Sechs Trainer und eine Melone

Cellino
Seit Kindheitstagen bin ich Leeds United-Fan. Natürlich, es gab schon mal bessere Zeiten und ligatechnisch auch schon mal schlechtere Zeiten, aber grundsätzlich ist es nicht einfach ein Fan der Whites zu sein. Nach einer Krise folgt meist eine weitere, noch schlimmere Krise. Oft sieht man Licht am Ende des Tunnels, doch dann wird man vom Zug getroffen. So scheint es zumindest. Tag für Tag verfolge ich einen Verein, der seine besten Zeiten seit mehr als einem Jahrzehnt hinter sich hat, bereits in die dritte Liga musste und alle paar Jahre vor dem Aus steht. Eine Krise folgt der nächsten.

In dieser noch jungen Saison sieht es nicht besser aus. Dabei machte Massimo Cellino uns Fans vor anderthalb Jahren große Hoffnungen, denn mit seinem Amtsantritt im Jänner 2014 stiegen die Erwartungen. Nach etwas Recherche gab es bis auf den Stadionstreit eigentlich nur positives über den Italiener zu lesen, auch wenn er scheinbar öfter mit seinem Herzen, als seinem Verstand agieren würde. Cagliari Calcio war als einer von wenigen italienischen Vereinen schuldenfrei, Starspieler wie Astori, Nainggolan oder Ibarbo lange gehalten, andere Spieler wiederum um hohe Summen verkauft und er wollte ein neues Stadion bauen, da das alte am Zerfallen war – was die Stadt Cagliari jedoch zu verhinderte, da die Stadt weiterhin von Cagliari Calcio und Cellino die hohe Stadionpacht bekommen wollte. Der Streit artete aus, Cellino ging nach England und es folgte ein Dauerstreit mit der Stadt. Massimo Cellino scheint zwar ein Verrückter zu sein, jedoch ein positiv verrückter, der nur das Beste für seinen Klub möchte und insgesamt recht ordentliche Arbeit leistet. Egal, solange mit GFH Capital die gierigen, nur an Profit-interessierten Besitzer weg seien, ist alles in Ordnung. Dachte ich. Und viele andere auch.

Vor dieser Saison war Neil „Redders“ Redfearn Trainer der Whites. Redders ist jahrelanger Leeds United-Fan, war über viele Jahre weg Co-Trainer und Leiter der Jugendakademie. Im November vorigen Jahres stieg er zum Cheftrainer auf und durfte die bisher am längsten das Traineramt seit der Ära Cellino besetzen. Doch es hatte den Anschein, als hätte der Engländer Cellino zuviel reingeredet, denn im Sommer 2015 verließ Redders schweren Herzens die Elland Road und heuerte vor wenigen Tagen bei Rotherham an. Redders wurde währenddessen von dem Deutschen Uwe Rösler ersetzt, der zuvor bei Brentford und Wigan als Trainer tätig war. Man erwartete sich Offensiv- und Konterfußball und eine ordentliche Teamleistung, wie man sich es eben vom deutschen Fußball erhofft, doch anstatt dessen gab es einheitlich schwache Leistungen und viele „glückliche“ Unentschieden. Nach 12 Spielen unter Rösler gab es zwei Siege (wobei einer davon völlig unverdient war), fünf Unentschieden, und vier Niederlagen, sowie der 5:3-Niederlage im Elfmeterschießen in der 1. Runde des Ligapokals gegen die Doncaster Rovers. Die Whites fanden sich auf Tabellenplatz 18 wieder und Cellino entließ Uwe Rösler nach nur wenigen Monaten. „Uwe war ein Gentleman. Vielleicht war er der richtige Trainer mit der falschen Mannschaft oder irgendwie so. Ich weiß es nicht“, sagte Cellino nach der Entlassung des Deutschen.

An seiner Stelle hat Leeds nun jemanden, der nie nach Leeds wollte. Steven Evans erklärte wenige Tage davor seinen Rücktritt als Rotherham-Trainer, ehe ihn Neil Redfearn ersetzte.

Im April 2013 machte Steve Evans eine Aussage, die wenige Minuten nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung schnell in Sozialen Netzwerken die Runde machte: „Leeds ist kein großer Verein. Versteht mich nicht, sie waren es einmal, aber jetzt sind sie nur noch ein von Marionetten geführter Zirkus. Wenn sie mir jemals einen Job anbieten würden, würde ich es ablehnen. Ich will der Kapitän eines Cruiseliners, nicht der Titanic sein.“

Der Shitstorm begann. Bereits in der Vorsaison gab es viel Kritik aus Leeds, als der sehr übergewichtige Trainer nach dem geschafften Klassenerhalt mit Sombrero und Flip-Flops im Stadion der Whites erschien. Der bereits unbeliebte Trainer wurde innerhalb von Stunden vom neuen Trainer zur Hassfigur. Egal was die Fans wollen, der Verein macht etwas vollkommen anderes. Auch der Kontakt zur LUFC Trust, dem Supporters Trust von Leeds United und dem Verein, ist stillgelegt. Die Fans wurden zum Schweigen gebracht.

Ähnlich wie bei den Trainern handhabt es Massimo Cellino auch bei den Spielern. Gleich in seiner ersten Transferperiode wurden 15 Spieler verpflichtet. Einige vielversprechende Namen wie Giuseppe Bellusci von Catania oder Casper Sloth von Aarhus, aber auch weniger bekannte Spieler wie Mirco Antenucci oder Gaetano Berardi, , welche billig gekauft wurden, aber sich als tolle Verpflichtung erwiesen. Dabei hat Massimo Cellino eine einfach Devise: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Viele Spieler verpflichten, darunter wird schon ein Top-Einkauf sein. „Ich versuche hier die besten Spieler zu finden, aber ich kenne noch nicht viele, weil man Zeit braucht um Spiele zu sehen. Ich liebe britische Spieler, aber wenn ein Stürmer 26 Tore in Frankreich schießt kostet er mich vier Millionen Euro. Hier fragen sie mich nach neun Millionen Pfund (11,3 Millionen Euro).“ Deshalb werden viele billige Spieler geholt und ein paar bessere, teurere zur Absicherung. Doch letztere, darunter Sloth, Bellusci oder Doukara, konnten bisher nicht überzeugen.

Seitdem ich Leeds verfolge gab es auch immer wieder vielversprechende Spieler, die nur selten für den Verein aufliefen und sich kaum blicken ließen, obwohl sie in den wenigen Minuten in denen sie spielten sogar gute Leistungen brachten. Habib Habibou, zeigte in nur vier Einsätzen einige Male seine Stärken, wechselte danach zu Gent und traf in 18 Spielen 12 Mal. Ryan Hall, ein Flügelspieler mit „viel Potential“ der aber nur auf wenige Minuten Einsatz kam und nach einem Tweet mit „If you don’t get played, cross the „L“ and at least get payed“ aus dem Kader geworfen wurde. Casper Sloth, der nach einigen tollen Tricks an den ersten Spieltagen voll überzeugen konnte, kam bisher auf 711 Minuten bzw. 14 Kurzeinsätze. Adryan, ein riesiges brasilianisches Talent, das bei jedem Einsatz dem Spiel seinen Stempel aufdrückte und die Fans verzauberte, war lange Zeit verschollen, sodass viele Fans bei Twitter nach Adryan suchten. Die Transferpolitik von Leeds United ist und bleibt ein Mysterium. Hauptfaktor scheint weiterhin die Wirtschaftlichkeit eines Transfers zu sein. Etwas von dem Leeds zwar sicherlich lernen könnte, aber ohne dem nötigen Scouting erweist sich diese Methode als ineffizient. Nach dem Motto „Selbst ein blindes Huhn findet mal ein Korn“ ist kein Star zu finden.

Da viele teure Spieler floppten und sich im Kader grundsätzlich durchschnittlich- bis unterdurchschnittliche Spieler befinden, muss die Last nun hauptsächlich auf den Schultern von Youngstern wie Lewis Cook (18 Jahre), Alex Mowatt (20 Jahre), Charlie Taylor (22 Jahre) und Sam Byram (22 Jahre) aufgeteilt werden. Nun wäre es die Aufgabe eines Trainers diese besser zu verteilen und die dafür passenden Spieler zu verpflichten, doch stattdessen werden unzureichende und unpassende Trainer verpflichtet und diese dann auch noch alle paar Wochen ausgewechselt.

Auch Steve Evans wird höchstwahrscheinlich in wenigen Wochen wieder weg sein und das Ganze wird wieder von vorne losgehen. Cellino will nicht viel Zeit mit den falschen Trainern verplempern, was an sich ja gut wäre, wenn er nicht ständig die falschen Trainer verpflichten würde. Seit der Übernahme hatte Cellino bereits am Tag seines Amtsantritts bereits grundlos Brian McDermott gefeuert, um Veränderung in den Verein zu bringen. Nach Kritik im Verein wurde dieser jedoch nach wenigen Stunden wieder angestellt. Im darauffolgenden Sommer wurde McDermott aber endgültig entlassen und überraschenderweise von Dave Hockaday, zuvor Trainer der Forest Green Rovers in der National Conference, ersetzt, da dieser nur ein Zehntel seines Vorgängers verdiente. Nach 70 Tagen wurde dieser jedoch beurlaubt. Ebenso dessen Nachfolger, ein Freund von Cellinos Berater, Darko Milanic von Sturm Graz war nur knapp ein Monat im Verein. Interim und später langfristig übernahm Neil Redfearn der über viele Jahre Co-Trainer und Leiter der Jugendakademie war. Alle wurden aufgrund von schwachen Leistungen entlassen, alle Entlassungen wurden mit ausgefallenen Sätzen wie „nicht hart genug für den Job“, „keine Sieger-Mentalität“ oder ähnlichem argumentiert.

Bei Leeds United gibt es keinen Fortschritt, aber auch keine Insolvenz. Ein Urteil über Cellino zu fällen ist in der Tat schwer. Während das für viele bereits abartig und krank wäre, ist es für mich als Leeds-Fan noch in Ordnung und kann noch immer besser damit leben, als mit GFH Capital, die den Verein in tausende kleine Stücke aufteilte, diese im arabischen Raum für geringe Summen verkaufte und im Namen des Verein viele dubiose Deals ausgehandelt hatte. Cellino mag vielleicht nicht die beste Lösung sein, ist aber definitiv auch nicht die schlechteste, da auch viele Spieler beim Verein bleiben, jedoch muss auch gesagt werden, dass wenig gute Neuzugänge nachkommen. Es sieht nach einem Teufelskreis aus, der viele zur Weißglut treibt, dennoch darf man nicht vergessen, dass es in Leeds heute auch gar keinen Fußball mehr geben könnte, wenn der Italiener nicht eingegriffen hätte und GFH Capitals Ausschlachtung des Vereins beendet hätte. Aber die nächsten Tage in Leeds könnten sehr interessant werden.

Mit der 0:2-Heimspiel-Niederlage gegen die Blackburn Rovers vorigen Donnerstag ist Leeds United seit fast acht Monaten ohne Heimspielsieg. Die Fans und die Spieler sind aufgebracht, aber auch der Besitzer … Doch das hat einen weiteren Grund, denn während seine Mannschaft auf dem Platz verlor, musste der Italiener vor Gericht eine Niederlage hinnehmen. Der 59-Jährige wurde zum zweiten Mal innerhalb von 18 Monaten wegen Steuerhinterziehung angeklagt und wurde damit auch zum zweiten Mal als Besitzer des Vereins gesperrt. Einstweilen die vorige Sperre nur wenige Monate andauerte, rechnet man dieses Mal mit einer Dauer von 12 Monaten. Cellino will gegen diesen Entscheid gerichtlich vorgehen, doch die Zukunft des Vereins ist damit weiterhin ungewiss. „Wenn sie mich sperren und jemand anderer kommt, der nicht für den Klub kämpft, dann ist er [der Verein] tot.“


Der Frust der Fans ist deutlich zu spüren

Deshalb könnte es gut sein, dass Massimo Cellino tatsächlich bald den Verein verlässt. „Ich werde 100% an die Fans verkaufen, wenn sie sie kaufen und nach dem Klub schauen wollen. Ich bin traurig und es ist mir peinlich. Mein Traum war es mein Bestes zu tun, aber ich habe nichts erreicht und meine Familie ist nicht mal bei mir.“ Und tatsächlich. Leeds Fans Utd haben es zu einer Einigung mit dem Italiener gebracht und dürften – insofern das Geld von Fans aufbringbar ist – den Verein in Kürze übernehmen. Massimo Cellino verzichtet dabei auf jeglichen Profit beim Verkauf des Vereins. Die besten Nachrichten seit vielen Monaten, eine Chance auf die viele Fans lange gewartet haben. Denn so ein verrückter Kerl Massimo Cellino auch ist, ist er ein aufrichtiger Typ, der die Fans sicherlich nicht über den Tisch ziehen wird. Dennoch wird die Übernahme des Vereins viel Geld erfordern, aber Leeds ist verrückt, so auch seine Fans. Sogar ich bin am Überlegen Shareholder zu werden.

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