Wenn Stefan Kießling am Samstag, den 12.05.2018, im Kader von Bayer Leverkusen steht, wird es sein letztes offizielles Pflichtspiel sein. Dies ist bereits seit Längerem klar kommuniziert worden: Nach dieser Saison ist Schluss.

Das Karriereende ist wohlüberlegt und gesundheitlich unausweichlich, zu sehr schmerzt die Hüfte. Zu einem Knorpelschaden gesellt sich eine Arthrose im Hüftgelenk. Doch dem neuen Lebensabschnitt kann Stefan Kießling erhobenen Hauptes entgegentreten. Der zweifache Familienvater blickt neben dem familiären Glück nicht nur auf eine ordentliche Vita zurück, sondern auch auf eine außergewöhnliche Verbindung zu seinem Verein und einer tiefen Verbundenheit zur Region.

 

Eine Karriere unter dem Bayer-Kreuz

In Leverkusen gilt „Kies“ nicht erst seit gestern in weiten Kreisen als Fußballgott – und das auch ohne einen Briefkopf voller Titel oder das Erreichen der absoluten Weltklasse. Aber Titel sind nun mal nicht alles im Sport. Seine Vereinstreue, Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit verhalfen ihm zu einem besonderen Status. Wenn auch nicht nur ausschließlich das, denn ein gutes Jahrzehnt war Stefan Kießling einer der besten Stürmer in Deutschland. Er war aber kein großer Showman oder Exzentriker, keiner der durch Skandale auffiel oder das Rampenlicht suchte.  Er hat Fußball eher gearbeitet und dabei immer vollen Einsatz gezeigt, zweikampfstark und im Dienste der Mannschaft.

Seit 16 Jahren ist er Profi. Seit 2002 und seiner ersten Station beim „Clubb“ in Nürnberg, wo er im Jahr 2003 das erste Mal Bundesliga-Luft schnuppern durfte. Wo er auch den Gang in die 2. Bundesliga machte und als Zweitliga-Meister wieder aufstieg, um später im Oberhaus durchzustarten und das Interesse vieler großer Vereine auf sich zog.

Entschieden hat er sich 2006 für Bayer Leverkusen und dort ist er, trotz zwischenzeitlicher Angebote und Verlockungen, geblieben und hat sich zum Publikumsliebling entwickelt. Auf seinem Weg ist er Nationalspieler geworden, war Torschützenkönig der Bundesliga (2013) und spielte mit Leverkusen im Konzert der Großen, in der Champions League. Er führte Bayer 2009 ins Pokalfinale, wo man Bremen unterlag. 2011 reichte es gar zu einer Platzierung vor Bayern München, wenn auch nur zur Vize-Meisterschaft hinter dem BVB aus Dortmund.

Beim Bundesliga-Spiel in Hoffenheim 2013 wurde er zum Phantomtor-Schützen. Dies war zwar nur eins seiner 144 Bundesliga-Tore, doch eines das dem Musterprofi öffentlich und medial einiges an Nebengeräuschen brachte. Freilich war er wenig verantwortlich dafür, doch wird diese Kuriosität für immer mit ihm verbunden sein. Dass sein Kopfball durch ein Loch im Netz neben dem Pfosten ins Tor gelang, war sicherlich ungeplant. Und wie der Ball den Ball Weg ins Tor findet, kann man im Eifer des Gefechts manchmal gar nicht selbst nachvollziehen. Dennoch fand er sich persönlichen Anfeindungen und zahlreichen Hass-Postings auf der Facebook-Seite ausgesetzt. Dies artete so sehr aus, dass er sich gezwungen sah, die Seite zu schließen. Sicherlich war dies eine der schwereren Zeiten für Kießling.

 

Kießling für Deutschland – nicht?!

„Kies“ gilt als Strafraumstürmer, als Torjäger und Vollstrecker – die klassische „Nummer 9“. Nun ist er zwar kein außergewöhnlich dynamischer Spieler – der lange Hüne hat in der Vergangenheit auch schon Mal die eigenen Fans zur Verzweifelung gebracht – doch schoss er am Ende immer seine Tore. Und wie man weiß, werden Stürmer eben daran gemessen.

Oder etwa nicht? Denn die Zahl der Länderspiele blieb bei 6 stehen. Bis zur WM 2010 gehörte er immer wieder zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Nachdem er nicht mit zur EM 2008 fahren durfte, erreichte er mit der Natze 2010 bei der WM Rang 3, kam aber auch nur als Ergänzungsspieler mit und wurde mit der Rolle nicht richtig glücklich.

Eine weitere Nominierung in der folgendenen EM-Qualifikation stand noch an, danach wurde er vom Bundestrainer nicht mehr eingeladen.

Joachim Löw setzte auf andere Spielertypen und spielte ein anderes System. Doch richtig verstehen wollte und konnte dies Fußball-Deutschland lange nicht.  Schließlich war er nicht nur Torschützenkönig, sondern eine Zeit lang auch der beste deutsche Torschütze. Und im Kader von Bundestrainer Löw war kein Platz für diesen? In einer Zeit, in der Spieler bei der Kader-Nominierung nicht mehr in Mittelfeld-Spieler und Stürmer unterteilt wurden, sondern nur noch von „Mittelfeld/Stürmer“ gesprochen wurde und Mario Götze die „falsche 9“ spielen musste?

Diese Diskussionen endeten auch nicht als Kießling sich öffentlich verständnisvoll  äußerte und einfach so weiterspielte wie immer. Auch weil es von Seiten des DFBs nicht klar kommuniziert wurde. So stand eine Nominierung für die Länderspiel-Reise in die USA im Sommer 2013 im Raum. Doch das Kapitel Nationalmannschaft war für den Stürmer beendet.

 

Verletzungssorgen und schwere Zeiten

Mehr Probleme machte ihm in den vergangenen Jahren dagegen eine hartnäckige Verletzung. Ein Knorpelschaden in der Hüfte zwang ihn ca 1.5 Jahre immer wieder zur Pause. Diese Verletzung läutete auch sein Karriere-Ende ein. Zusätzlich kam dies in eine Phase, als mit Chicharito bei Bayer ein neuer Torjäger aufblühte und Kießling der Anschluss schwerfiel. Es wurde wild über einen Wechsel oder ein vorzeitiges Ende seines Vertrags in Leverkusen spekuliert – doch das wäre nicht „Kies“-like gewesen.

Natürlich möchte jeder Fußballer auf dem Platz stehen. Verständlich, dass er in dieser Phase unter Roger Schmidt mit dem Gedanken spielte, sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Der Wechsel zu Hannover war bereits ausgehandelt. Doch wurde ihm erneut bewusst, was er an Leverkusen hatte und auch das Reservisten-Dasein nahm Kießling an. Diese Rolle akzeptierte er und füllt sie seitdem aus.

Er gibt nun seine Erfahrungen an junge Spieler weiter und ist auch außerhalb des Spielfeldes eine Identifikationsfigur für Bayer Leverkusen. So pusht er das Team und ist Sprachrohr und Ansprechpartner im Team.

Durch seine Verletzung wurde ihm das Karriere-Ende bereits länger vor Augen geführt. Doch darauf ist Stefan Kießling gut vorbereitet. Im Jahr 2017 schloss er an der ESM Academy in Nürnberg ein Fernstudium zum Sportmanager ab.

 

Abseits des Fußballplatzes

All das war damals noch nicht abzusehen, als er als Jugendspieler beim TSV Eintracht Bamberg vor der Wahl stand, den Profi-Weg einzuschlagen oder eine Koch-Lehre anzufangen. Es folgten der Wechsel zum 1.FC Nürnberg und die erfolgreiche Profi-Karriere. Dies stand jedoch nicht der Leidenschaft des Kochens im Weg.

So brachte Kießling 2013 ein Kochbuch („Erfolgsrezepte – Wie Sie mit ihren Kochkünsten punkten“, Droste-Verlag) auf den Markt, dessen Erlös er einer heilpädagogischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Leverkusen spendet. Ein Buch, das nicht nur den Privatmenschen zeigt, sondern auch viele Verknüpfungen mit seiner Karriere bildet und die Bodenständigkeit des Menschen Stefan Kießlings verdeutlicht.  Seine Kochkünste teilt er auch bei Kochkursen mit jungen Fans.

Für diese machen ihn nicht nur solche Aktionen greifbar. Man wird ihm sicher nicht so schnell vergessen, dass er über 10 Jahre seine Knochen für den Verein hinhielt und keinen Zweikampf scheute. Doch seinen Status hat „Kies“ sich erarbeitet. Immer authentisch und Fan-nah. Ob nach dem Spiel bei den Ultras in der Kurve, in den Sozialen Medien oder auch beim Training. Ob er mit Besuchern eine Stadion-Tour macht oder sich persönlich für Geschenke bedankt… Er hatte immer ein offenes Ohr und Auge für die Fans und ist dort für seine auch emotionalen Äußerungen beliebt. Legendär der Ausruf, nach der Niederlage gegen Schalke im Abstiegskampf, am Megafon vor den Fans, die „Scheiß-Kölner“ im nächsten Spiel „wegzuhauen“. In den VIP-Logen kam das nicht gut an, in der Kurve nimmt man solche Äußerungen wohlwollender wahr.

All das zahlten ihm die Fans nicht nur mit Fangesängen zurück. Kießling erfährt auch in schwierigen Zeiten aller Hand Rückendeckung, trotz Wechselgerüchten, Reservisten-Dasein und vergebenen Chancen. Dies spiegelte sich auch in mehreren Fan-Aktionen wider. So gab es 2015 von Fans bereits ein Motto-Shirt bei der Auswärtsfahrt in Ingolstadt und bereits im vergangenen Sommer wurde das Abschiedslied „Kießling #11“ veröffentlicht. Auch die Abschieds-Choreo am letzten Spieltag gegen Hannover 96 ist ihm sicher. Hierfür wird bereits öffentlich seit Monaten gesammelt.

 

Time To Say Goodbye

Nun bin ich zwar kein Leverkusen-Fan im speziellen, allerdings durfte ich Stefan Kießlings Karriere seit den ersten Schritten in Nürnberg verfolgen. Nicht penibel, aber er hat sich immer in den Fokus gespielt, so dass man sich als interessierter Bundesliga-Beobachter mit IHM beschäftigen musste. Ob als Jugendspieler in der Bundesliga, als U-21-Talent oder Neu-Nationalspieler. Ob national oder international.

Dabei hat Stefan Kießling Werte vermittelt, die einem Teil der heutigen Fußball-Welt abgehen. Wie Loyalität, Verbundenheit und echte Fan-Nähe. Auf dem Platz war er kein Fummler und für Zirkuseinlagen oder Unsportlichkeiten stand er auch nie. Mal war es ruhiger um ihn, mal stand er im Mittelpunkt. Mal ungewollt, mal mit starken Toren.  Doch war er ein fester Bestandteil der Bundesliga, ein verdammt guter Stürmer und hat sein letztes Ziel, die 400 Bundesliga-Spiele vollzumachen, erreicht.

Wie es mit ihm weitergeht? Als Trainer wohl nicht. Das schließt er bisher aus. Allerdings besitzt er einen Anschlussvertrag bei Bayer Leverkusen – seinem Verein. In administrativer Funktion. Und ich bin mir sicher, wir werden ihn nach einer kurzen Pause dort auch sehen. Sein abgeschlossenes Studium wird ihm dabei nützlich sein.

Glückwunsch zu einer außergewöhnlichen Karriere und mach’s gut „Kies“!

 

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Christian
Written by Christian
Mit 2 Herzen in der Brust, vergeben an Eintracht Frankfurt und Juventus, aber 2 offenen Augen für jede Partie. Mit Liebe für die Bundesliga und den Calcio. Seit Kindestagen verrückt nach Fußball und auch in anderen Sportarten zu Hause.