Señor Raúl sagt ¡adiós!

Er kann auf 21 Jahre Profikarriere zurückblicken, brach bei Real Madrid zahlreiche Rekorde und stellte neue auf, an die zuvor noch nicht einmal jemand gedacht hatte. Nun, im stolzen Alter von 38 Jahren, hat Raúl González Blanco, die ewige Nummer sieben, sein Karriereende verkündet. „Fußball zu spielen war so lange ein Teil meines Lebens und der Entschluss zum Rücktritt ist kein einfacher, aber ich glaube, dass es der richtige Zeitpunkt ist“, lässt er sich auf der Vereinshomepage seines aktuellen Vereins New York Cosmos zitieren.

Dass er, Raúl, wohl jedem Madridista als Idol taugen würde, war vor 30 Jahren noch nicht zu erahnen. „Mein erster Name als Fußballer war ‚Dani’. Auf meinem Spielerpass trug ich eine Brille und mir blieb keine andere Wahl als mein Geburtsdatum zu fälschen, um mitspielen zu dürfen.“ Später musste er wegen einer Verletzung am rechten Fuß umsatteln, trainierte eifrig seinen linken, mit dem er später unzählige Traumtore für die Königlichen erzielen sollte. Und das, obwohl er in der Jugend zunächst für den ewigen Rivalen auf Torejagd ging und erst mit 15 von Atlético, dem Lieblingsverein aller Familienmitglieder, zu Real wechselte.

Für Raúl lief es bei den Colchoneros zwar prächtig, doch wegen finanzieller Probleme musste man 1992 nahezu den kompletten Unterbau einstampfen. Trotz aller persönlicher Befindlichkeiten schien Real in Anbetracht der Situation letztlich die beste Option, um den Weg zum Profi in der spanischen Hauptstadt fortzuführen.

Und einmal im Profiteam angekommen, gab es ab 1994 kein Zurück mehr. Über 16 Spielzeiten lang war er aus dem weißen Dress nicht wegzudenken, stieg mit 741 Spielen zum Rekordspieler auf. Zum Stichtag des verkündeten Karriereendes ist er noch, gleichauf mit Cristiano Ronaldo, mit 323 Treffern der beste Torschütze des Vereins. Neben den persönlichen Erfolgen stehen unter anderem sechs spanische Meisterschaften und drei Champions-League-Titel zu Buche. „Er ist der Spieler, der die Werte, die diesen Klub so groß gemacht haben, am besten repräsentiert“, fasste es Emilio Butragueño, eine weitere Real-Legende, einmal treffend zusammen.

Symptomatisch dafür war bereits sein Debüt am 29. Oktober 1994 beim Gastspiel in Zaragoza. Die Königlichen unterlagen mit 2:3 und der Jungspund ließ gleich zwei Großchancen liegen. Doch die Tageszeitung „El Mundo“ stimmte am nächsten Tag sogleich eine erste Lobeshymne an.

„Raúl, gerade einmal 17 Jahre alt, aber mit großem Talent gesegnet, ließ zahlreiche Facetten aufblitzen, die ihn zu einer Größe im Fußball machen werden.“ – El Mundo

Der Schein sollte nicht trügen, denn schon in der Folgewoche verlebte er im Santiago Bernabéu einen ersten legendären Abend, von denen im Laufe der Jahre noch viele folgen sollten. Zu Raúls Heimdebüt gab sich, wie hätte es anders sein können, Atlético Madrid die Ehre. Mit einem herausgeholten Elfmeter, einer Vorlage sowie seinem ersten Treffer stellte er den Familienfrieden auf eine harte Probe und begeisterte beim 4:2-Sieg erstmals sein neues Publikum.

Mit diesem Auftritt konnte Raúl vielleicht seinen Ex-Klub überraschen, die eigenen Teamkollegen wussten zu diesem Zeitpunkt bereits, was vom Neuen in ihren Reihen zu erwarten war: „Beim ersten Training guckten wir uns in der ersten Viertelstunde an und sagten uns ‚du meine Güte, was uns da bevorsteht! Das ist der Wahnsinn!’“, weiß Fernando Hierro noch heute lebhaft zu berichten.

Die hohen Erwartungen stellten für Raúl in den kommenden Jahren kein Hemmnis dar. Ganz im Gegenteil. Schnell avancierte er zum Stammspieler und behielt diese Rolle über eine gefühlte Ewigkeit. Ob Trainerwechsel, teure Stars, die Ära der Galaktischen. Nicht nur um die Jahrtausendwende war Real Madrid stets im Wandel und fand in Raúl eine seiner wenigen Konstanten. „Einen Spieler, wie ihn jeder Verein braucht“, adelte ihn einst Kaiser Franz Beckenbauer.

So schillernd seine Erfolgsgeschichte auch ist, eine kleine Kerbe lässt sich in der langen Karriere dann doch finden: Für die spanische Nationalmannschaft hat Raúl 102 Spiele absolviert und dabei 44 Treffer erzielt. An sich eine stolze Bilanz. Läge das Datum seines letzten Einsatzes nicht auf dem 06. September 2006 und damit vor Beginn der goldenen Epoche der „Selección.“

Im Anschluss an ein blamables 2:3 in Nordirland verzichtete der damalige Nationaltrainer Luis Aragonés fortan auf die Nominierung Raúls, auch wenn der in Madrid weiterhin zu den besten Torschützen gehörte. Die Diskussionen um das Thema wollten lange nicht abebben und wurden im Vorfeld der Europameisterschaft 2008 noch einmal verschärft. Aragonés wollte lange nicht verraten, ob er den Routinier nun noch einmal mitnehmen werde oder nicht, entschied sich letztlich aber dagegen. Offiziell aus Leistungsgründen, doch das angespannte Verhältnis zwischen beiden sowie die Angst des Trainers, Raúl könne im Mannschaftskreis für schlechte Stimmung sorgen, beeinflussten die Entscheidungsfindung maßgeblich.

Zwei weitere Jahre schnürte er im Anschluss noch für Real Madrid die Schuhe, ehe er seinen Rekord bei 741 Spielen beließ. Der „beste spanische Fußballer aller Zeiten“, wie Pep Guardiola einst anerkannte, wechselte zu Schalke in die Bundesliga, später nach Katar und zum Abschluss nach New York. Drei Stationen, bei denen er noch einmal glänzte, die Fans begeisterte, Spuren hinterließ. Doch jetzt, nach einer kleinen Weltreise, zieht es Raúl González Blanco, die ewige Nummer sieben, zurück in bekannte Gefilde.

„Es war eine mutige Entscheidung, aber es ging auch um einen Spieler, der sehr mutig war,“ erinnert sich Jorge Valdano, der Raúl als 17-Jährigen bei Real debütieren ließ, rückblickend. Nun, 21 Jahre später, schließt sich der Kreis. Er wolle sich in den kommenden Monaten überlegen, was der nächste Schritt in seiner Karriere sei. Eine Rückkehr nach Madrid, die alte Heimat, scheint dabei unausweichlich. Vielleicht auch, um dort als Trainer irgendwann selbst mutige Entscheidungen treffen zu können.

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