Hierzulande zieht der FC Bayern einsam seine Kreise, PSG kann in der Spaßveranstaltung Ligue 1 machen was sie wollen, Barça nutzt Reals Schwächephasen ebenfalls gnadenlos aus und auch die ach so ausgeglichene Premier League war bereits vor Ostern quasi entschieden. Tristes und Langeweile in Europas Top-5-Ligen? Nicht ganz, denn eine oft unterschätze Liga hat vier Spieltage vor Schluss noch immer einen spannenden Titelkampf zu bieten! Erst recht nach dem vergangenen Wochenende.

Es ist seit Jahren ein ungeschriebenes Gesetz: Juventus ist Favorit auf den Scudetto und wird diesen auch zu 99% gewinnen. So ist es seit sechs Spielzeiten und so war es auch vor der aktuellen. Als die alte Dame dann aber zu Saisonbeginn schwächelte und der SSC Napoli acht Spiele in Folge gewann, sprach man vereinzelt sogar schon von einer Wachablösung in der Serie A. Seit der 2:4-Niederlage Anfang März gegen die Roma und Unentschieden gegen die Mailänder-Clubs kehrte ein wenig Ernüchterung ein bei Napoli. Juventus schien den Spieß wieder umgedreht zu haben und war zwischenzeitlich auf fünf Punkte enteilt.

In der vergangenen Woche schwächelte aber auch Allegris Team ein wenig mit einem 1:1 bei Kellerkind Crotone. Es war aus Sicht des neutralen Zuschauers also alles angerichtet, um ein packendes Spitzenspiel zu bekommen. Napoli musste alles in die Waagschale werfen, um nach dem letzten Strohhalm um den Scudetto zu greifen.

Die Partie schien wie gemacht für die alte Dame: Den Gegner kommen lassen, tief stehen und auf Konter lauern, schließlich waren die Gäste vom Vesuv unter Zugzwang. Routinier Chiellini musste nach wenigen Minuten ausgewechselt werden, dafür bildeten das wenig eingespielte Duo Benatia/Höwedes die Innenverteidigung. Rugani blieb dafür nur auf der Bank. Allegri schickte sein Team im 4-2-3-1 aufs Feld, in welchem Pjanic und Khedria die Doppelsechs bildeten. Matuidi und Costa beackerten die Flügel hinter Dybala und Higuain. Der Brasilianer hatte eine Freirolle bei eigenem Ballbesitz inne, die ihm sehr gut bekam.

Napoli hingegen startete mit voller Kapelle und vertraute wie seitjeher auf ihr 4-3-3 mit viel Ballbesitz, den Rochaden auf der linken Seite zwischen Mario Rui, Hamšik und Insigne. Einzig die Rolle Callejóns schien ein wenig anders zu sein, als er etwas eingerückter agierte und nicht wie sonst üblich erst in der Endphase der Angriffe in die Mitte bzw. in den Rücken der Abwehr zog. Sarris Gedanke dahinter war vermutlich, dass der Spanier mit seinem Tempo Benatia attackieren soll, der mitunter ein wenig hüftsteif wirkt. Allegri reagierte jedoch prompt, indem er seine Innenverteidiger die Positionen wechseln ließ.

Götterdämmerung am Vesuv – Unser Portrait zum SSC Napoli

Der Calcio Napoli dominierte den Ball vom Start weg und drückte die Hausherren immer wieder nach hinten, so dass Juve fast ängstlich anmutend im 6-3-1 am eigenen Strafraum stand. Ein Tor sprang aus dieser Dominanz jedoch nicht heraus. Es ist fast schon ein wenig zynisch, dass ausgerechnet Neapel, die Mannschaft, die seit zwei Jahren für fancy Ballbesitzfußball steht und viel über Spielkultur kommt ein absolut Neapel-untypisches Tor erzielt. Und vor allem, dass Juventus mit ihren Altmeistern in so einem Spiel einen Treffer nach einer Ecke kassieren.

Nach 34 Spielen haben wir also einen Titelkampf im Land von Pasta und Amore! Der Kampf um den Titel ist hierzulande übrigens ausschließlich live auf DAZN zu sehen! Die letzten vier Partien werden sowohl für Juventus als auch für Napoli Tage der Entscheidung, wobei die Herausforderer vom Vesuv die leicht besseren Karten haben.

Das Restprogramm

Während diese nächsten Sonntag um 18:00 Uhr bei der Fiorentina gastieren, geht es für den Titelverteidiger am Samstagabend ins San Siro zu Inter. Beide Hinspiele gingen übrigens torlos Unentschieden aus. Gerade die Mailänder dürften entsprechend heiß sein auf die Partie, geht es auch für sie noch um die Qualifikation für die Champions League. Da Juve hier vorzulegen hat, kann sich Napoli die Partie entspannt anschauen und tags darauf nachziehen. Vom Gefühl her könnte bereits dieser Spieltag zu einem ganz entscheidenden im Kampf um den Scudetto werden.

Eine Woche später gibt es für beide Teams keine Ausreden. Beide spielen zu Hause gegen Mittelfeldteams – Juve empfängt am 05.05. Bologna, Neapel einen Tag später FC Torino. Siege sind hier für beide Mannschaften Pflicht, wenngleich sich Sarris Team etwas schwerer tun dürfte gegen Belotti, Ljajic & Co.!

Schließlich hat die alte Dame am vorletzten Spieltag (13.05.) auswärts bei der Roma ein dickes Brett zu bohren. Im Hinspiel mühten sie sich zu einem 1:0 und die Römer spielen allein schon aufgrund der CL-Quali auf Sieg. Ein Punkt, den Juve für sich nutzen könnte ist die zusätzliche Belastung der Hauptstädter durch die Champions League.

Dieser werden vermutlich nicht frisch wie der Morgenwind auftreten, was sicherlich auch vom Ausgang des Halbfinals abhängt. Bei einem Weiterkommen wird die Euphorie bei der Roma nicht mehr zu bremsen sein und Juventus könnte durchaus Punkte verspielen. Auf der anderen Seite empfängt Sarri mit Sampdoria eine spielstarke Truppe, deren Spielweise ähnlich auf Kurzpässe basiert. Auch an diesem Spieltag hat der SSC die leicht besseren Karten.

Wenn die Meisterschaft bis dahin nicht entschieden ist, wird sie sich auch nicht mehr am letzten Spieltag (20.05.) entscheiden. Beide Kontrahenten spielen auswärts bei Abstiegskandidaten. Ein einziges Szenario, das den letzten Spieltag nochmals spannend machen würde, wäre, wenn Napoli als Tabellenführer nach Crotone fährt und sie mit dem Druck nicht klarkommen.

Theoretisch hat Neapel also die besseren Karten im Saisonendspurt. Jedoch sollte man hierbei nicht die Abgeklärtheit Juves in solchen Situationen vergessen. Sie sind nicht umsonst bereits seit Jahren an Italiens Spitze und leben die Rolle des Gejagten ebenso lang. Sarris Team hingegen kennt zwar die Rolle des Herausforderers, war jedoch nie so nah dran am Scudetto wie in diesem Jahr. Entsprechend hoch ist der Druck für sie, schließlich will man erstmals seit Maradona wieder einen Meistertitel feiern.

Das Gefühl sagt, dass Juventus das Ding ins Ziel trägt, einfach weil es Juve ist und sie auf nationaler Ebene abgezockt sind. Napoli ist hingegen etwas mehr unter Druck, weil sie jede Woche am Limit spielen und das Tempo des Titelverteidigers mitgehen müssen. Der Sieg im Spitzenspiel kam daher genau recht, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen an den Rest der Liga, an Juventus und noch viel wichtiger: an sich selbst.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.