Silvio Berlusconi: Der große Macher verkauft den AC Mailand

Nach zähen Übernahmeverhandlungen gehört der AC Mailand seit vergangener Woche einem chinesischen Investor. Ohne politische Ambitionen hat der Klub für Berlusconi keinen Mehrwert mehr. Früher diente er ihm als beste PR-Maschine Italiens. Von Thomas Hürner

Das “Derby della Madonnina” am vergangenen Wochenende war in vielerlei Hinsicht ein Novum. Nicht, weil der AC Mailand in einer bereits verloren geglaubten Partie in der 97. Spielminute noch den 2:2-Ausgleich schaffte. Im altehrwürdigen Giuseppe Meazza-Stadion durften die Tifosi bereits Fußballschlachten mit allerlei Wendungen bestaunen.

Das Spiel wurde zum ersten Mal bereits um 12.30 Uhr angepfiffen. In Italien wird jede Woche um diese Zeit gespielt, doch Inter gegen den AC Mailand gab es noch nie neben Pasta und Espresso zum Mittagessen. Es ist die Prime Time im chinesischen Fernsehen, nur mit Zuschauern aus dem fernen Osten ließ sich die Rekord-Einschaltquote von 862 Millionen weltweit realisieren.

Doch nicht nur die Anstoßzeit ist mittlerweile fest in chinesischer Hand. Inter ist bereits seit vergangenem Sommer im Besitz des Einzelhandelsriesen Suning, der innerhalb eines Jahres mehr als eine Milliarde Euro in den Fußball investiert hat und auch als strategischer Partner der Fußball Bundesliga im Gespräch ist. Nun veräußerte Silvio Berlusconi seinen AC Mailand für 520 Millionen Euro an den chinesischen Broker Yonghong Li, in Italien einfach nur Mr. Li genannt, und seine dubios anmutende Investorengruppe Rossoneri Sport Investment Lux.

Der Verkauf stand bis zuletzt auf der Kippe, weil Mr. Li die erforderlichen Gelder nicht aufbringen konnte. Dann sprang die Elliott Management Corporation ein. Der Hedgefonds aus New York steuerte die für die Übernahme fehlenden 300 Millionen Euro bei. Die Investorengruppe um Mr. Li muss dieses Darlehen innerhalb von 18 Monaten zurückzahlen, andernfalls könnten die Eigentümer des AC Mailand schon bald wieder wechseln.

Über Mr. Li ist weder in Italien, noch in China viel bekannt. Der 48-Jährige soll ein geschätztes Vermögen von 500 bis 600 Millionen Dollar haben und sein Geld vor allem mit Phosphat-Minen und Immobilien verdienen. Für den neuen Milan-Präsidenten ist die Marschroute jedoch klar: “Wir müssen Milan wieder an die Spitze bringen“, sagte er bei der offiziellen Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag.

Dort stand der italienische Traditionsklub über viele Jahre. Und das war der Verdienst Silvio Berlusconis. Dabei wurde der Medienmogul zunächst belächelt, als er nach der Übernahme im Jahre 1986 die Mannschaft per Hubschrauber ins Stadion einfliegen ließ und ankündigte, aus dem AC Mailand “die beste Mannschaft der Welt” zu machen. Weil Berlusconi es gerne pompös mag, liefen im Hintergrund Klänge von Richard Wagner.

Doch der heute 80-Jährige hatte nicht zu viel versprochen, unter seiner Regentschaft war der AC Mailand lange Zeit die dominierende Kraft im europäischen Vereinsfußball und gewann in etwas mehr als 30 Jahren 28 Titel. Vor Berlusconi musste der Klub in den 80er-Jahren zwei Mal den Gang in die Serie B antreten, war im landeseigenen Wettskandal verwickelt und pleite.

Der Verkauf sei nun ein letzter Akt der Liebe, aber “nach 30 Jahren Kaviar und Champagner sowie mehr als einer Milliarde persönlicher Aufwendungen” bleibe keine andere Wahl, um die Konkurrenzfähigkeit des Klubs zu garantieren, sagte Berlusconi. Seine medial aufgeblasene und über die eigenen TV-Kanäle vorgetragene Liebe zum AC Mailand gilt heute aber als Kalkül. Mit den sportlichen Triumphen stieg parallel die politische Stahlkraft Berlusconis. Die italienische Bevölkerung sah einen Mann, der sich sein eigenes Medienimperium aufgebaut hat, lächelnd mit Silberware posierte und es schließlich vier Mal zum Ministerpräsidenten schaffte. Erfolg macht eben sexy.

“Ich will aus Italien das machen, was ich aus Milan machte”, kündigte Berlusconi an, als er in die Politik wechselte. Und die Italiener glaubten ihm. Er bewies, dass er nicht nur Unternehmer war, sondern in der Welt des Fußballs auch ein Visionär. Quasi als erste Amtshandlung ernannte er den ehemaligen Antennenhändler Adriano Galliani, der zuvor in Berlusconis TV-Imperium sein Geschick zeigte, zum Fußball-Bevollmächtigten des AC Mailand. Bis zum Schluss blieb Galliani ein enger Vertrauter des Medienmoguls. Nicht zuletzt, weil er parallel im italienischen Fußballverband mitwirkte und so für den ein oder anderen Interessenskonflikt sorgte.

Überraschend berief Berlusconi dann den ehemaligen Schuhhändler Arrigo Sacchi zum neuen Trainer. Ein Novize, der kein besonders begabter Spieler war und in Italien zu jener Zeit als Spinner und Besserwisser galt, weil er allen erklären wollte, wie Fußball funktioniert. Sacchi sollte als Taktik-Revolutionär in die Geschichte eingehen, nie zuvor spielte eine Mannschaft derart schönen und erfolgreichen Offensivfußball.

Dank Berlusconi war der AC Mailand auch individuell das Maß aller Dinge, er verpflichtete Weltstars wie die drei Holländer Van Basten, Gullit und Rijkaard aus eigener Tasche. Der Kopf hinter diesen Transfers war sein stiller Berater Ariedo Braida. “Als Berlusconi mich 1986 anrief, bin ich trotz Schneesturm mit dem Auto von Udine nach Mailand gefahren. Ich wusste, dass wir etwas großes schaffen würden”, sagte Braida später einmal. Im Jahr 2013 verließ er den Klub im Zwist mit Berlusconi, seither fehlt dem AC Mailand ein kreativer Talentsucher.

Als Sacchi in seiner Perfektionswut zu nerven begann, wurde er durch Fabio Capello ersetzt. Ein weiterer Debütant, allerdings im Gegensatz zum Vorgänger rational und verschlossen. Die Mannschaft blieb in der gesamten Saison 91/92 ungeschlagen, der Mythos der “Invicibili”, der Unbesiegbaren, war geboren. Als der AC Mailand im Champions League-Finale 1994 Johann Cruyffs FC Barcelona mit 4:0 aus dem Athener Olympiastadion fegte, hatte Berlusconi drei Europapokale und vier nationale Meisterschaften gewonnen.

Berlusconi war nun am Höhepunkt seiner Popularität. Noch im selben Jahr wurde er zum ersten Mal italienischer Ministerpräsident. Dieses Schema sollte sich wiederholen, immer wenn der Klub im europäischen Glanz erstrahlte, bestimmte Berlusconi mit seiner Bürgerbewegung “Forza Italia” die Agenda des Landes. Die Partei benannte er nicht zufällig nach einem Schlachtenruf aus dem Fußballsport. “Vorwärts Italien” durften die Wähler auch beim Siegeszug des AC Mailand bestaunen.

Nach einer sportlichen und politischen Durstrecke intensivierte der Politiker zur Jahrtausendwende wieder seine Investitionen in den AC Mailand. In den Folgejahren gewann der Klub unter Carlo Ancelotti zweimal die Königsklasse und verlor das legendäre Endspiel von 2005 in Istanbul unglücklich im Elfmeterschießen. Das beste PR-Instrument Italiens war wieder erfolgreich, Berlusconi zum zweiten und dritten Mal Ministerpräsident.

Der Rechtspopulist verstand es stets, sich selbst und seine Politik durch den Fußball zu mystifizieren. Staatsgäste lud er zu sich auf die Ehrentribüne ein, die wirtschaftliche Lähmung seines Landes verschleierte er im Glanz des Klubs. Nach zahlreichen privaten Skandalen und einer Verurteilung wegen Steuerbetrugs, ist Berlusconis politische Karriere nun aber vorbei. Im Jahr 2011 dankte er als italienischer Ministerpräsident ab. Es ist gleichzeitig das Jahr des letzten Meistertitels des AC Mailand, dessen Fans nun auf das Wohlwollen der chinesischen Investoren hoffen dürfen.

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