Sollte der Gegner trotzdem höher schieben, hat Inter die Fähigkeiten, um sich unter Druck zu lösen und die sich ergebenden Lücken zu bespielen.

Dafür wird die Positionierung der Achter im Halbraum entscheidend sein. In der Vorbereitung waren hier die Abstände gelegentlich zu groß, dementsprechend fehlten die Anspielstationen in die Tiefe oder die Stürmer waren nach einem Anspiel aus der eigenen Hälfte isoliert.

Auch das gelegentliche ausweichen von Sensi auf den linken Flügel war selten gut eingebunden. Jedoch bieten sich auch hier spannende Möglichkeiten, sobald das Team besser eingespielt ist.

Wenn nämlich Sensi nach außen abkippt, erhält Skriniar mehr Raum, um mit dem Ball am Fuß anzudribbeln. Dalbert kann höher schieben und der Passweg auf einen der beiden Stürmer ist frei.

Dem slowakischen Innenverteidiger bieten sich dann verschiedene Möglichkeiten. Ein Pass zwischen die Linien auf einen der Stürmer, der Steilpass auf Dalbert, ein diagonaler Pass in den ballfernen Halbraum oder die sicheren Anspielstationen Diego Godín im Zentrum und Stefano Sensi am linken Flügel.

Die offensiven Ansätze bei Inter Mailand sehen vielversprechend aus, jedoch wird es noch etwas Zeit brauchen bis die Spielzüge und Positionierungen perfekt zueinander passen. Gelingt es Conte auch in Mailand dies erfolgreich zu implementieren, wird es für jeden Gegner unangenehm.

Nicht nur mit dem Ball, sondern vor allem dagegen wird das Team von Antonio Conte für viele Teams ein Albtraum. Wie bereits bei Chelsea und Juventus ergibt sich aus dem 3-5-2 ein 5-3-2 gegen den Ball.

Die drei zentralen Mittelfeldspieler werden nicht nur die Räume vor der Fünferkette sichern, sondern auch kurze Mannorientierungen nutzen, um sofort Druck auf den Ballführenden auszuüben.

In der Vorbereitung wechselte Inter regelmäßig zwischen einem aggressiveren, höheren Anlaufen und einem passiven Mittelfeldpressing. Die beiden Stürmer standen zumeist lose vor dem Dreiermittelfeld und sicherten den Raum davor nur unzureichend. Dies änderte sich, wenn Inter versuchte den Gegner bereits früh zu stören.

Dann liefen die Stürmer die gegnerische Abwehr in hohem Tempo an und versuchten den Spielaufbau regelmäßig ins Zentrum zu lenken, da Inter hier eine Überzahl hatte.

Alles in allem wartet noch viel Arbeit auf Antonio Conte, jedoch sehen die ersten Ansätze bereits vielversprechend aus.

Wo landet Inter am Ende der Saison?

Das bleibt die große Frage. Mit Antonio Conte möchte man möglichst wieder um die Meisterschaft mitspielen, ob das bereits dieses Jahr gelingt bleibt abzuwarten.

Juventus wird zwar auch etwas Anlaufzeit unter ihrem neuen Trainer Maurizio Sarri benötigen, verfügt aber über die wesentlich höhere individuelle Klasse. Bei Inter wird es vor allem darauf ankommen, dass alle Spieler fit bleiben und ihre Leistungen regelmäßig abrufen.

Im Wettstreit mit Juventus und dem SSC Napoli wird Inter wahrscheinlich wieder den Kürzeren ziehen.

In einer spannenden Serie A Saison mit vielen neuen Trainern bei den Topteams ist alles möglich, Inter könnte zum Überraschungsteam werden oder sich erstmal wieder auf Platz drei einreihen.

Wichtig wird es sein, den Abstand auf die beiden Topteams der letzten Jahre zu verringern und das Team weiterzuentwickeln. Antonio Conte ist dies zuzutrauen.

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