Vi är tillbaka! – Hammarby ist wieder da!

Hammarby
Gastbeitrag von Nils Kubowitsch

Fünf Jahre sind eine lange Zeit und in den Niederungen des Fußballs vergeht die Zeit manchmal noch etwas langsamer. Vor allem, wenn man glaubt, dass man dort gar nicht hingehört. Für die Anhänger von Hammarby IF müssen die letzten fünf Jahre also besonders langsam vergangen sein. Am Samstag ist diese Leidenszeit zu Ende gegangen: genau 1.981 Tage nach dem letzten Auftritt in der Allsvenskan, bestritt Hammarby wieder eine Partie in der höchsten schwedischen Spielklasse.

Einmal im Jahr legen Hammarby-Fans den Verkehr in Stockholms Szeneviertel Södermalm komplett lahm: zum Saisonauftakt sammeln sie sich auf dem Medborgarplatsen und laufen singend und in grün-weiße Rauchschwaden gehüllt, die rund 3 km zur Tele2-Arena. Der Fanmarsch hat bei Hammarby Tradition, doch dieses Jahr ist er trotzdem etwas Besonderes. Nach fünf Jahren in der Superettan, spielt der Verein wieder erstklassig. Der Gegner am ersten Spieltag ist Häcken BK: „Vi är tillbaka!“, „Wir sind wieder da!“ hallt es an diesem Nachmittag erst durch die Götgatan und anschließend in der Tele2-Arena. Der Stolz und die Erleichterung bei den Fans ist verständlich – endlich ist Hammarby wieder dabei im Konzert der Großen, endlich wieder auf Augenhöhe mit den verhassten Nachbarn AIK und Djurgården.


Beziehungsstatus: es ist kompliziert

Auch nach so langer Zeit im Unterhaus, ist Hammarby IF noch immer einer der populärsten Vereine in Schweden, trotz oder gerade weil er seinen Fans einiges abverlangt. Man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit zurückblicken, allein die letzten 15 Jahre haben es in sich:
Dem (bislang einzigen) Meistertitel 2001 und der Vizemeisterschaft zwei Jahre später folgen ein paar mittelmäßige Spielzeiten und 2009 der Abstieg aus der Allsvenskan. Aber mit diesem, aus Sicht vieler Anhänger, „Ausrutscher“ ist der Tiefpunkt noch nicht erreicht – es geht weiter bergab: Anspruchsdenken und sportliche, sowie finanzielle Realitäten klaffen weit auseinander, der direkte Aufstieg wird klar verpasst und ein Jahr später droht Hammarby lange Zeit sogar der Gang in die 3. Liga – bis zum letzten Spieltag müssen die Fans um den Klassenerhalt zittern. Anschließend stabilisiert sich die Lage zwar etwas, doch noch immer bleibt die Mannschaft hinter den Erwartungen von Fans zurück.

Neue Spielstätte – „Nya Söderstadion“

2013 zieht Hammarby um: das Söderstadion, 46 Jahre lang Spielstätte der Grün-Weißen hat ausgedient. Ab sofort läuft die Mannschaft wenige Meter weiter in der neu errichteten Tele2-Arena auf. Der moderne Multi-Funktions-Bau mit schließbarem Dach ist mit einer Kapazität von über 30,000 Besuchern doppelt so groß wie das Söderstadion. Die Begeisterung bei den Fans ist dennoch verhalten: zu austauschbar, zu „kommerziell“ und viel zu groß, viel zu teuer für einen Zweitligisten, sagen viele. Dass man sich das Stadion mit dem Stadtrivalen Djurgården teilen muss, macht die Sache nicht besser. Bei den Hammarby Fans heißt die Arena einfach „Nya Söderstadion“, „das neue Söderstadion“, als ließe sich so daraus ein Besitzanspruch ableiten.

Neuer Trainer – „In Nanne we trust“

Zur Saison 2014 verpflichtet man Nanne Bergstrand, den langjährigen Trainer von Kalmar FF und 2008 Schwedens Trainer des Jahres. Bergstrand genießt einen exzellenten Ruf, nachdem er Kalmar zuerst zurück in die Allsvenskan und anschließend zu Pokalsieg und Meisterschaft geführt hat. Sein Auftrag ist klar: Hammarby soll so schnell wie möglich erstklassig werden. Mit ihm bekommt das Projekt „Aufstieg“ ein Gesicht und einen Namen. „In Nanne we trust“ rufen die Fans und drucken sein Konterfei auf T-Shirts. Bergstrand versucht die enorme Erwartungshaltung zu bremsen, weist immer wieder darauf hin, dass der Aufstieg kein Selbstläufer sei, bittet den Anhang um Geduld. Ein holpriger Saisonstart scheint ihm im Frühjahr letzten Jahres Recht zu geben, doch dann legt Hammarby eine außerordentliche Serie hin: verliert nur eines von 16 Liga-Spielen in Folge und sichert sich so den Aufstieg.

Begleitet wird die Mannschaft dabei von immer mehr Fans. Woche für Woche pilgern größere Scharen Anhänger in die Arena. Am Ende verzeichnet Hammarby als Zweitligist einen Zuschauerschnitt von 20,451 – fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor und mehr als jeder andere schwedische Fußballverein, da können auch AIK (16,446) und Meister Malmö FF (14,090) nicht mithalten. Man vermutet, dass der Rekord nicht lange Bestand hat, schon in dieser Saison könnte er eingestellt werden – die ersten vier Heimspiele sind bereits ausverkauft.

Gekommen, um zu bleiben?

Jetzt, wo der Klub in der ersten Liga angekommen ist, soll er dort auch länger bleiben. Die Klasse halten, Hammarby in der Allsvenskan etablieren, das sind die vorrangigen Saisonziele. Aber, viele Fans träumen schon von mehr, sehen ihren Verein bereits in diesem Jahr unter den Top 5. Befeuert werden solche Fantasien zum Teil vom Team selbst:

Anfang März musste Hammarby im schwedischen Pokal bei AIK antreten und gewann vollkommen überraschend mit 2:1. Nicht nur der erste, unerwartete Saisonhöhepunkt, sondern für einige Fans auch der Beweis, dass „Bajen“ mit den Großen mithalten kann. Wie weit die Mannschaft davon noch entfernt ist, zeigte sich dann im Viertelfinale, wo man Elfsborg chancenlos mit 0:3 unterlag.

Die Niederlage wurde schnell abgehakt. Was zählt, ist die Liga. Der Auftakt in der Allsvenskan ist schon mal geglückt, gegen Häcken gewann Hammarby am Samstag mit 2:0. Schöner Nebenefekt: für eine Nacht waren die Grün-Weißen damit sogar Tabellenführer! Der Screenshot der Tabelle machte auf Facebook und Twitter tausendfach die Runde: „Vi är tillbaka“ – „Hammarby ist wieder da“.

Hammarby hat vor wenigen Tagen das Derby gegen Djurgårdens IF mit 2:1 gewonnen. Die Fans stimmten die Spieler vor dem Derby gut ein. Thanks to Fredrik „Sulan“ Stenbloom for allowing us to show his his video.

Nils Kubowitsch, Jahrgang ’72, ist Journalist. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet er in Stockholm, u.a. als Korrespondent für den Audiodienst der Deutschen Presse Agentur. Obwohl im südlichsten Bayern aufgewachsen, schlägt sein Fußballerherz schon lange für den SV Werder Bremen. Anmerkung: Nils Kubowitsch hält die Rechte an den Fotos und erlaubt Cavanis Friseur die Nutzung zur Illustriation seines Artikels. Das Copyright liegt nicht bei Cavanis Friseur, sondern beim Autor – Nils Kubowitsch – selbst.

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