Spanien einen Monat nach der WM – Kommt der Umbruch?

Trainerlegende Vicente del Bosque hat mit dem spanischen Nationalteam aufeinanderfolgend zwei Europameisterschaften und eine Weltmeisterschaft gewonnen. Das stimmt zwar nicht, hört sich aber gut an. Und wenn das ein deutscher TV-Kommentator so dahersagt, zur Verteidigung eines großen Trainers, dessen Team gerade seine WM-Vorrunde ziemlich versiebt, dann kommt es doch auf eine EM mehr oder weniger nun wirklich nicht an. Doch bei genauerem hinsehen macht diese eine EM doch einen gewaltigen Unterschied aus.

Blick in die Vergangenheit

Wir schreiben das Jahr 2008, Fußball-EM in Österreich und der Schweiz. Es gibt eine ganze Reihe an potentiellen Titelfavoriten. Spanien gehört nicht dazu. Niemand, wirklich niemand hatte die Furia Roja zu diesem Zeitpunkt auf dem Zettel. Gute Spieler hatte sie, ja, aber bei großen Turnieren hatte man zuletzt nie eine große Rolle gespielt. Doch dieses Jahr überraschte und begeisterte das Team des inzwischen verstorbenen Luis Aragonés ganz Europa. Der Gran Señor des spanischen Fußballs lies seine Elf einen Kurzpass-basierten Fußball zelebrieren, dessen Kombinationsspiel sich um die beiden Barca-Stars Xavi und Iniesta drehte – und das bevor Pep Guardiola auch nur eine Trainingseinheit mit dem Team der Blaugrana absolviert hatte. Dieser damals innovative Fußball wurde weithin gefeiert, die französische L’Equipe titelte gar „Das ist die Mannschaft, die den besten Fußball seit langem spielt“. Nach dem Triumph trat Aragonés zurück, aus gesundheitlichen Gründen, und mit del Bosque übernahm der nächste, der schon auf reichlich Erfahrung als Trainer im spanischen Clubfußball zurückblicken konnte.

Del Bosque knüpfte an das ballbesitzorientierte Spiel seines Vorgängers an und lies lediglich etwas vorsichtiger agieren. Bei der WM 2010 in Südafrika war Spanien der große Favorit und konnte den Titel letztlich verdient nach Hause bringen, auch wenn man nicht ganz so berauschend agierte wie zwei Jahre zuvor. Doch das Kombinationsspiel funktionierte, die Defensive stand sicher und vorne Traf Starstürmer David Villa nach Belieben, der erste Weltmeistertitel in der Geschichte Spaniens war die logische Folge.

Nächster Sprung, 2012, EM in Polen und der Ukraine. Wieder ist Spanien der große Favorit, auch wenn es schon einige Stimmen gibt, die die Frage stellen, ob die Spieler vielleicht „satt“ seien. Del Bosque nimmt den beinahe identischen Kader mit in den Osten wie zwei Jahre zuvor, David Villa fällt allerdings mit einem Schienbeinbruch aus. Mehr noch als 2010 tut man sich schwer Chancen herauszuspielen. Defensiv ist man weiterhin sehr souverän, doch nach vorne ist man abhängig von den Geistesblitzen eines Mannes. Bis zum insgesamt starken Finale gab es kaum Aktionen, die nicht von Andrés Iniesta ausgingen. Frankreich stellte im Viertelfinale gar das einzige Mal im Turnier zwei Rechtsverteidiger auf, um der starken Angriffsseite der Spanier Herr zu werden, doch Iniesta spielte groß auf, schwang sich zum überragenden Spieler des Wettbewerbs auf und führte sein Team zum nächsten Titel.

WM 2014, Brasilien, nahezu selber Kader, nahezu selbe Aufstellung, selbe Ausgangslage sowie selbe Herangehensweise, doch anderes Resultat. Die personell kaum veränderte Defensive um die Doppelsechs Alonso-Busquets, die Innenverteidigung Pique-Ramos und Keeper Iker Casillas, die die beiden Titel unter del Bosque erst möglich gemacht hatte, zeigte dieses mal enorme Schwächen. Vorne wartete man erneut auf Iniesta, der im letzten Gruppenspiel gegen Australien, als es bereits zu spät war, auch alle drei Tore einleitete, doch zuvor blieb er blass. Lediglich einen genialen Pass gab er in diesen beiden Spielen, die Chance aufs 2-0 gegen die Niederlande vergab David Silva kläglich. Von da an lief nichts zusammen, Stürmer Diego Costa blieb isoliert und gegen eine ständige gegnerische Überzahl auf verlorenem Posten und man konnte kaum Gefahr für die gegnerischen Abwehrreihen erzeugen. Schon nach zwei Spielen war das Vorrundenaus besiegelt.

Dass so ein klägliches Ausscheiden nach so einer Erfolgsgeschichte nicht ohne Konsequenzen bleiben kann versteht sich und so wurden bald Rufe nach einem Umbruch laut. Die Generation der Welt- und Europameister sei in die Jahre gekommen, jetzt müssten neue, junge Spieler ihre Chance erhalten. Vollziehen soll diesen Umbruch nun tatsächlich Vicente del Bosque.

Zur Trainerperson Vicente del Bosque

Nach der WM veröffentlichten die großen Sportzeitungen der spanischen Hauptstadt bald Umfragen, in denen sich eine große Mehrheit der Leser gegen ein weiteres Engagement von del Bosque aussprach. Das mag insofern verständlich sein als Kontinuität, eine der Lieblingstugenden von del Bosque, nicht unbedingt als beste Voraussetzung für einen Umbruch gilt. Wenn man die 23-Mann Kader von 2014 und del Bosques erstem großem Turnier von 2010 vergleicht, findet man genau 7 Änderungen, von denen 3 durch Rücktritte und 2 durch Verletzungen quasi erzwungen waren. Besonders extrem deutlich wird dies auf der Torhüterposition, wo er stets auf die gleichen drei Spieler setzte, wohl wissend, dass Casillas, Valdés und Reina diesen Sommer bereits alle die 30 überschritten hatten und es dem seit Jahren als Nachfolger feststehenden Nachfolger de Gea sicherlich nicht schaden würde, zumindest als dritter Keeper mal mit dem Nationalteam unterwegs zu sein. Möglich wurde ihm dies letztlich nur durch die Verletzung von Valdés, aber man muss sich mal vorstellen, dass ein Spieler, auf dem in ein par Jahren die gesamten Hoffnungen Spaniens auf der Torhüterposition liegen werden (denn eine Alternative ist zumindest in näherer Zukunft nicht in Sicht), bis dahin gerade mal ein Länderspiel gemacht haben könnte und das auch nur für 7 Minuten, in einem Testspiel gegen El Salvador.

Während sein Vorgänger Aragonés den Umbruch 2008, vor dem ersten großen Triumph, vollzog und unter anderem Nationalheld Raúl aussortierte, lies del Bosque den Kern seines Teams während der letzten 5 Jahre praktisch unverändert. Dennoch stellten sich die spanischen Verbandsoberen hinter ihn, vertrautem ihn den „Umbruch“ an, mit welchem er die Auswahl in Hinblick auf die EM 2016 neu aufstellen soll. Wenn man sich die Frage stellt, wie dieses Team unter del Bosque bis dahin aussehen wird, muss man sich mit einigen weiteren Besonderheiten des Trainers Vicente del Bosque beschäftigen.

Es ist ein von Trainern häufig gesagter Satz ist, dass sie nicht die 11 besten Spieler aufstellen wollen, sondern die 11 Spieler, die das beste Team ergeben. So lies beispielsweise bei der vergangenen WM Frankreichs Trainer Laurent Blanc City-Star Samir Nasri zu Hause. Spricht jedoch Vicente del Bosque über diesen Zusammenhang, so geht es ihm nicht um die sportlich beste Zusammenstellung, sondern um die harmonischste. Wenn es neben Kontinuität einen weiteren Begriff gibt, um del Bosques Tätigkeit als Coach der Selección zu beurteilen, dann ist es wohl der der Harmonie. Und damit war er wohl durchaus der richtige Mann am richtigen Platz.

Spätestens nach 2010 sah sich del Bosque vor ein Problem gestellt. Er wusste, dass er eine Vielzahl von weit mehr als Elf herausragenden Spielern zur Verfügung hatte, die zusammen unter Umständen das beste Nationalteam der Welt formen konnten. Gleichzeitig wusste er, dass er ein äußerst labiles Gerüst zu behüten hatte, denn mit der Ankunft Mourinhos als Trainer von Real Madrid 2010 näherten sich die Spannungen zwischen den Beiden großen Rivalen des spanischen Fußballs einem neuerlichen Höhepunkt. In dem Wissen, dass ein beträchtlicher Teil seiner Spieler bei einem dieser beiden Clubs unter Vertrag stand, galt del Bosques äußerste Sorge der Bewahrung des Gleichgewichts der beiden Gruppen. Da der FC Barcelona zu diesem Zeitpunkt den Vereinsfußball dominierte und dabei außerdem erheblich mehr Spanier einsetzte als der Rivale aus der Hauptstadt war das Gleichgewicht allerdings de facto einigermaßen ungleich. Für del Bosque war die logische Folge eine quasi Stammplatzgarantie für die Akteure aus Madrid. Immerhin hatten die Weißen mit Iker Casillas den besten Torhüter der Welt unter Vertrag, ebenso wie Sergio Ramos, der damals gerade zum Innenverteidiger umgeschult wurde und dessen Wichtigkeit auf dieser Position gerade nach dem Abgang Puyols enorm war. Auch wenn beide bei der WM 2014 einen äußerst schwachen Eindruck hinterließen, muss klar sein, dass ohne die beiden die Chancen auf die beiden Titel unter del Bosque deutlich geringer gewesen wären. Andere Personalien waren da schon deutlich kontroverser.

Alvaró Arbeloa war Nachfolger von Ramos als Rechtsverteidiger und defensiv solide. Dass er nach vorne regelmäßig nichts zu Stande brachte und die Gegner ihm im Wissen darum schon absichtlich viel Platz ließen, nahm man in Kauf, zumal die wirklich überragende Alternative zu dieser Zeit fehlte. Es benötigte ein Confed Cup-Finale, in welchem er von Neymar nach allen Regeln der Kunst schwindlig gespielt wurde, so wie den Verlust seines Stammplatzes bei Real Madrid in der Saison danach, damit Arbeloa zu dem wurde, was er nun ist: Der einzige Spieler in der bisherigen Amtszeit del Bosques, dem dieser freiwillig seinen Stammplatz entzogen hat.

Eine noch weitaus kontroversere Situation ergab sich allerdings davor, wo del Bosque Xabi Alonso in das ansonsten von Spielern des FC Barcelona dominierte Mittelfeld einsetzte. Da der Coach allerdings auch keinen der Prominenten Akteure aus dem Barca-Trio auf die Bank setzen wollte, entstand hier eine Überbesetzung, deren Problematik sich schon am Aspekt der Positionierung zeigt. Sowohl Sergio Busquets als auch der Xabi Alonso der letzten Jahre agierten in ihren Vereinen als tiefster Spieler vor der Abwehr. Busquets als 6er in einem Dreiermittelfeld, Alonso unter Ancelotti ebenda und zuvor als absichernder Part der Doppel-6 neben dem oft aufrückenden Sami Khedira. Nun, da sie beide zusammen spielten, mussten sie sich auch in höhere Zonen vorwagen, wozu Alonso in der Zwischenzeit die Grundschnelligkeit sowie auch die Ballsicherheit fehlen, wohingegen Busquets zwar auch in höheren Zonen Ballsicherheit gewährleisten kann, für das Vorwärtskommen von Angriffen in der Regel aber keine große Hilfe ist.

Zusätzlich zu den beiden kam nun Xavi Hernández, neben Pirlo ein Prototyp eines tiefliegenden Spielmachers, der sich die Bälle gerne auch aus der eigenen Abwehr abholt und verteilt. Nur dass nun so langsam kaum noch jemand übrig blieb, der mit den verteilten Bällen dann auch etwas anfangen konnte ohne gänzlich auf sich allein gestellt zu sein. Xavi selbst hat sein bestes internationales Turnier wohl 2008 bestritten. Luis Aragones lies ihn in damals in seiner Paraderolle auflaufen, mit Marcos Senna als genau einem absicherndem 6er hinter sich. Damals wurde er zum Spieler des Turniers gewählt. Von del Bosque in die Rolle einer „10“ gedrängt, die er nie wirklich war, konnte er diese Leistung nicht wiederholen. Während das System 2010 noch recht gut aufging und ein Xavi auf dem Höhepunkt seiner Karriere auch diese Rolle zufriedenstellend ausführen konnte, war er 2012 schon weit hinter den Erwartung zurück und spielte ein bis auf das Finale allenfalls durchschnittliches Turnier. Es hat einen Sinn, dass Mittelfeldspieler mit zunehmendem Alter immer tiefere Positionen spielen, da muss man nur mal Ryan Giggs oder Paul Scholes fragen. Auch Xavi hatte schon 2012 ein wenig an Spritzigkeit und Sprintschnelligkeit eingebüßt und war in dieser Rolle eigentlich nicht die Optimalbesetzung. 2014 erkannte del Bosque dies und nahm ihn nach dem Holland-Debakel aus dem Team. Das 1:5 war das letzte Länderspiel seiner großen Karriere, auch wenn es ein recht unwürdiges Ende war: er trat am 5. August zurück. Auf seiner Stammposition wurde er von del Bosque während dessen Amtszeit in keiner einzigen großen Partie eingesetzt.

Nun muss man Bedenken, dass bei aller Kontinuität und Harmonie, die sicherlich ihren Teil zur Mittelfeld-Situation beigetragen haben mögen, auch die Stabilität einer der Grundbegriffe von del Bosques Arbeit war. Mit dieser defensiven Stabilität, die die oft kritisierte Doppel-6 Busquets-Alonso bringen sollte, rechtfertigte er seine Aufstellung auch 2012, als sich das Tiki-Taka, das zunächst als mitreisendes Angriffsspiel konzipiert war, immer mehr zum Ballgeschiebe und „Verteidigen durch Ballbesitz“ entwickelte und der Erfolg gab ihm Recht. 2014 stürzte dieses Abwehrkonstrukt in sich zusammen, was übrig blieb, war nicht gerade viel.

Gelegentlich begab es sich unter del Bosque, dass man fast das Gefühl hatte, die Spieler bereiteten sich schon darauf vor, den nächsten Konter abzufangen, anstatt sich am Vortragen eines Angriffs zu beteiligen. Als die deutschsprachige Presse 2014 einen Abgesang auf das Tiki-Taka schrieb, war sie einige Jahre zu spät. Mit dem Fußball von Aragonés oder dem der Hochzeit von Guardiolas Barcelona hatte dieses Spiel schon länger nichts mehr zu tun. Das ist der Unterschied, den der eine Titel von 2008 zu den tatsächlichen Triumphen von del Bosque macht.

Blick in die Zukunft

Statt mich in der Einzelkritik der Spieler zu ergehen, wie ich das nach enttäuschenden Leistungen so gerne mache, will ich nun lieber versuchen, einen Blick in die nähere Zukunft zu werfen, auf ein Team, wie es 2016 in Frankreich auflaufen könnte. Zu diesem Zweck eine kleine Konversation, wie ich sie so oder so ähnlich bereits mehrfach geführt habe (und nein, das ist nicht wörtlich):

„Irgendwann musste diese erfolgreiche Phase der Spanier ja mal zu Ende sein“

„Die Phase ist keinesfalls vorüber, die Spanier waren in den letzten Jahren auch im Jugendbereich die dominanteste Nation in Europa“

„Warum haben die Spanier dann so schlecht gespielt?“

Nun, warum nur? Zum einen hat von diesen jungen Spielern ja kaum jemand gespielt. Zum anderen ist auch fraglich, ob sie es wirklich besser gemacht hätten. Dabei muss man bedenken, dass in den Jugendturnieren normalerweise ein bis maximal zwei Jahrgänge aufeinandertreffen, also nur eine recht geringe Anzahl an Spielern für jede Position in Frage kommen. Eine hohe Anzahl an ausgeglichen talentierten Spielern ist hier also von Vorteil, doch nur ein Bruchteil davon ist auch Material für die A-Nationalmannschaft. Es sind nur die herausragenden Spieler eines Jahrgangs, vielleicht 2-3, denen wirklich eine Nationalelfkarriere bevorsteht. Und den ein oder anderen davon werden wir sicherlich bald zu sehen bekommen.

Der nächste Maestro

Thiago Alcántara wird den meisten Lesern ein Begriff sein. Vergangenen Sommer seinem ehemaligen Trainer Guardiola nach München gefolgt, hat er sein enormes Potential dort bereits andeuten können. Thiago war Spielmacher und zentrale Figur der spanischen Auswahlen, die die letzten beiden Titel bei der U21-EM holten. 2013 führte er sein Team als Kapitän aufs Feld und wurde zum Spieler des Turniers gewählt, doch schon 2011 stach er aus einem Team heraus, in welchem unter anderem Javi Martinez, Juan Mata und Ander Herrera aufliefen. Sehenswert auch das Freistoßtor, mit welchem er damals im Finale gegen die Schweiz den künftigen Gladbacher Keeper Yann Sommer aus mehr als 30 Metern überwand.

Neben Thiagos außergewöhnlicher Technik ist es vor allem die taktische Intelligenz, die ihn auszeichnet. Er ist auch ohne Ball immer in Bewegung, stets anspielbar und bereit, den Ball sofort wieder zu verteilen – kurz, der perfekte Nachfolger für Altmeister Xavi, wenn schon nicht in Barcelona, dann doch wenigstens im Nationalteam. Seine Torgefährlichkeit, auch aus der Distanz, hat Thiago bereits mehrfach unter Beweis gestellt, die Kunst des Dribblings ist dem Sohn brasilianischer Eltern, geboren in Italien und aufgewachsen in Spanien, mehr als geläufig und auch für „Drecksarbeit“ ist er sich nicht zu schade und kann im Defensivzweikampf durchaus auch mal hinlangen.

Die Verspieltheit, 2011, als er gefühlt 90% seiner Pässe mit dem Außenrist spielte, noch seine größte Schwäche, hat er längst abgelegt. Was ihm in La Roja jedoch ähnlich wie in Barcelona Schwierigkeiten bereiten könnte, ist die Notwendigkeit, eine dominante Rolle im Spiel einzunehmen, um wirklich zu voller Stärke aufzublühen – nicht ganz einfach, wenn man Spieler wie Busquets und Iniesta um sich hat, die älter, erfahrener und mit mehr Titeln dekoriert sind und die vor allem schon deutlich länger einen Stammplatz im Team haben. Bei der WM 2014 fehlte Thiago noch verletzungsbedingt. Seine Abwesenheit nutzte Atleticós Koke und sorgte für das in diesem Moment dringend benötigte frische Blut im Mittelfeld. Es wird interessant zu sehen, ob und wie nun Thiago in seine angestammte Rolle hineinwachsen wird.

El Clásico 1 – Angriff

Real Madrid gegen den FC Barcelona – schon während ihrer Jugendlaufbahn galten die beiden Flügelstürmer Jesé Rodríguez und Gerard Deulofeu als große Hoffnung ihres jeweiligen Teams – und in den Nationalauswahlen trotz klarer Stammplätze häufig eher als Konkurrenten denn als Mitspieler. Der U19-Jahrgang von 2012 um diese beiden Shooting-Stars war die wohl „unspanischste“ spanische Auswahl der letzten Jahre. Während man bei den Großen sowie bei den übrigen Jugendteams klar auf dominanten Ballbesitzfußball setzte, gewann dieses Team die U19-EM in Estland – mit einem Durchschnittswert von unter 50% Ballbesitz. Ohne die passenden Mittelfeldakteure für ein dominantes Kombinationsspiel und im Wissen um zwei pfeilschnelle wie dribbelstarke offensive Individualkünstler lies Trainer Lopetegui tatsächlich Konterfußball spielen. Das System ging auf, Jesé traf 5 mal, Deulofeu steuerte 2 Tore und 3 Vorlagen bei und der Pokal blieb in spanischen Händen.

Während Deulofeu vergangene Saison beim FC Everton in der Premier League Erfahrung sammeln durfte, war Rodríguez bereits ein fester Teil der ersten Mannschaft von Real Madrid, wo er schon in seiner ersten Saison zu begeistern wusste. Er hätte vielleicht sogar Chancen auf eine WM-Teilnahme gehabt, doch ein Kreuzbandriss stoppte ihn und so durfte nur Deulofeu die Vorbereitung mit der Selección absolvieren – für ein Ticket nach Brasilien reichte es für ihn jedoch letztlich nicht.

Insgesamt ist der Katalane im Direktvergleich der noch etwas dribbelstärkere und wendigere Spieler, während Jesé im Abschluss stärker einzuschätzen ist, was ihm, angesichts der Situation im spanischen Sturm wohl einen Vorteil verschaffen dürfte.

El Clasicó 2 – Verteidigung

Eigentlich seit Sergio Ramos innen spielt ist die Rechtsverteidigerposition die Problemstelle im spanischen Team. Nach der Ausbootung Arbeloas nahm del Bosque Juanfran und Azpilicueta mit nach Brasilien – eine auch nur begrenzt mutige Entscheidung (zumal Azpilicueta , wenn auch nicht als Einziger, einigermaßen enttäuschte), denn die Zukunft gehört auch auf dieser Position einem Duo aus den Jugendschmieden der beiden großen Rivalen.

Eigentlich ist Martín Montoya seit langem der Kronprinz für diese Position. Obwohl ein Jahr jünger wurde er Azpilicueta in allen Jugendteams vorgezogen, wurde wie Thiago zweimal U21-Europameister und hätte sicherlich auch schon eine Rolle im Nationalteam gespielt – hätte er denn im Verein so etwas ähnliches wie einen Stammplatz sein eigen nennen können. Doch bei Barcelona setzten die Trainer der letzten Jahre immer wieder noch auf den Brasilianer Dani Alves, weshalb für Montoya nicht allzuviel Spielzeit übrig blieb.

Sein Konkurrent Carvajal hingegen galt zwar lange nicht als das große Talent, konnte jedoch in der vorletzten Saison wichtige Erfahrungen bei Bayer Leverkusen in der Bundesliga sammeln und schließlich in der vergangenen Saison bei Real Madrid Platzhirsch Arbeloa verdrängen und sich so in eine gute Ausgangsposition bringen. Sollte es Montoya nicht auf absehbare Zeit schaffen, sich bei Barca durchzusetzen, könnte er vielleicht der Nutznießer sein und sich im Hinblick auf 2016 mit Azpilicueta um den vakanten Platz duellieren.

Eine Idee des neuen Teams

Nach dem Schienbeinbruch von David Villa hatte das spanische Team plötzlich eine zweite große Baustelle. Zugegeben, mit Torres, Negredo, Soldado, Llorente hat Spanien eine Stürmerauswahl, auf die die eine oder andere große Fußballnation sicher neidisch wäre. Die absolute Weltklasse verkörpern diese Spieler jedoch nicht, beziehungsweise – im Falle von Torres und nach seiner Verletzung auch Villa – nicht mehr. Daran konnte auch Neu-Spanier Diego Costa nichts ändern, der bei der WM in seinem Heimatland ebenso wenig ausrichten konnte wie seine Kollegen. Als Lösung dieses Sturmproblems präsentiere ich – tada – die „falsche Neun“.

Um das klarzustellen, die „falsche Neun“ beinhaltet nicht, einen Mittelfeldspieler als Mittelstürmer aufzustellen. Wer zentral ganz vorne aufgestellt wird, spielt nunmal Mittelstürmer, egal ob er eigentlich im Mittelfeld zuhause ist oder in seinem früheren Leben Libero war. Die Entscheidung, beispielsweise einen Götze bei Deutschland oder wie 2012 Fabregas für Spanien in die Spitze zu stellen und dafür auf einen gelernten Mittelstürmer zu verzichten, ist eine reine Abwägung, etwas potentielle Torgefahr und Durchschlagskraft zu Gunsten von Beweglichkeit und Kombinationsstärke zu opfern. Dass der besagte Stürmer dabei auch mal auf den Flügel ausweicht oder sich fallen lässt ist im modernen Fußball eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die „richtige“ „Falsche Neun“ hingegen ist ein taktischer Kniff, der in allererster Linie den Gegner vor Zuordnungsprobleme stellen soll und beinhaltet, dass der nominelle Mittelstürmer eben nicht an vorderster Front agiert, sondern diesen Bereich weitgehend Mitspielern überlässt, die aus anderen Positionen dort hineinstoßen.

Mit Pedro und Jesé hätte Spanien die geeigneten Akteure, um vom Flügel genug Torgefahr auszustrahlen, um auf einen echten Mittelstürmer zu verzichten; Für die Rolle der „falschen Neun“ wäre wohl David Silva am geeignetsten.

Mit Hilfe der oben genannten neuen Akteure ließe sich so ein eher kleiner Umbruch vollziehen und eine meines Erachtens schlagkräftige Truppe für 2016 zusammenstellen. Die zentrumslastigen Flügelstrümer könnten von offensiven Außenverteidigern und den nach außen driftenden Silva und Iniesta ausgeglichen werden und das Spiel so für jeden Gegner schwer ausrechenbar machen.

aufstzukesp

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