Arsenal, in den letzten Jahren unter Arsène Wenger gerne als ewiger Vierter verhöhnt, hat seit der Übernahme von Unai Emery einen Umbruch vorangetrieben.

So zumindest die öffentliche Meinung. Doch hat man es seit letzter Saison tatsächlich geschafft, die Mannschaft und Verein neu auszurichten?

Oder ist bei den Gunners noch immer alles beim Alten und täuschen teure Transfers darüber hinweg, dass man Probleme in anderen Mannschaftsteilen nur kaschieren will.


 

Emerys Debütsaison und die Lehren daraus

 
Als Unai Emery zur Saison 2018/19 im Emirates Stadium vorgestellt wurde, fand er einen Tabellensechsten wieder, deren Fans alles andere als zufrieden mit der abgelaufenen Saison waren.

Dabei ging es weniger um die Platzierung an sich als um die Art und Weise, wie die letzten zwei bis drei Jahre abliefen. Meist startete man gut in die Saison, war bis Herbst oder Frühwinter oben mit dabei und scheiterte dann an der eigenen Kadertiefe.

Mit Transfers von Mesut Özil (2013/14), Alexis Sánchez (2014/15) oder Alexandre Lacazette (2017/18) setzte man in den letzten Jahren immer wieder Ausrufezeichen an die Konkurrenz und verstärkte sich vor allem in der Spitze.

Dabei vernachlässigte Arsenal jedoch über Jahre das Mittelfeld und die Verteidigung. Spieler wie Granit Xhaka und Shkodran Mustafi kamen 2016/17 zwar für jeweils über 40 Millionen Euro, konnten aber nie dauerhaft überzeugen.

Verdiente Akteure wie Aaron Ramsey, Alex Oxlade-Chamberlain oder Wojciech Szczesny konnte man nicht halten bzw. verheizte man so sehr, dass sie sich im Winter regelmäßig verletzten.

Während Serge Gnabry mittlerweile Leistungsträger beim FC Bayern ist, hat Lyon jüngst knapp 20 Millionen Euro für Jeff Reine-Adélaïde gezahlt.

Ismaël Bennacer ist ein gestandener Spieler, der dank seiner tollen Leistungen bei Empoli und beim Afrika Cup zum AC Milan wechselte und dort als künftiger Schlüsselspieler gilt.

In der Abwehr hatte man neben Koscielny keinen überdurchschnittlichen Counterpart. Die Verpflichtung Shkodran Mustafis stellte sich als ein teures Missverständnis heraus.

Und genau das war in der jüngsten Vergangenheit immer Arsenals größtes Problem. Man hat Jahr für Jahr einen enorm hohen Etat, der für unterdurchschnittliche Spieler draufgeht, die ihren Zenit überschritten haben oder einfach zu alt sind.

Mit dem Wechsel auf dem Trainerstuhl wollten die Gunners ein erstes klares Zeichen nach Außen senden. Emery war damals ein wenig in Verruf geraten, da er sinnbildlich für PSGs peinliches Ausscheiden gegen Barça stand.

Dabei ist er nicht nur aufgrund seiner Zeit in Sevilla einer der besten Trainer der jüngeren Vergangenheit und hatte auch in Paris beispielsweise einen höheren Punkteschnitt als Thomas Tuchel.

Unter ihm debütierten Spieler wie Giovani Lo Celso, Alphonse Areola oder Presnel Kimpembe.

Emery wurde also mit großen Erwartungen und Vorschusslorbeeren in Colney, dem Trainingszentrum Arsenals, begrüßt. Mit ihm im Gepäck: Bernd Leno, Sokratis, Lucas Torreira und Wunschspieler Mattéo Guendouzi.

Allesamt, soviel kann man heute sagen, schlugen sie ein und sind seit ihrer Ankunft fester Bestandteil des Kaders.

Die letzte Saison kann man getrost als gut bis sehr gut bezeichnen. Die Gunners belegten nur knapp hinter den Spurs und Chelsea Rang fünf und man zog ins Finale der Europa League ein.

Im Sturm entwickelten sich Aubameyang und Lacazette zu einem starken Duo, das zusammen 35 Treffer erzielte.

Trotz des Umbruchs mit Abgängen von gestandenen Spielern im letzten Winter und dem Vertrauen, das man in Neuzugänge steckte, schaffte Emery eine gute Übergangsaison.
 

Spielweise und Vertrauen in die Jugend

 
Dabei war die Spielweise in der ersten Saison post Wenger nicht immer glänzend. Vor allem zu Saisonbeginn fuhr man einige Siege ein, die durchaus glücklich waren. Etwas besseres hätte Emery jedoch nicht passieren können.

Gleich zu Beginn schlug man sich gegen Manchester City und Chelsea einigermaßen wacker. Danach verlor Arsenal bis Mitte Dezember kein Premier League-Spiel mehr und sammelte sogar sieben Siege am Stück.

Emery konnte sich insbesondere durch diese Leistungen einiges an Kredit erspielen, auch wenn auf dem Platz nicht immer die feine Klinge geschwungen wurde. Für kommende Aufgaben war dieses Vertrauen in den Spanier enorm wichtig.

Dass er sein Team spielerisch weiterentwickeln will, sahen die „Gooners“ jedoch frühzeitig. Der schnelle Ballbesitzfußball aus dem 4-2-3-1 und im Verlauf der Saison auch dem 3-4-1-2 heraus war elementar für den Umbruch.

Der Fußball sollte nicht mehr so einschläfernd wirken wie in den letzten Jahren unter Wenger. Flache schnelle Kombinationen durch das Zentrum standen ebenso an der Tagesordnung wie Konter über Aubameyang & Co.

Ein zentraler Bestandteil dafür war das jüngere Grundgerüst, dem Emery das Vertrauen schenkte. Insbesondere bei Guendouzi scheint sich der Trainer viel Geduld nehmen zu wollen. In der vergangenen Saison machte der junge Franzose viele Fehler im Spielaufbau, die auch zu Gegentoren führten.

Doch der spanische Gentleman bringt ihm das nötige Vertrauen entgegen und gab ihm über 3.000 Einsatzminuten. Guendouzi soll sowohl lang- als auch kurzfristig eine Stütze in Arsenals Kader werden.

Auch die eigene Jugendabteilung scheint Emery wieder verstärkt fördern zu wollen. Ainsley Maitland-Niles kam zwar unter Wenger immer wieder auf beiden Flügeln und im Zentrum zum Einsatz, scheint sich aber mittlerweile rechts hinten wohl zu fühlen.

Im Mittelfeld schenkt man dem jungen Joe Willock seit Saisonbeginn ebenfalls viel Vertrauen, welches er mit guten Leistungen wie gegen Newcastle zurückzahlte. Ob er auf eine ganze Saison hin dieses Vertrauen bekommt, darf aufgrund der großen Konkurrenz bezweifelt werden.

Ihn aber schon jetzt heranzuführen, ist der absolut richtige Schritt, der in der jüngeren Vergangenheit oft bei Talenten verpasst wurde.

Reiss Nelson schlägt in eine ähnliche Kerbe. Sein Potenzial deutete er bereits in Hoffenheim an, jedoch wird auch er von Emery behutsam aufgebaut werden und gleichzeitig seine Einsatzzeit in der Premier League bekommen.
 

Der Transfersommer 2019

 
Arsenal ist bekannt dafür, dass man das Geld nicht mit vollen Händen ausgibt, sondern jede Saison schaut, dass die Bilanzen halbwegs ausgeglichen sind.

Als man aber vor diesem Transfersommer mit der Message nach draußen ging, nur eine Summe von 50-60 Millionen Euro zur Verfügung zu haben, fassten sich einige Anhänger an den Kopf.

Schon wieder so ein flauer Sommer? Wieder mit den ganz Großen in Verbindung gebracht werden und am Ende wird nur ein Reservist eines Topteams vorgestellt?

Der Sommer begann mit der Verpflichtung von Gabriel Martinelli. Mit gerade einmal 18 Jahren ist er eine Investition in die Zukunft.

Er wird sich zunächst an London und das Klima gewöhnen müssen, ehe man von ihm Wunderdinge erwarten könne. Die Ablöse von fast sieben Millionen Euro deutet darauf hin, dass man bei Arsenal viel von ihm hält.

Und dann? Kam erstmal lange nichts. Arsenal wurde immer wieder mit Spielern wie Nicolas Pépé, Wilfried Zaha, Dani Ceballos, „Dayot Upamecano“ oder anderen Schwergewichten wie „Philipe Coutinho“ in Verbindung gebracht. Passiert ist aber nichts.

Bis zum 25. Juli, den Tag, den viele Arsenal-Fans so schnell nicht vergessen werden. Der neue Sportdirektor und Ex-Invincible Edú Gaspar tütete mal eben den Transfer von William Saliba ein, den man wieder nach Frankreich verlieh.

Zusätzlich lotste man Dani Ceballos aus dem Estadio Santiago Bernabéu ins Emirates Stadium. Ebenfalls per Leihe. Als i-Tüpfelchen des Ganzen schlug Sead Kolašinac noch zwei mit Messern bewaffnete Angreifer in die Flucht. Richtig, das passierte alles am 25. Juli!

Nur eine Woche später wurde Nicolas Pépé aus Lille vorgestellt, den man für eine vereinsinterne Rekordsumme von 80 Mio. Euro plus Boni verpflichtete.

Am Deadline-Day holte man nach langem hin und her dann noch Kieran Tierney aus Glasgow und überraschend David Luiz von der Stamford Bridge.

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Es herrschte eine Zufriedenheit im Fanlager der Gunners, wie man es seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Edú Gaspar und Raul Sanllehi haben sich binnen kürzester Zeit die Gunst der Fans gesichert.

Und das völlig zurecht: Man konnte endlich mal namenhafte Stars verpflichten und den Kader aufbessern. Jedoch trügt der Schein ein wenig, wenn man sich das große Ganze anschaut.

Ja, Arsenal hatte Bedarf in der Offensive und ja, Arsenal musste auch im Mittelfeld nachlegen, da noch immer ein Stratege fehlt.

In die Offensive steckte man 80 Millionen Euro und damit einen Großteil seiner Ausgaben. Und das für einen Mannschaftsteil, der es nicht so nötig gehabt hätte.

Nehmen wir die Verteidigung: Hier schaffte man es jahrelang nicht einen gleichwertigen Partner bzw. Ersatz zu Laurent Koscielny zu verpflichten.

Nun hat man in Saliba zwar ein junges Talent verpflichtet, aber auch er ist im nächsten Sommer gerade einmal 19 Jahre alt. Er wird sich noch beweisen müssen.

Zudem kann er in dieser Saison noch nicht weiterhelfen. Der beste Innenverteidiger ist aktuell also ein 31-jähriger Sokratis. Sein Partner David Luiz (32) ist zwar ein Führungsspieler, kann aber auch nur als Übergangslösung gesehen werden und passt leider in das zuvor genannte Schema des überteuerten Spielers, der über dem Zenit ist.

Die Alternativen dahinter entsprechen mit Mustafi, Chambers und Holding nicht den Ansprüchen Arsenals. Hier zahlt man den Preis für das zögerliche Wirtschaften der letzten Jahre.

Im Mittelfeld hat man sich mit der Leihe von Ceballos lediglich Zeit verschafft. Das ist nicht verwerflich, der FC Bayern hat das auch im noch größeren Stil gemacht. Wichtig wird sein, wer auf Ceballos folgen wird.

Schaut man, welche zentralen Mittelfeldspieler im Sommer für vergleichsweise geringes Geld wechselten, hätte Arsenal hier auch eine langfristige Lösung finden können. Kerem Demirbay, Xaver Schlager, Diadie Samassékou oder „Ismaël Bennacer“ wären allesamt für eine überschaubare Summe zu holen gewesen.

Arsenal will hier vermutlich auf eine noch bessere Gelegenheit im nächsten Sommer warten oder rechnet sich Chancen auf einen nachträglichen Verbleib Ceballos‘ aus.

Abschließend muss man sagen, dass das Transferfenster zwar gut, allerdings keine 1 mit Sternchen war. Man hat sich vor allem in der Innenverteidigung nicht klug genug verstärkt und hat auch im Mittelfeld nur eine Übergangslösung geschaffen.

Das meiste Geld wurde für die vergleichsweise gut aufgestellte Offensive ausgegeben, wodurch man augenscheinlich keine Kapazitäten mehr für die sofortige und vor allem langfristige Verstärkung der anderen beiden Mannschaftsteile hatte.
 

Prägt Emery bei Arsenal eine neue Ära?

 
Nichtsdestotrotz leistet man bei Arsenal seit geraumer Zeit wieder gute Arbeit. Der Kader wurde im Sommer durch Spieler wie Lichtsteiner, Jenkinson und Welbeck ausgedünnt.

Für Alex Iwobi, der sich in einer persönlichen Findungsphase befand, kassierte man immerhin über 30 Mio. Euro. Ihn hätte man rein qualitativ aber durchaus behalten können.

Kurz vor der Schließung des Transferfensters Ende August schaffte man es noch Abnehmer für Mkhitaryan, Elneny und Monreal zu finden.

Noch immer hat Arsenal Spieler wie Özil oder Mustafi im Kader, die viel Gehalt bekommen und sich entsprechend schwer verkaufen lassen. Das sollte in den kommenden Monaten Arsenals und Emerys Ziel sein.

Entweder man schafft es die zweifellos überragenden Fähigkeiten eines Özil einzubinden oder man gibt ihn frühestens nächsten Sommer ab, selbst, wenn man damit keinen Gewinn verzeichnet. Derzeit will man ihn noch nicht verkaufen.

Mit den Leihen von Mkhitaryan und Elneny hat man hier aber schon einen sehr guten ersten Schritt gemacht. Bei beiden stehen die Chancen gut, dass sie im kommenden Sommer von der Gehaltsliste gestrichen werden.

Unai Emery hat es aber binnen kürzester Zeit geschafft, das Umfeld und die Clubführung auf seine Seite zu bringen. Die Mannschaft versprüht wieder mehr Leben und wirkt homogener als in der letzten Saison.

Sie setzen punktuell auf Jugendspieler wie Nelson oder Willock und ermöglichen einem Eddie Nketiah beispielsweise Spielzeit in der Championship bei Leeds United, da die Konkurrenz in der Offensive zu groß ist.

Den Umbruch scheint man bei Arsenal besser zu bewerkstelligen als zunächst gedacht – man ist auf einem guten Weg. Damit Emery aber seinen Plan vollständig umsetzen kann, müssen teure Spieler verkauft werden.

Dadurch kann der Verein sich Stück für Stück rehabilitieren und wieder konkurrenzfähiger auf der ganz großen Bühne werden.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.